Ulrike Hiller ist seit Kurzem die erste Aufsichtsrätin des SV Werder Bremen. Im DeichStube-Interview spricht sie über Ziele, Strategien und die Zukunft von Frank Baumann.
+
Ulrike Hiller ist seit Kurzem die erste Aufsichtsrätin des SV Werder Bremen. Im DeichStube-Interview spricht sie über Ziele, Strategien und die Zukunft von Frank Baumann.

Hiller im DeichStube-Gespräch

„Am besten spielen alle Werder-Fans Lotto...“: Werders erste Aufsichtsrätin Ulrike Hiller im Interview über Ziele, Strategien und die Baumann-Zukunft

Bremen – Es ist ein besonderes Gespräch – und das nicht nur, weil Ulrike Hiller seit Oktober als erste Frau zum Aufsichtsrat des SV Werder Bremen gehört. Die 56-Jährige setzt sich dafür ein, dass die Frauen bei Werder sichtbarer werden – gerade in Führungspositionen.

Aber auch als Politikerin und Fan hat Ulrike Hiller einen speziellen Blick auf das Fußball-Geschäft, kennt sich beim heiklen Thema Sportwetten schon von Berufswegen her sehr gut aus und wehrt sich gegen die Kritik von Prof. Henning Zülch, Werder Bremen habe keine echte Strategie. Im Interview mit der DeichStube spricht die Mediatorin und Juristin zudem über echte Kerle in der Mannschaft und verrät ihren Vorsatz für das neue Jahr.

Frau Hiller, Sie haben kurz vor Ihrer Wahl in den Aufsichtsrat gesagt, dass Werder wieder Helden auf dem Platz braucht. Haben Sie schon welche gefunden?

In den letzten Spielen war die ganze Mannschaft der große Held. Es gefällt mir, wie gut inzwischen zusammen gespielt wird. Dann gibt es auch noch viele verschiedene Torschützen, das ist eine coole Geschichte. Aber natürlich versteht man unter Helden auch charismatische und vorbildliche Typen. Davon haben wir einige.

Wen zum Beispiel?

Zuerst guckt man gerne auf die Stürmer. Niclas Füllkrug ist schon ein echter Kerl und hat einiges, um ein Held zu sein. Aber wenn man an die Marvel-Filme denkt, da gibt es meistens noch einen weiteren Helden – in unserem Fall könnte das dann Marvin Ducksch sein. Beide funktionieren allerdings nur, wenn sie die Unterstützung der Kollegen bekommen. Zuletzt hat mir da vor allem Marco Friedl gefallen.

Welchen Anteil trägt der neue Trainer Ole Werner daran, dass es so gut läuft?

Ich finde ihn sehr sympathisch, er ist norddeutsch zurückgenommen und versteht viel vom Fußball, so weit ich das beurteilen kann. Das passt schon super.

Sie haben jüngst ein Bild von Ihnen mit Ole Werner in den sozialen Medien verbreitet. Sind Sie in solchen Momenten auch wieder Fan?

Mein Leben ist nicht den ganzen Tag grün-weiß, ich schlafe auch nicht in Werder-Bettwäsche. Aber wenn ich hier im Stadion stehe und sehe, wie es sich langsam füllt und welche Energie dabei entsteht, dann ist das der Hammer. Als Neue im Aufsichtsrat ist es natürlich auch etwas Besonderes den neuen Trainer zu treffen, den man auch noch sympathisch findet und glaubt, dass er uns voranbringt.

Werder Bremen: „In die Welt des Fußballs einzutauchen“ die bisher größte Herausforderung für Ulrike Hiller

Wie sehr dürfen Sie als Aufsichtsrätin noch Fan sein, Sie müssen ja auch Kontrolle ausüben?

Das eine schließt das andere nicht aus. Die DNA des Clubs erfordert es einfach, auch als Aufsichtsrat weiter ein großer Fan zu sein. Ich sitze immer noch gerne im Oberrang der Ostkurve, wo ich schon lange meine beiden Dauerkarten habe. Da ist immer eine super Stimmung.

Sitzen Sie nicht in der Werder-Loge beim Aufsichtsrat?

Doch, da lasse ich mich natürlich auch blicken. Die Stimmung ist da ein wenig zurückhaltender.

Wie hat sich als Aufsichtsrätin Ihre Beziehung zum Fußball verändert?

Ich bin ein sehr neugieriger Mensch, der gerne dazulernt. Und in den ersten Wochen hier habe ich eine ganze Menge gelernt.

Was?

