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Schwere Aufgabe, schlechte Ausgangspositionen: Florian Kohfeldt glaubt aber dennoch fest an den Klassenerhalt von Werder Bremen.

Taktik-Analyse vor dem Bundesliga-Restart gegen Bayer Leverkusen

Viel zu verbessern: Was Werder nach dem Liga-Neustart anders machen muss, um die Klasse zu halten

Von Tobias Escher. Lang, lang ist’s her, dass der SV Werder Bremen sein letztes Bundesliga-Spiel absolviert hat. Wenn die Mannschaft von Chef-Coach Florian Kohfeldt am kommenden Montag Bayer 04 Leverkusen zum Re-Start empfängt, liegt ihr vorheriger Auftritt, jenes 2:2 bei Hertha BSC Anfang März, stolze 72 Tage zurück.

Fußballtaktisch lohnt deshalb zum einen ein kurzer Blick zurück auf die Frage, wie der Werder Bremen derart in Abstiegsnöte geraten konnten – und zum anderen eine Analyse der Dinge, die Florian Kohfeldt nun verbessern muss, um mit Werder am Ende die Klasse zu halten.

Die Formel „Was zuletzt geschah“ kennt man eigentlich von Fernsehsendungen. Mit einem kleinen Rückblick werden Zuschauer, die die vergangene Episode verpasst haben, auf den neuesten Stand gebracht. Auch für Werder-Fans bietet es sich an, nach zehn Wochen Pause die Frage zu stellen: An welchem Punkt war die Bundesliga eigentlich stehen geblieben, bevor die Coronavirus-Pandemie sie in die Zwangspause geschickt hat? Deshalb an dieser Stelle kurz die Fakten.

Werder Bremen: Vorne schwach, hinten schwach

Werder befindet sich mit einem Spiel weniger als die Konkurrenz auf dem vorletzten Platz der Tabelle. Der Rückstand auf Fortuna Düsseldorf, das den Relegationsrang 16 belegt, beträgt vier, der Abstand auf den 15. Platz acht Zähler. Neun reguläre Spieltage haben die Bremer noch Zeit, um diese Lücke zu schließen, dazu kommt das Nachholspiel gegen Eintracht Frankfurt, das zwischen dem 29. und 30. Spieltag am Mittwoch, 3. Juni, ausgetragen wird. Keine Frage: Damit Werder Bremen den Abstieg noch verhindern kann, bedarf es einer klaren fußballerischen Steigerung, denn die Bremer befinden sich keinesfalls zufällig am Tabellenende.

Mit 55 Gegentreffern stellt das Team die schlechteste Abwehr der Liga, mit 27 erzielten Toren zudem gemeinsam mit Düsseldorf den schlechtesten Sturm. Desaströs waren die bisherigen Bremer Leistungen vor allem zu Hause im Weserstadion: In der Heimtabelle belegt Werder mit mageren fünf Punkten den letzten Platz.

Die Mannschaft plagten vor allem zwei Schwachstellen vor der erzwungenen Saisonpause. Die erste: Wieder und wieder patzten die Bremer bei Standardsituationen. Egal, ob sie Ecken und Freistöße mit einer Raum-, Manndeckung oder einer Zwischenvariante verteidigten – fast immer wurde es gefährlich. Kein Team ließ mehr Tore nach ruhenden Bällen zu (14). Die zweite Schwachstelle: die Kondition. Kein einziges Mal gelang es Werder, einen Halbzeitrückstand noch zu drehen. Insgesamt zehnmal ließ die Elf Punkte liegen, obwohl sie zur Halbzeit geführt oder ein Unentschieden gehalten hatte.

Das letzte Spiel vor der Coronakrise endete 2:2 gegen Hertha BSC. Werder Bremen kassierte einmal mehr einen Gegentreffer nach einer Standardsituation.

Die zweimonatige Pause gab Werder Bremen reichlich Zeit, an den Problemen zu arbeiten. Mannschaftstraining ist zwar erst seit Kurzem möglich – und damit auch das Einstudieren von Automatismen in Offensive und Defensive –, zumindest im konditionellen Bereich konnten die Bremer aber viel tun. Und auch bei den Standardvarianten dürften sich die Verantwortlichen etwas ausgedacht haben. Die zwei großen Probleme der bisherigen Saison – sie scheinen also lösbar. Die spannende Frage lautet jedoch: Konnte Trainer Florian Kohfeldt während der Zwangspause auch die vielen kleinen Baustellen angehen?

