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Timo Hildebrand beim Fotoshooting in Stuttgart (Archiv).

Ex-Keeper im Interview 

Hildebrand: „Pavlenka sollte bei Werder bleiben“

Bremen/Stuttgart - Wenn der VfB Stuttgart am Samstag (15.30 Uhr) Werder Bremen zum Heimspiel empfängt, ist das für Timo Hildebrand natürlich ein Pflichttermin. 

„Das Duell steht doch seit vielen Jahren schon für attraktiven Fußball“, sagt der 39-Jährige Ex-Torhüter, der während seiner Karriere zahlreiche Spiele gegen Werder bestritten hat.

In Interview mit der DeichStube erinnert sich Hildebrand an die für ihn wichtigsten Duelle und erklärt, weshalb er die Bremer unter Trainer Florian Kohfeldt auf dem Weg zurück zu alter Stärke sieht. Außerdem empfiehlt er Werder-Keeper Jiri Pavlenka, möglichst lange in Bremen zu bleiben und betont, dass er Werders Nachwuchskeeper Luca Plogmann eine große Karriere zutraut.

Herr Hildebrand, woran denken Sie, wenn Sie den Namen Charisteas hören?

Timo Hildebrand: (lacht) Mit ihm und Werder Bremen verbinde ich natürlich das Ende meiner Serie ohne Gegentore (Hildebrand hält bis heute den Bundesliga-Rekord mit 884 Minuten ohne Gegentor, Anm. d. Red.). Aber es war auch okay, dass sie irgendwann vorbei war. Das Thema hat am Ende nur noch genervt, weil alle auf das Gegentor gewartet haben.

Charisteas traf am 18. Oktober 2003 beim Stuttgarter 3:1-Erfolg in Bremen. Ein Tor, das sie nie wieder vergessen werden?

Hildebrand: Niemals werde ich das Tor vergessen, weil es eigentlich irregulär war! Der Ball war vorher im Aus! Wenn es den Videobeweis damals schon gegeben hätte, hätte mein Rekord noch länger gehalten. Zumindest ein paar Minuten (lacht).

Sie haben in Ihrer Karriere 18 Bundesligaspiele gegen Werder bestritten, und Ihre Bilanz liest sich positiv: acht Siege, vier Unentschieden, sechs Niederlagen. Welche Erinnerungen haben Sie an diese Duelle?

Hildebrand: Es waren immer heiße Spiele, da gab es kein großes Taktieren, es ging sehr emotional zu. Ich kann mich an ein Spiel in Stuttgart erinnern, das 4:4 ausgegangen ist. Bordon hat drei Tore gemacht. Das war Wahnsinn! Zu meiner Zeit war Werder brutal stark in der Offensive. Ich nenne nur zwei Namen: Micoud und Ailton. Auch der Rest des Angriffs hat immer für Action gesorgt. Offenes Visier und Spaß am Fußball – so habe ich Bremen bis heute in Erinnerung.

Bis 2007 stand Timo Hildebrand zwischen den Stuttgarter Pfosten.

Sie hätten als Torhüter aber bestimmt lieber 0:0 als 4:4 gespielt, oder?

Hildebrand: Für die Fans ist so ein Spiel geil, aber ich habe natürlich nicht gerne vier Gegentore bekommen. Generell sind Spiele, in denen viel passiert, aber auch für einen Torwart spannender, als wenn beide Mannschaften nur auf das 0:0 spielen. Jetzt bin ich ja selbst Fan, Stuttgart ist mein Herzensclub. Große Schachspielerei brauche ich im Stadion nicht. Schon gar nicht gegen Werder. Ich freue mich auf das Duell und werde im Stadion sein.

Dann können Sie sich vor Ort ein Bild von beiden Torhütern machen – Werders Jiri Pavlenka und Stuttgarts Ron-Robert Zieler. Wer ist der Bessere von beiden?

