+
Werder Bremen schlägt Union Berlin 2:1. Tobias Escher erklärt in seiner Taktik-Analyse, wie Werder-Coach Florian Kohfeldt (Foto) drei Punkte aus Berlin entführte.

Werder-Sieg in Berlin in der Analyse

Taktik-Analyse: Werder-Notelf nimmt Unions lange Bälle an die kurze Leine 

Von Tobias Escher. Florian Kohfeldt hatte schon einmal mehr Auswahl für seine Aufstellung. Verletzungen dezimierten seine Optionen vor dem Spiel bei Union Berlin, die Elf des SV Werder Bremen stellte sich praktisch von selbst auf. Dennoch war ein Sieg gegen den Aufsteiger Pflicht, schließlich träumt Bremen doch auch in dieser Saison wieder vom Europapokal. Kohfeldts taktisches Geschick war gefragt – und eine gehörige Portion Kreativität.

Dennoch war ein Sieg für Werder Bremen gegen den Aufsteiger Union Berlin Pflicht, schließlich träumt Werder doch auch in dieser Saison wieder vom Europapokal. Florian Kohfeldts taktisches Geschick war gefragt – und eine gehörige Portion Kreativität.

Überraschung: Werder Bremen taktisch im 4-4-2

In der Tat überraschte Werder-Coach Florian Kohfeldt mit seiner Formation gegen Union Berlin. Anstatt auf die gegen Augsburg erfolgreiche Variante einer Mittelfeld-Raute zu setzen, schickte Kohfeldt Werder Bremen in einem 4-4-2 auf das Feld. Yuya Osako rückte in den Sturm vor, Johannes Eggestein und Neuzugang Leonardo Bittencourt besetzten die Flügelpositionen.

Die Gründe für die Wahl dieser Formation dürfte eher in der Abwehr gelegen haben. In der 4-4-2-Formation konnte Werder mit einer Doppelsechs auflaufen. Nuri Sahin und Davy Klaassen besetzten den Raum vor der Innenverteidigung. Sie sollten als zusätzlicher Schutz dienen für die uneingespielte Viererkette, in der Christian Groß und Theodor Gebre Selassie zentral verteidigten.

Zugleich diente die Doppelsechs auch als Schutz gegen lange Bälle. Diese sind das liebste Stilmittel von Union Berlin. Auch in dieser Partie jagten sie den Ball aus der Abwehrreihe fast immer direkt nach vorne. Sie suchten vor allem den halbrechten Raum. Dort lauerten Rechtsaußen Sheraldo Becker und Stürmer Sebastian Andersson auf die langen Bälle. Klaassen und Sahin verblieben tief, um nach hohen Pässen den zweiten Ball erobern zu können. Werder Bremen verteidigte die langen Bälle über die gesamte Spielzeit hinweg souverän.

Die Grafik zeigt Werder Bremens Verteidigung gegen lange Bälle. Union versuchte, aus der Abwehr den Ball lang auf die halbrechte Seite zu spielen. Das Mittelfeldzentrum ließen sie verwaisen - Gentner fiel weit zurück, Andrich rückte vor. Werders Doppelsechs verblieb tief, um zweite Bälle erobern zu können.

Werder Bremen gegen Union Berlin: Wenig Druck, wenig Offensivgefahr

Die tiefe Rolle der Doppelsechs bedeutete im Umkehrschluss, dass Werder Bremen nur wenig Druck ausübte im zentralen Mittelfeld. Für eigene Verhältnisse baute Werder das 4-4-2 recht tief auf. Die beiden Stürmer versuchten zwar immer wieder, zusammen mit den Außenstürmern vereinzelte Pressingattacken zu starten. Union befreite sich daraus aber gut und spielte anschließend die erwähnten langen Bälle.

Der fehlende Zugriff im Pressing war nur ein Faktor, warum Werder die Partie nie so recht in den Griff bekam. Der zähe Spielbeginn mit seinen zahlreichen Videoassistent-Unterbrechungen trug einen Teil dazu bei, aber auch Werders offensive Probleme zeigten sich deutlich.

