Clemens Fritz gibt als Leiter Einblicke in das Spieler-Scouting des SV Werder Bremen.
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Clemens Fritz gibt als Leiter Einblicke in das Spieler-Scouting des SV Werder Bremen.

Clemens Fritz erklärt Werders Plan

Macht der Daten: Wie der SV Werder Bremen beim Spieler-Scouting von der Technik profitieren will

Bremen – Die ganze Welt des Fußballs ist nur einen Mausklick entfernt. Denn so muss Clemens Fritz einfach nur einen Blick auf seinen Computerbildschirm werfen, wenn er eine wichtige Information über irgendeinen Profi auf diesem Planeten benötigt. Was für den Leiter Scouting des SV Werder und sein Team eine ziemlich praktische Angelegenheit ist. 

Beim SV Werder Bremen setzen sie bei der Rekrutierung neuer Spieler schon seit einigen Jahren auch auf die Kraft der Daten. Nicht nur, weil es die Sache erheblich vereinfacht, sondern weil sich so auch Transferoptionen auftun können, die sonst womöglich unentdeckt bleiben. Aber wie funktioniert dieses Scouting genau? So richtig beantworten will diese Frage niemand so gern. Nicht an der Weser, und auch sonst nirgendwo. „Wir haben natürlich Mitbewerber und wollen deshalb nicht ganz genau sagen, wie wir arbeiten und was wir machen“, betont Fritz im Gespräch mit der DeichStube. „Was ich sagen kann: Wir haben verschiedene Daten-Anbieter und nicht nur einen, mit dem wir zusammenarbeiten.“

Diese Geheimniskrämerei ist keine Ausnahme. Der englische Club FC Brentford gilt als Paradebeispiel in Sachen Daten-Scouting. Das jetzige Premier-League-Team aus dem Westen Londons war einst nur während des Zweiten Weltkrieges erstklassig, danach vornehmlich in den Niederungen des englischen Fußballs unterwegs und 2006 schließlich hoch verschuldet. Es war der Moment, als der millionenschwere Investor Matthew Benham beim Verein einstieg, ihn 2012 schließlich komplett übernahm. Das gefiel nicht überall, war aber der Startschuss einer ungewöhnlichen Geschichte. Benhams Firma Smart Odds hatte zuvor schon auf der Basis unzähliger Statistiken Formeln für Wettquoten von Fußballspielen entwickelt – und münzte dieses Modell nun auf das „echte“ Fußballgeschäft um. Wie genau das aussieht, wird nicht verraten. Schließlich soll es unkopierbar sein. Der Erfolg gibt dem Geldgeber, der auch beim FC Midtjylland aus Dänemark umtriebig ist, Recht: Brentford holte zahlreiche unbekannte, aber talentierte Spieler, vergrößerte dadurch einerseits den sportlichen Erfolg und andererseits durch spätere teure Verkäufe das Konto – weil die Daten zuvor eine entsprechende Wertsteigerung prognostiziert hatten.

Clemens Fritz erklärt: So läuft das Spieler-Scouting beim SV Werder Bremen

Seither wird an vielen Fußball-Standorten davon geträumt, mit ähnlichen Ideen erfolgreich zu sein. Auch beim SV Werder Bremen? „Ich sehe uns nicht als Kopie des FC Brentford oder FC Midtjylland. Wir gehen da unseren eigenen Weg – wie viele andere Vereine auch“, hebt Clemens Fritz hervor. „Wir arbeiten nicht ganz so datengetrieben wie es – aus der Entfernung betrachtet – andere Clubs womöglich tun.“ Stattdessen dienen die Zahlen als Entscheidungshelfer. „Ich kann für uns ausschließen, dass wir nur anhand von Daten Spieler verpflichten. Uns ist es sehr wichtig, dass wir in dieser Hinsicht nichts überbewerten“, sagt Werders Ehrenspielführer. „Wir verpflichten keinen Spieler, ohne ihn je spielen gesehen zu haben.“

