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Coach Florian Kohfeldt gibt Davy Klaassen im Spiel des SV Werder Bremen gegen RB Leipzig taktische Anweisungen.

Werder Bremen unterliegt RB Leipzig

Taktik-Analyse: Kohfeldt macht die Not zur Tugend

Viel taktische Optionen hatte Florian Kohfeldt nicht: Angesichts der Verletztenmisere stellte sich die Startelf von Werder Bremen praktisch von selbst auf. Warum Kohfeldts Plan zumindest defensiv aufging, erklärt unser Taktikkolumnist Tobias Escher.

Wenn ein Bundesliga-Trainer einen Matchplan entwirft, stellt er sich die Frage: Welche Spieler und welches System sind die beste Wahl, um den kommenden Gegner zu besiegen? Den ersten Teil der Frage musste Trainer Florian Kohfeldt vor dem Spiel Werder Bremen Spiel gegen RB Leipzig gar nicht erst beantworten. Zehn potentielle Startelf-Kandidaten fielen aus. Werders Elf stellte sich praktisch von alleine auf.

Kohfeldt machte aus der Not eine Tugend. Er stellte sein Team im Vergleich zu den vergangenen Partien taktisch um. Werder agierte mit einer Fünferkette in der Abwehr. Neuzugang Leonardo Bittencourt übernahm die Position des linken Außenverteidigers.

Werder Bremen und die Kompaktheit

Die Taktik von Werder Bremen war auf eine stabile Defensive und ein schnelles Konterspiel ausgerichtet. Der Tabellenführer aus Leipzig sollte den Ball laufen lassen, Werder Bremen wollte aus dem eigenen 5-3-2-System Nadelstiche setzen. Nach Ballgewinnen sollten entweder direkt die schnellen Stürmer Joshua Sargent (19) und Benjamin Goller (20) oder der nach vorne startende Bittencourt eingesetzt werden. Bremens Spiel war dabei leicht linkslastig, da Bittencourt merklich offensiver agierte als Rechtsverteidiger Michael Lang.

Werder Bremen setzte die Leipziger Offensive in den ersten Minuten matt. Rasenballsport-Coach Julian Nagelsmann schickte seine Elf ebenfalls in einem 5-3-2-System auf das Feld. Seine Mannschaft übernahm die Kontrolle über die Partie und ließ den Ball in der Dreierkette laufen.

Schnell zeigten sich die Vorteile von Werders 5-3-2-System: Werder stand im Zentrum enorm kompakt. Leipzig versuchte zwar, über die enge Rolle der Achter im Zentrum Überzahlen zu kreieren. Werder zwang sie jedoch meist dazu, über die Außenverteidiger aufzubauen. Dort ging Werder Bremen konsequent auf die Gegenspieler. Ihnen kam Leipzigs unorthodoxe Aufstellung entgegen: Mit Lukas Klostermann begann ein Rechtsfuß auf links, mit Nordi Mukiele ein etatmäßiger Innenverteidiger auf rechts. Entsprechend stockte Leipzigs Aufbauspiel, sobald der Pass auf die Außen kam.

Werder Bremen: Leipzigs Gegenpressing und alte Schwächen

Wie sehr Bremens kompakte Defensive die Leipziger nervte, zeigte sich an Timo Werner: Immer wieder ließ sich der Stürmer weit zurückfallen, um überhaupt Bälle zu erhalten. Damit fehlte er jedoch vorne als Abnehmer. Der defensive Teil von Kohfeldts Plan ging auf: Leipzig spielte den eigenen Ballbesitz in der ersten Halbzeit praktisch durchgehend in ungefährlichen Zonen aus.

Der offensive leider nicht. Leipzig fing Konter mit ihrem aggressiven Gegenpressing ab. Ihre Staffelung ermöglichte ihnen, nach Ballverlusten immer sofort nachzusetzen. Defensiv rückte Christopher Nkunku auf die Zehner-Position, er nahm Werders Sechser Maximilian Eggestein praktisch in Manndeckung. Damit stockte Werders Spiel nach vorne.

Die Grafik zeigt, wie sich beide Mannschaften in der ersten Halbzeit die meiste Zeit gegenüberstanden: Leipzig hatte den Ball, Werder Bremen verteidigte im defensiven 5-3-2. Auffällig war Timo Werners Freirolle, der sich häufig zurückfallen ließ.

