Werder Bremen-Trainer Ole Werner wollte den VfL Bochum mit langen Bällen überwinden - und setzte Mitchell Weiser dabei quasi als dritten Stürmer ein!
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Werder Bremen-Trainer Ole Werner wollte den VfL Bochum mit langen Bällen überwinden - und setzte Mitchell Weiser dabei quasi als dritten Stürmer ein!

Werder mit spätem Sieg in Bochum

Taktik-Analyse: Manndeckung und lange Bälle - Wie der SV Werder Bremen das Kampfspiel in Bochum gewann

Bremen - Kurzpassspiel, Ballbesitz, lange Ballstafetten. All das gab es in Bochum nicht zu bestaunen. Zwischen Werder Bremen und dem VfL entwickelte sich ein echtes Kampfspiel. Im Fokus: Manndeckungen im Mittelfeld und lange Bälle auf beiden Seiten. Taktik-Kolumnist Tobias Escher liefert die Analyse.

Werder-Fans wurden in den vergangenen Wochen ziemlich verwöhnt. Ihre Mannschaft zeigte nach dem Aufstieg keinerlei Anpassungsschwierigkeiten. Im Gegenteil: Werder Bremen spielte auch in der ersten Liga einen technisch ausgereiften, mutigen Fußball. Das Spiel gegen den VfL Bochum war zumindest fußballerisch ein Realitätscheck für viele Bremer Anhänger: In einer körperbetonten Partie zeigte sich, dass Werder eben doch nur ein Aufsteiger ist – ein Aufsteiger, der im direkten Duell mit einem Abstiegskandidaten den Kampf annehmen musste.

Auf taktischer Ebene veränderte Ole Werner seine Mannschaft nicht. Auch gegen den VfL Bochum setzte Werner auf ein 5-3-2-System. Personell wirbelte der Trainer des SV Werder Bremen sein Team jedoch durcheinander: Erstmals in dieser Saison rutschten Niklas Schmidt und Romano Schmid in die Startformation. Sie bildeten das zentrale Duo vor Sechser Christian Groß.

Werder Bremen gegen den VfL Bochum in der Taktik-Analyse: Manndeckung gegen Manndeckung

VfL Bochums Trainer Thomas Reis stellte seine Mannschaft in einer 4-2-3-1-Formation auf. Auffällig war, wie mannorientiert die Bochumer agierten. Im Mittelfeld verfolgten die Bochumer Spieler ihre Bremer Konterparts. Da auch Werder Bremen gewohnt mannorientiert agierte, entstand im Mittelfeld fast schon eine Art Pärchenbildung: Groß duellierte sich mit Kevin Stöger, Schmid und Schmidt sahen sich Anthony Losilla und Philipp Förster gegenüber.

Durch die ständigen Mann-gegen-Mann-Duelle neutralisierten sich beide Teams im Mittelfeld. Tatsächlich lief im Spiel beider Mannschaften wenig durch das Zentrum. Bei der Anzahl der Ballaktionen ragten einzig Stöger (70) und Schmidt (49) heraus. Das unterstreicht, wie wenig der VfL Bochum und Werder Bremen durch die Mitte spielten.

Werder Bremen gegen den VfL Bochum in der Taktik-Analyse: Lange Bälle statt flache Pässe

Die meisten Pässe spielten sowohl beim VfL Bochum als auch bei Werder Bremen die Torhüter. Das unterstreicht die zweite wichtige Facette des Spiels: Durch die zahlreichen Mann-gegen-Mann-Duelle auf dem Feld waren die Torhüter häufig die einzigen freien Spieler. Da beide Teams zudem ein hohes Pressing wagten, blieb häufig nur der Pass zurück zum Keeper.

Die Grafik zeigt Werder Bremens Bemühungen, die letzte Linie des Gegners zu überwinden. Die langen Bälle gingen direkt zu Niclas Füllkrug. Er sollte die Bälle ablegen oder direkt auf Mitchell Weiser oder Marvin Ducksch weiterleiten.

Diese wussten sich meist nur mit langen Bällen zu helfen. Beide Teams setzten ganz bewusst auf lange Zuspiele – allerdings mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Werder Bremen schlug die hohen Bälle hauptsächlich ins Zentrum. Niclas Füllkrug suchte hier das direkte Duell mit den gegnerischen Innenverteidigern. Werder hoffte darauf, die fehlende Eingespieltheit in der gegnerischen Abwehrkette auszunutzen. Der VfL Bochum stellte im fünften Spiel bereits das vierte unterschiedliche Innenverteidiger-Duo auf.

