Seit 2013 ist Thomas Wolter der sportliche Leiter vom Leistungszentrum des SV Werder Bremen.
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Seit 2013 ist Thomas Wolter der sportliche Leiter vom Leistungszentrum des SV Werder Bremen.

Kein Mannschaftstraining und keine Spiele bei Werders Jugend

„Manche Spieler haben sich von Werder entfernt“: Thomas Wolter im Interview über die Folgen des Lockdowns für das Leistungszentrum

Bremen - Thomas Wolter zählt zu den Urgesteinen beim SV Werder Bremen. 14 Jahre lang spielte der heute 54-Jährige im Trikot der Grün-Weißen und prägte eine Ära mit. Er holte zwei deutsche Meisterschaften und DFB-Pokale sowie den Europapokal der Pokalsieger.

Seit 2013 leitet Thomas Wolter das Leistungszentrum des SV Werder Bremen. Im Interview blickt er mit Sorgen auf die Folgen des Corona-Lockdowns für die Bremer Jugend. Weil es seit fünf Monaten nur Online- statt Mannschaftstraining und keinen Spielbetrieb gibt, stellt Wolter sogar fest, dass sich manche Spieler vom Club entfernt hätten.

Herr Wolter, der Punktspiel- und Trainingsbetrieb ist beim Werder-Nachwuchs seit Monaten quasi stillgelegt.

Thomas Wolter: Außer ausgewählten Spielern der U19, die größtenteils bei der U23 mittrainieren konnten, hatten die anderen Nachwuchsspieler tatsächlich über fast fünf Monate lang nur Online-Training. Oder, wenn sie großes Glück hatten, konnten einige Jungs auf ihrer Schule in Obervieland im Rahmen des Unterrichts trainieren. Aber auch sehr eingeschränkt und nur in ihren Kohorten. Richtiges Fußballspielen war das nicht.

Wie würden Sie die Stimmung im Werder-Internat derzeit bezeichnen?

Jeder ist sich bewusst, dass wir bei Werder Bremen eine Vorbildfunktion für den gesamten Sport in Bremen und eine Verantwortung für die Gesundheit aller haben. Das ist das Wichtigste. Insofern sind das oft Klagen auf hohem Niveau, solange alle gesund sind. Aber wir haben im Nachwuchsleistungszentrum ja eigentlich schon seit einem Jahr eine neue Zeitrechnung. Im Sommer 2020 ging es Stück für Stück zurück ins Training und dann auch wieder in den Spielbetrieb, das war großes Glück. Aber was immer gefehlt hat, war das Kabinen-Leben.

Was meinen Sie damit?

Dieses Treffen in der Gemeinschaft, dass auch mal zusammen Quatsch gemacht wird, Spaß zu haben, das alles gehört ja auch zum Fußball und zum Sport. Aber wir waren im Sommer ja froh, dass die Jungs überhaupt kicken konnten, bis es Ende Oktober wieder vorbei war. Da haben wir dann wieder in den Modus des ersten Lockdowns geschaltet mit Online-Training und anderen Möglichkeiten. Aber die Unzufriedenheit ist bei vielen Jungs dann sehr schnell gewachsen, weil sie mitgekriegt haben, dass in anderen Bundesländern weitergespielt oder wenigstens trainiert wurde.

Wie haben Sie da reagiert?

Da mussten wir viele Gespräche führen und erläutern, dass in Bremen eben anders entschieden wurde. Dem hatten und haben wir uns zu fügen. Denn das Miteinander mit dem Gesundheitsamt hier in Bremen ist ja wirklich gut.

Ein junges Talent von Werder Bremen durfte im Internat 14 Tage lang das Zimmer nicht verlassen

Sie haben einige Werder-Talente, die im Internat wohnen. Wie sieht für diese Jungs der Alltag seit Monaten aus?

Wir haben das vom Präsenzunterricht in den Schulen abhängig gemacht. Wer nur für die Schule an zwei Vormittagen in Bremen sein musste, den haben wir zurück zu den Eltern geschickt, um von dort Home-Schooling zu machen. Das fällt den meisten in der gewohnten Umgebung leichter als im Internat. Wir haben zum Beispiel einen Nachwuchsspieler aus Litauen, der jetzt schon dreimal in Quarantäne war. Er kam aus seiner Heimat zurück zu uns ins Internat und durfte 14 Tage lang sein Zimmer nicht verlassen, das Essen wurde ihm vor die Tür gestellt. Was das mit einem Jugendlichen macht, kann man sich ja vorstellen. Seine Mitspieler nebenan hat er gehört, aber er durfte keinen Kontakt haben. Das war für uns als Verein auch eine Herausforderung.

Wie hat der Umgang mit den Spielern sich verändert?

