Werder Bremen in der Taktik-Analyse gegen den VfB Stuttgart: Welcher hatte den besseren Matchplan - Ole Werner (re.) oder Pellegrino Matarazzo?
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Werder Bremen in der Taktik-Analyse gegen den VfB Stuttgart: Welcher hatte den besseren Matchplan - Ole Werner (re.) oder Pellegrino Matarazzo?

Ole Werners Matchplan

Erst gepresst, dann ausgekontert: Werder Bremens 2:2 gegen den VfB Stuttgart in der Taktik-Analyse

Bremen - Werder Bremens Auftritt gegen den VfB Stuttgart war ein Spiel zweier Hälften. Nachdem die Bremer in der ersten Halbzeit im Pressing beeindruckten, taten sie sich nach der Pause wesentlich schwerer. Warum Werder trotz 65 Prozent Ballbesitz im zweiten Durchgang wenige Chancen kreierte, analysiert DeichStube-Taktikanalyst Tobias Escher.

Variabilität ist ein Schlüsselbegriff im modernen Fußball. Das weiß auch Ole Werner. Der Coach des SV Werder Bremen betonte vor der Saison, er werde sein System in der ersten Liga häufiger anpassen. Gegen Stuttgart tat der Aufstiegstrainer genau das – und Werder überzeugte prompt mit einem starken Pressing. Nachdem der VfB Stuttgart nach der Pause die Strategie änderte, verlor Werners Elf jedoch an Schwung.

Ole Werners Matchplan gegen den VfB Stuttgart in der Taktik-Analyse: Werder Bremen presst im 3-4-3

Der VfB Stuttgart begann gegen Werder Bremen in einem 4-4-2. Auffällig war die Rolle der Außenspieler: Auf rechts agierte Außenverteidiger Josha Vagnoman offensiv. Hinten verblieben somit drei Verteidiger im Aufbau: Linksverteidiger Hiroki Ito plus die beiden Innenverteidiger. Werder begann die Partie mit einem aggressiven Pressing. Leonardo Bittencourt agierte auf einer Höhe mit den Stürmern Niclas Füllkrug und Marvin Ducksch. Werder störte die gegnerische Abwehrkette im Eins-gegen-Eins: Füllkrug lief den zentralen Aufbauspieler an, Ducksch übernahm die halblinke Seite und Bittencourt die halbrechte.

Auch im Mittelfeld folgte Werder Bremen einem Mann-gegen-Mann-Ansatz. Dieser war besonders beim Duell zwischen Jens Stage und Wataru Endo augenfällig. Jens Stage verfolgte Stuttgarts Kapitän, selbst wenn dieser sich in die Tiefe fallen ließ. Stuttgarts Spielgestalter sollte nicht zur Entfaltung kommen. Dafür nahm Werder auch in Kauf, dass auf Stages halblinker Seite eine kleine Lücke klaffte. Sobald ein Stuttgarter Spieler diese Lücke besetzte, rückten wahlweise Anthony Jung oder Marco Friedl aus der Abwehrkette heraus (siehe Grafik).

Das Pressing von Werder Bremen in der ersten Halbzeit. Vorne spielte Werder mit Ducksch, Füllkrug und Bittencourt Eins-gegen-Eins. Stage nahm Endo in Manndeckung. Dadurch klaffte eine kleine Lücke auf seiner Seite. Diese schloss Werder über die herausrückenden Verteidiger Friedl oder Jung. Im Verlaufe der Partie bespielte Stuttgart diese Lücke besser.

Werder Bremen gegen den VfB Stuttgart in der Taktik-Analyse: Wataru Endo entledigt sich seines Manndeckers

Werders aggressive Mann-gegen-Mann-Verteidigung setzte dem VfB Stuttgart zu. Die Gäste verloren viele Bälle im Mittelfeld. Werder Bremen eroberte den Ball, ließ ihn kurz zirkulieren und suchte dann die Räume auf den Außen. So kam Werder in der Anfangsviertelstunde nicht nur zu Chancen, sondern auch zum Führungstreffer durch Füllkrug (4.). Das hohe Tempo der Anfangsphase konnte Werder angesichts der sommerlichen Temperaturen nicht lange halten. Während sie zu Beginn in einem furiosen 3-4-3 pressten, zogen sie sich nach zwanzig Minuten in einem 5-4-1 zurück. Stuttgart gewann nun an Spielkontrolle. Ihre Dreierreihe in der Abwehr ließ den Ball laufen.

