Die Rote Karte für Marco Friedl erforderte ein Umdenken bei Trainer Ole Werner: Die Taktik-Analyse zum Spiel des SV Werder Bremen in Freiburg.
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Die Rote Karte für Marco Friedl erforderte ein Umdenken bei Trainer Ole Werner: Die Taktik-Analyse zum Spiel des SV Werder Bremen in Freiburg.

Rote Karte als Knackpunkt

Wie der SC Freiburg den dezimierten SV Werder bezwang - die Taktik-Analyse

Freiburg - Werder Bremen muss in Freiburg über 75 Minuten in Unterzahl agieren. Die Bremer verteidigen das 0:0 mit Mann und Maus – und verlieren am Ende doch verdient mit 0:2. Freiburgs taktischer Ideenreichtum war zu groß, schreibt DeichStube-Taktikanalyst Tobias Escher.

Es ist nicht überliefert, ob Werder-Coach Ole Werner sich für Literatur interessiert. Falls ja, dürfte er nach dem 0:2 gegen den SC Freiburg an Bertolt Brechts Dreigroschenoper gedacht haben. „Ja, mach nur einen Plan!“, heißt es dort. „Sei nur ein großes Licht! Und mach dann noch ’nen zweiten Plan. Geh‘n tun sie beide nicht.“ Der Coach des SV Werder Bremen musste seinen Plan bereits in der 14. Spielminute umwerfen, als Marco Friedl nach einer Notbremse die Rote Karte sah. Doch auch Werders zweiter Plan, in der Unterzahl mit Maus und Mann zu verteidigen, ging am Ende nicht auf.

Taktik-Analyse: SC Freiburg stellt sich auf Werder Bremen ein

Das gleiche System, anderes Personal: So lässt sich Ole Werners Startformation gegen den SC Freiburg beschreiben. Werner hielt am Bremer 5-3-2 fest, musste in der Verteidigung jedoch die angeschlagenen Niklas Stark und Milos Veljkovic ersetzen. Anthony Jung komplettierte die Dreierkette neben Amos Pieper und Friedl. Marvin Ducksch indes kehrte nach seiner Suspendierung in die Startelf zurück. Freiburgs Trainer Christian Streich ist vor allem bekannt für seinen badischen Dialekt und seine Weisheiten. In erster Linie ist er aber Fußballtrainer – und zwar einer der taktisch versiertesten der Liga. Auch gegen Werder Bremen passte er sein Spielsystem an den Gegner an.

Eines der wichtigsten taktischen Mittel des SV Werder Bremen ist die offensive Rolle von Mitchell Weiser. Der Rechtsverteidiger rückt weit vor, während sich der jeweilige Linksverteidiger zurückhält. Streich konterte diese Bremer Unwucht, indem er selbst eine asymmetrische Aufstellung wählte: Auf der rechten Seite begann Kiliann Sildillia als Manndecker für Bremens Linksverteidiger Lee Buchanan. Er rückte weit nach vorne, während sich Christian Günter auf links tiefer an Weiser orientierte. Freiburg begann im Pressing mit einer 5-2-1-2-Formation. Diese verwandelten die Freiburger in ein 4-2-3-1, sobald Sildillia vorrückte.

Freiburgs Pressing gegen Werder Bremen: Aus einem nominellen 5-2-1-2 rückte Sildillia weit vor, um Buchanan zu stören. Auf der anderen Seite blieb Günter tiefer. Zugleich rückte Vincenzo Grifo nach links hinaus, um in den freien Raum hinter Weiser zu gelangen.

Rote Karte verdammt den SV Werder Bremen zum Verteidigen

Nicht nur defensiv passte sich Christian Streich damit an die Rolle von Weiser an. Auch offensiv kennzeichnete das Freiburger Spiel eine Unwucht: Vincenzo Grifo besetzte zusammen mit Günter die linke Seite, während auf rechts Sildillia allein den Flügel beackerte. Hier rückte viel eher Innenverteidiger Lukas Kübler auf, sobald Werder Bremen weit nach hinten gedrückt wurde. Die Logik war klar: Freiburg fürchtete die Vorstöße von Weiser, wollte ihn defensiv binden und offensiv aus dem Spiel nehmen. Zugleich wollten sie über diese Seite vermehrt angreifen, um etwaige defensive Lücken hinter Weiser auszunutzen.