So kamen beide Teams kaum zu Chancen. Aus dem Spiel heraus ließ Bremen nur einen einzigen Schuss zu, gab selbst aber auch nur zwei ab. Dass es zur Halbzeit 2:0 für Leipzig stand, lag einzig an Bremens Schwäche nach Standards. Bremens Manndeckung bei Ecken war gegen die individuell überlegenen Leipziger in der Theorie gewagt – und scheiterte in der Praxis beim 0:1 (13.). Marcel Sabitzer legte per Freistoß nach (35.). Rechnet man Elfmeter hinzu, hat Werder Bremen in dieser Saison sechs von zwölf Gegentoren nach ruhenden Bällen kassiert.

Gelb-Rote Karte hilft Werder Bremen nicht

Werder Bremen musste angesichts des 0:2-Halbzeitrückstandes offensiver aus der Kabine zurückkehren. Kohfeldt beorderte Johannes Eggestein eine Reihe weiter nach vorne. Er agierte fortan als Zehner hinter den Spitzen. Auch die Außenverteidiger rückten weiter nach vorne.

Werders offensive Herangehensweise öffnete Konterräume für Rasenballsport. Gerade auf den Flügeln taten sich Lücken auf. Leipzig konnte diese nutzen, auch weil Nagelsmann zur Pause in Marcelo Sarrachi einen Linksfuß für die Linksverteidiger-Position brachte. Rechtsfuß Klostermann wechselte nach rechts. Leipzig setzte nun vermehrt auf Flanken und auf schnelle Konter über die ausweichenden Stürmer. Werner wich immer wieder auf die Seiten aus, um Werders Lücken zu bestrafen. Leipzig hatte in den ersten Minuten nach der Pause beste Chancen, das Spiel zu entscheiden.

Die Gelb-Rote Karte gegen Konrad Laimer (64.) veränderte die Spieldynamik. Nagelsmann wies seine Mannschaft an, sich im 5-3-1 in die eigene Hälfte zurückzuziehen. Kohfeldt wiederum brachte mit Claudio Pizarro (63., für J. Eggestein) und Philipp Bargfrede (66., für M. Eggestein) zwei neue Spieler. Er stellte zunächst auf eine Viererkette mit Mittelfeldraute um, Bargfrede ging auf die Sechs, Bittencourt und Davy Klaasen auf die Acht, Pizarro auf die Zehn. Später wechselte Pizarro in den Sturm, Werder Bremen griff im 4-3-3 an.

Werder Bremen: Leipzig kontert zum Sieg

Geholfen hat es wenig. Werder Bremen fand keinen Weg vorbei an der dicht gestaffelten 5-3-Defensive der Leipziger. In der neu formierten Werder-Mannschaft funktionierte das Positionsspiel nicht; die Spieler hielten ihre Positionen entweder zu starr oder verließen sie im Fall von Bittencourt zu früh. Vor allem aber versprühte Werder Bremen keine Gefahr bei Angriffen über die Flügel. Leipzig lenkte sie einfach auf die Seiten und stellte Werder Bremen dort kalt.

Warum Kohfeldt trotz Überzahl nicht volles Risiko gehen und die Verteidiger nach vorne beordern konnte, bewies Leipzig in der 83. Minute: Leipzigs einziger Stürmer Werner entwich Werders Defensive auf dem rechten Flügel, seine Hereingabe verwertete über Umwege Sarrachi (83.). Ein Konter beendete Werders Traum, das Spiel drehen zu können.

Ein Lob für eine couragierte Leistung ist alles, was Werder Bremen am Ende bleibt. Kohfeldt hatte das Bestmögliche getan, seine Mannschaft taktisch auf den Gegner einzustellen. Fehler nach Standards sowie ein individuell klar unterlegener Gegner machten den Unterschied.

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Spielbericht: So lief das Match von Werder Bremen gegen RB Leipzig. Unterdessen hat Frank Baumann über die Möglichkeit von Not-Transfers bei Werder Bremen gesprochen. Werder will aber nicht personell nachlegen. Und es hat Unstimmigkeiten zwischen Florian Kohfeldt, Coach des SV Werder Bremen, und Leipzig-Trainer Julian Nagelsmann gegeben. Derweil schon die kuriose Geschichte von Luc Ihorsts Bundesliga-Debüt für Werder Bremen gelesen?

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