Ex-Werder-Bremen-Profi Tim Borowski fordert einen neuen Ort für das geplante Leistungszentrum - und damit eine Abkehr vom Umfeld des Weserstadions in der Pauliner Marsch
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Ex-Werder-Bremen-Profi Tim Borowski fordert einen neuen Ort für das geplante Leistungszentrum - und damit eine Abkehr vom Umfeld des Weserstadions in der Pauliner Marsch

„Von der romantischen Idee lösen, das im Werder-Land zu machen“

Ex-Werder-Profi Tim Borowski plädiert für Neubau des Leistungszentrums fernab der Pauliner Marsch

Bremen – Tim Borowski kennt das Gelände nur zu gut. Mehr als 26 Jahre ist es schließlich her, dass er als Jugendlicher zum SV Werder Bremen gewechselt ist. 1996 war das, und böse Zungen behaupten, dass sich seither nicht allzu viel an den Gegebenheiten rund um Platz 11 getan. Zumindest nicht in positiver Hinsicht. Dabei waren sie schon damals veraltet. Das Leistungszentrum (LZ) der Grün-Weißen ist infrastrukturell längst nicht mehr auf der Höhe der Zeit, über die Erneuerung der Einrichtung wird seit Jahren diskutiert. Aktuell läuft ein Moderationsverfahren mit den Anwohnern zur Klärung und Prüfung weiterer Details. Tim Borowski dauert das alles zu lange, er wünscht sich ein zügiges Handeln – und befürwortet den Abschied aus der Pauliner Marsch.

„Man sollte den Entschluss fassen, sich nicht abhängig von Personen zu machen, die am Osterdeich leben und gewisse Entscheidungen treffen können, weil es ihnen zusteht“, betonte der Ex-Profi jetzt während des 2. Deichtalks der DeichStube. „Da muss man auch einfach mal sagen, dass man an einem Punkt angekommen ist, an dem es extrem wichtig ist, noch mehr für den Nachwuchs zu tun und noch mehr Möglichkeiten zu bieten, um Leistungsfußball in diesen Bereichen darstellen zu können.“ Werder Bremen müsse schließlich an die Konkurrenzfähigkeit denken. Und an die Möglichkeit, teure Transfers zu vermeiden und stattdessen selbst Spieler für höhere Aufgaben zu entwickeln. „Das wäre ein nachhaltiger Ansatz, um gesund und organisch wieder von innen heraus zu wachsen“, erklärte Tim Borowski, der aktuell als Experte für DAZN tätig ist und bei MagentaTV auch die Weltmeisterschaft in Katar (20. November bis 18. Dezember) begleiten wird. Für den 42-Jährigen steht fest: „Man muss sich von dieser romantischen Idee lösen, das im Werder-Land zu machen.“

Ex-Werder-Bremen-Profi Tim Borowski über Leistungszentrum: „Muss sich von dieser romantischen Idee lösen, das im Werder-Land zu machen“

Es sind mutige Worte, die der frühere Nationalspieler ausspricht. Denn sofern irgendwie möglich, will Werder Bremen genau das verhindern. Der Abzug aus Bremen ins womöglich niedersächsische Umland wäre für viele mehr als nur ein Identitätsverlust. Doch die Augen davor dürfen eben auch nicht komplett verschlossen werden. Was auch nicht getan wird, wie der ebenfalls anwesende Werder-Geschäftsführer Klaus Filbry unterstrich: „Wir fahren ja mehrgleisig. Auf der einen Seite ist die Pauliner Marsch unsere Heimat und wir möchten dort natürlich idealerweise ausbilden“, sagte er. „Man muss sich aber auch für Szenarien aufstellen, wenn es – aus welchen Gründen auch immer – dort nicht gelingen sollte.“

Vier Termine bis zum Mai 2023 gibt es noch, ehe das Moderationsverfahren endet. Wie weit anschließend eine endgültige Entscheidung in der LZ-Frage noch entfernt ist? Ungewiss. „Eine Neverending Story darf es aber nicht sein“, bekräftigte auch Werder Bremens Geschäftsführer Klaus Filbry. „Es ist selbstverständlich Handlungsbedarf da, aber man muss dem Moderationsverfahrung auch eine faire Chane einräumen und dort gemeinsam mit den Anwohnern Lösungen erarbeiten. Es ist ein nachbarschaftliches Verhältnis, und das muss man respektieren.“

Werder Bremens Geschäftsführer Klaus Filbry über marodes Leistungszentrum: „Infrastrukturell stehen wir hintenan“

Der Blick auf die anderen großen norddeutschen Vereine zeigt, wie sehr Werder Bremen beim Thema Leistungszentrum mittlerweile ins Hintertreffen geraten ist. „Wenn man allein die Infrastruktur betrachtet, dann ist beispielsweise ein Zweitligist wie Hannover 96 drei Schritte weiter, weil es dort ein modernes Leistungszentrum mit einem kleinen, aber feinen Stadion und einem Internat gibt. Darüber hinaus gibt es zehn Trainingsplätze, Kunstrasen, beheizte Plätze“, zählte in der Diskussionsrunde Gunther Neuhaus auf, der als Spielerberater arbeitet und entsprechend häufig zwischen den einzelnen Standorten verkehrt. „Über Wolfsburg und den Hamburger SV brauchen wir gar nicht zu reden. Da hinkt Werder weit hinterher“, meint Neuhaus.

Klaus Filbry weiß um die Defizite des Leistungszentrums. „Infrastrukturell stehen wir hintenan“, räumte der Geschäftsführer Finanzen des SV Werder Bremen ein, hob aber auch hervor: „Ich glaube, dass die Ausbildung bei uns nach wie vor auf einem hohen Niveau passiert und wir viele gute, talentierte Spieler haben, die das Potenzial besitzen, irgendwann Bundesliga zu spielen. Von der Ausbildungsqualität her würde ich uns als ebenbürtig ansehen.“

Werder Bremens Ultra-Gruppe „Infamous Youth“ fordert Verbleib de Leistungszentrums in der Pauliner Marsch

Um die passende Lösung für das Problem wird weiter gerungen. Gänzlich geräuschlos wird es wohl nicht vonstattengehen. Egal, wie es letztlich ausgeht. Zumindest den Wunsch von Tim Borowski kann etwa die Ultra-Gruppe „Infamous Youth“ schon einmal überhaupt nicht teilen. Passend zur Diskussion wurde deshalb am Freitag ein Kommuniqué veröffentlicht, um die eigene Sicht der Dinge darzustellen. Auch die Ultras des SV Werder Bremen betonen die Dringlichkeit eines Neubaus des Leistungszentrums, fordern aber: „Das Nachwuchsleistungszentrum gehört in die Pauliner Marsch, an die Seite des Weserstadions, das so tagtäglich genutzt wird und ein lebendiger Ort bleibt. Denn mit der Abwanderung des Nachwuchsleistungszentrums ins Umland bestünde auch die reelle Gefahr, dass langfristig die gesamte Infrastruktur, das ganze Tagesgeschäft Werder Bremens, dorthin verlegt wird. Inklusive des Trainingsbetriebs der Profi-Männer.“ Das könne nach Meinung der Fan-Gruppierung zu einem Horror-Szenario führen: „Damit würde das Weserstadion nur noch zu Spieltagen genutzt und verkäme zu einem ähnlich seelenlosen Ort wie so einige andere Stadien in der Bundesliga, die außerhalb der Städte an Autobahnen oder Industriegebieten gelegen sind.“ (mbü)

Das komplette Kommuniqué ist hier einsehbar.

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