Frank Baumann, Sportchef des SV Werder Bremen, bereitet die Entwicklung in der Nachwuchsarbeit Sorgen und kritisiert deswegen den DFB.
+
Frank Baumann, Sportchef des SV Werder Bremen, bereitet die Entwicklung in der Nachwuchsarbeit Sorgen und kritisiert deswegen den DFB.

Klare Kritik bei der Werder-MV

Sorge um Nachwuchsarbeit: Werder-Sportchef Baumann kritisiert den DFB - und setzt auf Ex-Hockey-Nationaltrainer Peters

Bremen – Es ist eine Zahl, auf die Frank Baumann stolz ist. Sonst hätte er sie während der Mitgliederversammlung des SV Werder Bremen am Sonntag wohl kaum derart hervorgehoben. „In den vergangenen drei Saisons sind insgesamt 17 Spieler für unsere Profimannschaft zum Einsatz gekommen, die in unserem Leistungszentrum inklusive unserer U23 ausgebildet worden sind“, sagte der Sportchef während seiner Rede an die Mitglieder – und sprach damit im Grunde das größte Kapital an, das Werder sportlich hat: den eigenen Nachwuchs.

Schon immer ist der Verein stark darauf angewiesen gewesen, wirtschaftliche Nachteile gegenüber der Konkurrenz durch die Ausbildung eigener Talente wettzumachen. Selbst entwickeln, statt teuer einkaufen - ein Motto, das nicht neu ist bei Werder Bremen. Das Frank Baumann aber mehr und mehr in Gefahr sieht. „Sorgen bereitet uns die Entwicklung in der Nachwuchsarbeit“, berichtete der 47-Jährige, der diesen Satz aber nicht speziell auf Werder bezog, „denn wir sind in den meisten Bereichen wirklich gut aufgestellt“, sondern zur ausführlichen Kritik am Deutschen Fußball-Bund (DFB) ausholte.

Werder Bremen-Sportchef Frank Baumann kritisiert DFB für Strukturen im Nachwuchsbereich

„Andere Länder haben uns in den letzten Jahren in der Entwicklung von Topspielern überholt, und unsere U-Nationalmannschaften hatten zuletzt immer größere Probleme mit den Topmannschaften“, sagte Baumann, der gleich mehrere Gründe für diese Entwicklung ausgemacht hat. Einen ganz zentralen sieht der Sportchef des SV Werder Bremen in den Strukturen der Nachwuchsligen in Deutschland. „Es wirkt sich nachteilig aus, dass jahrgangsübergreifend durch eine übermäßig hohe Zahl an Absteigern der Druck auf Spieler und Trainer so hoch ist, dass an vielen Standorten sehr stark ergebnis- und nicht ausbildungsorientiert gearbeitet wird. Leider konnten DFB und viele Landesverbände in dieser Hinsicht keine besseren Lösungen finden“, monierte Frank Baumann – und führte die eigene U19 als Beispiel an. Die hat in der laufenden Bundesligasaison nur 16 Spiele, weil seit August und noch bis März nur eine einfache Runde ausgetragen wird, ehe es zur Endrunde um die Deutsche Meisterschaft kommt. Sechs der 17 Vereine steigen am Ende ab.

Für Baumann sind das viel zu viele, die Spiele stattdessen viel zu wenige. Zumal die Clubs aktuell auch die Nachwirkungen der Corona-Pandemie zu spüren bekommen. „Wir stellen fest, dass insbesondere Jahrgänge, die kurz vor dem Übergang in den Herrenfußball stehen, Entwicklungsdefizite aufweisen, da sie viele Monate lang gar nicht trainieren konnten und über zweieinhalb Jahre viel zu wenig Pflichtspiele absolviert haben.“

Werder Bremen: Ex-HSV-Sportchef Bernhard Peters hilft bei der Steigerung der Ausbildungs-Qualität

Auch dass es im Bereich der Herren-Regionalligen „nach vielen Jahren noch immer keine zufriedenstellende Aufstiegsregelung gibt“, ist für Frank Baumann ein Problem. Die derzeitige Regelung sieht vor, dass nicht jeder Meister automatisch in die 3. Liga aufsteigt, sondern noch eine Relegation spielen muss. Baumanns Vorschlag: „Mit einer zweigeteilten 3. Liga und fünf Regionalligen darunter, könnte man diese Problematik relativ leicht lösen und zudem mehr Spielern Spielpraxis auf hohem Niveau ermöglichen.“ Was in den Augen des Ex-Profis seitens der Verbände aber nicht gewollt ist: „Der Eindruck, dass häufig die Interessen vom DFB und den Landesverbänden und weniger die von Vereinen und Spielern im Vordergrund stehen, verstärkt sich immer mehr.“ Umso stärker müsse sich Werder Bremen darauf konzentrieren, seine eigenen Hausaufgaben zu machen - und dafür haben sich die Bremer nun prominente externe Unterstützung besorgt.

Ex-Hockey-Nationaltrainer Bernhard Peters, der von 2014 bis 2018 als Sportchef für den Hamburger SV tätig war, hat Werder gemeinsam mit seinem „High Performance Sports Institute“ bei der Suche nach einem neuen Ausbildungsleiter Fußball geholfen. Ab dem 1. Januar bekleidet Marc Dommer die Aufgabe. Zuvor war der 47-Jährige für den 1. FC Köln tätig. „Unter Nachwuchsdirektor Björn Schierenbeck wird er gemeinsam mit den Sportlichen Leitern für die Ausbildungsqualität unseres Leistungszentrums zuständig sein“, sagte Frank Baumann - und kündigte an: „Nachdem wir diesen Recruiting-Prozess erfolgreich mit Bernhard Peters durchgeführt haben, freuen wir uns, dass wir ebenfalls ab Januar in regelmäßigen Abständen von ihm und seinen Mitarbeitern inhaltliche Beratung zur Steigerung unserer Ausbildungsqualität erhalten werden.“ (dco)

DIE DEICHSTUBE ALS KOSTENLOSE APP

Die DeichStube gibt es jetzt auch als kostenlose App. Einfach downloaden!

Kommentare