Der SV Werder Bremen hat das Heimspiel gegen den FC Augsburg verloren - Tobias Escher erklärt in der Taktik-Analyse, wie die Gäste die Mannschaft von Trainer Ole Werner (Bild) auf ihr Niveau heruntergezogen haben!
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Der SV Werder Bremen hat das Heimspiel gegen den FC Augsburg verloren - Tobias Escher erklärt in der Taktik-Analyse, wie die Gäste die Mannschaft von Trainer Ole Werner (Bild) auf ihr Niveau heruntergezogen haben!

Werders 0:1-Niederlage gegen den FCA

Taktik-Analyse: Wie der FC Augsburg den SV Werder auf das eigene Niveau herunterzog

Bremen - Möchte Werder Bremen etwas Positives aus dem 0:1 gegen den FC Augsburg mitnehmen, dann vielleicht die Gewissheit, wie viel Respekt die Gegner in der Bundesliga vor dem Weserstadion haben. Augsburg zog mit der eigenen Taktik Werder auf das eigene Niveau herunter – und die Bremer fanden keine Antwort, meint unser Taktik-Kolumnist Tobias Escher.

Einer der meistverbreiteten Irrtümer im Bereich der Fußballtaktik ist die Idee, dass mehr Stürmer automatisch mehr Offensive bedeuten. Mehr Stürmer bedeuten zwar mehr Präsenz in der vordersten Reihe. Dafür gerät eine Mannschaft allerdings im Mittelfeld in Unterzahl. So bekommt sie Probleme, die eigenen Stürmer mit Pässen zu füttern. Diese Gleichung war auch beim Spiel zwischen Werder Bremen und dem FC Augsburg zu beobachten. Augsburgs Trainer Enrico Maaßen stellte gleich vier gelernte Stürmer auf. Besonders offensiv war das Spiel der Augsburger indes nicht. Sie konzentrierten sich auf ihr Pressing und ihr Umschaltspiel – und trieben damit Werder in den Wahnsinn.

Werder Bremen gegen den FC Augsburg in der Taktik-Analyse: Augsburger Pressing nervt Werder

Gleich vier gelernte Stürmer standen in Augsburgs Startelf. Ermedin Demirovic und André Hahn mussten angesichts der Fülle an Angreifern auf die Flügel ausweichen. Florian Niederlechner kam aus einer etwas tieferen Position. Der FC Augsburg wollte Werder Bremens 5-3-2-System also mit einem 4-2-3-1 kontern.

Augsburgs Aufstellung sollte der Mannschaft nicht unbedingt in der Offensive einen Vorteil bringen. Vier Stürmer aufzustellen, bedingt zugleich eine Unterzahl im Mittelfeld. Hier geriet die Doppelsechs des FC Augsburg gegen Werder Bremens Drei-Mann-Mittelfeld in Unterzahl. Auch deshalb musste sich Niederlechner immer wieder fallen lassen, um Werders Sechser Christian Groß zu decken.

Augsburgs Aufstellung verfolgte einen anderen Zweck. Sie wollten das Spiel komplett aus dem Mittelfeld fernhalten. Hatte Werder Bremen den Ball, lief der FC Augsburg früh an. Niederlechner deckte Groß, die übrigen drei Stürmer pressten die Bremer Dreierkette. So zwang der FCA die Bremer zu vielen überhasteten Abspielen. Werders Passgenauigkeit lag in der ersten Hälfte bei 68%.

Werder Bremen gegen den FC Augsburg in der Taktik-Analyse: Lange Bälle prüfen die Bremer Abwehrkette

Der FC Augsburg spielte indes noch wesentlich ungenauer. Gerade einmal 51% der Zuspiele brachten die Fuggerstädter an den Mann – absoluter Negativrekord in dieser Bundesliga-Saison. Das lag daran, dass Augsburg gar kein Interesse hatte, das Spiel zu gestalten. Nach Ballgewinnen jagten sie die Kugel direkt nach vorne. Sie wollten ihre vier Angreifer einsetzen – koste es, was es wolle. Gerade in der Anfangsviertelstunde nervten sie damit die Verteidigung des SV Werder Bremen. Die Dreierkette schaltete sich wie gewohnt in den eigenen Spielaufbau ein. Marco Friedl und Amos Pieper rückten vor, um Gegner zu verfolgen oder bei eigenen Angriffen auszuhelfen. Dieses Aufrücken bestrafte Augsburg konsequent: Sie suchten und fanden sofort die Lücken hinter Bremens Abwehr.

