Drei Spiele, drei Siege: Trainer Ole Werner startet bei Werder Bremen perfekt. Das Spiel gegen Hannover 96 war aber keine leichte Aufgabe, wie die Taktik-Analyse zeigt.
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Drei Spiele, drei Siege: Trainer Ole Werner startet bei Werder Bremen perfekt. Das Spiel gegen Hannover 96 war aber keine leichte Aufgabe, wie die Taktik-Analyse zeigt.

Bei Werders 4:1-Sieg in Hannover

Taktik-Analyse: So knackte Werder-Trainer Ole Werner auch das unorthodoxe System von Hannover 96

Ein Gegner, der ein unorthodoxes System spielt, und ein Rasen, der mehr an Kuhweide als an Fußball erinnert: Werder Bremens Auswärtsspiel bei Hannover 96 war keine leichte Aufgabe. Wieso Trainer Ole Werner die richtige Taktik wählte, analysiert unser Taktik-Kolumnist Tobias Escher.

Bereits mehrere wissenschaftliche Studien haben sich mit der Frage beschäftigt, ob Trainerwechsel im Fußball einen positiven Effekt haben. Die meisten kommen zu dem Ergebnis, dass ein neuer Trainer einer Mannschaft zwar kurzfristig helfe. Langfristig verändere sich an den Ergebnissen im Schnitt aber wenig. Ole Werners Auftakt als Trainer des SV Werder Bremen bestätigt zumindest den ersten Teil. Drei Spiele, drei Siege, elf Tore: Besser kann ein kurzfristiger Effekt kaum ausfallen. Die Leistung beim 4:1-Sieg über Hannover 96 schürt zugleich die Hoffnung, dass Werner den Verein langfristig stabilisiert.

Der neue Werder-Coach scheint seine Stammformation bereits gefunden zu haben. Im dritten Spiel unter seiner Ägide schickte er erneut dieselbe Startelf auf das Feld. Werder Bremen begann in einem nominellen 5-3-2. Erneut stach die Asymmetrie im Spielaufbau hervor: Linksverteidiger Anthony Jung hielt sich im Offensivspiel zurück. Rechtsverteidiger Felix Agu agierte hingegen als verkappter Außenstürmer. Milos Veljkovic füllte seine Position als Rechtsverteidiger auf, sodass die Fünfer- zu einer Viererkette wurde.

Werder Bremen-Taktik-Analyse: Erste Hälfte spielt sich auf Felix Agus Seite ab

Die rechte Seite der Bremer stand klar im Fokus – sowohl in die eine als auch in die andere Richtung. Hannover versuchte, die offensive Rolle von auszunutzen. Bei ihnen agierte Linksverteidiger Niklas Hult äußerst offensiv. Er rückte bei eigenen Angriffen weit nach vorne und versuchte die Lücken hinter Agu ausnutzen.

Tatsächlich spielte sich die erste Hälfte fast ausschließlich auf der Seite von Felix Agu ab. Die Bremer versuchten immer wieder, mit langen Diagonalbällen den aufgerückten Rechtsverteidiger zu finden. Hannover war wiederum bestrebt, Konter über den aufrückenden Hult zu fahren. Dieser suchte die Kombination mit dem linken Halbstürmer Linton Maina.

Es entstand ein offenes Spiel mit Chancen auf beiden Seiten. Den ersten Treffer erzielte Werder Bremen – und auch hier war die rechte Seite maßgeblich beteiligt. Leonardo Bittencourt nutzte bei einem schnellen Gegenstoß aus, dass Hult weit aufgerückt war. Sein Zuspiel schlenzte Romano Schmid in den Winkel (22.).

Die Grafik zeigt, wie Hannover 96 versuchte, das Mittelfeld von Werder Bremen zu umspielen. Im Spielaufbau ließ sich Kerk fallen, während Frantz aus der Abwehr nach vorne rückte. Somit stellte Hannover im Zentrum eine Vier-gegen-Drei-Überzahl her. Linksverteidiger Hult versuchte, die offensive Rolle von Agu auszunutzen.

