Ein Schwarz-weiß-Bild vom 6. Dezember 1989: Uli Borowka vom SV Werder Bremen steht als Bewacher hinter Diego Armando Maradona vom SSC Neapel
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Auch weil Uli Borowka (l.) Weltstar Diego Maradona entzauberte, gewann Werder Bremen das legendäre Europapokal-Spiel 1989 gegen den SSC Neapel.

In Gedenken an dies Fußball-Ikone

„Diego Maradona war der König seiner Zeit“: Ex-Werder-Verteidiger Uli Borowka über das Duell seines Lebens

Es war das Duell seines Lebens - und er hat es jedes Mal gewonnen: Uli Borowka gegen Diego Armando Maradona. Zum Tod des argentinischen Fußball-Idols blickt der einst eisenharte Verteidiger des SV Werder Bremen zurück.

Mit Verzögerung hat er die Nachricht erfahren, die am Mittwoch nicht nur die Fußball-Welt bestimmte. Tagsüber unterwegs und ausnahmsweise mal nicht online, empfing ihn seine Frau mit der Mitteilung, als er abends nach Hause ins niedersächsische Hämelerwald zurückkehrte. „Ich hatte sofort einen Kloß im Hals“, schildert Uli Borowka seine spontanen Empfindungen. Die Gewissheit, dass Diego Armando Maradona tot ist, ist dem Ex-Profi von Werder Bremen richtig auf den Magen geschlagen. Das Abendessen, so der Bericht des 58-Jährigen, habe erst einmal warten müssen. „Eine traurige Nachricht, ich war schon geschockt, obwohl die Meldungen zuletzt aus Argentinien schon angedeutet hatten, dass es Maradona gesundheitlich nicht so gut geht.“

Maradona sei der absolut Größte gewesen, huldigt Uli Borowka der Legende aus Buenos Aires. „Er war der Spieler, der Ausnahmespieler in meiner Generation. Es gab viele außergewöhnliche Fußballer, doch Diego Maradona stand über allen anderen. Er war der König in seiner Zeit.“

Werder Bremen-Ex-Profi Uli Borowka direkt im ersten Länderspiel gegen Diego Maradona

In seinem Haus bewahrt der ehemalige Bundesliga-Star Borowka ein Erinnerungsstück auf, „das er nie abgeben oder beispielsweise für einen wohltätigen Zweck versteigern würde“. Es ist das Trikot, das der Matador Maradona trug, als Borowka gegen ihn spielen durfte.

Vier-Nationen-Turnier im Berlin, April 1988. Im Spiel um Platz drei kommt es zur Revanche zwischen Weltmeister Argentinien und Deutschland. Uli Borowka bestreitet sein erstes Länderspiel. Teamchef Franz Beckenbauer setzt ihn als Bewacher von Claudio Caniggia ein. Nach fünf Minuten Spielzeit bekommt der Bremer Junge eine andere Aufgabe. Borowka erinnert sich: „Die Argentinier hatten die Seiten getauscht. Auf einmal tauchte Maradona auf meiner Seite auf. Franz reagierte sofort: ‚Du kümmerst Dich ab sofort um Maradona!‘“

Das Duell seines Lebens: Uli Borowka, der rustikale Defensivmann, gegen Diego Maradona, den begnadeten Edeltechniker. Der Deutsche hat diesen Zweikampf genossen, der für ihn, so werteten einige Beobachter, nicht schlecht ausgegangen ist. Wie hat Fußballgott Maradona reagiert? „Wir haben 1:0 gewonnen. Die Argentinier haben die Niederlage relativ gelassen genommen. Auch Maradona war recht entspannt.“

Werder Bremen und Uli Borowka gelingt Glanzstück gegen SSC Neapel und Diego Maradona

So kam es zum Trikottausch zwischen dem Sauerländer und dem Südamerikaner. Hellwach wie eigentlich immer auf dem Rasen handelte Borowka nach dem Schlusspfiff geistesgegenwärtig und blitzschnell. An der Mittellinie habe er sich den prominenten Gegenspieler geschnappt, erinnert er sich. „Dort haben wir den Tausch der Hemden sofort vollzogen. Maradona hat keine Sekunde gezögert.“ Die Krönung für den Nationalelf-Debütanten: die Trophäe, um die ihn alle beneidet hatten. „Ob Lothar Matthäus oder Jürgen Kohler, alle waren sie heiß auf das Jersey mit der Nummer 10. Doch sie kamen alle zu spät.“

