Frank Baumann und der SV Werder Bremen haben in der Bundesliga mit ihrer neu eingeführten Pandemie-Klausel für Aufsehen gesorgt.
+
Frank Baumann und der SV Werder Bremen haben in der Bundesliga mit ihrer neu eingeführten Pandemie-Klausel für Aufsehen gesorgt.

Not-Klausel bei Spielerverträgen

Vorreiter Werder Bremen erfindet den „Pandemie-Paragrafen“, und die Konkurrenz horcht auf

Bremen – Von Hans-Günter Klemm. Sparen ist weiterhin angesagt. Werder Bremen, dies ist hinlänglich bekannt, muss den Gürtel enger schnallen. „Wir müssen Einsparungen vornehmen“, betonte Geschäftsführer Frank Baumann unlängst erst wieder und kündigte mit den Profis eine neue Runde über das Thema Gehaltsverzicht an.

Mit einem Angestellten muss der Manager indes nicht darüber reden: Patrick Erras, der aus Nürnberg verpflichtete Neuzugang, hat bei der Vertragsunterzeichnung bei Werder Bremen schon einem Passus zugestimmt, wonach sein Salär gekürzt wird. „Pandemie-Klausel“, nennt Frank Baumann die Passage, die er in den unerfreulichen Zeiten des Corona-Virus entworfen hat, um die Profis an den möglichen wirtschaftlichen Risiken zu beteiligen.

Werder Bremen und Frank Baumann sind mit Pandemie-Klausel Vorreiter in der Bundesliga

Baumann und Werder Bremen sind somit Vorreiter in der Bundesliga. So dezidiert sind bisher die Kollegen anderer Clubs nicht vorgegangen in dieser für viele existenzbedrohenden Lage. Die Überlegungen des federführenden Werder-Bosses sehen so aus: „Wir wollen und müssen uns für die finanziellen Ausfälle absichern, die entstehen können.“ Bisher lag das Risiko komplett bei dem Club als Arbeitgeber, wie am Beispiel der Unterbrechung der letzten Saison deutlich wurde. Die Funktionäre waren auf den guten Willen ihrer Angestellten angewiesen. Das will Frank Baumann ändern. Entsprechend geht er bei der Gestaltung neuer Verträge vor. Mit seinen Worten: „Die Klausel soll gewährleisten, dass auch die Spieler ihren Teil zu der Bewältigung der finanziellen Probleme beitragen.“

Es sei nicht ganz unproblematisch und einfach, eine solche Konstruktion in die Kontrakte einzubauen, weiß der 44-Jährige um grundsätzliche juristische Probleme. Wenn der Fall zum Tragen käme, müsse sich zeigen, ob die Klausel vor Gericht Bestand haben könne. Es bleibt eine juristische Grauzone, ob ein Arbeitnehmer wie ein Berufsfußballer für unerwartete und unverschuldete Ereignisse wie beispielsweise aktuell die Corona-Pandemie in Haftung genommen werden kann.

Werder Bremen-Verträge: „Die Klausel muss begründet sein“

Bedenken, die auch andere Vertreter aus der Branche anführen. „Am Ende muss alles juristisch sauber sein“, mahnt Wolfsburgs Geschäftsführer Jörg Schmadtke, der das größte Fragezeichen exakt an diesem Punkt ansetzt und die Frage stellt: „Kann ein Arbeitnehmer für das Ausbrechen einer Pandemie verantwortlich gemacht werden?“ Auch Martin Kind, der Patriarch des Zweitligisten Hannover 96, wo die Finanzsorgen wie bei vielen Klassenrivalen noch extremer sich gestalten als im Oberhaus, formuliert vorsichtig: „Die Klausel muss begründet sein.“ Der Macher aus Niedersachsen, ein erfolgreicher Unternehmen, hat daher seine Anwälte instruiert, alle rechtlichen Aspekte und Hindernisse abzuklopfen.

Über die Sinnhaftigkeit und Notwendigkeit des von Frank Baumann in die Debatte geworfenen Pandemie-Paragrafen herrscht im Fußballgeschäft indes weitgehend Einigkeit. „Absolut wünschenswert“, sagt Rouven Schröder, der Manager von Mainz 05, der einst auch bei Werder tätig gewesen ist. „Es erfordert jedoch noch einige Anstrengung, die genauen Parameter plausibel festzuschreiben.“ Auch Schmadtke hält die Vorgehensweise für „legitim und richtig“. Markus Krösche, der frühere Spieler des SV Werder Bremen, der nun als Sportdirektor bei RB Leipzig amtiert, kündigt eine „grundsätzliche Beschäftigung mit dieser Thematik“ an. Positive Signale gibt es auch von Eintracht Frankfurt und Schalke 04, wo Boss Jochen Schneider erklärt: „Wir setzen das so um.“ Und selbst in Kreisen der Spielerberater kommt das Ganze nicht unerwartet. „Ein legitimer Versuch, dass die Clubs sich absichern und gewisse Risiken auch auf die Spieler verteilen wollen“, kommentiert Jörg Neblung, Inhaber der Agentur „neblung network“.

Werder Bremen: Pandemie-Klausel wird wohl nicht in DFL-Mustervertrag aufgenommen

Ein neues, spannendes Kapitel im Profifußball – und Werder Bremen momentan klar in der Poleposition. Die anderen kündigen diesen Schritt an, Frank Baumann hat schon gehandelt. Im Fall Erras und im Sonderfall des Jungprofis Luc Ihorst, dessen Vertrag vor seiner Ausleihe an den VfL Osnabrück vorschriftsmäßig verlängert werden musste. „Die Bereitschaft bei den Spielern war da“, berichtet Baumann von problemlosen Gesprächen. Für Baumann ist dies ab sofort, also auch bei noch folgenden Spielerverpflichtungen in dieser Transferperiode, gewissermaßen Standard. Der Pandemie-Vorbehalt ist für den Bremer Macher nicht verhandelbar. „Wir können über Zahlen und Prozente reden, aber nicht über die Grundsätzlichkeit dieses Faktors“, sagt Baumann. Sollte ein Kandidat dies nicht akzeptieren, so käme es nicht zum Abschluss.

Baumann gehört wie auch Schmadtke und Schröder der Kommission Fußball an, die bei der Deutschen Fußball-Liga (DFL) eine beratende Funktion gegenüber dem Präsidium einnimmt. Dieses Gremium hat unlängst die Vertragsklausel bereits thematisiert. Einige halten es für wünschenswert, dass ein entsprechender Passus in den DFL-Mustervertrag aufgenommen wird. Doch diese Bestrebungen erscheinen recht unrealistisch, wie selbst ein skeptischer Frank Baumann anmerkt: „Ich sehe dafür kaum eine Chance. Es wird wohl kaum passieren, dass dies verbindlich geregelt wird.“

Auch interessant

Neu und nur in der DeichStube!

DIE DEICHSTUBE ALS KOSTENLOSE APP

Die DeichStube gibt es jetzt auch als kostenlose App. Einfach downloaden!

Kommentare