Tim Borowski im Trikot des FC Bayern München führt im Bundesliga-Spiel einen Zweikampf mit Jurica Vranjes von Werder Bremen, von der linken Seite nähert sich Aaron Hunt.
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Am 20. September 2008 gewann der SV Werder Bremen spektakulär mit 5:2 gegen den FC Bayern München. Damals ausgerechnet Doppeltorschütze beim FCB: Tim Borowski.

Vor dem Nord-Süd-Klassiker

Werder-Co-Trainer Borowski vor Bayern-Spiel im Interview: „Das war ein Kreisverkehr ohne Ausfahrt“

22 Spiele hat der SV Werder Bremen in Serie gegen den FC Bayern München verloren, der letzte grün-weiße Sieg war ein spektakuläres 5:2 im Jahr 2008. Damals ausgerechnet Doppeltorschütze auf Seiten der Münchner: Tim Borowski.

Im Interview mit Kollegin Hanna Raif von der „tz“ sprach Tim Borowski, heute Co-Trainer beim SV Werder Bremen, über das damalige Spiel, das die Bayern seiner Meinung nach noch höher hätten verlieren müssen, warum sein Jahr beim FC Bayern kein verlorenes war, Trainer-Vorbilder, ob in ihm selbst ein Hansi Flick schlummert und wann er regelmäßig Coach Florian Kohfeldt anschreit.

Herr Borowski, früher war die Partie Bayern gegen Bremen ein Liga-Schlager. Was ist sie heute?

Für mich ist das immer noch ein Schlager. Weil da zwei Traditionsvereine aufeinandertreffen, die sich in der Vergangenheit immer gute Duelle geliefert haben. Natürlich hat sich das sportlich gesehen etwas verschoben. Aber trotzdem ist das in der weiten Republik immer noch eine Partie, auf die man sich freut. Ein Klassiker.

Überwiegt die Vorfreude – oder der Bammel? Bremen hat die letzten 22 Spiele gegen Bayern verloren...

Bammel? Auf gar keinen Fall! Ganz im Gegenteil: Wir freuen uns auf die Partie. Wir haben den nötigen Respekt, aber keine Angst.

Florian Kohfeldt hat als Devise ausgegeben: „Ungeschlagen bleiben.“

Und dem stimme ich voll zu. Das ist die richtige Botschaft, um nach München zu fahren. An unser Team und an die Bayern. Das war bei mir als Spieler schon so: Egal, wo man aufläuft, will man punkten. Das hat sich als Trainer nicht geändert.

Was stimmt optimistisch?

Wir haben in den letzten Wochen eine gewisse Stabilität erreichen können. Zudem haben wir fast vom ersten Trainingstag in der Sommervorbereitung eine spezielle Mentalität entwickelt. Wir haben einen großen Konkurrenzkampf, weil wir viele junge Spieler dabei haben, aber auch erfahrene. Die Mentalität stimmt. Das veranlasst uns zum Optimismus.

(Verfolgt das Bundesliga-Spiel von Werder Bremen gegen den FC Bayern im Live-Ticker der DeichStube!)

Tim Borowski über 5:2-Sieg von Werder Bremen gegen FC Bayern 2008: „Hätten noch höher verlieren müssen“

Ein 5:2 aus Bremer Sicht wäre gut, oder?

(lacht) Da hätte ich nichts dagegen.

Sie wissen, worauf angespielt wird?

Natürlich. Das 5:2, als ich aufseiten der Bayern stand. Deshalb kann ich es auch nur aus Münchner Sicht beschreiben: Das war ein Ergebnis, mit dem man in München überhaupt nicht leben konnte, durfte und auch wollte. Ehrlicherweise aber muss man gestehen, dass wir noch höher hätten verlieren müssen, weil an dem Tag bei Werder alles gepasst hat. Das war für uns gefühlt ein Kreisverkehr ohne Ausfahrt! Wir hatten da wenig entgegenzusetzen. Auch über meine beiden Tore habe ich mich wenig gefreut.

An dieses Spiel erinnern sich die meisten, wenn Sie Ihren Namen in Verbindung mit dem FC Bayern hören. Was ist Ihnen hängen geblieben?

Natürlich viel mehr, aber dieses Spiel ist schon prägnant hängen geblieben. Auch im Freundeskreis werde ich häufig darauf angesprochen. Ich spreche aber gerne über die ganze Zeit bei Bayern, weil ich viel Erfahrung sammeln durfte, die mich weitergebracht haben. Ich habe mit absoluten Topstars gespielt, habe einen Verein kennenlernen dürfen, der höchstprofessionell und doch familiär ist. Ich habe immer noch den einen oder anderen Kontakt, das sagt eigentlich schon alles. Es war ein kurzes Jahr, aber eines, das mich viel gelehrt hat. Ein positives – kein verlorenes.

In diesem einen Jahr spielten Sie in München unter drei Trainern: Klinsmann, Heynckes, van Gaal. In Bremen stets unter Thomas Schaaf. Lag die Konstanz bei Werder am Standort – oder am Trainer Schaaf?

Sowohl als auch. Thomas Schaaf hat einfach über mehr als ein Jahrzehnt überragende Arbeit geleistet. Und Werder ist auch dafür bekannt, dass Aktionismus hier nichts zu suchen hat. Es geht traditionell um Stabilität, die es einem ermöglicht, ruhig und erfolgsorientiert zu arbeiten. Im weltweiten Fußball gibt es eine Ära wie jene von Schaaf in Bremen sehr selten. Das spricht für den Standort.