Die Grafik zeigt das Augsburger Pressing: Vorne stellte der FC Augsburg den Gegner Eins-gegen-Eins zu, wobei Ermedin Demirovic und Andre Hahn notfalls auch die Lücken zu den Bremer Außenverteidigern zulaufen konnten. Werder Bremen tat sich mit diesem Pressing lange Zeit schwer.

Werder Bremen benötigte einige Zeit, um sich an das „Kick and Rush“ des FC Augsburg anzupassen. Groß ließ sich später konsequent in die eigene Abwehrreihe fallen. So half er, die hohen Bälle des Gegners herauszuköpfen. Mitte der ersten Halbzeit erlangte Werder erstmals Kontrolle über das Spiel. Auch Werder setzte gegen Augsburgs hohes Pressing vermehrt auf lange Bälle. Gegen die zweikampfstarke Innenverteidigung des Gegners konnten Werders Stürmer diese Bälle aber nur selten behaupten.

Werder Bremen gegen den FC Augsburg in der Taktik-Analyse: Bremer Versuche, das Spiel zu gestalten

Besser lief es, wenn Werder Bremen sich an der ersten Pressingreihe des Gegners vorbeikombinierte. Niclas Füllkrug und Marvin Ducksch ließen sich wie gewohnt tief fallen. Dadurch zogen sie die Doppelsechs des Gegners heraus. Mitchell Weiser und die nach vorne rückenden Mittelfeldspieler besetzten die frei werdenden Räume vor der Abwehr des FC Augsburg. Der schönste Angriff dieser Sorte erfolgte in der 14. Minute, Ducksch vergab jedoch die Abschlusschance.

„Das hatte nichts mehr mit Fußball zu tun“: Die Stimmen zum Spiel zwischen Werder Bremen und dem FC Augsburg!

Nach der Pause verhielt sich die Doppelsechs des FC Augsburg passiver. Sie verfolgten ihre Gegenspieler nicht mehr, sondern verharrten vor der Abwehr. Einerseits vereinfachte dies Werders Spielaufbau. Sie konnten nun am gegnerischen Pressing vorbeispielen und das eigene Mittelfeld bedienen. Werder Bremens Passgenauigkeit in der zweiten Hälfte kletterte auf 83%. Vor das Tor kamen sie jedoch nur selten. Dazu verteidigte Augsburg in der eigenen Hälfte zu kompakt.

Werder Bremen gegen den FC Augsburg in der Taktik-Analyse: Schlafmoment besiegelt Bremer Schicksal

Ausgerechnet in dieser ausgeglichenen Phase unterlief Werder Bremen ein folgenschwerer Fehler. Nach einer gegnerischen Ecke rückte die Mannschaft nicht konsequent heraus. Der FC Augsburg verlagerte das Spiel und erzielte den Führungstreffer (63.). Mit der Führung im Rücken gab Augsburg das hohe Pressing auf. Die Stürmer verließen nach und nach das Feld. Der FCA verteidigte nun in einer Mischung aus 3-4-3 und 5-4-1.

Werder Bremen musste gegen die Augsburger Mauer anrennen. Trainer Ole Werner tauschte sein komplettes Mittelfeld aus. Nach der Einwechslung von Oliver Burke (67.) agierte Ducksch als dritter Mittelfeldspieler. Praktisch immer zog es den Stürmer in den Strafraum. Doch obwohl Werder Ball für Ball in den Strafraum schlug: Es fand sich immer ein Verteidiger beim FC Augsburg, der die Kugel klären konnte. Selbst ein zweifelhafter Elfmeter half Werder nicht, in der Nachspielzeit zu treffen - denn Marvin Ducksch verschoss.

Der Gegner mag vier Stürmer aufgestellt haben: Besonders offensiv ging der FC Augsburg die Partie in Bremen nicht an. Zwar wagten sie ein hohes Pressing. Doch spielerisch setzte der FCA voll und ganz auf lange Bälle. Ihr Kalkül, das Spiel aus dem Zentrum herauszuhalten, ging voll auf – auch weil Werder Bremen zu lange benötigte, um gegen die hohen Bälle des Gegners stabil zu stehen. Werder musste Lehrgeld bezahlen gegen einen Gegner, der sie auf das eigene Niveau herunterzog.

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