Diese beginnen in der löchrigen Defensive. Nicht immer verteidigte die Abwehrkette kompakt und auf einer Höhe, sei es in einer Vierer- oder Fünferkette. Gegner wurden zu leichten Treffern eingeladen, gerade nach hohen Bällen. Dieses Verhalten dürfte Werder intensiv trainiert haben, schließlich lässt sich das Verschieben im Raum auch in Kleingruppen und mit ausreichend Abstand üben. Ähnlich verhält es sich mit Angriffsmustern. In der Offensive fehlten Werder abgestimmte Spielzüge, um aus der eigenen Abwehr heraus das Spiel zu eröffnen. Zu häufig erstarrte das Aufbauspiel in Querpässen. Besonders mangelte es an Präsenz im offensiven Mittelfeld und im Sturm. Kein Spieler konnte dort Bälle halten und weiterleiten. Auch an diesem Punkt dürfte Kohfeldt intensiv gearbeitet haben. Gerade in der vergangenen Saison waren einstudierte Spielzüge schließlich eine Stärke seiner Mannschaft.

Werder Bremen: Was gibt der Kader her?

Die gute Nachricht: Die Verletzungssorgen, die Werder Bremen lange Zeit plagten, scheinen vorüber. Kohfeldt kann nahezu aus dem Vollen schöpfen. Davy Klaassen etwa, beim Wiederauftakt gegen Leverkusen gesperrt, kann wahlweise durch einen Sechser wie Philipp Bargfrede oder Nuri Sahin ersetzt worden – oder durch einen offensiveren Spielertypen wie Yuya Osako. Über solch eine Auswahl verfügte Kohfeldt in dieser Saison noch nicht.

Und doch schwebt ein großes Fragezeichen über dem Kader: Gelingt es den Spielern endlich, das zweifellos vorhandene Potenzial auf dem Platz abzurufen? Osako etwa blieb den Beweis bisher schuldig, dass er im offensiven Mittelfeld Ankerpunkt für die eigenen Angriffe sein kann. Auch Maximilian Eggestein und Klaassen zeigten bei ihren Läufen in die Tiefe weit weniger Präsenz als in der vergangenen Saison. Dieses Spiel ließe sich für zahlreiche Positionen fortsetzen. Werders Akteure präsentierten sich wankelmütig. Selten war es Kohfeldt vergönnt, zwei Wochen hintereinander dieselbe Elf aufs Feld schicken zu können. Ändert sich das in den kommenden Wochen? Der enge Zeitplan fordert die Spieler. So muss Werder Ende Mai und Anfang Juni binnen drei Wochen sechs Spiele absolvieren; eine echte Bewährungsprobe für die Physiotherapeuten und die medizinische Abteilung des Clubs.

Florian Kohfeldt: Mehr taktische Optionen

Deshalb ist die Fähigkeit des Trainers gefragt, flexibel zu taktieren. Dass Florian Kohfeldt seine Startelf und damit auch seine taktische Formation gerne verändert, ist bekannt. In dieser Saison fehlte ihm manches Mal das Händchen dafür, nicht immer gingen die Wechsel zwischen 5-3-2-, 3-4-3- oder Rautenformation auf. Nun könnte Kohfeldt aber von den neuen Rahmenbedingungen profitieren.

Während Spielen verändert er gerne seine Formation oder gibt seinen Spielern neue taktische Anweisungen – und ohne Publikum dürfte er leichter zu ihnen durchdringen. Zudem dürfte die Deutsche Fußball-Liga (DFL) der Fifa-Direktive folgen und künftig fünf anstatt drei Auswechslungen zulassen; das erhöht Kohfeldts taktische Optionen.

Eine seriöse Prognose, wie die Sache für Werder am Ende ausgeht, lässt sich unter dem Strich aber kaum treffen. Denn dafür gibt es schlicht zu viele unbekannte Variablen. So muss Werder Bremen zum ersten Mal in der Clubgeschichte Geisterspiele abhalten. Schmälert dies das Leistungsvermögen der Spieler, oder können sie ohne Publikum befreiter aufspielen? Hinzu kommen viele weitere Unwägbarkeiten durch die Coronavirus-Krise. Dass ein Gegner wegen mehrerer Covid-19-Fälle nicht antreten kann, erscheint genauso möglich wie eine kurzfristige Verschiebung ganzer Spieltage. Es wird eine Ausnahmesaison in einer Ausnahmezeit. Aber vielleicht ist gerade diese Zeit genau die richtige für Wunder.

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