Gegen den VfL Wolfsburg stand Werder Bremen über weite Strecken defensiv kompakt, Florian Kohfeldts Taktik funktionierte - bis ein Fehler alles zunichte machte.
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Gegen den VfL Wolfsburg stand Werder Bremen über weite Strecken defensiv kompakt, Florian Kohfeldts Taktik funktionierte - bis ein Fehler alles zunichte machte.

Nach 0:1-Pleite gegen den VfL Wolfsburg

Taktik-Analyse: Ein Fehler macht Werders starke Defensivleistung zunichte

Von Tobias Escher. Gegen den VfL Wolfsburg wusste Werder Bremen über weite Strecken defensiv zu überzeugen, Florian Kohfeldts taktischer Plan ging auf. Ein Fehler machte alles zunichte – und warf zugleich ein Schlaglicht auf die nicht funktionierende Offensive der Bremer. Die Taktikanalyse.

Werders Trainer Florian Kohfeldt dürfte sich wünschen, Fußballspiele würden nur 45 Minuten dauern. Werder Bremen wäre nicht Vorletzter der Tabelle, sondern stünde auf Rang acht. 24 Punkte verspielten die Bremer in dieser Saison nach der Pause. Das ist der schlechteste Wert der Liga.

Auch gegen den VfL Wolfsburg zeigte sich dieses Problem: Bereits zum 14. Mal in dieser Saison blieb der SV Werder vor der Pause ohne Gegentreffer. Am Ende standen sie trotzdem ohne Punkt da. Ein Grund dafür: Kohfeldt gab seinem Team wie gewohnt einen defensiv soliden Plan mit. Doch Fehler und Unkonzentriertheiten sorgten dafür, dass er in der zweiten Halbzeit schlechter ausgeführt wurde als in der ersten.

Werder Bremen: Davy Klaassen und Yuya Osako als Spielzerstörer

Kohfeldt nahm im Vergleich zum 0:3 gegen Eintracht Frankfurt drei Änderungen in der Startelf vor. Josh Sargent, Ludwig Augustinsson und Philipp Bargfrede rückten für Davie Selke, Marco Friedl und Finn Bartels in die Anfangsformation. Am taktischen System hielt Kohfeldt indes fest. Werder begann in einer Mischung aus 3-4-3 und 5-2-3.

Ungewohnt war, dass Davy Klaassen die Rolle des nominellen Rechtsaußen übernahm. Auf dem rechten Flügel agierte er dabei nur auf dem Papier. Er rückte weit in die Mitte ein. Auch Linksaußen Yuya Osako zog es immer wieder ins Zentrum.

Das hatte vor allem defensivtaktische Gründe: Osako und Klaassen übernahmen die Manndeckung der gegnerischen Doppelsechs. Die Wolfsburger Mittelfeldspieler Maximilian Arnold und Xaver Schlager ließen sich immer wieder fallen, um das Spiel aus der Tiefe anzukurbeln. Klaassen und Osako standen ihnen jedoch auf den Füßen.

Die Grafik zeigt Werders Pressing: Klaassen und Osako nahmen im Zentrum die gegnerische Doppelsechs in Manndeckung. Kam der Ball auf die freien Außenverteidiger, rückten Gebre Selassie und Augustinsson nach vorne.

Werder Bremen mit lauffreudigen Außenverteidigern

Das weite Einrücken von Klaassen und Osako hatte eine Lücke auf den Flügeln zur Folge. Theoretisch hätte der VfL Wolfsburg im Aufbau das Zentrum umspielen und das Spiel direkt auf die Flügel verlagern können. Das entspricht aber einerseits nicht der taktischen Ausrichtung ihres Trainers Oliver Glasner. Er bevorzugt es, die Außenverteidiger erst in der gegnerischen Hälfte in den Aufbau einzubinden.