Hildebrand: Mit solchen Vergleichen tue ich mich immer schwer. Aber Pavlenka hatte ein super erstes Jahr in Bremen, er hat Werder richtig gutgetan. Er hat mir sehr imponiert, weil er stabil war und viele Punkte gerettet hat. Er macht seine Sache überragend gut. Ron hat zwar auch relativ gut gespielt, hatte aber auch den einen oder anderen Patzer.

Wo ordnen Sie Pavlenka im Liga-Vergleich ein. Ist er schon der beste Keeper der Bundesliga?

Hildebrand: Er muss seine starken Leistungen jetzt bestätigen, aber er hat gezeigt, dass er fest zu den Top-5-Torhütern in der Liga zählt. Pavlenka hat keine großen Schwankungen, er hat sich mit seinen spektakulären Paraden zurecht in die Herzen der Fans gehalten. Und für Werder ist es unbezahlbar, zu wissen: „Okay, der hält auch mal einen Unhaltbaren.“

Im Auswärtsspiel in Frankfurt musste Pavlenka übel einstecken. Er zog sich eine Gehirnerschütterung zu. Wie schwer ist es für einen Torhüter, nach der Genesung die Angst vor ähnlichen Verletzungen abzulegen?

Hildebrand: Angst darf man nicht haben! Du musst ganz genauso in die Spiele gehen, wie vorher auch. Vielleicht sogar noch eine Spur konzentrierter. Ich glaube nicht, dass die Szene in Frankfurt bei Pavlenka etwas hinterlassen hat. Das gehört einfach dazu.

Als Pavlenka kam, kannten ihn in Europa nur absolute Experten. Jetzt ist er heiß begehrt. Kann Werder einen Torwart dieser Klasse langfristig halten?

Hildebrand: Werder ist ja schon lange bekannt für Transfers, die unglaublich gut funktionieren. Micoud und Diego hat ja auch niemand auf der Rechnung gehabt, und sie sind in Bremen explodiert. Pavlenkas Zukunft hängt eng mit Werders sportlicher Entwicklung unter Kohfeldt (Werders Trainer, Anm. d. Red.) zusammen. Wenn es so gut weitergeht wie bisher und Werder bald wieder international spielt, bleibt er bestimmt.

Und wenn nicht? Dann ist er im Sommer weg?

Hildebrand: Ich glaube, dass er selbst dann bleibt. Raten würde ich ihm das auf jeden Fall. Es ist für einen Spieler immer gut, mehrere Jahre in einem Verein zu spielen. Den Schritt ins Ausland hat er ja schon gemacht, als er zu Werder gewechselt ist. Und zu einem Topclub zu gehen, heißt nicht automatisch, Erfolg zu haben. Da gibt es keine Garantie. Bernd Leno hätte auch nicht gedacht, dass er bei Arsenal London nur auf der Bank sitzt. Und bei meinem Wechsel nach Valencia lief damals auch nicht alles rund.

Man nennt ihn auch „die Krake“: Werder-Keeper Jiri Pavlenka.

Werder hat innerhalb des Vereins schon vorgesorgt. In Nachwuchstorhüter Luca Plogmann steht Pavlenkas potenzieller Nachfolger bereits im Profikader. Was denken Sie über ihn?

Hildebrand: Ich finde es gut, wenn einem jungen Torhüter die Chance gegeben wird, im eigenen Verein mal ganz oben anzuklopfen. Bei mir ist es ja genauso passiert. Ralf Rangnick hat mich damals in Stuttgart einfach ins kalte Wasser geworfen und keinen erfahrenen Torhüter geholt. Dann musst du natürlich funktionieren.

Plogmann ist nach seiner Einwechslung in Frankfurt direkt auf Elfmeterschütze Haller zugegangen und hat versucht, ihn verbal zu verunsichern? Eine kluge Aktion beim Bundesliga-Debüt?

