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Video-Analyst Janos de Witt (v.l.), Werder-Athletiktrainer Leif Frach, Tennis-Coach Jan de Witt und Bremens U23-Trainer Florian Kohfeldt auf der Terrasse des TC Blau-Weiß Halle.

Referat über Videoanalyse bei Gerry Weber Open

Werders U23-Trainer Kohfeldt: „Wir können vom Tennis lernen“

Halle/Westfalen - Von Erik Trümpler. Werders U23-Trainer Florian Kohfeldt ist überzeugt: Fußball und Tennis sind zwei Sportarten, die voneinander lernen können. Daher referierte er jetzt bei den Gerry Weber Open über Videoanalyse.

Federer-Festtage in Halle – und Werder Bremen mittendrin. Während sich der Schweizer Weltstar Roger Federer bei den Gerry Weber Open in Halle/Westfalen auf sein erstes Match vorbereitet, stehen am Spielfeldrand zwei Bremer, die sich auf Rasen ebenfalls bestens auskennen: Werders U23-Coach Florian Kohfeldt und Athletiktrainer Leif Frach. Beide sind am Sonntag nach Ostwestfalen gereist, um sich mit Tennis-Trainern der Weltspitze über verschiedene Stellschrauben im Leistungssport auszutauschen. Der Titel „Vergleichsanalyse von Profi-Fußball und Profi-Tennis.“

Längst nutzen Vereine und Top-Trainer die technischen Möglichkeiten der Digitalisierung, um wichtige Messdaten im konditionellen Bereich zu ermitteln, aber auch um den Gegner und die eigene Mannschaft bis ins kleinste Detail zu analysieren. Spielnachbereitung und die Vorbereitung auf die nächste Partie per Videoanalyse sind bei Werder die komplette Woche durchgetaktet.

Werder tauscht sich mit Tennis-Trainer Jan de Witt aus

Und was hat das mit Tennis zu tun? Bereits vor zwei Jahren entstand der Kontakt zwischen Werder und „Deutschlands bestem Coach“ („Süddeutsche Zeitung“) Jan de Witt (wir berichteten). In der Folgezeit entwickelte sich ein steter Austausch zwischen dem Tennis-Fachmann und den Bremer Verantwortlichen, in der Regel mit Björn Schierenbeck und Florian Kohfeldt. Ein Kontakt, von dem beide Seiten profitieren.

Etwa 300 Meter vom Gerry Weber Stadion in Halle referierten Kohfeldt und Frach am Sonntag vor den anwesenden internationalen Tennis-Trainern. Ein Thema: Match-Vorbereitung und Videoanalyse. Die Frage dahinter: Was sage ich als Coach meinen Spielern über die Stärken und Schwächen des Gegners, wie bereite ich – beziehungsweise die Scouts – die Inhalte auf, und wie lang darf so eine Video-Präsentation höchstens sein, um die Spieler nicht zu überfordern?

Fußball ist Tennis bei der Videoanalyse weit voraus

Im Bereich der Videoanalyse ist der Fußball dem Tennissport deutlich voraus. Von der ersten bis in die dritte Liga ist diese Art der Vor- und Nachbereitung von Spielen Standard, so Kohfeldt. Und beim Tennis? „In unserem Sport setzen weniger als zehn Prozent darauf. Ich bin überzeugt, dass diejenigen, die sich dem auch in fünf bis zehn Jahren noch verschließen, große Probleme bekommen“, sagt Jan de Witt. Er hatte sich beim Volleyball und in der NBA schlau gemacht, bevor er diese Technik vor einigen Jahren erstmals auch für die eigene Arbeit nutzte.

Ohne Hilfe ist das zeitlich nicht zu leisten – das gilt für Kohfeldt und de Witt. De Witt hat unter anderem seinen Sohn Janos als Analysten gewonnen. Der Student bekommt die Videos sämtlicher verfügbarer Spiele, geht jeden Ballwechsel durch und legt Statistiken in einer speziellen Software an. Rund 90 Einzelkriterien sind in der digitalen Bibliothek der de Witts zu jedem Weltklasse-Spieler hinterlegt. Diese Bibliothek ist ein wichtiger Baukasten, aus dem sich der Trainer die wichtigsten Werkzeuge herausnehmen kann.

Wenn er nicht gerade über Tennis und Fußball referiert, steht Florian Kohfeldt auf dem Trainingsplatz - wie hier beim Sommer-Auftakt der U23 von Werder Bremen.

„Aus dieser Matrix, einem Raster mit den wichtigsten Analyse-Merkmalen, versuchen wir am Ende bestimmte Muster herauszulesen, die unserem Spieler helfen können. Gerade in Stress-Situationen kehren viele Profis zu ihren klassischen Lösungen zurück. Darauf sind wir dann bestmöglich vorbereitet.“ Der Unterschied zum Fußball: de Witt weiß meist erst einen Tag vorher, auf wen sein Schützling Gilles Simon trifft, muss also in wenigen Stunden die wichtigsten Informationen parat haben.

Werder kann langfristiger planen. Kohfeldt arbeitet als U23-Coach mit einem festen Scout zusammen. Die Gegnerbeobachtung live und auf Video bildet einen zentralen Baustein. Kohfeldt: „Ich bin ein Freund von Video zur Spielvorbereitung und Spielnachbereitung. Grundlage einer erfolgreichen Analyse ist ein gemeinsames Verständnis vom Fußball zwischen Scout und Trainer, um Spielszenen auch gleich zu interpretieren.“ Nur so können die Schwächen des Gegners optimal aufbereitet werden.

Kohfeldt tritt mit knapper Zusammenfassung vor die Mannschaft

Jede Woche trifft sich Kohfeldt in der Saison zwei Tage vor dem Spiel mit einem kleinen Kreis zum Austausch, bevor er am Vortag der Partie mit einer auf maximal zehn Minuten komprimierten Zusammenfassung und den allerwichtigsten Erkenntnissen vor die Mannschaft tritt. „Unsere Matrix ist nicht so detailliert wie beim Tennis, weil das bei der Anzahl der Spieler den Rahmen sprengen würde. Wir konzentrieren uns stärker auf die Spielidee und das Mannschaftsgefüge – in der Defensive, der Offensive und bei Standardsituationen und suchen dann gezielt individuelle Stärken und Schwächen von Einzelspielern raus.“

Die anwesenden Tennis-Coaches verfolgen Kohfeldts Vortrag mit großem Interesse – er ist für sie ein ungewöhnlicher und tiefer Einblick in eine andere Sportart. „Dieser Blick über den eigenen Horizont bringt uns enorm voran. Wir dürfen nicht nur in unserem eigenen Saft schmoren, sondern müssen uns mit anderen austauschen“, sagt Jan de Witt. Auch Kohfeldt nimmt von diesem langen Seminartag und dem regelmäßigen Austausch einiges mit: „Wir können vom Tennis lernen, unter anderem, wie wir es schaffen, die Spieler in ihrer individuellen Entwicklung besser zu machen. Schon während meines Vortrags sind mir wieder neue Dinge eingefallen, die wichtig sind.“ Sicher ist: Der Austausch zwischen den Top-Trainern wird die Federer-Festtage von Halle überdauern.

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