Theodor Gebre Selassie am Ball.
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Theodor Gebre Selassie glaubt, dass die Verjüngungskur beim SV Werder Bremen funktionieren kann und verrät im DeichStube-Interview, dass er beinahe gar nicht mehr Teil des verjüngten Teams gewesen wäre.

Dienstältester Werder-Profi im Interview

Theo Gebre Selassie über die Werder-Verjüngungskur und das Überleben in der Liga: „Warum sollte es nicht klappen?“

Bremen – Die Frage trifft den Nerv: Spielt Werder Bremen nach dem ersatzlosen Abgang von Davy Klaassen definitiv gegen den Abstieg? Theodor Gebre Selassie entfährt ein empörtes „Boah“, und dann macht seine Antwort klar, dass er düstere Theorien dieser Art nicht mag. „Nach einem Abgang kann man doch nicht sagen: ,Hoffentlich überleben wir das irgendwie‘“, erklärt der 33-Jährige im Interview mit der DeichStube.

Er setzt seine Hoffnung bei Werder Bremen auf Spieler wie Jean-Manuel Mbom, der nun nachrückt, und auf Milot Rashica: „Für uns ist es super, dass er noch da ist.“ Auch super, dass Theodor Gebre Selassie selbst nicht gegangen ist. Denn es gab da bei ihm einen Moment des Nachdenkens...

Herr Gebre Selassie, wissen Sie schon, was Sie am Wochenende vor Weihnachten machen werden?

Ich denke Fußball spielen, da müsste noch ein Spiel sein – Bundesliga, oder?

Richtig! Auswärtsspiel in Mainz – es könnte ihr 250. Bundesliga-Spiel sein, wenn Sie bis dahin immer zum Einsatz gekommen sind.

Cool! 250 Spiele für einen Verein sind schon eine Menge. Das macht mich schon ein bisschen stolz. Aber noch ist es nicht so weit, bis dahin sind ja noch ein paar Spiele.

Werder Bremen: Theodor Gebre Selassie jetzt dienstältester Werder-Profi - „Das ist schon etwas traurig“

Sie sind inzwischen der dienstälteste Werder-Profi, aus Ihrer Anfangszeit ist in Philipp Bargfrede seit diesem Sommer der letzte Weggefährte weg. Wie fühlt sich das an?

Das ist schon etwas traurig. Den einen oder anderen vermisse ich schon, aber so ist das Fußball-Geschäft. Leute kommen und gehen – und einige bleiben ihr Leben lang (lacht).

Beim letzten Werder-Spiel von Davy Klaassen haben Sie von ihm bei dessen Auswechslung die Kapitänsbinde bekommen. Er war Vize-Kapitän. Werden Sie sein Nachfolger?

Das ist eine Frage für unseren Trainer Florian Kohfeldt, der entscheidet das.

Was bedeutet es Ihnen, die Binde tragen zu dürfen?

Es ist eine unglaubliche Ehre – gerade für mich nach so einer langen Zeit in diesem Verein. Das ist wirklich ein besonderes Gefühl.

Wären Sie gerne Kapitän? Das ist ja nicht jedermanns Sache – und Sie sind ja eher ein zurückhaltender Typ.

Wir haben doch einen Kapitän – und einen sehr guten: Niklas Moisander. Klar, Davy ist weg. Schauen wir mal, was Florian vorhat. Aber in meinem Alter bringe ich mich so oder so ein, sage fast immer, was ich denke. Das ist wirklich das Schönste am Alter (lacht).

Werder Bremen: Theodor Gebre Selassie - „Früher musste man ein Ausnahmetalent sein, um seine Chance zu bekommen“

War das früher anders?

Oh ja, das war aber auch meine Art. Ich brauche immer etwas, um warm zu werden. Und man muss sich diese Position, etwas zu sagen, auch erarbeiten. Es ist doch komisch, wenn einer kommt und gleich ganz viel erzählt. Obwohl: Die jungen Spieler haben heute schon ein großes Selbstvertrauen. Das ist okay, aber ich bin da noch einer von der alten Schule. Als junger Spieler durfte man früher fast gar nichts sagen. Aber wir älteren Profis sind heute netter und toleranter. Das Geschäft hat sich auch verändert.