Niclas Füllkrug hatte die Aufgabe, die langen Bälle zu halten oder weiterzuleiten. Marvin Ducksch und Mitchell Weiser sollten diese Zuspiele veredeln. Ducksch wich auf die halblinke Seite aus, während Rechtsverteidiger Weiser weit nach vorne rückte. Er agierte fast schon als dritter Stürmer neben Füllkrug und Ducksch. Immer wieder attackierten Ducksch und Weiser die Schnittstellen zwischen gegnerischem Außen- und Innenverteidiger.

Werder Bremen gegen den VfL Bochum in der Taktik-Analyse: Bochum mit Überzahl auf dem Flügel, aber ohne Genauigkeit

Der VfL Bochum hingegen schlug nur selten lange Bälle ins Zentrum. Sie bevorzugten den Weg über die Außen. Die pfeilschnellen Außenstürmer Gerrit Holtmann und Takuma Asano sollten mit langen Bällen hinter die Kette des SV Werder Bremen geschickt werden. Bochum versuchte aber auch manches Mal, die Flügel mit flachen Pässen zu erreichen. Stöger und Förster wichen aus dem Zentrum immer wieder weit nach Außen, um hier Überzahlsituationen herzustellen. Das war gegen die Verteidigung des SV Werder eine gute Idee: Durch die mannorientierte Spielweise folgte der Bremer Gegenspieler. Es entstand eine Lücke im Zentrum, in die der VfL Bochum hineinstoßen wollte.

Die Pläne waren auf beiden Seiten klar zu erkennen. Lange Zeit haperte es jedoch an der Umsetzung. Die zahllosen langen Bälle auf beiden Seiten schlugen sich auch in der Passquote nieder. Der VfL Bochum brachte 68 Prozent der Pässe an den Mann, Werder gar nur 64%. Das war der mit Abstand schwächste Wert der Bremer in dieser Saison. Zwar kamen sowohl Bochum als auch Werder Bremen immer mal wieder zu Chancen; eine echte Dominanz konnte aber kein Team aufbauen. Kein Wunder: Meist landete der Ball direkt beim Gegner, kurz nachdem er erobert wurde. Es mangelte beiden Teams an Genauigkeit.

Werder Bremen gegen den VfL Bochum in der Taktik-Analyse: Werder mit dem Last-Minute-Schlag

So konnte keine Mannschaft wirkliche Kontrolle über die Partie herstellen. Es gab immer wieder Phasen, in denen ein Team dem anderen überlegen schien. Werder Bremen gelang es kurz nach der Pause, Bochums Doppelsechs aus dem Zentrum herauszuziehen. Der VfL Bochum konterte kurz darauf, indem er die Außenspieler austauschte. Der frisch eingewechselte Christopher Antwi-Adjei (71., für Simon Zoller) wirbelte Werders Defensive durcheinander.

Erst in der Schlussphase gingen die taktischen Pläne beider Teams auf. Der VfL Bochum erzielte einen Treffer nach einer Überladung des rechten Flügels (80.). Stöger bewegte sich nach einem Doppelpass in den Raum, den er selbst durch sein Ausweichen geöffnet hatte. Seine Flanke versenkte Philipp Hofmann. Werder Bremen wiederum traf nach einem langen Ball auf den eingewechselten Oliver Burke, der den aufgerückten Weiser bediente. Dessen Flanke fand den Kopf von Niclas Füllkrug (86.). Werders Glück: Nur eins der beiden Tore zählte – nämlich Bremens. Hofmann hatte bei Bochums Treffer den Ball mit der Hand gespielt. Oliver Burke holte in der Nachspielzeit einen Elfmeter heraus, den Füllkrug verwandelte. Das besiegelte Werders Sieg.

So kam Werder Bremen in einem umkämpften Spiel zu einem erneuten Last-Minute-Erfolg beim VfL Bochum. Kontrolle erlangte Werder in der Partie nur selten. Die zahlreichen Duelle Mann-gegen-Mann auf dem Feld sorgten für ein kampfbetontes Spiel. Werder nahm die Zweikämpfe an – und wurde am Ende belohnt.

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