Hildebrand: Ich hätte es nicht gemacht. Ich wäre direkt ins Tor gewandert und hätte mich auf mich selbst konzentriert, anstatt irgendeinem Gegenspieler noch ein paar Takte zu sagen.

Wie schwer ist es für einen jungen Torhüter, wirklich da zu sein, wenn sich die Chance plötzlich bietet?

Hildebrand: Das hängt stark damit zusammen, wie dein Verein zu dir steht. Wenn er dir generell die Zeit gibt und du das Vertrauen spürst, dann ist der Druck gar nicht so groß. Das Gefühl habe ich bei Werder und Plogmann. Es prallt an keinem Torhüter ab, wenn er mal einen Fehler macht. Aber das Gute im Fußball ist, dass man wenige Tage später schon wieder zeigen kann, dass es nur ein Ausrutscher war.

Wieviel Glück gehört neben all dem Können dazu, damit sich ein Nachwuchstorhüter wie Sie damals in der Bundesliga etablieren kann?

Hildebrand: Glück gehört absolut dazu. Wenn der junge Torwart einen vor der Nase hat, der die nächsten fünf Jahre Stammtorhüter ist, wird es schwierig für ihn. Da kann er noch so gut sein. Dann muss er sich eben einen neuen Weg bei einem anderen Verein suchen.

Es gibt Experten, die der Meinung sind, Deutschland würde ein großes Torwart-Problem bekommen, wenn die Generation um Manuel Neuer einmal abtritt. In Ihrer Kolumne beim Online-Magazin FUMS haben Sie das als „konstruierten Blödsinn“ bezeichnet. Warum?

Hildebrand: Wir hatten auf dieser Position doch noch nie Probleme! Ter Stegen hat noch ein paar Jahre vor sich und ist ein überragender Torhüter. Auch in der Jugend gibt es genügend Talente, die nachrücken. So wie Florian Müller in Mainz, oder eben Plogmann bei Werder. Einen wie Manuel Neuer gibt es in jeder Generation.

Werders Nachwuchskeeper Luca Plogmann.

2015 haben Sie ihre Laufbahn beendet. Wie haben sich die Anforderungen an einen Torhüter seitdem verändert?

Hildebrand: Die Torhüter müssen heute viel besser mit dem Fuß sein, als es früher der Fall war. Ich zähle mich selbst zwar zu der Generation, die etwas mit dem Ball anfangen konnte, aber ich würde das Thema nicht überbewerten. Mir ist das einen Tick zu viel. Für mich muss ein Torwart den Ball gut annehmen und weiterpassen können. Er muss aber keine tödlichen Pässe spielen. Seine Priorität muss darauf liegen, Bälle zu halten. Er muss nicht der elfte Feldspieler sein.

Es gab in Ihrer Karriere immer mal wieder das Gerücht, dass Werder an Ihnen interessiert sei? Gab es mal Kontakt?

Hildebrand: Es gab Interesse nach meiner Zeit in Valencia. Das lief über meinen Berater, kam für mich aber nicht in Frage.

Warum nicht?

Hildebrand: Als ich aus Valencia weg wollte, wollte ich in sichere Häfen, um einen neuen Anlauf zu nehmen. In Hoffenheim war Ralf Rangnick Trainer, den ich aus Stuttgart kannte. Das Team war damals Erster. Ich habe das als den richtigen Schritt gesehen.

Werder hat vor der laufenden Spielzeit überraschend das internationale Geschäft als Saisonziel ausgegeben. Was trauen Sie der Mannschaft zu?

Hildebrand: Werder hat sich toll entwickelt. Es ist eine harmonisches Team, das einen tollen Start hingelegt hat. Kohfeldt macht einen guten Job. Er ist mit Werder auf dem Weg zurück zu alter Stärke.

Ein Weg, der auch über Stuttgart führt? Was meinen Sie, wie geht das Spiel aus?

Hildebrand: Ich sehe Werder als Favorit. Stuttgart muss sich erst noch finden.

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