Inwiefern?

Vor 15 Jahren haben nicht so viele junge Spieler eine Chance bekommen. Da musstest du schon ein Ausnahmetalent wie Tomas Rosicky sein. Ansonsten hast du als 20-Jähriger auf deine Zeit gewartet. Das ist jetzt anders.

Und besser?

Es ist super für die jungen Spieler.

Aber schlecht für die älteren Profis.

So ist das Leben. Ich glaube schon, dass es ältere Profis in Zukunft schwieriger haben werden – gerade in der Bundesliga. Hier geht es athletischer zur Sache als zum Beispiel in Italien, wo taktischer gespielt wird. Da kannst du noch mit 37 Jahren spielen, hier eher nicht.

Gerade die Talente, die von den Topclubs aus England kommen, wie zum Beispiel Tahith Chong zu Werder, zeichnet vor allem eines aus: Schnelligkeit.

Das stimmt. Wenn du heute ins Profi-Geschäft kommst und nicht richtig schnell bist, dann wird es schwierig. Für Tahith ist das eine gute Chance bei uns, sich zu zeigen und weiterzuentwickeln.

Sind Sie mit 33 Jahren noch schnell genug für ihn und für die ganzen anderen jungen Sprinter in der Liga?

Ich glaube schon, aber wenn da so ein 19-Jähriger kommt, muss man sich schon etwas einfallen lassen und seine Erfahrung ausspielen. Ich bin echt dankbar, schon so lange in der Bundesliga sein zu dürfen, da erkenne ich viele Dinge schon in der Entstehung auf dem Platz und kann dann da sein.

Theodor Gebre Selassie: Es ist besser, nicht so gut zu spielen und zu punkten als umgekehrt

Kommen wir zur aktuellen Saison: Drei Spiele, zwei Siege, das ist gut, aber sind Sie auch mit der Leistung des Teams zufrieden?

Na ja, vor einem Jahr haben wir in der Hinrunde eigentlich ganz gut gespielt, aber kaum gepunktet. Jetzt spielen wir vielleicht nicht so gut und punkten trotzdem. Das ist definitiv besser – und aus dieser Position heraus können wir auch wieder besseren Fußball spielen.

Sie sind Rechtsverteidiger, können Sie auch Sechser oder Achter spielen?

Ich habe das bei Werder schon gespielt, nicht alleine, aber als Doppel-Sechs oder als Achter. Das ist allerdings schon lange her. Es wäre sehr schwierig, mich da noch mal umzustellen. Ich glaube auch nicht, dass ich da auf dem Zettel von unserem Trainer stehe.

Kennen Sie Kohfeldts Zettel?

Nein, nein. Aber wir haben doch genügend Spieler, die das dort sehr gut machen können.

Der Hintergrund dieser Fragen ist ja klar: Davy Klaassen hat Werder verlassen, wie soll das ohne ihn im Bremer Mittelfeld funktionieren?

Fakt ist: Wir haben einen guten Spieler verloren. Aber wir haben genug Spieler für diese Position, auch junge Spieler, die auf ihre Chance warten. Die werden sie bekommen und hoffentlich zeigen, dass sie bereit sind für die Bundesliga.

Wie zum Beispiel Jean-Manuel Mbom, der jetzt zweimal quasi direkt vor Ihnen gespielt hat. Wie kann einem Newcomer wie ihm geholfen werden?

Ich rede viel mit Manu. Das habe ich auch vor seinem ersten Spiel gemacht. Wenn die Jungs einen guten Charakter haben – wie zum Beispiel Manu –, dann schaffen sie das auch. Ich sehe keinen Grund, warum es nicht auch noch mit anderen jungen Spielern bei uns klappen sollte.

Was ist für Sie ein guter Charakter?

