Florian Kohfeldt in Aktion: Der Trainer des SV Werder Bremen dirigiert seine Mannschaft gegen den FC Bayern vom Spielfeldrand.
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Florian Kohfeldt in Aktion: Der Trainer des SV Werder Bremen dirigiert seine Mannschaft gegen den FC Bayern vom Spielfeldrand.

0:1 gegen den Deutschen Meister

Werder gegen den FC Bayern in der Taktik-Analyse: Gut verteidigt, trotzdem verloren

Bremen - Bremens Mauer hatte nur wenig Risse – und doch konnte sie den dauernden Angriffen des FC Bayern nicht standhalten. Warum Werder Bremen kompakt verteidigte, aber selbst in Überzahl nach vorne wenig Wucht entfaltete, erklärt unser Taktik-Kolumnist Tobias Escher.

Null Punkte, 5:29 Tore: So lautet die vernichtende Bilanz des SV Werder Bremen aus den vergangenen zehn Bundesliga-Spielen gegen den FC Bayern München. Selbst die kühnsten Träumer unter den Werder-Fans dürften allenfalls gehofft haben, dass die Bremer nicht hoch verlieren und so ihr Torverhältnis vermiesen. Diese Aufgabe ist dank einer starken Defensive geglückt. Und doch muss sich die Mannschaft von Cheftrainer Florian Kohfeldt nach einer Schlussviertelstunde in Überzahl fragen, ob nicht mehr möglich gewesen wäre.

Werder Bremen gegen den FC Bayern: 5-4-1-Bollwerk gegen Passmaschinerie

Florian Kohfeldt schickte eine defensive Elf auf das Feld. Nachdem Davy Klaassen gegen Paderborn auf dem rechten Flügel gastierte, kehrte er gegen die Bayern ins zentrale Mittelfeld zurück. Er bildete eine Doppelsechs, die Milot Rashica und Leonardo Bittencourt auf den Flügeln flankierten. Yuya Osako agierte in vorderster Front als einziger Stürmer.

Werder Bremen stellte sich in einer 5-4-1-Formation auf. Anders als zuletzt praktizierten sie kein hohes Pressing, sondern zogen sich geschlossen hinter die Mittellinie zurück. Kompakt stehen, die Räume zwischen Fünfer-Abwehrkette und Vierer-Mittelfeld enghalten, den Stürmern sofort auf den Füßen stehen: So lautete Kohfeldts Strategie.

Auffällig war, dass die Verteidiger sich häufig aus der Kette bewegten. Sie verfolgten Thomas Müller und Robert Lewandowski, sobald diese sich fallenließen. Bei der 1:6-Niederlage im Hinspiel stellte dieses Herausrücken noch ein großes Problem dar. Am Dienstagabend rückten die übrigen Abwehrspieler routiniert ein, sobald ein Mitverteidiger die Kette verließ. Werder Bremen bestätigte den Eindruck der vergangenen Wochen: Die Defensive stimmt sich wesentlich besser ab als kurz vor und nach der Winterpause.

Taktik-Analyse: Gute Ansätze beim SV Werder Bremen gegen den FC Bayern...

Der FC Bayern setzte auf seinen gewohnten Stil: Aus einem 4-2-3-1-System heraus ließen sie Ball und Gegner laufen. Joshua Kimmich und Leon Goretzka ließen sich immer wieder fallen, um hinter Bremens Mittelfeld an den Ball zu gelangen. In der ersten Halbzeit spielten die Bayern ihren Ballbesitz jedoch recht konservativ aus, sprich: Sie spielten im Zweifel den Rück- statt den Risikopass. Diese Geduld zeichnet die Bayern seit eh und je aus.

Unter Trainer Hansi Flick hat sich vor allem die Intensität im Spiel gegen den Ball verbessert. Die Bayern stören früh, jagen den Gegner, schieben aggressiv nach. Das war auch gegen Werder Bremen nicht anders. Immer wieder formten sie ihre Formation zu einem 4-3-3 um. So konnte Lewandowski zusammen mit den beiden Außenstürmern Bremens Dreierkette anlaufen.