Diese Chance bekamen die Freiburger aber nicht. Die frühe Rote Karte gegen Friedl (14.) veränderte die Dynamik der Partie. In Unterzahl zog Werder Bremen sich in die eigene Hälfte zurück, auch Weiser verharrte am eigenen Strafraum. Ilia Gruev übernahm Friedls Posten als zentraler Innenverteidiger, Marvin Ducksch ließ sich zurück ins Mittelfeld fallen. Werder verteidigte in einem 5-3-1. Diese Variante hatte den Vorteil, dass die Fünferkette die ganze Breite des Feldes abdecken konnte. Weiser hielt sich zurück gegen Grifo und Günter, während Buchanan auf der anderen Seite Sildillia kaltstellte. Gleichzeitig konnte Werder mit dem Drei-Mann-Mittelfeld das Zentrum kompakt halten. Freiburgs Versuche, im Zentrum Überzahlen herzustellen, ging nicht auf.

Freiburg stellt gegen den SV Werder Bremen um - die Taktik-Analyse

Obwohl Werder Bremen gewissenhaft und mit viel Aufwand verteidigte, erdrückte Freiburg die Bremer in der eigenen Hälfte. Das lag zunächst einmal an der klaren Raumaufteilung der Freiburger: Grifo und Sildillia besetzten die Flügel, während Günter nun häufiger ins Zentrum rückte. Freiburg konnte nach Ballverlusten sofort nachsetzen, sodass Werder gar keine Entlastung bekam. In der Pause stellte Streich seine Mannschaft um. Ritsu Doan kam für Yannick Keitel ins Spiel und rückte ins offensive Mittelfeld. Rechtsverteidiger Sildillia agierte fortan im zentralen Mittelfeld. Freiburg stellte auf ein 4-2-3-1 um. Interessant war, dass die Doppelsechs aus Nicolas Höfler und Sildillia permanent auf die Außen rückten. Höfler kurbelte das Spiel von der Linksverteidiger-Position aus an, Sildillia rückte nach rechts vorne.

Freiburg fand so den wunden Punkt in Bremens 5-3-1-System: Werder Bremen bekam die tiefen Flügel nicht geschlossen. Höfler konnte das Spiel aus der Tiefe gestalten. Freiburg verlagerte und verlagerte das Spiel, immer auf der Suche nach den aufrückenden Außenverteidigern. In der 56. Minute war es dann so weit: Der zum Rechtsverteidiger umfunktionierte Lukas Kübler stand in der 56. Minuten am zweiten Pfosten frei. Freiburgs Verlagerungen wurden belohnt.

Taktik-Analyse: Sobald Werder Bremen etwas in Freiburg wagte, ging es schief

In der Schlussviertelstunde musste Ole Werner das Risiko erhöhen, um doch noch einen Punktgewinn zu erzwingen. Gruev rückte wieder ins zentrale Mittelfeld, die Dreierkette war damit aufgelöst. Füllkrug und Ducksch bildeten mit dem eingewechselten Oliver Burke einen Drei-Mann-Sturm. Werder Bremens offensives 4-2-3 offenbarte defensiv Lücken. Das war kein Wunder bei einer Formation, in der der ebenfalls eingewechselte Eren Dinkci mit Gruev eine Doppelsechs bildete. Freiburg schoss schnell das 2:0 und entschied so die Partie endgültig.

Werders Gastauftritt in Freiburg war ein Nachmittag zum Vergessen. Obwohl der SV Werder Bremen aufopfernd im 5-3-1 verteidigte, konnte er die entscheidenden Tore nicht verhindern. Welchen Plan Werner sich auch für das Elf-gegen-Elf zurechtgelegt haben mag: Er musste ihn nach nicht einmal einer Viertelstunde beerdigen.

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