Man muss an sich glauben, aber darf nicht abheben. Man muss immer alles geben, auch wenn nicht immer alles klappt. Dann muss man sich den Ball zurückholen. Manu ist so einer, ein echt guter Junge. Er fragt viel und kann gut mit Fehlern umgehen.

Anders als Sie früher.

Das stimmt. Ich war einfach zu selbstkritisch. Das hat mir geschadet. Aber das habe ich sehr gut in den Griff bekommen. Es ist kein Thema mehr.

Werder Bremen nach Davy-Klaassen-Abgang noch konkurrenzfähig? Gebre Selassie: „Boah, so eine Frage ist schon krass“

Noch einmal zurück zu Klaassen: Geht es nach dem Verlust dieses Leistungsträger nur noch darum, die Klasse zu halten?

Boah – so eine Frage finde ich schon krass nach einem Abgang. So denken wir nicht. Unser Ziel bleibt es, eine gute Saison zu spielen. Wir wissen, was letztes Jahr war. Deswegen ist es wichtig, schnell viele Punkte zu sammeln. Nach einem Abgang kann man doch nicht sagen: ,Hoffentlich überleben wir das irgendwie.‘

Wie ist das in der Kabine, wenn ein Star wie Klaassen den Verein verlässt, schnappt sich dann einer sofort dessen guten Platz?

Also ich habe es nicht gemacht, ich habe einen sehr guten Platz (lacht). Aber Davy hatte wirklich einen sehr guten Platz in unserer Kabine, genau in der Mitte, von dort konnte man alles überblicken. Der wird bestimmt bald besetzt sein. Ich bin gespannt von wem.

Wenn so ein wichtiger Spieler wie Klaassen so kurz vor Transferschluss plötzlich geht, denkt man sich da als Kollege: Musste das jetzt noch sein?

Auf der einen Seite ja, aber auf der anderen Seite ist man auch selbst Spieler und muss an sich denken. Für Davy ist das eine super Geschichte, er kann nach Hause gehen. Es passt finanziell für ihn, für Werder, eigentlich ist es gut. Das muss man akzeptieren. Klar, es ist ein Teamsport, aber jeder hat persönliche Ziele.

Wie auch Milot Rashica, der eigentlich weg wollte.

Es war ja kein Geheimnis, dass Milot den nächsten Schritt machen wollte. Für uns ist es super, dass er noch da ist. Denn Milot ist ein Unterschiedsspieler. Wir können ihn sehr gut gebrauchen.

Werder Bremen-Profi Theodor Gebre Selassie: „Wechsel? Ich habe einen ganz kleinen Tick überlegt“

Mussten Sie in diesem Sommer auch überlegen, weil es ein Angebot aus der Heimat gab?

Was soll ich dazu sagen?

Die Wahrheit!

Okay, die Wahrheit: Ich habe einen ganz kleinen Tick überlegt, mehr aber auch nicht. Und den Verein verrate ich nicht. Vielleicht dann im nächsten Jahr.

Sie haben angekündigt, im Sommer 2021 Werder nach dann neun Jahren zu verlassen. Wann fällt die endgültige Entscheidung?

Das weiß ich nicht. Aber es bleibt erstmal dabei: Die Wahrscheinlichkeit, dass es meine letzte Saison für Werder ist, ist sehr hoch.

Fühlt es sich schon wie eine Abschiedstour durch die Stadien der Bundesliga an?

Bis jetzt noch nicht. Es ist einfach auch schade, dass die Fans nicht da sein können, oder wenn, dann nur in geringer Zahl. Die Atmosphäre ist einfach anders. Ich hoffe, das ändert sich noch – und dann kommt vielleicht auch irgendwann ein Gefühl von Abschied.

Was wollen Sie nach Ihrer Karriere machen?

Ich gehe davon aus, dass ich im Fußball bleibe. Aber wahrscheinlich nicht im Trainerbereich, zumindest nicht bei den Profis, sondern höchstens in der Jugend.

Warum?

Bei den Profis ist mir das zu viel Geschäft. Aber wer weiß, was alles noch passiert. Noch spiele ich ja. (kni)

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