Im Unentschieden des SV Werder Bremen gegen den FC St. Pauli hat Trainer Markus Anfang (r., mit St.-Pauli-Coach Timo Schultz) einen Schritt nach vorne gesehen.
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Im Unentschieden des SV Werder Bremen gegen den FC St. Pauli hat Trainer Markus Anfang (r., mit St.-Pauli-Coach Timo Schultz) einen Schritt nach vorne gesehen.

Remis gegen den Tabellenführer

„Wir können mithalten“: Werder-Trainer Markus Anfang wünscht sich, das 1:1 gegen St. Pauli positiv zu sehen

Bremen – Volle Hütte, intensives Spiel, gerechtes Unentschieden – der SV Werder Bremen konnte am Samstag mit dem 1:1 (0:0) gegen den FC St. Pauli durchaus zufrieden sein. Wäre da nur nicht diese Statistik mit nur einem Sieg aus den letzten sechs Spielen und dann auch noch diese Tabelle der 2. Liga, die den hoch gehandelten Absteiger nur auf Platz zehn führt – zehn Punkte hinter Tabellenführer St. Pauli und sechs hinter dem FC Schalke 04 auf dem Relegationsplatz. Da ist sogar der Abstand zur Abstiegszone mit nur fünf Punkten zu Holstein Kiel auf Rang 16 geringer. Was also war dieser Punkt für den SV Werder wirklich wert?

„Das war der nächste Schritt in diesem Wiederaufbau“, antwortete Werder-Trainer Markus Anfang und mahnte: „Wir dürfen nichts Übergeordnetes sehen.“ Gemeint ist damit wohl die Tabelle, die für den Coach auch nach dem zwölften Spieltag weiterhin eine untergeordnete Rolle spielt. „Wir müssen das sehen, was wir gerade vorantreiben müssen“, forderte der 47-Jährige und betonte: „Wir haben viele junge Kerle. Zum Beispiel Manuel Mbom. Der hat sich heute richtig reingehauen, hat jeden Zweikampf angenommen. Oder Ilia Gruev. Wer hätte denn vor der Saison gesagt, dass der so die Sechs spielen kann?“

Anfang nannte auch noch Felix Agu und Romano Schmid, die ihre Sache ebenfalls ordentlich gemacht hätten. Alle Genannten sind erst Anfang 20. „Ich finde, dass man das auch einfach mal positiv sehen kann“, warb Anfang um mehr Verständnis für diese besondere Saison beim SV Werder Bremen nach dem Abstieg und urteilte: „Ich glaube schon, dass wir auf einem guten Weg sind. Das Spiel hat gezeigt, dass wir auch gegen den Tabellenführer mithalten können. Und wenn wir die Tore machen, kann das Spiel auch in unsere Richtung kippen.“

Werder Bremen: Umstellungen von Trainer Markus Anfang zahlen sich gegen FC St. Pauli aus

Das galt vor allem für die erste Halbzeit. Der FC St. Pauli hatte zwar deutlich mehr Ballbesitz, aber nur eine echte Torchance. Werder Bremen hingegen hätte schon zwei, drei Tore machen können, vielleicht sogar müssen. Anfangs Umstellungen zahlten sich jedenfalls aus. Für den zuletzt so fehlerhaften Lars Lukas Mai brachte er den erfahrenen Anthony Jung und stellte hinten von Vierer- auf Dreierkette um. Auch im Tor gab es einen Wechsel: Jiri Pavlenka ersetzte Michael Zetterer und sollte der Abwehr mit seiner Routine mehr Sicherheit geben. Und vorne durften erstmals Marvin Ducksch und Niclas Füllkrug als Doppel-Spitze agieren. Dazu wählte Anfang eine ganz einfache Taktik, die gerne auch mal „langer Hafer“ genannt wird. Weil individuelle Fehler im Spielaufbau zuletzt mehrfach zu Gegentoren geführt hatten, sollte das Mittelfeld mit langen Bällen – vornehmlich auf Zielspieler Füllkrug – überspielt werden.

