Werder Bremen gegen Borussia Dortmund in der Taktik-Analyse: SVW-Trainer Ole Werner hielt gegen den BVB an der Formation fest, die den Bremern in der vergangenen Saison den Bundesliga-Aufstieg bescherte.
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Werder Bremen gegen Borussia Dortmund in der Taktik-Analyse: SVW-Trainer Ole Werner hielt gegen den BVB an der Formation fest, die den Bremern in der vergangenen Saison den Bundesliga-Aufstieg bescherte.

Werder gewinnt beim BVB

Der Wahnsinn in der Taktik-Analyse: Warum Borussia Dortmund Werder Bremen nicht in den Griff bekam

Bremen - Diese Nachspielzeit geht in die Bremer Geschichte ein! Doch auch in den neunzig Minuten davor stach das Spiel zwischen Borussia Dortmund und Werder Bremen aus dem Bundesliga-Alltag heraus. Unser DeichStube-Taktikkolumnist Tobias Escher analysiert die Partie.

Bundesliga-Spiele im Jahr 2022 verlaufen meist recht ausrechenbar. Das bezieht sich nicht auf das Ergebnis - auch wenn man viel Fantasie benötigt, sich einen anderen Meister als die Bayern vorzustellen. Vielmehr steht bei vielen Partien bereits im Vorhinein fest, wie sich die Teams strategisch einstellen. Trifft ein Aufsteiger auf einen finanzstarken Klub wie Borussia Dortmund, wird der Aufsteiger wenig Ballbesitz sammeln. Außenseiter wie Werder Bremen bleibt meist nur die Hoffnung, gut zu verteidigen und noch besser zu kontern.

Das Bremer Gastspiel bei Borussia Dortmund stach heraus. Das lag nicht nur an der historischen Tatsache, dass noch nie eine Mannschaft nach der 88. Minute einen 0:2-Rückstand aufgeholt hat. Es war viel eher der Spielverlauf, der für Verwunderung sorgte: Werder Bremen dominierte das Geschehen, sammelte in Phasen des Spiels fast siebzig Prozent Ballbesitz – und das alles gegen den amtierenden Vizemeister der Bundesliga.

Werder Bremen gegen Borussia Dortmund in der Taktik-Analyse: Die Bremer beginnen mutig beim BVB

Trainer Ole Werner hielt auch gegen Borussia Dortmund an der Formation fest, die Werder Bremen vergangene Saison den Aufstieg bescherte. Werder begann in einem 5-3-2. Auffällig war erneut, wie stark sich die Bremer defensiv am Mann orientierten. Leonardo Bittencourt verfolgte den jeweils zurückfallenden Sechser, Christian Groß nahm Zehner Marco Reus in die Mangel.

Wie bereits gegen den VfB Stuttgart begann Werder Bremen die Partie äußerst mutig. Aus dem eigenen 5-3-2 schoben sie immer wieder weit nach vorne. Mohammed Dahoud ließ sich im 4-2-3-1-System von Borussia Dortmund weit fallen, um Manndecker Bittencourt abzuschütteln. Der BVB bekam zwar kaum Pässe ins finale Drittel. Zumindest konnte er den Ball in der eigenen Hälfte laufen lassen. Es half, dass die tiefen Außenverteidiger häufig freistanden.

Nachdem Dahoud die Partie früh verletzt verlassen musste (18.), verlor Borussia Dortmund zunehmend die Kontrolle. Ersatzmann Emre Can wackelte einige Male, sodass Werders Pressing sich zunehmend auszahlte. Zwar gewann Werder Bremen den Ball nicht in der gegnerischen Hälfte. Sie störten jedoch zusehends den Spielfluss des BVB. In der Anfangsviertelstunde lag der Dortmunder Ballbesitzwert noch bei über siebzig Prozent. Er sank nach der Dahoud-Auswechslung auf knapp über fünfzig Prozent.

Werder Bremen gegen Borussia Dortmund in der Taktik-Analyse: Bremer mit den besseren Angriffen

Der BVB versuchte weiterhin, über die Außen das Pressing des SV Werder Bremen zu umspielen. Stürmer Anthony Modeste bewegte sich stets in den ballfernen Raum. Die Idee, über eine Seite anzugreifen und dann Modeste auf der anderen zu finden, ging aber nicht auf. Das lag vornehmlich an den Außenstürmern von Borussia Dortmund: Gerade der junge Linksaußen Jamie Bynoe-Gittens verlor häufig den Ball, er wies nur ein erfolgreiches Dribbling vor bei fünf Versuchen.