Der Blick auf das Spiel ist ein anderer geworden, seitdem ich zum Beispiel weiß, wie viele Daten erfasst werden können, was alles analysiert wird. Ich verfolge nun auch viel intensiver, wer welche Rolle auf dem Feld einnimmt.

Was war bislang die größte Herausforderung in Ihrem neuen Amt?

In diese Welt des Fußballs mit all’ seinen Facetten einzutauchen. Werder ist ein großes Unternehmen. Man spürt noch einmal mehr, wie wichtig dieser Verein auch für die Stadt ist, wie viele Arbeitsplätze da dranhängen. Das sorgt schon für eine große Verantwortung. Und Werder ist mehr als nur der Profi-Männer-Fußball. Der ist zwar finanziell sicher entscheidend, aber die Frauen spielen ebenfalls in der 1. Liga – und auch in den anderen Sportarten neben dem Fußball sind wir sehr erfolgreich. Da muss man immer wieder abwägen, welche Strategie man da fährt.

Für welche Strategie plädieren Sie?

Das muss man in Ruhe diskutieren – und das wird in der Satzungskommission jetzt auch gemacht. Am Ende entscheiden das dann die Mitglieder.

Werder Bremen: Ulriker Hiller will Lösungen für Polizeikosten und Werbung für Sportwetten

Sie sind die erste Frau im Aufsichtsrat des SV Werder Bremen, wie macht sich das für Sie bemerkbar?

Mir war gar nicht so klar, dass im Fußball so wenig Frauen im Führungsbereich tätig sind. Denn es gibt doch so viele gute Fußballerinnen oder Frauen, die zum Beispiel Sportmanagement studiert haben. Ich freue mich, dass Werder sich mit diesem Thema intensiv beschäftigt, und ich will mithelfen, dass noch mehr Frauen aktiv in Verantwortung kommen.

Sie haben angekündigt, dass Sie sich für die Werder-Werte starkmachen wollen. Konnten Sie da bereits Akzente setzen?

Es wird in diesem Bereich ja schon viel gemacht und zum Beispiel gerade an einer Diversitätsstrategie gearbeitet. Es ist auch viel in den Köpfen. Aber es muss noch mehr umgesetzt werden. Nehmen wir den Frauen-Fußball: Ich würde mir wünschen, dass sie auch mal im Wohninvest Weserstadion spielen, dann aber möglichst nicht vor nur 200, 300 Zuschauern wie sonst üblich, sondern vor einer möglichst großen Kulisse. Dadurch würden sie noch sichtbarer. Die Spielerinnen sind hoch motiviert, haben aber einen ganz anderen finanziellen Hintergrund. An diesen Dingen könnte man noch viel ändern. Da spüre ich eine Aufbruchstimmung, bei der ich gerne behilflich bin.

Sie haben auch versprochen, dass Sie mit Ihrem Parteifreund Ulrich Mäurer, dem Bremer Innensenator, über das Thema Polizeikosten sprechen werden. An diesen Kosten muss sich bei Hochrisikospielen in Deutschland nur Werder beteiligen. Haben Sie schon etwas erreicht?

Ich habe mich zumindest schon mit seinem Staatsrat ausgetauscht. Als langjährige Politikerin kann ich auch die andere Seite verstehen. Aber es gibt da schon noch ein paar Fragen zu klären: Was ist eigentlich ein Hochrisikospiel? Was ist mit den Gäste-Fans, die mit Ihrem Verhalten die zusätzlichen Kosten verursachen? Wer muss das bezahlen? Ich gehe davon aus, dass es zu einer bundeseinheitlichen Lösung kommen wird.

Nun will Herr Mäurer auch ein Werbeverbot für Sportwettenanbieter erwirken. Dadurch könnten Werder Millionen-Einnahmen entgehen. Wie denken Sie darüber als Aufsichtsrätin von Werder, aber auch als Leiterin des Büros des Deutschen Lotto- und Totoblocks?

Sportwetten, Fußball und Medien sind ein sehr spannendes Thema. Es gibt Menschen, gerade junge Männer, die dabei ihr ganzes Hab und Gut verzocken. Und einige Medien vermitteln den Eindruck, Expertenwissen würde helfen, die richtige Wette einzugehen. Aber letztlich bleibt es ein Glücksspiel, weil niemand wissen kann, wie ein Spiel ausgeht. Und hohe Quoten locken die Spieler in riskante Wetten. Persönlich finde ich: Es wäre am besten, wenn alle Glücksspiel- und Wettangebote unter staatlicher Aufsicht wären. Da kann man sie am besten kontrollieren. 6 aus 49 ist zum Beispiel mit dem Lottoschein am Mittwoch und Samstag von der Suchtgefahr her bei Weitem nicht so problematisch. Das verlorene Geld fließt in soziale Projekte, die Kultur oder den Naturschutz und eben nicht in private Geldbeutel.