Werder Bremen: Tim Borowski genießt Tennis-Duelle mit Trainer Florian Kohfeldt - aber es wird laut

Was ist Florian Kohfeldt nun für ein Typ? Stimmt es, dass Sie beide sich auf dem Tennisplatz duellieren, bis einer laut wird – und ähnlich ticken?

Da nehmen wir uns nicht viel, in der Tat (lacht). Wir beide können nicht verlieren. Allerdings ist Zeit zum Tennisspielen leider aufgrund des zeitintensiven Jobs marginal. Aber wenn es zum Duell kommt, genießen wir das – auch durchaus laut.

Danach gibt es trotzdem ein Bier?

Eher Apfelschorle oder Versöhnungs-Wasser (lacht).

Sind Sie ihm auch als Trainer ähnlich? Oder haben Sie ein anderes Vorbild?

Ich habe kein echtes Vorbild, weil ich gerne über den Tellerrand hinausschaue. Ich habe stets im Blick, wie ich mich als Trainer weiterbilden kann. Da gibt es viele Ansätze, die ich genau filtere, denn ich bin auch der Meinung: Nicht alles, was man neu erfindet, muss gleichzeitig Erfolg bedeuten. Trotzdem will ich immer dazulernen, jeden Tag. Und da gilt nicht: von einem bestimmten Trainer, sondern von vielen.

Die Bremer Mannschaft ist sehr jung, sind Sie da als loyaler Ansprechpartner besonders gefragt?

Unser ganzes Trainerteam ist sehr jung, wir sprechen alle die gleiche Sprache. Ich habe da aber eine andere Vita, weil ich ja selber im Internat groß geworden bin, jeden Schritt gegangen bin, bis in die Bundesliga. Ich kenne Mechanismen, Probleme, die auftauchen, wenn Familie, Freunde und Freundin fehlen, wenn man den Sprung geschafft hat, was auf einen einprasselt. Ich bin da gerne Ansprechpartner und Ratgeber.

Werder Bremen-Co-Trainer Tim Borowski vergleicht FC-Bayern-Coach Hansi Flick mit Jupp Heynckes

Sind Sie einer für die zweite Reihe – oder schlummert ein Flick in Ihnen?

Also erst mal muss ich da sagen – denn ich durfte Hansi ja persönlich als Spieler kennenlernen –, dass man ihm für das letzte Jahr ein Riesenkompliment machen muss. Nicht nur wegen des Triples, sondern vor allem wegen der Ruhe, der Konstanz, der Stabilität, die er auf allerhöchstem Niveau reingebracht hat, gepaart mit einer menschlichen Note. Aber um Ihre Frage zu beantworten: Ich bin aktuell mit meiner Situation bzw. Position total zufrieden.

Und auch noch jung in ihrer Trainerkarriere?

Das „jung“ nehme ich mal als Riesenkompliment (lacht).

Weil die das Menschliche ansprechen: Sie haben den direkten Vergleich Flick/Heynckes. Passt er?

Beide haben eine eigene Note, aber was sie eint, ist die extrem menschliche Note, gepaart mit dem Erfolgshunger. Da kann man sie schon auf eine Stufe stellen. Jupp hat das über Jahrzehnte und in verschiedenen Ländern bewiesen, das ist schon eine hohe Kunst. Er hat es immer geschafft, seine Teams zu führen, zu lenken, zu Erfolgen zu bringen. So ähnlich sieht das bei Hansi auch aus.

Sie sagten mal: „Fußballer sind keine Maschinen.“ Das Zwischenmenschliche ist also wichtig, oder?

Das sagt ja sogar ein Weltstar wie Franck Ribery. Und auch ich kann es nur bestätigen. Es ist immer schön, wenn man mit einem Trainer über alle Themen sprechen kann – und man auch das Gefühl hat, dass er ein offenes Ohr dafür hat. Das schweißt zusammen – und ist ein extrem wichtiger Baustein für Erfolg.

Werder Bremen: Beim FC Bayern reinschnuppern? Tim Borowski sowieso im Austausch mit Miroslav Klose

In Bremen sind Sie, Clemens Fritz, Frank Baumann verantwortlich. In München, Flick, Klose, Hasan Salihamidzic, Oliver Kahn. Ex-Spieler Macher – ist das eine ähnliche Linie?

Das sieht ähnlich aus, ja. Und es zeigt, dass Erfahrung auf dem Platz wichtig ist, um in der Branche was zu erreichen. Aber trotzdem geht es am Ende um Qualität, und wenn man die aus einem Mix aus eigenen und externen Erfahrungen erreicht, ist das das Nonplusultra.

Würden Sie gerne mal mit Klose tauschen – und ein paar Tage in München reinschnuppern?

Miro und ich sind sowieso oft im Austausch, er absolviert ja gerade den Fußballlehrer, den ich in diesem Jahr abgeschlossen habe. Dafür muss ich also keinen Tag in München sein (lacht).

Zum Abschluss: Warum landet Bremen nicht wieder im Abstiegskampf?

Sagen wir mal so: Selbst bei einer Pleite in München wären wir nicht direkt im Abstiegskampf. Und mit unserer Erfolgsbesessenheit gehe ich auch danach stark davon aus, dass das nicht wieder passieren wird.

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