Nach neun Jahren Werder Bremen jetzt für Slovan Liberec am Ball: So geht es Theodor Gebre Selassie in Tschechien.
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Nach neun Jahren Werder Bremen jetzt für Slovan Liberec am Ball: So geht es Theodor Gebre Selassie in Tschechien.

Ein DeichStube-Gespräch

Theo baut extra für den SV Werder Bremen um: Nach neun Jahren in Deutschland – so geht es den Gebre Selassies nun in Tschechien

Bremen – Anruf bei Theodor Gebre Selassie, der an Heiligabend seinen 35. Geburtstag feiert. Dem freundlichen „Hallo“ folgt schnell ein „Ich freue mich, endlich mal wieder Deutsch zu sprechen, es ist leider nicht mehr so gut“. Typisch „Theo“, der Tscheche ist natürlich wie zu seinen Bremer Zeiten bestens zu verstehen, aber er hat eben einen Hang zur Perfektion. Das war schon auf dem Platz so, den er nicht selten unzufrieden verließ, weil er immer nach dem Maximum strebte. Auch dafür haben ihn die Fans geliebt. Genauso wie für seine Loyalität. Neun Jahre hat Gebre Selassie das Trikot von Werder Bremen getragen und sogar häufiger für die Grün-Weißen in der Bundesliga gespielt als ein gewisser Thomas Schaaf.

Der Abschied ist ihm im Sommer mehr als schwer gefallen – vor allem wegen des Abstiegs von Werder Bremen. Aber die Rückkehr in die Heimat musste sein – wegen der Familie. Für die hat er nun mehr Zeit. Das sei prima, freut sich Theodor Gebre Selassie, gibt allerdings im Gespräch mit der DeichStube auch zu: „Es braucht noch seine Zeit, bis wir hier richtig angekommen sind. Man plant alles, aber es klappt nicht immer alles. Ich habe es mir einfacher vorgestellt.“

Glücklich sind die Gebre Selassies trotzdem, doch Papa „Theo“ ist eben keiner, der sich verstellt, sondern fast eine Stunde lang ganz ehrlich über sein Leben spricht – und dabei auch eher unbewusst eine Liebeserklärung an den SV Werder Bremen abgibt. Es geht um sein neues Haus. Das muss umgebaut werden – wegen Werder. „Ich habe so viele Geschenke bekommen – und ganz besondere von den Ultras. Ich brauche dringend einen speziellen Raum dafür, einen Männer-Raum oder besser gesagt einen Werder-Raum.“ Theodor Gebre Selassie lacht. Da scheint sich jemand einen Herzenswunsch zu erfüllen. Bislang würden diese ganzen Präsente auf dem Dachboden liegen. Doch er will sie sehen, sich damit an die schöne Zeit in Bremen erinnern und sie dann auch über die sozialen Medien allen zeigen. Bis dahin wird nicht verraten, was ihn bei den Geschenken speziell der Ultras so beeindruckt. „Das ist wirklich krass“, sagt er und erhöht damit noch mal die Spannung. Da ist er inzwischen genauso Profi wie auf dem Platz. Und wer weiß, vielleicht wird diese spezielle Form der Öffentlichkeitsarbeit sogar in Zukunft sein Beruf. Denn der Fußballer hat da so eine besondere Erfahrung gemacht.

Theodor Gebre Selassie im DeichStube-Gespräch: Schmerzhafte Erinnerungen an den Abstieg mit Werder Bremen

Die Bekanntgabe seines Wechsels zu seinem Ex-Club Slovan Liberec, wo er jetzt vor 5.000 und nicht mehr wie in Bremen vor 40.000 Zuschauern kickt, wurde mit einem eigenen Video zu einem wahren Internet-Hit. Theodor Gebre Selassie spielt darin das Intro der kultigen 90er-Jahre-Sitcom „Der Prinz von Bel-Air“ nach. Der neue Titel: „The Fresh Transfer of Liber-Air“. Ein Freund habe zu ihm gesagt: „Wir müssen etwas machen. Es war total spannend, dieses Video zu produzieren. Das Feedback war enorm. Viele kannten mich in Tschechien gar nicht mehr, aber auf das Video wurde ich so oft angesprochen. Nicht die Karriere ist wichtig, sondern so ein kurzes Video. Die Welt ist komisch geworden.“ Doch statt zu hadern, hat der Tscheche Gefallen an diesem Thema gefunden. Nicht an der Schauspielerei. „Nein, nein, das ist nichts für mich.“ Er sieht sich künftig eher als Producer solcher Clips – nicht nur von sich. „Das ist ein spannendes Business.“

Doch noch ist er Fußball-Profi. Mittlerweile macht es auch wieder mehr Spaß. Der Start bei seinem Ex-Club, für den er schon vor seinem Wechsel zu Werder Bremen von 2008 bis 2012 gespielt hatte, verlief mehr als holprig. Bereits am zweiten Spieltag flog er bei der 0:5-Pleite gegen Sparta Prag zum ersten Mal in seiner Karriere in einem Ligaspiel vom Platz – mit Gelb-Rot. Er hatte versucht, den Ball noch mit der Hacke zu erreichen und dabei Gegenspieler Michal Sacek im Gesicht erwischt. Die Wunde musste mit fünf Stichen genäht werden. „Das war nicht schön und es tut mir leid“, erinnert sich Theodor Gebre Selassie: „Aber als Rechtsverteidiger wäre mir das nicht passiert, da wäre die Außenlinie gewesen.“ Doch zu Saisonbeginn wurde der Ex-Nationalspieler von Trainer Pavel Hoftych im Zentrum als Sechser aufgeboten. „Er war menschlich top, aber seine Idee hat nicht so zum Kader gepasst“, berichtet Gebre Selassie. Nach fünf Niederlagen und einem Unentschieden aus sechs Spielen gab es nicht nur den Trainerwechsel, sondern auch „sieben, acht neue Spieler, das war schon speziell“. Lubos Kozel würde nun besser passen, so Gebre Selassie, „auch für mich, ich bin wieder Rechtsverteidiger“. Dort hat er auch bei Werder und in der Nationalmannschaft seine besten Leistungen abgerufen. Inzwischen hat sich Liberec bis auf Platz acht hochgekämpft.