Andererseits war Werder selbst dann gewappnet, wenn Wolfsburg doch einmal den Weg über die Außenverteidiger suchte. Die Bremer Außenverteidiger rückten aggressiv vor, sobald Wolfsburgs Flügelspieler den Ball bekamen. Bremens Außenverteidiger Ludwig Augustinsson und Theodor Gebre Selassie liefen knapp zwölf Kilometer und somit mehr als alle Mitspieler.

Bremen gelang es über weite Strecken der ersten Halbzeit, Wolfsburgs Spielaufbau lahmzulegen. Gegen das aggressive Bremer Mittelfeldpressing wussten sich die Wölfe nur mit langen Schlägen zu helfen. Bremens Abwehrkette stimmte sich gut ab, sobald ein Abwehrspieler zum Kopfballduell überging.

Werder Bremen gegen den VfL Wolfsburg einmal mehr offensiv völlig harmlos

Dass Werder Bremen sich im Spiel gegen den Ball präsent und zweikampfstark präsentierte, war nach den vergangenen Spielen keine Neuigkeit mehr. Kohfeldts Mannschaft agiert seit der Corona-Pause defensiv stabiler.

Für die andauernden offensiven Probleme hingegen konnte er auch gegen Wolfsburg keine Lösung präsentieren. Die Wölfe zeigten sich in ihrem eigenen 4-4-1-1-Pressing aggressiv, sie liefen Bremens Verteidiger wieder und wieder an. Diese behalfen sich mit langen Schlägen. Vorne fehlte Werder ein Stürmer, der diese Bälle festmachen konnte.

Selbst wenn es Bremen mal gelang, sich mit Ein-Kontakt-Kombinationen durch das Mittelfeld zu kombinieren, versprühten sie im Angriffsdrittel keinerlei Gefahr. Vorne startete kein Spieler energisch in die Tiefe, im Strafraum tauchten nie mehr als drei Spieler auf. Symptomatisch waren die Szenen, in denen Augustinsson sich am linken Flügel durchsetzt. Bereits vor der Hereingabe wusste man, dass sich kein Bremer im Strafraum durchsetzen wird. Wer sollte dieser Spieler schließlich sein? Weder Josh Sargent noch Yuya Osako gewannen Offensivzweikämpfe gegen Wolfsburgs einen Kopf größere Innenverteidiger.

Leicht verbesserte Wolfsburger nach der Pause

Das Spiel entschied sich nach der Pause. Wolfsburg versuchte in der zweiten Halbzeit, gezielter die Räume auf dem Flügel anzuspielen. Ihre Außenstürmer rückten nun nicht mehr ins Zentrum ein. Später agierten sie mit zwei echten Stürmern in einem klassischen 4-4-2. Aus dem Spiel heraus blieben ihre Flanken ungenau.

Nur einmal kamen sie über die Flügel vor das Tor – aber nicht aus dem geordneten Spielaufbau, sondern in Folge eines Konters. Die Strafraumverteidigung der Bremer versagte in dieser Situation: Klaassen verpasste es, die Linie zu halten und den ersten Pfosten abzudecken. Kevin Vogt ging nicht zur Manndeckung über und ließ Wout Weghorst ziehen. Eine Fehlerkette machte 81 Minuten solider Defensivarbeit zunichte.

Ein Schlussspurt gelang Werder Bremen nicht. Glasner wechselte Kopfballstärke in der Innenverteidigung ein, mit einem 5-3-2 verteidigten die Wolfsburger die Bremer Angriffe souverän.

Nach der Niederlage mag man auf die unnötigen Fehler der Abwehr vor dem 0:1 schimpfen. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass Werder in den sechs Spielen seit der Corona-Pause gerade einmal drei Tore geschossen hat. Wer offensiv derart harmlos auftritt, kann allenfalls auf ein 0:0 hoffen – und das auch nur, wenn die eigene Abwehr fehlerfrei agiert. Das gelingt Werder im Abstiegskampf allenfalls in der ersten Halbzeit. Ein Spiel dauert aber nun einmal neunzig Minuten.

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