Es war die erste hautnahe Begegnung des Uli Borowka mit dem Superstar, die anderen Treffen folgten im Jahr darauf. „Insgesamt habe ich dreimal gegen Maradona spielen dürfen“, so der Altinternationale, der voller Stolz diese Bilanz erwähnt: „Drei Spiele, drei Siege. Dies können nicht viele von sich behaupten.“

Noch spektakulärer als das Länderspiel gestalteten sich die beiden Partien 1989 auf Vereinsebene: Das Glanzstück des SV Werder Bremen gegen den SSC Neapel, Maradonas Club. Der Triumph im Europacup: 3:2 in Italien, 5:1 im Weserstadion. Das Ensemble aus Neapel zweimal entzaubert von einer Elf, die in Europa eigentlich nur eine Nebenrolle spielte.

Werder Bremen stoppt Diego Maradona und SSC Neapel im Kollektiv um Uli Borowka

„Im Hinspiel in Neapel hatten sie uns unterschätzt. Ich behaupte, weder Maradona noch die anderen Größen wie Careca und Alemao, wie Baroni und Ferrara wussten, wo Bremen liegt und was Werder bedeutet“, so Borowka, der vor allem den Kantersieg im Rückspiel hervorhebt. „Die Neapolitaner hatten gedacht, die erste Niederlage sei nur ein Ausrutscher. Wir fahren mal eben nach Deutschland und korrigieren das. Dann fangen sie sich fünf Stück. Man hat gemerkt, dass diese Schlappe ihnen richtig wehgetan hat.“

Wie haben die Werder-Helden den Anführer Diego Maradona kontrolliert? „Ein Gemeinschaftswerk“, betont Borowka, „wie immer bei uns damals eine konzertierte Aktion im Team.“ Anders als Beckenbauer, der gegen den allgegenwärtigen Maradona stets auf herkömmliche Manndeckung setzte – wie geschildert einmal Borowka, einmal Lothar Matthäus in Mexiko 1986 und beim WM-Gewinn 1990 in Rom einen gewissen Guido Buchwald abkommandierte –, beschatteten die Norddeutschen den Latino sozusagen effektvoll im Rudel. Videos der legendären Partien zeigen die Strategie: Mal stürzt sich Uli Borowka in bekannter Manier auf den namhaften Kontrahenten, mal grätscht Dieter Eilts, mal Günter Hermann, mal antizipiert der umsichtige Mirko Votava, was Maradona zu planen gedenkt.

Werder Bremen-Ex-Star Uli Borowka kennt Suchtprobleme, wie sie Diego Maradona hatte

Schöne Erinnerungen für Uli Borowka, der natürlich den Lebensweg des einstigen Kontrahenten verfolgt hat, wobei sich die nicht so erbaulichen Momente häuften. Der Blick des seit gut zwei Jahrzehnten trockenen Alkoholikers, der inzwischen Sportler mit Suchtproblemen betreut und einen Verein zur Suchtprävention gegründet hat, war dabei schon ganz speziell ausgerichtet und gewichtet. Mit Erschrecken, so der Kenner dieser Problematik, habe er die Bilder gesehen, die von Diego Maradona seit Jahren im Umlauf waren. „Diese Bilder kommen mir jetzt wieder vor Augen, Bilder eines Menschen, der von Drogen und Alkohol gezeichnet ist.“

Uli Borowka weiß aus eigenem Erleben um die Tragik, hat oftmals den verhängnisvollen Kreislauf beobachten können, den ein Suchtkranker durchläuft, kann die entstandenen Vorschäden einschätzen, die meist lebensbedrohlich sind. Nicht erst seit vor gut einem Monat die akute Krise bei Maradona startete, als dieser ins Hospital eingeliefert werden musste, stellte sich für Uli Borowka aus der Ferne die Frage: „Wie lange kann dies noch gut gehen?“

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