Mit dem durch Fan-Gewalt verursachten Tod von Adrian Maleika hatte das Nordderby seine Unschuld verloren: Im „Frieden von Scheeßel“ wurde 1983 die Rivalität der Fans von Werder Bremen und dem HSV entspannt.
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Mit dem durch Fan-Gewalt verursachten Tod von Adrian Maleika hatte das Nordderby seine Unschuld verloren: Im „Frieden von Scheeßel“ wurde 1983 die Rivalität der Fans von Werder Bremen und dem HSV entspannt.

Fan-Frieden nach Tod von Adrian Maleika

Als Willi Lemke zum Gipfel bat: Fans von Werder und dem HSV schließen vor 40 Jahren den „Frieden von Scheeßel“

Scheeßel – Eine Garantie gab es nicht. Keiner vermochte wirklich vorherzusehen, ob es in dieser emotionsgeladenen Lage nicht zu Ausschreitungen kommen würde, als sich am 18. Januar 1983 Fans des Hamburger SV und des SV Werder Bremen zusammen mit wichtigen Funktionsträgern beider Vereine auf neutralem Terrain im Scheeßeler Hof trafen. Doch es ging gut. „Alle waren bemüht, das sehr würdevoll stattfinden zu lassen, keiner war auf Krawall gebürstet“, erinnert sich Willi Lemke, der damalige Manager der Grün-Weißen, 40 Jahre später. Die Begegnung sollte als „Frieden von Scheeßel“ in die Fußballgeschichte eingehen.

Auslöser dieser Zusammenkunft war ein tragischer Vorfall am 16. Oktober 1982. Im Vorfeld des DFB-Pokalspiels zwischen dem HSV und Werder Bremen wurde der 16-jährige Bremer Fan Adrian Maleika bei Ausschreitungen auf dem Weg zum Volksparkstadion lebensgefährlich verletzt. Er wurde von einem Stein am Kopf getroffen, verlor das Bewusstsein und wurde am Boden liegend zusammengetreten. Maleika starb am nächsten Tag an den Folgen eines Schädelbasisbruchs im Altonaer Krankenhaus. Es war die dunkelste Stunde in der Historie des Nordderbys, das damit seine Unschuld verloren hatte.

„Die Wahrheit ist ja, dass die Vereinsvorstände und die Spieler eng befreundet waren. Es gab nicht diese Rivalität, außer der sportlichen“, betont Willi Lemke. Doch in der Fanszene hatte sich das einst gute Verhältnis längst ins Gegenteil verkehrt. Es musste etwas passieren, um die Fehde zwischen den Fanlagern nicht weiter ausufern zu lassen. „Dass wir das machen, war meine Idee. Mit der bin ich ins Präsidium gegangen. Dann habe ich Kontakt mit dem HSV aufgenommen“, erzählt Lemke. Also trafen an diesem 18. Januar neben rund 200 Anhängern beider Vereine auch Lemke, Werder Bremens Trainer Otto Rehhagel, HSV-Manager Günter Netzer und HSV-Stürmer Jürgen Milewski im Scheeßeler Hof ein.

„Frieden von Scheeßel“ vor 40 Jahren: Werder Bremen, HSV und 200 Fans treffen sich nach Tod Adrian Maleikas

Dass es dabei friedlich blieb, war nicht unbedingt abzusehen. Carsten Tietjen war zwar damals noch ein Knirps, aber „ich kann mich noch an die beschmierten Häuser in Scheeßel erinnern. Da stand überall ,Tod dem HSV‘“, berichtet der ehemalige Vorsitzende des SV Rot-Weiß Scheeßel, der selbst HSV-Anhänger ist. Sogar ein Hakenkreuz war zu sehen.

Günter Meyer war zu der Zeit Eigentümer des Scheeßeler Hofs in der Kirchstraße. „Es war gerade alles neu gemacht worden“, erzählt er. Angst ums Mobiliar habe er aber nicht gehabt. „Ich selbst war in Australien im Urlaub“, sagt er. Trotzdem wurde ihm zugetragen, was vor Ort ablief: „Die haben sich ein bisschen daneben benommen, standen auf den Polsterstühlen, wurden dann aber zurechtgewiesen. Das waren eben Jugendliche.“

Auf Werder Bremens Farbkombination Grün-Weiß reagieren HSV-Fans heute noch allergisch – auch in Scheeßel, wie auf diesem bemalten Stromkasten an der Harburger Straße, Ecke Kohlhofsweg, zu erkennen ist.