Werder Bremen-Taktik-Analyse: Unorthodoxes System von Hannover 96 sprengt Zuordnung im Mittelfeld

Nach der Führung gelang es Werder zunächst nicht, die Partie vollständig zu kontrollieren. Die Hannoveraner stellten die Bremer mit ihrem unorthodoxen System vor Probleme. Defensiv verteidigten sie in einem kompakten 5-2-3. Vorne konnten die drei Angreifer hohen Druck ausüben. Hinten sicherte die Fünferkette die Breite des Feldes.

Aus taktischer Sicht ungewohnt waren vor allem die Umstellungen bei eigenem Ballbesitz: Hier rückte Mike Frantz aus der Innenverteidigung nach vorne. Er füllte das zentrale Mittelfeld auf. Sebastian Kerk ließ sich wiederum aus der Sturmzentrale fallen. Die Hannover 96 spielte somit mit einer Raute im Mittelfeld. Sie sicherten sich damit eine Überzahl im Zentrum gegen Werder Bremens Drei-Mann-Mittelfeld.

Hannovers ungewohnte Mischung aus 5-2-3 und Rautensystem sprengte die Bremer Zuordnung im Mittelfeld. Wenn Bittencourt oder Schmid herausrückten, klaffte manches Mal eine Lücke im Zentrum. Ömer Toprak rückte zwar häufig aus der Abwehr nach vorne, um das Mittelfeld aufzufüllen. Dadurch fehlte aber wiederum hinten ein Spieler. Hannover machte es clever und verlagerte in diesen Situationen das Spiel auf die linke Seite. Bis zur Pause war es ein ausgeglichenes Spiel: Werder gab zwar mehr Schüsse ab (9:6). Hannover brachte aber fünf Schüsse auf den Kasten, Werder gerade einmal einen. Das 1:1 war ein leistungsgerechtes Ergebnis.

Werder Bremen-Taktik-Analyse: Leichte Anpassungen und hohes Pressing gegen Hannover 96

Das Schussverhältnis sollte sich in der zweiten Halbzeit nahezu umkehren. Nach Schüssen stand es in der zweiten Halbzeit 10:3 für Werder Bremen, nach Schüssen aufs Tor 4:1. Dass Werder die Partie nun klar dominierte, lag vor allem am verbesserten Pressing der Mannschaft.

Werder störte die Hannoveraner nun konsequenter im Aufbau. Die Außenverteidiger rückten weiter vor. Sie deckten die gegnerischen Außenverteidiger nun nicht mehr von hinten, sondern positionierten sich häufiger vor ihnen. Im Mittelfeldzentrum spielte Werder nun Mann-gegen-Mann. Der zurückfallende Stürmer Kerk blieb zwar manches Mal unbewacht. Das glich Werder aber dadurch aus, dass sie die Abwehr nun früher anliefen. Hannover kam schlicht nicht mehr dazu, die eigene Überzahl im Mittelfeld auszuspielen.

Taktik-Analyse: Werder Bremen findet gegen Hannover 96 mehr Räume zum Kontern

Symptomatisch für das Spiel war daher nicht das Tor zum 2:1; Marvin Ducksch‘ Kopfball-Bogenlampe landete etwas glücklich im Tor (51.). Stellvertretend für Werders Sieg war die Szene nach dem folgenden Anstoß. Werders Spieler rannten sofort nach vorne. Keine fünf Sekunden nach Wiederanpfiff eroberte Anthony Jung den Ball zurück.

Nach dem 1:2-Rückstand wechselte Hannover-Coach Christoph Dabrowski offensiv. Sein Versuch, mit einem 3-4-3-System und einem echten Stürmer zu Chancen zu kommen, schlug fehl. Stattdessen fand Werder Bremen zunehmend mehr Räume zum Kontern. Werners Elf konnte das Ergebnis auf 4:1 hochschrauben. Ihrem Coach schenkten sie damit den perfekten Einstand.

Werder-Fans müssen nun hoffen, dass die Studien zu Trainerwechseln falsch liegen. Die positiven Ansätze im Spielaufbau und im Pressing deuten zumindest darauf hin, dass Werder unter Ole Werner einen großen Schritt nach vorne gemacht hat.

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