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Konrad Fünfstück ist der neue Trainer der U23 von Werder Bremen.

Junge Spieler sind „Projekte“, aber keine Roboter

U23-Coach Fünfstück im Interview: Freiheit für Fußball-Künstler ist sein Credo

Bremen – Seit ein paar Tagen erst ist er im Amt: Konrad Fünfstück, der neue Trainer der U23 des SV Werder Bremen.

Als Nachfolger des zu Preußen Münster abgewanderten Sven Hübscher hat der 38-Jährige das Bremer Nachwuchsteam übernommen. Mit der DeichStube sprach der ehemalige Chefcoach des 1. FC Kaiserslautern (2. Liga) und des FC Wil (2. Liga Schweiz) über seinen Wechsel an die Weser, der wie ein Abstieg aussieht, über den Reiz der Regionalliga und die Harmonie zwischen ihm und seinen neuen Chefs.

Sie stammen gebürtig aus Bayreuth, haben bei Greuther Fürth und dem 1. FC Kaiserslautern sowie zuletzt beim FC Wil in der Schweiz gearbeitet. Und nun plötzlich hoher Norden! Wieso Werder, Herr Fünfstück?

Bremen ist ein spannendes Projekt. In Frank Baumann und Florian Kohfeldt stehen zwei Personen an der Spitze, die auf die Förderung des eigenen Nachwuchses großen Wert legen. In Björn Schierenbeck und Thomas Schaaf sind zudem zwei Fachleute im Nachwuchsbereich verankert, die eine hohe Qualität einbringen. Ich denke, für mich, der schon Erfahrungen sowohl aus dem Profi-Fußball als auch der Nachwuchsarbeit mitbringt, ist Werder eine gute Adresse.

Wer bereits als Cheftrainer von Profi-Teams gearbeitet hat und nun die Regionalliga Nord wählt, setzt sich dem Verdacht aus, die Karriereleiter heruntergefallen zu sein. Wieso machen Sie es trotzdem?

(lacht) Ich definiere mich in meiner Arbeit als Trainer nicht über die Ligahöhe. Für mich ist entscheidend, welche Möglichkeiten ich habe, eine Mannschaft zu entwickeln. Ich habe mich für die U23 von Werder entschieden, weil ich der Meinung bin, dass hier unter absolut professionellen Bedingungen die Möglichkeit besteht, junge Spieler zu entwickeln und für die Bundesliga-Mannschaft vorzubereiten. Es wird eine spannende und herausfordernde Zeit. Zumal U23 und Regionalliga zusammen auch nichts anderes sind als Fußball unter Vollprofi-Bedingungen.

Sie haben in einem früheren Interview gesagt, dass sich junge Spieler in der Regionalliga am besten entwickeln können. Woran machen Sie das fest?

Bei uns gilt: Wir haben viele Spieler im Kader, die frisch aus der U19 kommen und jetzt ihre ersten Schritte im Seniorenfußball gehen. Da darfst du auch eine Regionalliga nicht unterschätzen, auch da musst du dich erst mal zurechtfinden. Das ist schwierig für viele. Grundsätzlich sage ich aber, dass Ausbildung nicht an eine Spielliga gekoppelt ist. Du kannst sicherlich in der Dritten Liga ausbilden oder aber in der Regionalliga. Jeder Spieler, der in der U23 spielt, ist ein Projekt. Und wir müssen zusehen, dass wir diese Projekte so intensiv fördern und voranbringen, dass wir möglichst viele möglichst nahe an den Bundesliga-Kader heranbringen.

Einen Spieler als „Projekt“ zu bezeichnen, hört sich sehr technisch an.

Es ist einfach so: Wenn du in einem Bundesliga-Nachwuchsleistungszentrum professionell ausbilden willst, ist jeder Spieler ein Projekt – mit Stärken, Schwächen, Fähigkeiten. Und deine Aufgabe ist es, dieses Projekt zu entwickeln. Aber natürlich immer unter der Berücksichtigung, dass ein Mensch dahintersteht. Was ich sagen will: Der Fußball ist zu komplex und vielfältig geworden, als dass man eine Gruppe mit dem Gießkannenprinzip „Jeder macht das Gleiche“ ausbilden könnte. Es geht darum, dem Einzelnen den Kick zu geben, damit er es nach oben schafft.

Konrad Fünfstück ist auch ein emotionaler Trainer, plädiert für Herz und Kreativität auf dem Platz.

Wie machen Sie das? Sind Sie ein Coach aus der Fraktion Laptop-Trainer oder eher einer, der seinen Instinkten vertraut?

Der Mix macht’s. Du musst alle Werkzeuge nutzen, die dir zur Verfügung stehen. Ich tue mich aber schwer, solche Kategorien zu bilden.

Die Tendenz geht wohl Richtung Instinkt und Gefühl, denn von Ihnen stammt auch der Satz: „Taktik ja, aber man muss nicht gleich das Herz für den Fußball verlieren.“

Richtig. Das ist einfach so. Auf dem Platz stehen keine Maschinen oder Roboter, Fußball funktioniert nicht auf Knopfdruck. Als Trainer musst du einem Spieler Lösungsmöglichkeiten mitgeben, aber auf dem Platz braucht der Spieler Kreativität und Freiheit – gerade in der Offensive. In der Defensive ist das etwas anderes, da bin ich klar strukturiert, da will ich gewisse Handlungs- und Bewegungsabläufe sicherstellen. Letzten Endes sehe ich es so: Ein Spieler braucht Hilfestellungen, er muss seine Fähigkeiten auch ausleben können auf dem Platz. Sei es ein Dribbling, ein Abschluss, eine Eins-gegen-eins-Situation. Jeder Spieler hat doch etwas Besonderes, und dieses Besondere muss er auch zeigen dürfen. Das ist mein Credo.

