Jahn-Geschäftsführer Christian Keller möchte mit Regensburg auch den SV Werder Bremen aus dem DFB-Pokal kegeln.
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Jahn-Geschäftsführer Christian Keller möchte mit Regensburg auch den SV Werder Bremen aus dem DFB-Pokal kegeln.

Vor dem DFB-Pokal-Viertelfinale

„Wir haben schon jetzt Historisches erreicht“ - Jahn-Boss Keller im Interview vor Werder gegen Regensburg

Regensburg - Geschäftsführer Christian Keller vom SSV Jahn Regensburg spricht im DeichStube-Interview über das DFB-Pokal-Viertelfinale gegen Werder Bremen, Corona und übt Kritik am deutschen Profi-Fußball.

Seit 2013 ist Dr. Christian Keller für den SSV Jahn Regensburg als Geschäftsführer Profifußball verantwortlich. Nach dem Abstieg in die Regionalliga im Jahr 2015 führte er den Club direkt wieder nach oben, was nach zwei Durchmärschen in Folge im Aufstieg in die 2. Bundesliga gipfelte. Seit 2017 gehört Regensburg wieder der zweithöchsten deutschen Spielklasse an, wo Keller den Verein inzwischen fest etabliert hat. Der 42-Jährige gilt in Fachkreisen als einer der kompetentesten Macher im Fußball, was auch an seiner besonderen Ausbildung liegen könnte.

Verfolgt das DFB-Pokal-Viertelfinale zwischen Werder Bremen und Jahn Regensburg hier im Live-Ticker!

Keller promovierte einst in Tübingen, in seiner Dissertation beschäftigte er sich mit der Steuerung von Fußballunternehmen. Im Gespräch mit der DeichStube verriet der gebürtige Badener, dass er sich im DFB-Pokal gegen Werder Bremen durchaus Chancen ausrechnet – und gab bereits einen kleinen Einblick in den Matchplan: Regensburg werde wie immer spielen, hoch verteidigen und aggressiv pressen, obwohl es gegen den Favoriten aus Bremen geht.

Ist das Weiterkommen nur ein Wunschtraum, oder hat Regensburg eine realistische Chance, Werder Bremen zu bezwingen?

Werder ist natürlich Favorit. Sollte Werder seine individuelle Klasse ausspielen, hat die Mannschaft natürlich Vorteile. Doch zunächst einmal müssen die Bremer das umsetzen. Und darüber hinaus müssen wir es zulassen, was ich nicht erwarte. Insofern sehe ich den Jahn durchaus in der Lage, dem Bundesligisten ein offenes Spiel zu liefern.

Regensburg hat sich in den ersten beiden Pokalrunden nach Elfmeterschießen in Kaiserslautern und bei Wehen Wiesbaden durchgesetzt. Damals war Ihre Mannschaft selbst der Favorit.

Ja, das waren zwei Spiele, die als Beleg für die gerade gemachten Aussagen gelten dürfen. Wir waren zweimal die klassenhöhere Mannschaft, haben uns aber trotzdem recht schwergetan. Wir mussten jeweils über 120 Minuten gehen und haben erst im Elfmeterschießen gewonnen. Die beiden Partien zeigen, dass es gerade im Pokal für Favoriten keinen Selbstläufer gibt. Die Teams, die in einer höheren Spielklasse spielen, sind beileibe nicht um Welten besser als die auf dem Papier schwächeren Konkurrenten. Das Leistungsniveau zwischen den Ligen hat sich in den vergangenen Jahren angenähert.

DFB-Pokal-Viertelfinale gegen Werder Bremen für Jahn Regensburg „unverhoffte Chance“

Für die Überraschung hat Ihr Verein dann im Achtelfinale mit dem Erfolg gegen den Bundesligisten 1. FC Köln gesorgt - wieder Verlängerung, wieder im Elfmeterschießen. Eine schöne Blaupause für das Viertelfinale gegen Werder?

