Fand gegen einen insgesamt schwachen Gegner Schalke 04 die richtigen taktischen Mittel: Florian Kohfeldt, Trainer des SV Werder Bremen.
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Fand gegen einen insgesamt schwachen Gegner Schalke 04 die richtigen taktischen Mittel: Florian Kohfeldt, Trainer des SV Werder Bremen.

1:0-Sieg in der Veltins-Arena

Werder-Taktik-Analyse: Schwache Schalker servieren dominanten Bremern den Sieg

Werder Bremen veredelt eine goldene Englische Woche mit einem wichtigen 1:0-Sieg. Das lag vor allem am Gegner: Schalke 04 trat auf, als wären sie der Abstiegskandidat. Nur nach der Pause wackelte Werders Defensive kurz, analysiert unser Taktik-Analyst Tobias Escher.

„Wir haben erwartet, dass Schalke tief steht. So tief haben wir sie aber nicht erwartet.“ Siegtorschütze Leonardo Bittencourt fasste nach dem 1:0-Sieg auf Schalke die taktische Gemengelage zusammen. Die formlosen Schalker – sie belegen den letzten Rang der Rückrunden-Tabelle – interessierte nicht, dass sie zu Hause gegen den Tabellen-Vorletzten antraten. Werder Bremen musste eine Betonmauer knacken - und erfüllte diese ungewohnte Aufgabe mit viel Geschick und Leidenschaft.

Werder Bremens Abwehrkette mit Kniff: Kevin Vogt 

Florian Kohfeldt stellte seine Mannschaft in einem 4-3-3-System auf. Kevin Vogt kam eine Mischrolle zu: Bei eigenem Ballbesitz agierte er als Sechser im zentralen Mittelfeld und bot sich vor der Abwehr an. Hatte der Gegner den Ball, ließ er sich in die Abwehrkette fallen. Aus der Vierer- wurde eine Fünferkette. Werder wollte damit im Spiel gegen den Ball sicherer stehen.

Dass Vogt in die Abwehrkette rückte, kam in der ersten Halbzeit kaum vor. Schalke 04 war nicht an Ballbesitz interessiert, ja nicht einmal am Konterspiel. Sie verschanzten sich in einer 5-4-1-Formation direkt vor dem eigenen Strafraum. Der einzige Stürmer Michael Gregoritsch nahm Vogt in eine enge Deckung. Schalke stellte damit keinen Spieler ab, der die Bremer Verteidiger attackierte.

Die Grafik zeigt die Anordnung, in der ersten Halbzeit: Werder hatte durchweg den Ball, Schalke zog sich in einem passiven 5-4-1 an den eigenen Strafraum zurück. Werder besetzte die Flügel nicht offensiv, hatte aber im Zentrum viele Spieler. Dadurch konnten sie nach Ballverlusten direkt nachsetzen.

Werder Bremen ließ sich nicht nervös machen von der passiven Schalker Mannschaft. Sie ließen den Ball geduldig in der eigenen Viererkette laufen und lauerten auf die entscheidende Lücke. Werder selbst ging dabei nicht das höchste Risiko: Die eigenen Außenverteidiger hielten sich im Aufbauspiel zurück, auch die Mittelfeldspieler rückten eher selten auf. Werder baute das Spiel aus einem kompakten 4-3-3 auf. Der Bremer Ballbesitz lag bei 71 Prozent; ein Wert, den man sonst nur von den Bayern kennt.

Werder Bremen gegen Schalke 04: Zähes Ballbesitzspiel, aggressives Gegenpressing

Dass Werder selbst bei eigenem Ballbesitz relativ kompakt stand, sprich: dass kein Spieler die Flügel besetzte, lag an der Rolle von Milot Rashica und Leonardo Bittencourt. Die beiden nominellen Außenstürmer rückten immer wieder in den Halbraum ein. Die Flügel verwaisten angesichts der eher zurückhaltenden Außenverteidiger.