Mit diesem Credo dürften Sie in den Gesprächen mit den Werder-Verantwortlichen gepunktet haben.

Das weiß ich nicht. Aber ja, es waren mit Frank Baumann, Florian Kohfeldt, Björn Schierenbeck und Thomas Schaaf sehr gehaltvolle Gespräche. Ich habe Harmonie gespürt, wir denken sehr ähnlich über Fußball.

Wie eng ist bislang der Austausch mit Florian Kohfeldt, der jetzt Ihr direkter Trainer-Vorgesetzter ist?

Ich habe mit Florian ein sehr langes, ein sehr gutes Gespräch geführt. Man hat gespürt, dass seine Vorstellungen von Fußball sehr nahe an das herankommen, wie ich bisher habe Fußball spielen lassen. Florian soll wissen, dass in der U23 Leute tätig sind, die sich als Zuarbeiter für das Profi-Team verstehen.

Kohfeldt hat auch den Anspruch formuliert, dass die Brüder Eggestein, die beide aus dem eigenen Nachwuchs hervorgegangen sind, bei Werder eher die Regel als die Ausnahme sein sollen. Haben Sie schon den nächsten Eggestein in Ihrem Team ausgemacht?

Das Entscheidende ist, dass Sie den Spielern die Zeit geben, um den nächsten Schritt zu machen. Ich finde es aber gut, dass Florian Kohfeldt lieber auf den nächsten Spieler aus der Akademie hofft, anstatt einen fertigen, teuren Spieler zu fordern. Und ich kann sagen, dass wir wieder ein paar spannende Jungs im Team haben. Letzten Endes liegt es dann an jedem selbst, was er aus sich macht. Jeder Spieler ist der Regisseur seines eigenen Lebens. Und wir Trainer sind nur die Werkzeuge.

Das Stadion Platz 11 ist die neue Heimat von Konrad Fünfstück, dem neuen Trainer der U23 bei Werder Bremen.

In der neuen Saison steigt der Meister der Regionalliga Nord ganz ohne zusätzliche Relegation in die Dritte Liga auf. Haben Sie den Auftrag, das schaffen zu müssen?

Nein. Wichtig ist allein, dass die Spieler sich Richtung Bundesliga entwickeln, dass sie in den Spielen möglichst nahe ans Maximum herangehen, dass sie sich professionell verhalten, dass sie mit Begeisterung und Ehrgeiz auftreten. Was am Ende dabei herauskommt, wird man sehen. Wir tun gut daran, kleine Schritte zu gehen. Denn viele Spieler aus dem 2000er-Jahrgang, die jetzt in die U23 hochkommen, müssen sich erstmal im Profi-Fußball zurechtfinden. Das geht nicht von heute auf morgen. Auf einmal spielen sie gegen gestandene Profis, die aus der zweiten oder dritten Liga kommen – da brauchen die Jungs schon eine gewisse Adaptionszeit.

In den vergangenen Wochen hat Werder bereits neun Akteure aus dem U23-Alter in höhere Spielklassen verliehen. Wäre die Dritte Liga nicht doch die bessere Basis für den Bremer Unterbau?

Das darf man so pauschal nicht sagen. Hinter jedem Spieler steht eine eigene Geschichte, ein eigener Karriereplan.

Werder plant und kämpft für den Bau eines neuen Nachwuchsleistungszentrums inklusive eines kleinen Stadions. Hand aufs Herz, Herr Fünfstück! Wie abgeschreckt waren Sie, als Sie sich ein Bild von den aktuellen Räumlichkeiten gemacht hatten?

Schauen Sie: Der schönste Beamer, der schönste Fernseher – das alles schießt keine Tore. Ich denke, ein U23-Spieler hat ja das Ziel, irgendwann dorthin zu kommen, wo es schön ist, wo es toll ist. Bis es so weit ist, darf er auch ein bisschen Demut zeigen, das ist für mich das Entscheidende. Vom Jammern und vom Mitleid bekommst du auch nichts geschenkt.

Das hört sich an, als bräuchten Sie keinen Neubau.

Ich weiß natürlich von den Werder-Plänen. Aber wichtig ist, dass man auf dem Trainingsplatz gut arbeitet und dass die Spieler spüren, dass da ein Umfeld ist, das sich um den Einzelnen kümmert und strukturiert, professionell agiert. Für die weitere Entwicklung des Leistungszentrums wäre ein Neubau aber absolut wünschenswert.

Was meinen Sie mit Demut?

Im Fußball geht es den Mitwirkenden wirklich sehr gut. Viele im Fußball sollten einmal kurz die Augen schließen und sich überlegen, worüber sie sich gerade aufregen. Denn es ist doch wirklich etwas ganz Tolles, im Fußball zu arbeiten. Mich stört in dieser Gesellschaft, dass die, die wirklich etwas leisten – Ärzte, Pfleger, Krankenschwestern – zu wenig Beachtung und Wertschätzung bekommen.

Unterdessen hat der DFB bekanntgegeben, dass das DFB-Pokal-Spiel Atlas Delmenhorst gegen Werder Bremen im Weserstadion ausgetragen werden darf. Und für die Kaderplanung der neuen Saison ist klar: Alvaro Tejero wechselt nicht zu Werder Bremen, sondern zu SD Eibar, der Rechtsverteidiger ist damit vom Markt.

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