Zugleich fanden die Gäste nun häufiger die Lücken in Bremens System. Rechtsverteidiger Vagnoman stand einige Male frei, besonders wenn Jung einrücken und einen Spieler aufnehmen musste. Auf diese Weise zwang Stuttgart den Gegner, sich immer weiter zurückzuziehen. Dadurch kamen Werders Mannorientierungen durcheinander. Endo hängte Stage häufiger ab. Der Japaner kurbelte das Spiel aus der Tiefe an. Als er das erste Mal frei vor dem Strafraum zum Schuss kam, fehlte ihm noch das Zielwasser (32.). Den zweiten Versuch wenige Minuten später versenkte er im Winkel (38.).

VfB Stuttgart lauert gegen Werder Bremen auf Konter - die Taktik-Analyse

In der ersten Halbzeit gestaltete sich der Ballbesitz ausgeglichen. Nach der Pause agierten die Stuttgarter passiver: Sie zogen sich nun in einem 4-4-2 in die eigene Hälfte zurück. Werders Dreierkette durfte den Ball laufen lassen. In der zweiten Halbzeit lag Werders Ballbesitzwert bei 65 Prozent. Die Hausherren fanden indes keine Lücke im Stuttgarter System. Werder Bremen verzichtete fast gänzlich darauf, das Mittelfeld zu besetzen. Stage bewegte sich ständig an die letzte Linie, Bittencourt wich konsequent auf den rechten Flügel aus, Ilja Gruev ließ sich weit fallen. Werders ewige Versuche, über den rechten Flügel anzugreifen, konnten die Stuttgarter Verteidiger leicht durchschauen. Die tief stehenden Stuttgarter neutralisierten Werders Angriffsversuche.

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Zu eigenen Torchancen kamen die Stuttgarter erst nach der Einwechslung von Borna Sosa (59.). Er besetzte fortan den linken Flügel. Defensiv reihte er sich als Linksverteidiger in die Abwehrkette ein, der VfB verteidigte fortan in einem 5-3-2. So bekam Stuttgart die Vorstöße von Mitchell Weiser in den Griff. Viel wichtiger für das Stuttgarter Spiel war die Tatsache, dass Linksaußen Silas nun in den Sturm rückte. Mit ihm als Tempodribbler entfalteten Stuttgarts Konter eine größere Wucht. Gleich zweimal tauchte er allein vor dem Tor von Pavlenka auf. Pech für Stuttgart: Der Kongolese konnte nur eine dieser Chancen verwerten (77.).

Taktik-Analyse: Die Schlussoffensive des SV Werder Bremen wird belohnt

Ole Werner reagierte schnell auf den 1:2-Rückstand. Mit Oliver Burke brachte er einen dritten Stürmer (84.). Werders 3-4-3 mit drei echten Stürmern war gänzlich unorthodox. Das System war einzig und allein darauf ausgerichtet, den Ball irgendwie in den Strafraum zu befördern. Wirklich funktioniert hat dieser Plan nicht. Werder Bremen verzeichnete in der gesamten zweiten Halbzeit nur zwei Ballkontakte im gegnerischen Strafraum. Glück für Werder: Einer davon war Burkes Treffer zum erlösenden Ausgleich (95.). Ein langer Ball war durchgerutscht.

Das Fazit fällt zwiegespalten aus. Werder Bremen überzeugte besonders in der Anfangsphase mit einem starken Pressing. Als der VfB Stuttgart die Bremer nach der Pause zwang, das Spiel zu gestalten, fiel den Hausherren wenig ein. Schlimmer noch: Die Bremer ließen genügend Konter zu, die Stuttgart nur hätte verwandeln müssen. Doch Burke rettete den Nachmittag mit seinem Last-Minute-Tor – und beweist, dass Variabilität auch bedeuten kann, den Ball einfach irgendwie in den Strafraum zu schlagen.

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