Schwacher Auftritt: Trainer Florian Kohfeldt war beim Spiel des SV Werder Bremen gegen Union Berlin bedient.
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Schwacher Auftritt: Trainer Florian Kohfeldt war beim Spiel des SV Werder Bremen gegen Union Berlin bedient.

Nach 0:2-Niederlage gegen Union Berlin

Taktik-Analyse: Ausgekontert im eigenen Stadion - Union Berlin zu clever für den SV Werder Bremen

Bremen - Zugegeben: Viele Chancen hat sich Union Berlin gegen Werder Bremen nicht herausgespielt. Doch die Berliner Effizienz vor dem Tor genügte, um eine offensiv völlig harmlose Bremer Mannschaft 2:0 zu bezwingen. Wieso Werders Spielsystem den Berlinern in die Karten spielte, analysiert unser Taktik-Kolumnist Tobias Escher.

So manch ein Bremer Fan blickt dieser Tage neidisch nach Berlin. Flüssige Kombinationen, schnelle Konter, körperbetonte Defensive: Diese Attribute, die über viele Jahre hinweg den Bremer Weg beschrieben, treffen in dieser Saison eher auf Union Berlin zu. Beim Gastspiel in der Hansestadt bewiesen die Hauptstädter, dass sie nicht zufällig weit oben in der Tabelle stehen. Werder Bremen konnte sich gegen Unions ausgeklügeltes Defensivsystem kaum Torchancen erarbeiten.

Werder Bremen gegen Union Berlin: Florian Kohfeldt setzt auf ein 4-2-3-1-System

Sowohl Bremens Trainer Florian Kohfeldt als auch Union-Coach Urs Fischer sind für ihre häufigen Systemumstellungen bekannt. Beim direkten Aufeinandertreffen wussten beide Trainer zu überraschen. Fischer entschied sich dafür, in der Abwehr auf eine Fünferkette zu setzen. Die Mehrzahl der bisherigen Saisonspiele hatte Union mit einer Viererkette bestritten. Fischers Team agierte aus einem 5-3-2-System.

Kohfeldt ging den umgekehrten Weg: Statt wie so häufig in dieser Saison auf eine Fünferkette zu setzen, stellte er seine Abwehr in einer Viererkette auf. Im Mittelfeld spülte der kurzfristige Ausfall von Kevin Möhwald den Japaner Yuya Osako in die Startelf. Er begann als Zehner vor einer Doppelsechs aus Christian Groß und Maximilian Eggestein. Werders System war eine Mischung aus 4-2-3-1 und 4-3-3.

Die Grafik zeigt, wieso beide Werder Bremen und Union Berlin mit ihren Formationen überall auf dem Feld Eins-gegen-Eins-Duelle provoziert haben. Jeder Spieler hatte einen direkten Gegenspieler.

Von Beginn an versuchte Werder Bremen, Union Berlin in direkte Duelle zu verwickeln. Auf dem ganzen Feld agierten die Bremer mannorientiert: Vorne lief Stürmer Josh Sargent zusammen mit den beiden Außenstürmern die gegnerische Dreierkette an. Osako nahm dahinter Grischa Prömel in Manndeckung, Eggestein und Groß warfen ein Auge auf Robert Andrich und Marcus Ingvartsen.

Union Berlin gegen Werder Bremen körperlich im Vorteil

In den Anfangsminuten gelang es Werder Bremen dank der mannorientierten Spielweise die Partie ausgeglichen zu gestalten. Beide Teams verhedderten sich in Zweikämpfen. Der Nachteil der Bremer Strategie: Auch die Berliner konnten sich an ihrem jeweiligen Gegenspieler orientieren. In den direkten Duellen waren die Berliner körperlich klar überlegen, sodass sie mehr Ballgewinne erzielen konnten.

In der Folge traten die Probleme des Bremer Spielsystems zutage. Durch die hohe Rolle der Außenstürmer entstanden häufig 4-2-1-3-Staffelungen. Groß und Eggestein deckten dabei das Zentrum nicht immer ab, sodass hier eine große Lücke klaffte. Vor dem 0:1 konnte Union-Verteidiger Robin Knoche einen Vertikalpass vom eigenen Strafraum bis in die gegnerische Hälfte spielen (12.); ein Passweg, den eine Doppelsechs eigentlich blockieren sollte. Beim Gegentor zum 0:2 griffen Union Berlins Mannorientierungen, sie übten weit vorne auf dem Feld Druck aus. Marco Friedl beging den entscheidenden Fehler (28.).

Werder Bremens Probleme im Zentrum verschärften sich nach dem 0:2-Rückstand. Groß ließ sich ab diesem Zeitpunkt zwischen die Verteidiger fallen. Er stellte zusammen mit den Innenverteidigern eine Drei-gegen-Zwei-Überzahl gegen Berlins Doppelsturm her. Das half zwar der Ballzirkulation in der eigenen Abwehr. Im Mittelfeld fehlte damit aber jegliche Anspielstation.

Die Grafik zeigt Werder Bremens Aufbau-Formation ab der dreißigsten Minute: Groß ließ sich in die Abwehr fallen, um aus der Tiefe das Spiel zu gestalten. Im Mittelfeld klaffte so aber eine große Lücke.

Werder Bremen: Florian Kohfeldt mit Systemumstellungen nach der Pause

Kohfeldt versuchte dieses Problem in der Pause zu lösen, indem er sein System etwas anpasste. Mit Davie Selke (für Osako) kam ein zweiter Stürmer. Romano Schmid und Manuel Mbom (für Bittencourt eingewechselt) bekleideten die Außen-Positionen, rückten von dort aber permanent ins Zentrum. Sie füllten den Raum vor der gegnerischen Abwehr, der zuvor oft leer geblieben war. Doch auch Bremens 3-5-2-System im Ballbesitz vermochte es nicht, die kompakt verteidigenden Berliner zu knacken.

Auch die Gäste passten ihr System leicht an. Ingvartsen rückte nun auf eine Höhe mit den beiden Stürmern. Er sollte den zurückfallenden Groß häufiger attackieren. Immer wieder brach Union Berlin den Spielrhythmus des SV Werder Bremen mit kleinen Fouls oder hartnäckigen Zweikämpfen. Bremen gewann fast keine Eins-gegen-Eins-Duelle. Auch Kohfeldts Taktik, in der Schlussphase weitere Stürmer einzuwechseln, ging nicht auf. Selbst im 3-4-3-System konnte sich Werder keine Chancen erspielen. Zwar versuchten die Stürmer immer wieder, die gegnerischen Verteidiger aus der Abwehrkette zu ziehen. Doch wenn ein Mittelfeldspieler oder Angreifer sich zurückfallen ließ, startete zu selten ein Angreifer in den geöffneten Raum. Werder mangelt es an Eingespieltheit in der Offensive.

So erteilte Union Berlin dem gebeutelten Werder Bremen eine Lehrstunde in Sachen Verteidigung und Effizienz. Die Unioner konnten ganz auf ihre kompakte Fünferkette in der Abwehr vertrauen. Negativ stimmt aus Bremer Sicht, dass Werders Angreifer zu keiner Zeit ein Rezept fanden gegen die körperbetonte Spielweise der Gäste. Gegner Leverkusen wird am kommenden Samstag kaum weniger körperbetont agieren. Zumindest etwas Positives kann man der Bremer Niederlage abgewinnen: Niklas Füllkrug feierte sein Comeback. Er dürfte Werder die dringend benötigte Körperlichkeit in der gegnerischen Hälfte schenken.

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