Das ist sehr interessant. Wir haben immer allen Spielern vermittelt, dass man sich per Handschlag begrüßt. Und wenn noch jemand dabei stand, den man nicht kannte, wurde der auch per Handschlag begrüßt. Das ist eine Form des Respekts, das ist seit Jahrzehnten so bei uns. Und plötzlich darf man das nicht mehr. Jetzt wird mit der Faust begrüßt und wir reden durch eine Maske. Das verändert das Miteinander. Einen Spieler mal in den Arm zu nehmen, ihm auf die Schulter zu klopfen, dieses Zwischenmenschliche, dabei mussten wir große Abstriche machen. Das fällt uns sehr schwer, den Spielern, aber auch den Trainern.

Sie beschäftigen ja auch Psychologen für den Nachwuchs. Gab und gibt es da einen engeren Austausch?

Ja, unser Psychologe hat da einen engen Draht. Die Jungs sind eben auch verschieden: Einige brauchen den Austausch nicht, andere ziehen sich zurück, die musst du zurückholen. Die Spieler haben ja auch alle verschiedene familiäre Situationen und kommen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten. Es gab viele Einzel-Online-Meetings zwischen den Trainern und den Spielern, dann noch mal zwischen uns Verantwortlichen und den Trainern. Wir mussten da eine Regelmäßigkeit reinkriegen, dass wir immer zu den gleichen Zeiten sprechen. Natürlich sind diese virtuellen Treffen auch mal ermüdend, die ganze Situation ist ja ermüdend. Aber ich finde, wir kriegen das gut hin. Und ich freue mich, wie einfallsreich die Trainer sind, um mit den jungen Spielern in Kontakt zu bleiben.

Werder Bremen: Manche Nachwuchsspieler haben sich vom Club entfernt

Sind denn alle Spieler wieder im Internat oder wohnen noch immer welche bei ihren Eltern?

Nein, jetzt sind alle wieder in Bremen bei uns. Die Präsenzzeiten in den Schulen haben sich ja erhöht. Und wir haben gemerkt, dass wir die Spieler mal wieder bei uns haben müssen. Bei manchen haben wir gespürt, dass sie sich in den Monaten vom Club entfernt haben. Was ja bei andauernder Distanz völlig normal ist. Deshalb ist es gut, wieder im Verein zu sein und ein Stück weit die neue Normalität leben zu können.

Diese Spieler kommen mit dem Traum Profi-Fußball nach Bremen und sind plötzlich quasi zum Nichtstun verurteilt. Das muss hart sein für den Nachwuchs.

Deshalb war es so wichtig, dass wir in Kontakt bleiben und Wege aufzeigen. Wir konnten nicht am Fußballspiel arbeiten, aber haben Schwerpunkte in anderen Bereichen gesetzt. Zum Beispiel der Umgang mit Social Media, die Vorteile, aber auch die Gefahren. Die Athletik-Trainer haben sich sehr stark eingebracht, sodass die Jungs sich körperlich gefordert und ausgelastet fühlten. Wir haben alles ausgeschöpft. Aber wenn unsere Jugend-Nationalspieler dann gehört haben, dass ihre Mitspieler in anderen Bundesländern normal trainieren konnten, war das für sie sehr hart.

Wie lange wird es dauern, bis diese Talente die Defizite aufgeholt haben? Experten erzählen häufig, dass viele Talente durch Corona verloren gingen.

Das Gute ist: Jugendliche holen ja immer sehr schnell wieder auf. Was fehlt, sind die Wettkämpfe, die Ergebnisse des Trainings sozusagen. Es liegt jetzt an uns, den Jungs klarzumachen, dass sie nicht von heute auf morgen wieder auf das höchste Level kommen müssen, sondern dass wir sie behutsam aufbauen. Wir wollen nicht gleich wieder in den Punktspielbetrieb einsteigen. Uns reicht es schon, wenn wir mal wieder vier Wochen lang am Stück vernünftig trainieren können. Noch sind wir ja im Individualtraining, immer etwa 30 Minuten lang ein bis maximal zwei Spieler mit einem Trainer auf oder eben neben einem halben Platz.

Wie haben Sie eigentlich Talente in den letzten Monaten gesichtet, wenn so gut wie keine Spiele stattgefunden haben?

Wir haben bei uns eine hohe Durchlässigkeit zwischen den Jahrgängen. Viele Spieler, die in der U13 spielen, landen später auch in der U19. Aber natürlich sind wir weiter auf der Suche nach richtigen Granaten. Und unsere Scouts haben seit dem letzten März Tausende von Stunden mit dem Sichten von Videos verbracht. Uns werden ja weiterhin viele Spieler angeboten, aber wir sind da vorsichtig. Denn du musst einen Spieler immer auch auf dem Platz sehen. Aber ein Probetraining geht ja auch nicht. Deshalb versuchen wir im Zweifel immer, ein Talent, das schon bei uns ist, bestmöglich weiterzuentwickeln.

(Das Interview führte Mathias Sonnenberg)

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