Relativ viele Bremer postierten sich somit in den Halbräumen sowie im Zentrum. Die ohnehin enge Neun-Mann-Defensive der Schalker konnte sich gegen Werders Überbesetzung im Zentrum noch enger zusammenziehen. Werder versuchte es mit Klein-Klein, hatte damit allerdings angesichts der ebenfalls kompakt stehenden Schalker keinen Erfolg.

Bremens Formation sorgte allerdings dafür, dass sie nach Ballverlusten sofort wuchtig nachsetzen konnten. Kein Wunder: Verloren sie den Ball nach einem riskanten Pass in den Halbraum, standen direkt drei oder mehr Spieler um den Ball, die den Gegner sofort jagten. Werder Bremen überzeugte in der ersten halben Stunde vor allem durch die hohe Aggressivität nach Ballverlust, weniger durch ein flüssiges Kombinationsspiel. Die passiven Schalker verloren den Ball schnell wieder, sobald sie ihn doch einmal eroberten. Entsprechend erzielte Werder den Führungstreffer nicht nach einem herausgespielten Angriff, sondern nach einem Ballgewinn. Drei Bremer nahmen Jean-Clair Todibo den Ball weg (32.).

Werder Bremen muss sich wehren: Andere Schalker Mannschaft nach der Pause

Schalke-Trainer David Wagner konnte in der Pause gar nicht anders, als sein Team komplett umzustellen. Statt passiver Verteidigung gab er nun ein aggressives Pressing aus. Er stellte seine Mannschaft auf ein 4-1-3-2-System mit einer Mittelfeldraute um. Florian Kohfeldt wechselte in der Pause ebenfalls, bei Bremen kam Yuya Osako für Leonardo Bittencourt. Auch wenn Schalke noch immer jegliche Idee fehlte, wie sie mit dem Ball Bremens Pressing umspielen sollten – immerhin waren sie nun genauso aggressiv im Spiel gegen den Ball wie Werder. Die Bremer ließen sich von der gegnerischen Hektik anstecken. Die Verteidiger verloren den Ball schnell.

Gerade nach den Einwechslungen von Davie Selke (58., für Rashica) und Philipp Bargfrede (70., für Josh Sargent) wirkte die Bremer Elf desorganisiert. Bargfredes Einwechslung sollte eine Umstellung auf ein 5-3-2 bedeuten. Allerdings postierte sich Osako oft zu weit rechts, um Schalkes Innenverteidiger anlaufen zu können. Vogt wiederum rückte bei Ballbesitz weiterhin vor – in einen Raum, den Bargfrede eigentlich bereits besetzte. Werder Bremen fehlte über die gesamte zweite Halbzeit Breite und Tiefe, um nach Ballgewinnen das Schalker Tor in Gefahr zu bringen. Nach der Pause lag der Schalker Ballbesitz bei fast 60 Prozent, was vor allem daran lag, dass die Bremer den Ball schnell wieder herschenkten.

Werder Bremen mit wichtigem Sieg gegen schwachen Gegner

Die Bremer Schwächen wussten die Schalker allerdings nie zu nutzen. Wagner hatte sein Team früh auf totale Offensive umgestellt. Er stellte sein Team auf eine 4-3-3-Raute mit drei Angreifern um. Diesem improvisiert wirkenden Konstrukt fehlte jegliche Präsenz im Mittelfeld. Wie schwach es um Schalkes Offensive bestellt ist, zeigte sich in den Schlussminuten, als Innenverteidiger Salif Sane plötzlich den kopfballstarken Stürmer geben sollte.

Das war keine Herausforderung für eine Bremer Defensive, die abermals kompakt verteidigte und geschlossen im Raum verschob. Werder Bremen blieb damit nicht nur im dritten Spiel in Folge ohne Gegentor. Mit sieben Punkten aus dieser englischen Woche melden sie sich zudem im Abstiegskampf zurück. Gegen Schalke war es vor allem der schwache Gegner, der Werder zum Sieg verhalf. Ob Werders Form wirklich ansteigt, werden sie im Nachholspiel gegen Eintracht Frankfurt bestätigen müssen.

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