„Frieden von Scheeßel“ nach Tod von Adrian Maleika: Werder Bremen und HSV appellieren an die Fans

Warum ausgerechnet Scheeßel – eigentlich ja „HSV-Land“ – Schauplatz dieses Gipfels wurde, kann wiederum Willi Lemke beantworten. „Das war zentral, das war einfach mittendrin. Wenn ich mich richtig erinnere, haben wir einfach auf die Landkarte geguckt, wo die Mitte ist.“ So begleitete auch die Rotenburger Kreiszeitung die Veranstaltung. „An diesem Abend ging es tatsächlich ziemlich friedlich zu“, schrieb Redakteur Fred Heidemann in der Ausgabe am Tag darauf, fand aber auch kritische Töne: „Der Burgfrieden zwischen den Fanklubs des SV Werder Bremen und denen des Hamburger Sportvereins ist brüchig – wenn er überhaupt besteht“, begann der Artikel. „Der Bock auf Kloppereien scheint auch nach den ,Waffenstillstandsverhandlungen‘, wie man die Versammlung verschiedentlich bezeichnete, immer noch groß.“ Er konstatierte, dass es im Saal des Scheeßeler Hofs zugegangen sei „wie in der Ostkurve des Hamburger Volksparkstadions“ und schrieb: „Die meisten Fanklubs, so hieß es, waren gar nicht nach Scheeßel gekommen – sie haben Freude an Randale.“

Otto Rehhagel hatte sich während der Versammlung deutlich geäußert: „Also, Freunde, ich kann das eigentlich gar nicht verstehen, wenn es zwischen den Fans immer wieder Streit gibt. Klar, mir passt das auch nicht, wenn der Horst Hrubesch den Werderanern zwei Kopfbälle ins Netz setzt. Aber nach dem Spiel gehe ich zu Hrubesch und gratuliere.“ HSV-Manager Günter Netzer appellierte: „Die Fans des SV Werder Bremen und des HSV haben jetzt eine große Chance. Im Lande glaubt augenblicklich keiner so recht, dass ein Teil der Fanklubs sein Verhalten ändert. Die meisten sind der Ansicht – es geht alles so weiter wie bisher. Und das darf nicht sein. Deshalb sind wir in Scheeßel zusammengekommen, um über alles offen zu reden. Ich bitte die Fans, hört endlich auf mit dem Krach.“

Vor 40 Jahren: „Frieden von Scheeßel“ mit Werder Bremen- und HSV-Fans deeskalierte und hatte Signalwirkung

Auch im Archiv der Gemeinde Scheeßel, das von Heinz Promann verwaltet wird, findet sich der Artikel wieder. Und Dr. Karsten Müller-Scheeßel, Promanns Vorgänger als Gemeindearchivar, erinnerte in einem von ihm verfassten Zeitungsbericht aus dem Frühjahr 2009 ebenfalls an dieses ungewöhnliche Zusammentreffen. Er stellte fest: „Die zahlreichen Artikel im Internet sind heute der Meinung, dass die Versammlung etwas bewegt habe. Man spricht vom Frieden und vom Geist von Scheeßel.“ Und er meint: „Sieht man die Entwicklung aus heutiger Sicht, dann könnte vom Tode Adrian Maleikas und von der Scheeßeler Zusammenkunft tatsächlich ein Signal ausgegangen sein. Die Bundesligastadien sind voller denn je. In zahlreichen Stadien fällt es schwer, überhaupt eine Eintrittskarte zu erhalten. Dank eines enormen Einsatzes von Polizei- und Sicherheitskräften, durch Fan-Projekte, Leibesvisitationen, Kameraüberwachungen und die Trennung der Fanblöcke ist die Sicherheit in unseren Stadien so verbessert worden, dass man als Zuschauer nicht um seine Gesundheit fürchten muss.“

Willi Lemke ist rückblickend fest davon überzeugt, dass das Treffen im beschaulichen Beeke-Ort seinen Zweck erfüllt und für Entspannung gesorgt hat. „100-prozentig“, betont er. „Es war eine sehr gute Veranstaltung, weil alle Beteiligten mitgearbeitet haben und niemand Rachegelüste geäußert hat. Es war sehr positiv, dass wir deeskaliert haben. Und es ist ja nicht mehr ganz viel Schlimmes danach passiert.“

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