Werder Bremen gegen den FC Baern in der Taktik-Analyse: Die Grafik zeigt Bremens Versuche, Münchens Offensive lahmzulegen. In einem 5-4-1 zogen sie sich die Bremer zurück, die Räume zwischen Abwehr und Mittelfeld hielten sie gering.

Werder Bremen blieb selbst unter hohem Druck ruhig. Wie so vielen Bayern-Gegnern gelang es zwar auch ihnen nicht, sich mit flachen Pässen am enorm aggressiven Pressing der Bayern vorbei zu kombinieren. Dafür verloren sie wenige Bälle. Im Zweifel spielte Werder den Ball zurück zu Keeper Jiri Pavlenka. War der FC Bayern bereits zum Pressing übergegangen, spekulierte Pavlenka darauf, dass sie weit vorgerückt waren. Auch die Münchener Außenverteidiger beteiligen sich am Pressing, weshalb Pavlenka bewusst die Räume hinter ihnen anvisierte. Bittencourt und Rashica schlichen sich hier hinein, Pavlenka bediente sie mit halbhohen Lupfern.

… verbesserungswürdige Umsetzung bei Werder Bremen

Diese Ansätze waren gut, scheiterten aber zumeist an der Folgeaktion. Rashica konnte sich nur selten durchsetzen. Bittencourt gelang dies häufiger. Da Klaassen und Maximilian Eggestein sich im Spielaufbau weit fallen ließen, fehlten sie in der Folge allerdings als Anspielpartner für Bittencourt. Yuya Osako war als alleiniger Stürmer überfordert, er konnte kaum Zuspiele festmachen. So entwickelte sich das erwartete Spiel: Der FC Bayern sammelte knapp 70% Ballbesitz, Werder Bremen verteidigte aufopferungsvoll. Da die Münchener keinerlei Raum im Mittelfeld vorfanden, versuchten sie nach und nach, direkt hinter die Bremer Verteidigung zu spielen.

Das funktionierte besonders dann, wenn Bayerns Innenverteidiger weit vorschoben und den Ball direkt hinter Werders Fünferkette lupften. Das erlaubte Werder ihnen ab der dreißigsten Minute immer häufiger; zu langsam rückten die Bremer Mittelfeldspieler raus, sobald die Bayern einen Rückpass spielten. Jerome Boateng konnte auf diese Art das 1:0 auflegen (43.). In der zweiten Halbzeit nutzten die Bayern das Vorrücken der Innenverteidiger noch gezielter, indem sich Joshua Kimmich zwischen sie fallenließ. Er zog Osako auf sich und befreite damit vor allem Boateng.

Werder Bremen-Taktik gegen den FC Bayern: Rote Karte zwingt Florian Kohfeldt zum Umstellen

Die Partie schien ruhig auszuklingen, ehe in der 79. Minute noch einmal Spannung aufkam: Alphonso Davies flog mit Gelb-Rot vom Platz. Florian Kohfeldt witterte seine Chance. Er wechselte zunächst mit Niclas Füllkrug einen zweiten Stürmer ein und stellte damit auf ein 5-3-2 um. Wenig später folgte mit Claudio Pizarro ein weiterer Angreifer, der sich im offensiven Mittelfeld einreihte. Trotz eines enorm offensiven 4-1-3-2-Rautensystems konnte Werder Bremen den Ausgleichstreffer nicht erzwingen. Der FC Bayern liefe weiter früh an in einer improvisierten 4-4-1/4-1-3-1-Mischung, zwang Werder zu Fehlern und spielten im Anschluss auf Zeit. Mit all ihrer Routine retteten die Bayern die 1:0-Führung über die Zeit. Damit sicherten sie sich zugleich den achten Meistertitel in Folge.

Dass sich die Bremer trotz Überzahl nur eine echte Chance erarbeiteten, wurmt nur auf den ersten Blick. Zwar holte Werder Bremen gegen den FC Bayern keine Punkte, dafür stimmt die defensive Leistung zuversichtlich. Ohnehin war immer klar: Der Abstiegskampf für Werder entscheidet sich in den Spielen gegen Mainz und Köln. Gegen den neuen Meister haben sich die Bremer wenigstens nicht das Torverhältnis versaut.

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