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Coach Florian Kohfeldt fand am Ende keine taktischen Lösungen mehr. Werder Bremen verliert auswärts gegen den FC Augsburg. 

Auswärts-Niederlage gegen den FC Augsburg

Taktik-Analyse: Kein Pressing, keine Konter - Werder nach der Pause abgemeldet

In der ersten Halbzeit sah es noch ganz gut aus für den SVW. Doch als Gegner Augsburg nach der Pause offensiver agierte, hatte Werder Bremen keine Antwort parat. Deichstube-Taktikanalyst Tobias Escher seziert die Partie.

Florian Kohfeldt war nach der 1:2-Niederlage gegen den FC Augsburg der Ernst der Lage bewusst. „Jeder kann sich sicher sein, dass ich mich extrem kritisch hinterfrage und versuche, weiter Lösungen zu finden.“ Lösungen gesucht hat er bereits gegen den FCA. Doch sein neues System funktionierte nur eine Halbzeit lang.

Werder Bremen: Davie Selke direkt in die Startaufstellung

Kohfeldt baute seine Mannschaft im Vergleich zur 0:3-Niederlage gegen Hoffenheim um. Werder Bremen begann nicht im 5-3-2, sondern in einer Mischung aus 5-2-3 und 3-4-3. Stoßstürmer Davie Selke stand einen Tag nach seiner Verpflichtung direkt in der Startelf. Als halbrechter Angreifer feierte der 17-jährige Nick Woltemade sein Debüt, auf halblinks begann wie gewohnt Milot Rashica.

Werder begann die Partie abwartend. Der Dreiersturm achtete zunächst darauf, Augsburgs Zuspielwege ins zentrale Mittelfeld zu blockieren. Die Augsburger sollten im Spielaufbau nach Außen geleitet werden. Die gesamte Bremer Mannschaft verhielt sich passiv; einzig die Außenverteidiger Leonardo Bittencourt (links) und Maximilian Eggestein (rechts) rückten ab und an nach vorne.

Augsburg stellt eigentlich die Bundesliga-Mannschaft mit dem durchschnittlich geringsten Ballbesitz. Entsprechend überfordert waren sie mit der Aufgabe, das Spiel zu gestalten. Augsburg verfügte praktisch über kein offensives Mittelfeld: Die Doppelsechs postierte sich tief, die vier Angreifer weit vorne. Innerhalb dieser 4-2-0-4-Anordnung spielten sie den Ball immer wieder raus auf die Außenverteidiger. Diese schlugen den Ball nach vorne. Werders kopfballstarke Dreierkette konnte diese lange Bälle klären.

Werder Bremen: Wenig Impulse im Spiel nach vorne

Defensiv stand Werder Bremen solide. Offensiv jedoch hatten sie mit ähnlichen Problemen zu kämpfen wie Augsburg: Auch die Bremer besetzten den Zehnerraum selten bis gar nicht. Augsburg verhielt sich klug im Pressing, verschob vom kompakten 4-2-3-1-System immer wieder in 4-3-3-Staffelungen. Damit konnten sie mit drei Spielern mannorientiert Bremens Dreierkette pressen.

Am ehesten hatte Werder Erfolg im Spielaufbau, wenn sie hinter die erste Pressinglinie der Augsburger kamen. Kevin Vogt schob immer wieder nach vorne aus der Dreierkette, um sich anzubieten. Wenn Nuri Sahin und Davy Klaassen im Anschluss ebenfalls vorrückten, fand Werder Räume im Mittelfeld vor. Zu häufig wurden diese Ansätze aber durch unsaubere Zuspiele zunichte gemacht.

In einer Situation funktionierte der Plan indes: Vor dem 1:0 (23.) erhielt Sahin den Ball freistehend im Sechserraum. Ungestört konnte er zum langen Ball ansetzen, den Selke herunterpflückte. In dieser Situation war zu erahnen, welche Qualitäten Selke perspektivisch ins Werder-Spiel bringt: Er sprintete in die Tiefe, setzte sich mit seinem Körper durch, blieb in der Aktion. Diese Qualitäten fehlten Werder zuletzt. Am Ende hatte Werder Glück, dass Tin Jedvaj ein kurioses Eigentor unterlief.

FC Augsburg wird mutiger – und Werder Bremen passiver

Nach einer schwachen ersten Halbzeit trat der FC Augsburg verändert auf: Sie agierten nun wesentlich mutiger und offensiver. Die Außenverteidiger rückten weiter nach vorne und besetzten die Breite. Auch die Doppelsechs verharrte nicht mehr vor der Abwehr, sondern rückte auf. Aus dem 4-2-0-4 wurde ein echtes 4-2-3-1.

Werder Bremen indes agierte von Minute zu Minute passiver. Sie zogen sich zunächst in einem 5-2-3 zurück. Gerade das Mittelfeld agierte nun enorm tief: Sie ordneten sich direkt vor der Fünferkette ein. Dadurch fand Augsburgs Sechser Daniel Baier im Mittelfeld leere Räume, aus denen er das Spiel gestalten konnte.

Die Grafik zeigt, wie groß die Lücken im Mittelfeld waren. Selke verblieb weit vorne, Sahin und Klaassen zogen sich im Zentrum weit zurück. Baier und Khedira gewannen hier zahlreiche zweite Bälle.

Kohfeldt versuchte, mit einer Umstellung die Kontrolle über das Mittelfeld zurückzugewinnen. Der eingewechselte Fin Bartels (58., für Woltemade) sortierte sich im Mittelfeld ein. Werder agierte fortan im 5-3-2. An den Problemen änderte dies nichts: Werder trat weiterhin zu passiv auf, der Abstand zwischen tiefem Mittelfeld und hoch verbleibendem Sturm war zu groß. Selke lauerte zwar in vorderster Linie auf Konter, bekam aber praktisch nie Zuspiele.

Werder Bremen: Umstellung auf Viererkette hilft nicht

Neben der Passivität war dies die zweite Krux im Werder-Spiel: Nie bekamen sie Entlastung zustande. Dadurch dass die Zehner-Position unbesetzt blieb, konnten Augsburgs Mittelfeldspieler nach vorne rücken ohne Gefahr zu laufen, dass Werder-Spieler diese Räume ausnutzen. Fast jeder Konterversuch landete in den Füßen der Augsburger.

Als Augsburgs bereits ausgeglichen hatte (67.), versuchte Kohfeldt mit einer weiteren Umstellung seine Mannschaft zu stabilisieren: Mit der Einwechslung von Christian Groß (78., für Sahin) stellte Kohfeldt auf eine Viererkette um, Eggestein und Bittencourt rückten ins Mittelfeld. Das entstehende 4-4-2-System half aber nicht, den Abwärtstrend zu stoppen. Werder erhielt weiter keinen Zugriff im Mittelfeld. Nach dem Treffer zum 1:2 versuchte Bremen, mit langen Bällen und Flanken den Ausgleich zu erzwingen. Vergeblich.

Die zweite Halbzeit lässt Alarmglocken schrillen. Nicht nur, dass Bremen spielerisch und kämpferisch chancenlos blieb. Auch taktisch fand Kohfeldt keine Lösungen. Das war eigentlich stets eine seiner Stärken. Werder befindet sich damit noch tiefer im Abstiegskampf. Kohfeldt hat Recht: Er und die gesamte Mannschaft müssen sich hinterfragen.

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