Ich mag es nicht, Spiele miteinander zu vergleichen. Jede Partie läuft anders. Gegen Köln hatten wir das Glück auf unserer Seite. Wir lagen nach 22 Minuten und zwei individuellen Fehlern mit 0:2 hinten, das Match schien sehr früh gegen uns gelaufen zu sein, ein weiteres Tor der Kölner wurde vom Video-Schiedsrichter sogar noch zurückgenommen, was man auch anders hätte entscheiden können. Also: Der Glücksmoment, den man sich meiner Auffassung nach durch Engagement, Herzblut und Willensstärke erarbeiten kann, muss dazu kommen, um für solche Überraschungen sorgen zu können.

Wie sind Sie mit dem 1:1 gegen Aue vom Ostersonntag zufrieden? Eine gelungene Generalprobe für das Werder-Spiel?

Wir haben eine gute Leistung abgeliefert. Trotzdem war ich nach dem Abpfiff stinksauer, weil wir zum x-ten Male in dieser Saison Punkte durch Naivität leichtfertig verschenkt haben. Nach dem bekannten Muster: Wir haben Chancen kläglich vergeben, um dann wieder mal ein Gegentor durch einen Standard zu erhalten, der leicht zu verteidigen gewesen wäre.

Somit ist bei nur fünf Punkten Vorsprung auf einen Abstiegsplatz der Klassenerhalt noch nicht gesichert. Gibt es bei Ihnen eine Wertigkeit zwischen 2. Liga und Pokal?

Rational betrachtet ist das Abschneiden in der Meisterschaft wichtiger. Doch wir haben im Pokalwettbewerb schon jetzt Historisches erreicht. Der Jahn steht erstmals im Viertelfinale. Somit ist das Spiel gegen Werder Bremen für uns eine willkommene Zugabe, eine unverhoffte Chance, die wir nutzen wollen.

DFB-Pokal: Jahn Regensburg will auch gegen Werder Bremen „nicht von unserer Spielweise abweichen“

Wie bewerten Sie die bisherige Spielzeit des Gegners?

Werder spielt eine ordentliche Saison, hat sich gegenüber dem Vorjahr gesteigert. Werder Bremen verfügt insgesamt über eine gestandene Bundesligamannschaft.

Eine Mannschaft, die von der Effektivität und der Defensivstärke lebt, indes fußballerische Probleme offenbart, wenn das Spiel gemacht werden muss. Könnte dies den Matchplan Ihrer Mannschaft beeinflussen?

Unseren genauen Matchplan werde ich natürlich nicht preisgeben. Ich verrate aber kein Geheimnis, wenn ich sage, dass wir von unserer Spielidee auch gegen Bremen nicht abweichen werden. Den Jahn zeichnet schon seit Jahren, unabhängig von der Ligazugehörigkeit und dem jeweiligem Chef-Trainer eine klare Spielidee aus. Wir agieren in den Grundprinzipien immer gleich, egal, gegen welchen Gegner, egal ob zuhause oder auswärts. Das heißt, wir werden hoch verteidigen und versuchen, den Gegner mit aggressivem Pressing unter Druck zu setzen. Nach Ballgewinn soll es dann möglichst schnell in Richtung gegnerisches Tor gehen. Auch wenn manche denken mögen, diese Spielidee kommt den Bremern entgegen, werden wir diese Ausrichtung konsequent durchziehen.

Von welchem Akteur bei Werder droht Ihrer Meinung nach die größte Gefahr?

In der Offensive stehen mehrere gute Einzelkönner mit herausragenden Fähigkeiten. Ich denke an Rashica, Sargent und Füllkrug. Auch Eggestein und Schmid sind Spieler, die mit Einzelaktionen ein Spiel entscheiden können.

Wegen der Corona-Fälle und der folgenden Quarantäne musste die Mannschaft eine zweiwöchige Pause absolvieren. Der Trainer sah darin keine Benachteiligung. Wie sehen Sie es?

Unsere Devise galt von vornherein: Wir jammern nicht. Weil Jammern bringt uns nicht weiter. Doch natürlich hatte die Corona-Pause ihre Auswirkung, die Elf ist schon aus dem Rhythmus geraten.

Sie haben eine fundierte Ausbildung absolviert. Ein Studium der Außenwirtschaft sowie das Fach „International Business Development“, wobei sie sich insbesondere auf das Management von Fußballunternehmen spezialisiert haben. Gibt es eine Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis?