Karriereende im Sommer? Was Werder Bremen-Legende Theodor Gebre Selassie plant

„Wir können nach dem schlechten Start zufrieden sein“, sagt Theodor Gebre Selassie. Er selbst habe sich an viele Dinge erst gewöhnen müssen. Das Niveau sei natürlich nicht so hoch wie in der Bundesliga – und das nicht nur sportlich. „Wenn ich so zurückblicke, dann war das schon ein insgesamt hohes Niveau bei Werder Bremen“, sagt Gebre Selassie und überlegt, wie er das nun am besten erklärt, ohne seinen neuen Club schlecht zu machen. Das liegt ihm fern, weil er natürlich weiß, dass die finanziellen Voraussetzungen ganz andere sind. Da will er sich auch gar nicht beklagen. Aber es würde nun einmal in ganz anderen Hotels übernachtet, beim Essen eine andere Auswahl geben – und dann sind da auch noch die Trainingsplätze. Ohne Rasenheizung. „Wir trainieren seit zwei Wochen auf Kunstrasen“, stöhnt Gebre Selassie: „Wenn ich nach dem Training nach Hause komme, kann ich kaum noch stehen.“

Der harte Untergrund macht ihm mit seinen bald 35 Jahren durchaus zu schaffen. Deshalb sei es kein guter Moment, ihn jetzt auf seine Zukunft anzusprechen. Der Vertrag mit Slovan Liberec läuft im Sommer aus. „Ich weiß nicht, was ich mache.“ Vielleicht ist es ganz gut, dass die Saison erst Anfang Februar fortgesetzt wird. Irgendwann wird es ja auch wieder wärmer und der Kunstrasen hat ausgedient. „Mir macht es schon noch sehr viel Spaß zu spielen. Mir würde ohne Fußball auch ganz viel fehlen“, sagt Theodor Gebre Selassie. Aber er möchte auch nicht den richtigen Zeitpunkt für sein Karriereende verpassen.

Fest stand, dass es nach dem Abstieg mit Werder Bremen noch weitergehen musste. „So wollte und konnte ich nicht aufhören.“ Auf die Frage, ob er den Abstieg schon verarbeitet habe, reagiert Gebre Selassie fast schon verwundert. „Verarbeitet?“, fragt er zurück und antwortet selbst: „Das Leben geht ja weiter, aber der Abstieg wird immer bleiben. Es ist nicht schön, zurückzublicken. Deswegen wäre es unglaublich schön, wenn Werder direkt wieder aufsteigen würde.“

Noch immer Fan von Werder Bremen: So geht es Theodor Gebre Selassie in Tschechien

Fast jede Woche fiebert er vor dem Fernseher mit. Es sei bemerkenswert, wie die Mannschaft des SV Werder Bremen die ganze Unruhe der vergangenen Wochen weggesteckt habe: „Das ist einfach eine richtig gute Truppe.“ Kontakt hat er dabei eigentlich nur noch zu seinem Landsmann Jiri Pavlenka, dem Keeper. Und zu Physiotherapeuten und anderen Mitarbeitern, die er schon seit Jahren kennt. „Diese Leute fehlen mir schon sehr“, gibt Theo Gebre Selassie zu. Das gelte auch für seine Bremer Freunde und Nachbarn. Und dann wird er ein bisschen melancholisch: „Man nimmt sich vor, ganz viel in Kontakt zu bleiben, aber dann lässt das doch sehr schnell nach.“ Das ist kein Vorwurf, sondern nur eine ehrliche Feststellung. Genauso wie sein Bericht von einer Nacht, die nicht lange zurückliegt. „Vorm Einschlafen habe ich neulich gedacht: Mein Gott, wir sind schon ein halbes Jahr hier. Es fühlt sich noch gar nicht so an, als würden wir jetzt für immer hierbleiben.“ Der Alltag sei einfach anders als die Besuche in der Vergangenheit. „Das war Urlaub, da ist immer alles schön. Man muss sich an vieles erst wieder gewöhnen.“

Seine Kinder Noe (7) und Eli (4) machen es ihm vor. Die Jungs hätten sich schnell umgestellt. Den Eltern war es wichtig, dass die Söhne den Schulbeginn in Tschechien erleben. „Es läuft super“, sagt der stolze Papa. Durch die kürzeren Auswärtsreisen habe er auch mehr Zeit für die Familie: „Genau so habe ich mir das vorgestellt.“ Theodor Gebre Selassie klingt glücklich in diesem Moment. Vielleicht liegt die andere Skepsis auch an dieser unendlichen Corona-Pandemie, die den Tschechen genauso zu schaffen macht. „Es nervt“, gesteht der Familienvater. Bei dem Telefon-Gespräch ist noch nicht klar, ob er Weihnachten wie geplant die restliche Familie in Tschechien 160 Kilometer weit entfernt besuchen kann. „Wir hoffen es.“ An seinem Geburtstag an Heiligabend soll es wie immer Karpfen mit Kartoffelsalat geben. „Und ich muss noch Schnitzel haben“, verrät ein lachender Gebre Selassie und wünscht zum Abschied noch „frohe Weihnachten“. (kni)

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