Warum wirbt dann Werder noch für Sportwettenanbieter?

Wir brauchen gute Sponsoren. Am besten wären natürlich Sponsoren, die immer die gleichen Werte wie wir haben oder einfach nur tolle Produkte vertreiben. Aber in der Werbung geht es eben auch viel ums Image, das man verbessern will. Ich denke, es sollte da eine in der Liga abgestimmte Entscheidung geben, denn alle Clubs haben schließlich so einen Werbepartner.

Der Finanzexperte Prof. Henning Zülch hat in einem Interview der DeichStube der Werder-Geschäftsführung vorgeworfen, keine echte Strategie zu haben. Hat er recht und wie gehen Sie mit dieser Kritik um?

Ich habe mich gleich mal auf LinkedIn (ein berufliches Netzwerk, Anm. d. Red,) mit ihm vernetzt und würde ihn gerne mal treffen. Durch solche Aussagen bekommt man immer eine Menge Aufmerksamkeit. Aber ich glaube nicht, dass er sich bei Werder so gut auskennt. Es gibt selbstverständlich Strategien. Wir haben kurz-, mittel- und langfristige Ziele. Dabei passen wir uns im schnelllebigen Fußball-Geschäft auch immer wieder an.

Werder Bremen: Ulrike Hiller berät über Frank Baumann und wundert sich über Markus Anfang

Prof. Zülch rät auch dazu, sich für Investoren hübsch zu machen.

Aber gibt es diese Investoren aktuell überhaupt? Das hat auch mit der 50+1-Regel im deutschen Fußball zu tun. Wer sein Geld gibt, will auch etwas zu sagen haben, das geht aktuell aber nicht. Ich habe neulich in einem Podcast etwas flapsig gesagt: Am besten spielen alle Werder-Fans Lotto, einer holt den Pott und investiert die Kohle bei Werder. Dann wüsste man, dass er das als Fan im Interesse von Werder machen würde.

Ein wichtiges Thema für den Aufsichtsrat ist die Vertragsverlängerung von Frank Baumann. Soll er Sportchef bleiben?

Für mich hat er in den letzten Monaten einen sehr guten Job gemacht. Aber das Thema werden wir im Januar gemeinschaftlich im Aufsichtsrat beraten, da will ich jetzt nichts vorwegnehmen.

Anderes Thema: Ex-Coach Markus Anfang hat mit seiner Impfpass-Affäre für viel Wirbel bei Werder gesorgt. Was würden Sie ihn gerne fragen?

Wie es ihm geht. Für ihn persönlich – und natürlich auch seine Familie – hat das eine extreme Dramatik. Ich wundere mich immer wieder darüber, dass sich Menschen in der Pandemie nicht impfen lassen und einige sogar glauben, dass sie davonkommen, wenn sie mit Impfpässen rumtricksen.

Wo steht Werder in einem Jahr?

Nächstes Jahr Weihnachten spielen wir hoffentlich in der 1. Liga, haben es dann aber sicher nicht einfach. Da sind die Spitzenmannschaften, für die finanziell alles möglich ist. Und es gibt die Fußballvereine, die sich abmühen mitzuhalten, aber auch immer wieder Überraschungsteams wie Freiburg oder Union Berlin. Ich finde unseren aktuellen Weg mit den jungen, engagierten Spielern sehr erfolgsversprechend.

Was sind Ihre Vorsätze für das neue Jahr?

Ich möchte gerne einen Segelschein machen. Und ich bin mir sicher: 2022 wird für uns alle ein gutes Jahr. (kni)

Zur Person: Die gebürtige Sarstedterin lebt seit 1986 in Bremen. Dort hat sie erst Sozialpädagogik, dann Rechtswissenschaften studiert. Zudem ließ sie sich zur Mediatorin ausbilden. Von 2007 bis 2012 saß sie für die SPD in der Bremer Bürgerschaft und war dort von 2012 bis 2019 als Staatsrätin in der Landesregierung für die Bereiche Bundes- und Europaangelegenheiten sowie für Entwicklungszusammenarbeit zuständig. Seit April 2020 leitet sie in Berlin das Büro des Deutschen Lotto-Toto-Blocks. Hiller ist mit Bremens Bürgermeister Andreas Bovenschulte verheiratet, privat geht das Paar inzwischen allerdings getrennte Wege.

DIE DEICHSTUBE ALS KOSTENLOSE APP

Die DeichStube gibt es jetzt auch als kostenlose App. Einfach downloaden!