Die Grafik zeigt Werder Bremens Pressing gegen Borussia Dortmund: Im Mittelfeld spielten sie gewohnt Mann-gegen-Mann. Wenn Mitchell Weiser herausrückte, rückte die gesamte Abwehrkette nach. Der BVB wollte den Flügel entlangspielen, um anschließend auf den ballfernen Anthony Modeste zu verlagern. Doch Jamie Bynoe-Gittens verlor viele Bälle.

Werders Angriffe funktionierten besser. Wie gewohnt kamen die Bremer vor allem über die rechte Seite. Rechtsverteidiger Mitchell Weiser agierte offensiver als Linksverteidiger Anthony Jung. Werder Bremen verfolgte vor allem zwei Angriffsrouten: Entweder verlagerten sie das Spiel direkt von der rechten auf die linke Seite. Alternativ versuchten sie, Leonardo Bittencourt mit Läufen in die Tiefe einzusetzen. Werder kam damit einige Male in die Nähe des Strafraums von Borussia Dortmund, es fehlte jedoch die Genauigkeit im letzten Drittel.

Zumindest aber gelang es Werder Bremen, den BVB vom eigenen Tor fernzuhalten. Die Dortmunder versteiften sich darauf, in einem 4-4-1-1 in der eigenen Hälfte zu verteidigen. Dann spielte Borussia Dortmund das Glück in die Karten: Kurz vor der Pause landete ein Fernschuss von Julian Brandt im Bremer Kasten (43.).

Werder Bremen gegen Borussia Dortmund in der Taktik-Analyse: Werder macht das Spiel, der BVB die Tore

Dass Werder Bremen Spiele dominieren kann, haben sie in der 2. Bundesliga bewiesen. Dass ihnen das auch im Signal Iduna Park gelingt, war hingegen eine große Überraschung. Der BVB stellte das Pressing nach der Pause vollkommen ein. Sie zogen sich in die eigene Hälfte zurück, Bremens Dreierkette durfte den Ball laufen lassen.

Werder Bremen nahm die Rolle des Spielgestalters an. In der ersten Viertelstunde nach der Pause sammelten sie 69% Ballbesitz, in der gesamten zweiten Halbzeit immerhin 61%. Werder suchte gegen Borussia Dortmund entweder den Weg über den rechten Flügel – oder versuchte direkt in das Zentrum zu spielen. Hier stand der BVB überraschend offen.

So kam Werder im Verlauf der zweiten Halbzeit zu immer mehr Chancen gegen Borussia Dortmund. Besonders Bittencourt wirbelte viel, aber auch Marvin Ducksch und Niclas Füllkrug verließen immer wieder ihre Position. Dem BVB mangelte es an Struktur, um die Positionswechsel der Bremer zu verfolgen. Doch Werder Bremen konnte das Übergewicht nicht in Tore ummünzen. Schlimmer noch: Durch einen Sonntagsschuss erhöhte Guerreiro die Führung (77.).

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Werder Bremen gegen Borussia Dortmund in der Taktik-Analyse: Das Wunder vom Signal Iduna Park

Zur Wahrheit gehört aber auch: Der BVB bekam die Partie nach der 62. Minute besser unter Kontrolle. Hier tauschte Trainer Edin Terzic seine Außenstürmer aus. Das stabilisierte das Team gerade in der Rückwärtsbewegung. Mit Youssoufa Moukoko kam in der 81. Minute ein Konterstürmer bei Borussia Dortmund, der Werders Verteidigern Probleme bereitete. Zwischen der 64. und 89. Minute gab Werder Bremen keinen einzigen Torschuss ab.

Danach brannte Werder Bremen ein Feuerwerk ab. Die Bremer Joker machten gegen den BVB machten den Unterschied: Lee Buchanan spielte auf links extrem offensiv, Niklas Schmidt startete unentwegt in den Strafraum, Oliver Burke lief permanent die Schnittstellen der Verteidiger an. Zwei der drei Tore leitete Werder gegen Borussia Dortmund über die eigene rechte Seite ein.

Es war der außergewöhnliche Schlussakt eines außergewöhnlichen Spiels. Dass ein Bundesliga-Aufsteiger über neunzig Minuten betrachtet mehr Ballbesitz sammelt als Borussia Dortmund, ist an sich schon bemerkenswert. Dass Werder Bremen den BVB über weite Strecken dominierte, erstaunt umso mehr. Werder hat lange gebraucht, ehe sie sich spät für ihre starke Leistung belohnten.

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