Wer mit den richtigen Daten-Lieferanten kooperiert, erhält inzwischen die gesamte Bandbreite an Informationen. Je detailverliebter, desto besser. „Wenn du beispielsweise einen Spieler findest, der eine 78-prozentige Passquote aufweist, dann weißt du erst einmal nicht, ob er die Bälle immer nur nach hinten oder doch eher diagonal oder vertikal spielt“, nennt Fritz ein Beispiel. „Das kann man mit den entsprechenden Daten herausfiltern.“ Ein Selbstläufer ist die ganze Angelegenheit deshalb aber nicht, es gibt weiterhin Tücken. „Es kann auch mal sein, dass ein Spieler nicht so gute Daten hat, aber im Video- oder Live-Scouting dann komplett anders bewertet wird“, erklärt der 41-Jährige. „Man muss eben immer auch sehen, welche Art von Fußball beim bisherigen Verein in welchem System gespielt wird. Wenn der Trainer verlangt, dass vornehmlich lange Bälle gespielt werden, dann sieht die erwähnte Passquote automatisch nicht so gut aus. Deswegen kann es auch immer den umgekehrten Weg geben, dass die Live-Eindrücke gegenüber den Daten anders ausfallen.“

Und trotzdem will niemand mehr auf die zusätzlichen Werte verzichten. Natürlich kostet diese Unterstützung Werder Bremen Geld, aber gleichzeitig werden unbefriedigende Reiseausgaben eingespart. „Wir können nicht alle Märkte auf der Welt abdecken“, erklärt Clemens Fritz. „Es gibt andere Clubs, die haben nahezu in jedem Land einen Live-Scout sitzen, der sich ausschließlich mit dem dortigen Markt beschäftigt. Das geht bei uns nicht. Deshalb versuchen wir, anhand von Daten an die wichtigen Informationen zu kommen, um dann nach einem anschließenden Video-Scouting möglichst gezielt zum Live-Scouting in ein jeweiliges Land zu reisen.“

Mit Daten, Videos und Live-Scouting: Wie Werder Bremen neue Spieler auf dem Transfermarkt findet

Im Sommer hat sich Werder Bremen gleich zwei Mal in England bedient, Lee Buchanan und Oliver Burke wurden verpflichtet. Es ist nur unschwer zu erraten, dass Letzterer vor allem in puncto Geschwindigkeit und Explosivität außergewöhnlich gute Zahlen vorzuweisen hatte. „Wir wussten bei Oliver schon vorher, dass er bei der Schnelligkeit, aber auch der gesamten Physis super Werte hat“, sagt Fritz. „Als sich eine Wechselmöglichkeit zu uns dann herauskristallisiert hat, haben wir uns das noch einmal ganz explizit angeschaut. Die Werte waren schon sehr gut, das muss man ganz klar so sagen.“ Bislang erweist sich der Burke-Transfer als Glücksgriff, der Stürmer hatte als Joker meist enormen Einfluss auf das Bremer Spiel.

Nachahmer sind deshalb bei Werder Bremen nicht nur gern gesehen, sondern ausdrücklich erwünscht. Vielleicht ein Grund, um die Bedingungen bei der grün-weißen Scouting-Crew weiter zu verbessern – oder etwa nicht? „Wir haben gerade einen Abstieg samt Wiederaufstieg hinter uns, die Corona-Pandemie ist auch noch nicht überstanden. Da können wir jetzt nicht einfach hingehen und sagen, dass wir die Scouting-Abteilung vergrößern“, unterstreicht Fritz. „Auch unsere Abteilung muss weiterhin auf das Budget und die finanziellen Bedingungen achten. Unsere aktuelle Aufstellung gibt mir aber ein gutes Gefühl. Manchmal ist es auch besser, in einem kleinen Team zu arbeiten – aber dann qualitativ hochwertiger als in einem großen Team, in dem auch mal etwas untergeht.“ (mbü)

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