Gerade in der Anfangsphase presste Union Berlin früh. Sie versuchten dabei, immer einen Mann nahe Sahin abzustellen. Der zurückfallende Sechser wurde so aus dem Spiel genommen. Dass Werder Bremen selten aus der Ballzirkulation nach vorne kam, lag auch an der nicht optimalen Raumbesetzung. Bittencourt und Eggestein rückten teils vom Flügel weit ins Zentrum, ohne dass ein Außenverteidiger die Breite besetzte. Bremens Spiel war somit teilweise zu eng. Vor das Tor kamen sie meist dann, wenn ein Stürmer auf die Flügel auswich oder Klaassen überraschend vorstieß.

Werder Bremen und das leichte Zittern zum Schluss

Die taktische Ausgangslage und die Schiedsrichter-Entscheidungen sorgten für eine zerfahrene erste halbe Stunde. Erst als sich Union im Pressing weiter zurückzog, bekam Werder Bremen Kontrolle über die Partie. Union verteidigte fortan kurz hinter der Mittellinie im eigenen 4-4-2. Der tief fallende Sahin brachte mehr Struktur ins Spiel. Noch immer plagte Werder die Breite im letzten Drittel, viele kleinere Fehlpässe trugen ihren Teil bei, dass Werder vergleichsweise wenig Ballbesitz sammelte.

Nach dem Bremer Führungstreffer zum 2:1 (55.) intensivierten die Gastgeber ihre Bemühungen wieder. Union ging früh auf Bremen los, verteidigte aggressiv nach vorne. Nuri Sahin wurde nun von einem aufrückenden Sechser aus dem Spiel genommen. Werder Bremen wiederum verblieb bei Unions Ballbesitz tief mit der eigenen Doppelsechs, konnte somit also weniger Druck erzeugen. Dass Werder weiterhin stabil stand gegen lange Bälle, war in diesen Minuten der entscheidende Faktor.

Union Berlin kam dennoch zu Chancen, hauptsächlich über die Flügel. Urs Fischer wechselte nach und nach quirlige Flügelstürmer ein. Union nutzte nun aus, dass die Außenstürmer von Werder Bremen häufig ins Zentrum rückten. Unions Außenverteidiger kamen dadurch frei, sie suchten die Kombinationen auf den Flügeln. Trotz höherer Spielanteile in der Schlussphase trat Union nicht zwingend genug auf, um den Ausgleich zu erzielen. Nach den beiden Gelb-Roten Karten gegen Neven Subotic (89.) und Nuri Sahin (90.) verlor die Partie in der langen Nachspielzeit den Spielfluss, es blieb beim 2:1.

Werder Bremen gegen Union Berlin: Taktisches Fazit

An allen Ecken und Enden spürte man: Diese Werder-Elf ist nicht eingespielt. Zwar überzeugte Werder Bremen gegen den Ball mit einem guten Konzept gegen Unions lange Bälle. Doch 53 Prozent Ballbesitz sowie eine Passquote von 76% zeugen nicht gerade von einer hohen Dominanz. Für Werders Anspruch sind das ernüchternde Zahlen gegen einen Aufsteiger, der selbst auf Konter und lange Bälle setzt.

Doch angesichts der Verletztenmisere ging es Werder Bremen an diesem Nachmittag ausschließlich um die drei Punkte. Und die haben sie geholt. Florian Kohfeldt dürfte sich indes auf die Tage freuen, an denen er wieder mehr Optionen zur Verfügung hat als gegen Union Berlin.

Mehr News zu Werder Bremen

Derweil ist Werder Bremen Letzter im Fairplay-Ranking der Bundesliga und damit die derzeit „unfairste Mannschaft“. Starke Ballaktionen und ein harter Banden-Crash: So lief das Debüt von Leonardo Bittencourt für Werder Bremen.

Auch interessant

Neu und nur in der DeichStube!

DIE DEICHSTUBE ALS KOSTENLOSE APP

Die DeichStube gibt es jetzt auch als kostenlose App. Einfach downloaden!

Was denkst Du über den Artikel?

Nichts mehr verpassen

Kommentare