Trainer Markus Anfang veränderte die taktische Formation des SV Werder Bremen gegen den FC St. Pauli.
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Trainer Markus Anfang veränderte die taktische Formation des SV Werder Bremen gegen den FC St. Pauli.

Werder Bremen mit 1:1 gegen St. Pauli

Taktik-Analyse: Wie Anfangs Systemumstellung Werder Bremen gegen den FC St. Pauli half

Gegen den FC St. Pauli wagte Trainer Markus Anfang etwas Neues: Er stellte seine Abwehr in einer Dreierkette auf. Warum die Idee für Werder Bremen lange Zeit aufging und wieso gegen den Tabellenführer am Ende trotzdem nur ein Unentschieden heraussprang, analysiert unser Taktik-Kolumnist Tobias Escher.

Dogmatismus kann man Markus Anfang nicht mehr vorwerfen. In den vergangenen Wochen hatte der Coach des SV Werder Bremen stur an seiner favorisierten 4-3-3-Formation festgehalten. Doch die Ergebnisse blieben aus und die Kritik am Trainer wurde lauter. Wurde es nicht Zeit, ein neues Spielsystem zu wagen? Gegen den Tabellenführer FC St. Pauli stellte Anfang um. Die neu formierte Fünferkette half, die Defensive zu stabilisieren.

Systemumstellung bei Werder Bremen gegen FC St. Pauli: 5-3-2 mit offensiven Außenverteidigern

Anfang stellte seine Mannschaft in einem 5-3-2 auf. Anthony Jung, Marco Friedl und Milos Veljkovic bildeten in der Abwehr eine Dreierkette. Flankiert wurden sie auf rechts von Felix Agu und auf links von – Überraschung! – Romano Schmid. Der Dribbelkünstler half als linker Außenverteidiger aus. Beide interpretierten ihre Rolle offensiv. Gerade Schmid stieß immer wieder nach vorne vor.

Die Grafik zeigt, wie dicht besiedelt das Zentrum in dieser Partie war. Werder Bremen konterte die Raute des FC St. Pauli, indem es in seiner 5-3-2-Formation das Zentrum kompakt schloss.

Im Angriff gab es ebenfalls eine Überraschung: Niclas Füllkrug startete als zweiter Stürmer neben Marvin Ducksch. Anfang setzte also auf eine Doppel-Spitze. Das Dreiermittelfeld hinter ihnen sollte die Räume zwischen Abwehr und Angriff bewachen. In erster Linie war die neue Formation eine defensive Maßnahme. Das 5-3-2 eignet sich besonders dafür, das Zentrum zu schließen. Hier steht die verteidigende Mannschaft mit drei Innenverteidigern und drei zentralen Mittelfeldspielern äußerst kompakt. Die beiden Stürmer helfen, die Passwege ins Mittelfeld zu schließen.

Dank Werder Bremens Systemänderung bleibt St. Paulis Raute wirkungslos

Genau das war das Ziel gegen FC St. Pauli: Der Tabellenführer greift am liebsten durch das Zentrum an. St. Paulis Coach Timo Schultz stellt seine Mannschaft dazu in einer Rautenformation auf: Die vier zentralen Mittelfeldspieler bewegen sich ständig. Sie sollen die Verbindung zwischen Abwehr und Angriff herstellen. Diese Verbindungswege kappte Werder Bremen sehr effizient. Immer wieder schoben die Bremer Mittelfeldspieler nach, sobald sich ein Paulianer fallenließ. Auch den Umweg über die Flügel schlossen die Grün-Weißen: Sobald ein gegnerischer Außenverteidiger den Ball bekam, schoss Agu bzw. Schmid aus der Fünferkette nach vorne. Gerade in der Zentrale war Werder äußerst griffig. St. Paulis typischer Spielzug – der Pass vom Achter auf den nach Außen startenden Außenstürmer – konnte Werder praktisch durchgehend verhindern.

Offensiv spürte man, dass Werder in der neuen 5-3-2-Formation noch nicht eingespielt war. Gerade im offensiven Mittelfeld mangelte es an Präsenz. Zwar ließen sich Füllkrug und Ducksch immer mal wieder fallen. Es fehlte jedoch häufig ein nachrückender Mittelfeldspieler. Werder versuchte, mit Risiko nach vorne zu spielen. Die Passgenauigkeit lag jedoch gerade einmal bei 66 Prozent - der schwächste Wert der bisherigen Saison.

Werder Bremen-Remis: In Halbzeit zwei wählt der FC St. Pauli Plan B

In der ersten Halbzeit erarbeitete sich Werder Bremen dennoch ein Chancenplus. Das lag vor allem an der eigenen Stärke nach Standards. St. Paulis Verteidiger schenkten Werder gleich mehrere Freistöße, die praktisch immer gefährlich wurden. Auch mit schnellen Angriffen kam Werder vor das Tor, wenn das Zusammenspiel zwischen Ducksch und Füllkrug funktionierte. Zur Pause hatte Werder ein deutliches Chancenplus.

Schultz reagierte. In der Halbzeitpause brachte er in Simon Makienok (für Maximilian Dittgen) einen waschechten Stoßstürmer. Der Zwei-Meter-Mann sollte hohe Bälle herunterpflücken und weiterleiten. Der FC St. Pauli spielte in der zweiten Halbzeit fast doppelt so viel lange Bälle wie vor der Pause. Es war angesichts der spielerischen Schwächen in der ersten Halbzeit eine passende Umstellung. Zugleich war es das Eingeständnis, dass sie an diesem Nachmittag nicht an Werders kompaktem Mittelfeld vorbeikamen. Zumindest gelang es St. Pauli, das Spiel häufiger in die Bremer Hälfte zu verlagern. Tatsächlich konnte Werder zwar die meisten langen Bälle verteidigen. Die zweiten Bälle gingen aber fast immer an die Gäste. So konnte Werder zwar über einen Konter in Führung gehen (62.). St. Pauli glich aber fast umgehend aus (67.), nachdem sie sich in der Bremer Hälfte festgebissen hatten.

Werder Bremen-Taktik gegen den FC St. Pauli: Stabilität das große Plus, Passquote das große Minus

Während Timo Schultz das Spiel seiner Mannschaft im Verlaufe der zweiten Halbzeit deutlich umstellte, blieb Anfang der neuen Taktik treu. Er wechselte spät und positionsgetreu. So konnte Werder Bremen zwar keinen Sturmlauf mehr starten. Zumindest aber hielten sie sich defensiv schadlos - ein zurecht aberkanntes Tor kurz vor Schluss ausgenommen.

Das Fazit nach dem Spiel fällt zwiegespalten aus. Anfangs Systemumstellung hat defensiv gefruchtet. Gegen den offensivstärksten Zweitligisten ließ Werder nur wenige Torchancen zu. Zugleich zeigt die geringe Passquote, dass auch in der neuen Formation noch viel Arbeit auf Markus Anfang wartet.

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