Ich sehe da keine Diskrepanz. Theorie und Praxis schließen sich nicht aus. Es ist immer gut, ein sauberes, ganzheitliches theoretisches Fundament zu haben. Es ist die Grundlage, um in der Praxis durchdachte, abgesicherte und nachhaltige Entscheidungen treffen zu können.

Jahn Regensburg-Geschäftsführer: „Wenn wir es so weit gebracht hätten wie Werder Bremen, wären wir überglücklich“

Ihre Promotionsarbeit trägt den Titel „Steuerung von Fußballunternehmen – Finanziellen und sportlichen Erfolg langfristig gestalten“. Eine gewaltige Aufgabe, an der sich die Führung von Werder Bremen seit gut einem Jahrzehnt versucht. Können Sie als Experte den Kollegen an der Weser Hilfestellung leisten?

Das werde ich nicht tun, weil es mir nicht zusteht, in dieser Form Ratschläge zu erteilen. Zudem darf und kann sich das niemand aus der Außenperspektive erlauben. Ich habe mitbekommen, dass der so genannte Bremer Weg inzwischen medial sehr kritisch beäugt wird. Mein Kommentar dazu: Werder gehört seit gut 40 Jahren am Stück der 1. Liga an. Werder hat große Erfolge in dieser Zeit verbucht – sowohl national als auch international. Und das Ganze, obwohl es von den Voraussetzungen her gewiss bessere Standorte in Deutschland gibt. Dass mal eine Delle eintritt, ist vollkommen normal. Bremen hat sich jedenfalls immer auf Topniveau gehalten, das nötigt mir Respekt ab. Zumal die Politik des Vereins dabei immer von Nachhaltigkeit geprägt war. Durch die Jahn-Brille gesehen: Wenn wir es hier in Regensburg vergleichsweise annähernd so weit gebracht hätten, wären wir überglücklich.

Steffen Schneekloth, Ihr Kollege aus Kiel, der in den Führungsgremien von DFL und DFB sitzt, hat unlängst den Proficlubs den Spiegel vorgehalten und herbe Kritik am Finanzgebaren in Pandemie-Zeiten geübt. Können Sie das nachvollziehen?

Meine Position ist ähnlich. Es ist ein Unding, dass zur laufenden Spielzeit 2020/21 rund die Hälfte der Profivereine trotz der durch die Pandemie bedingten finanziellen Probleme den Lizenzspieler-Etat erhöht hat. Es kann nicht sein, dass einige Clubs permanent defizitär arbeiten und sozusagen auf den sportlichen Erfolg wetten. Vor allem kleinere Clubs müssen auf andere Erfolgsfaktoren setzen, sie können sich den Erfolg nicht erkaufen. Auch weil öffentlich-medial oft noch allein das sportliche Abschneiden als Kriterium für optimales Arbeiten erachtet wird, weichen viele Clubs in ihrem Management von wirtschaftlichen Grundprinzipien ab. Es kommt darauf an, die richtige Balance zwischen sportlichem und wirtschaftlichem Erfolgsstreben zu finden und zu halten. Zudem muss man wissen, dass Erfolg stets eine relative Größe darstellt.

In Regensburg fühlen Sie sich von der Kritik aus Kiel nicht angesprochen, oder?

Nein, wir können nicht gemeint sein. Im Jahresabschluss 2019/20 haben wir ein positives Ergebnis ausgewiesen. Und auch in diesem Geschäftsjahr werden wir nach derzeitigem Stand ein Plus machen – trotz der Einbußen durch die Pandemie. Ich bin gespannt, wie viele andere Clubs das schaffen werden.

Wie beurteilen Sie das Geschäftsgebaren der Bremer, die bekanntermaßen wie andere Erstligisten durch die Auswirkungen der Geisterspiele Verluste in Millionenhöhe zu verkraften haben?

Ohne wiederum die Details zu kennen, sehe ich das Verhalten der Verantwortlichen bei Werder aus meiner Außenperspektive sehr positiv. Die führenden Köpfe, das hat sich in der Vergangenheit gezeigt, agieren sehr umsichtig und nachhaltig, handeln in wirtschaftlicher Hinsicht seriös und bemühen sich um ein ausgewogenes Risikomanagement. Es spricht deshalb sicher vieles dafür, dass Werder ordentlich durch die Corona-Krise kommen wird.

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