Der Vorwurf, Markus Anfang würde stur an seinem 4-3-3-System festhalten, kann damit ad acta gelegt werden. 2018, während seines Engagements beim damaligen Absteiger 1. FC Köln, hatte er fast zum gleichen Zeitpunkt der Saison ebenfalls auf ein 3-5-2-System umgestellt. Damals soll dies auf Druck von Armin Veh, dem Geschäftsführer Sport, passiert sein. Es folgten fünf Siege am Stück.

Werder Bremen fehlen zu oft die Führungsspieler: „Zieht sich wie ein roter Faden durch die Saison“

Bei Werder Bremen gab es zu diesem kleinen Neustart ein Unentschieden. In Bremen ist die Lage allerdings auch etwas komplizierter. Anfang erinnerte noch einmal an den Sommer der großen Ungewissheit mit extrem vielen Transfers. Und am Beispiel Leonardo Bittencourt, der gegen St. Pauli kurzfristig wegen eines Infekts ausgefallen war, machte Anfang noch auf eine andere Schwierigkeit aufmerksam. „Das zieht sich wie ein roter Faden durch diese Saison. Alle, die eine Achse bei uns bilden sollen, standen noch nie gleichzeitig zur Verfügung“, stöhnte der Coach. Aus der Riege Ömer Toprak, Leonardo Bittencourt, Niclas Füllkrug, Marvin Ducksch und auch Christian Groß habe stets mindestens einer gefehlt. Groß feierte am Samstag immerhin sein Comeback, Bittencourt könnte vielleicht schon am Freitag in Nürnberg wieder dabei sein, bei Topraks Verletzungshistorie verbieten sich dagegen jegliche Prognosen.

Immerhin einmal hat Werder Bremen auch ohne Toprak in dieser Saison gewonnen – beim 3:0 gegen Heidenheim. Gegen den FC St. Pauli wäre auch ein Sieg möglich gewesen. Denn Ducksch hatte die Grün-Weißen nach feinem Pass von Füllkrug nach gut einer Stunde in Führung gebracht. Das erstmals seit Februar 2020 ausverkaufte Wohninvest Weserstadion bebte. Doch der Tabellenführer zeigte sich davon unbeeindruckt, spielte seine in der zweiten Hälfte durch geschickte Umstellungen von Trainer Timo Schultz gewonnene Überlegenheit gekonnt aus. Finn Ole Becker gelang das schnelle 1:1 (68.), weil Füllkrug im Spielaufbau den Ball verloren und Jung und Rapp nicht genügend Druck auf ihre Gegenspieler ausgeübt hatten.

Werder Bremen gegen FC St. Pauli: Ergebnis geht in Ordnung - aber die nächste Aufgabe wird nicht einfacher

Anschließend wollten die Gäste den Sieg – und es wurde deutlich, dass die Hamburger mindestens einen Schritt weiter in der Entwicklung sind als die Bremer. Simon Makienok gelang in der Nachspielzeit sogar noch das 2:1, er hatte aber die Hand benutzt. Der Video-Schiedsrichter stoppte den Riesenjubel des FC St. Pauli. Auf der anderen Seite wäre beinahe eine verunglückte Flanke von Christian Groß ins Nest gefallen, doch Keeper Nikola Vasilj hatte aufgepasst.

Das Ergebnis ging also durchaus in Ordnung, wobei die Gäste damit als Tabellenführer gewiss besser leben können als der Absteiger, der mit 16 Punkten aus zwölf Spielen weiterhin in der unteren Tabellenhälfte hängen bleibt. „Man kann schon viele positive Dinge mitnehmen. Aber es ist ein Prozess, wir entwickeln uns langsam“, meinte Anfang und blickte auf die nächste Aufgabe des SV Werder Bremen, die am Freitag beim Tabellenfünften 1. FC Nürnberg nicht viel einfacher werden dürfte: „Wir regenerieren jetzt, dann fahren wir nach Nürnberg und werden versuchen, auch dort so aufzutreten und etwas mitzunehmen.“ (kni)

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