Bochum-Trainer Thomas Reis spricht vor dem Duell gegen den SV Werder Bremen über dessen „wilde Spielweise“.
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Bochum-Trainer Thomas Reis spricht vor dem Duell gegen den SV Werder Bremen über dessen „wilde Spielweise“.

Vor Werder gegen Bochum

Bochums Trainer Thomas Reis im DeichStube-Interview: „Werders Spiel ist irgendwie wild“

Bochum – „Wenn die defensive Stabilität stimmt, kann Werder Bremen für Überraschungen sorgen.“ Thomas Reis, Coach des kommenden Gegners VfL Bochum (Samstag, 15.30 Uhr), traut den Bremern zu, eine ähnliche Rolle zu spielen wie sein Team in der Vorsaison. Im Gespräch mit der DeichStube verrät der 48-Jährige auch, warum der Klassenerhalt in Bochum einer Meisterschaft gleichkommt. Am Freitag gab sich Reis auf einer Pressekonferenz „absolut angefressen“, als seine angeblichen Abwanderungsgedanken zum Revierrivalen Schalke 04 im Sommer angesprochen wurden. „Das sind alles Gerüchte,“ dementierte er die Spekulationen. „Ich bin Trainer des VfL Bochum und habe meine Verträge immer respektiert.“

Im vorab geführten Gespräch mit der Deichstube betont Thomas Reis, der zwischen 1995 und 2003 insgesamt 176 Bundesligaspiele (16 Tore) für den VfL Bochum absolviert hat, dass er auch nach vier sieglosen Spielen zum Saisonstart nicht um seinen Job fürchtet: „In drei Spielen hätten wir durchaus punkten können. Wir sind auf einem guten Weg.“

Der VfL ist bisher sieglos. Können Sie noch ruhig schlafen, Thomas Reis?

Ja. Wir haben zwar noch keine Punkte geholt, doch mich stimmt positiv, dass wir in drei von vier Spielen durchaus erfolgreicher hätten sein können. Wir waren dreimal sehr nah am Punktgewinn, der jeweils auch verdient gewesen wäre.

Mit der vierten Partie zielen Sie auf das 0:7 gegen Bayern München?

Genau. In Freiburg zuletzt haben wir eine ordentliche Leistung geboten. Gegen Mainz waren wir nah dran und in Hoffenheim haben wir 2:0 geführt, ohne am Ende etwas mitzunehmen. Es zeigt mir, dass wir konkurrenzfähig waren gegen Mannschaften wie Hoffenheim und Freiburg, die international unterwegs oder ambitioniert sind und die einen Lauf haben.

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Die Sportbild schreibt, dass Sie nur noch eine Gnadenfrist von zwei Spielen haben. Beunruhigt Sie diese Story?

Nein.

Werder Bremen: VfL Bochums Trainer Thomas Reis sieht seine ungeklärte Zukunft „ganz entspannt“

Was macht den Unterschied aus in Bochum zwischen dieser Spielzeit und der letzten Saison?

Der Unterschied ist ganz einfach der, dass wir diesmal mit sehr vielen neuen Spielern gestartet sind. Nach dem Aufstieg hatten wir eine eingespielte Mannschaft, es gab nur wenige Wechsel. Nach unserer guten Saison als Aufsteiger waren einige Spieler begehrt, diese haben uns verlassen. Damit muss man als ehemaliger Aufsteiger und nun als die Mannschaft mit dem niedrigsten Etat rechnen. Die Integration der neuen Leute, Spieler wie Mitarbeiter im Staff, braucht eine Weile.

Hat der Umstand, dass Sportvorstand Sebastian Schindzielorz aufhört und seine Nachfolge lange ungeklärt war, auch Auswirkungen gehabt?

Das bleibt nicht aus, wenn es immer wieder medial thematisiert wird. Wie auch meine Situation mit dem im Sommer kommenden Jahres auslaufenden Vertrag. Es gab viele Nebengeräusche, und um diese einzudämmen, haben wir die Vertragsverhandlungen vertagt. Unser Bestreben ist, sich auf Fußball zu konzentrieren.

Ist auch Ihre Zukunft geklärt?

Das sehe ich ganz entspannt. Wir haben bislang noch nicht zueinander gefunden und vertagen wie erwähnt die Gespräche auf die WM-Pause. Im Fokus steht der Sport. Wir müssen schauen, dass wir Punkte sammeln.

Ein ungeschriebenes Gesetz lautet: Das zweite Jahr ist für einen Aufsteiger das schwerste. Stimmt es?

Ich habe versucht, es zu erklären, warum es für uns so schwer ist. Wie dem VfL erging es in der Vergangenheit auch anderen Clubs, die einen Teil des Stammpersonals verloren haben. Zudem ist die emotionale Situation anders, die Aufstiegseuphorie ist weg, wurde von der Freude über den Klassenerhalt abgelöst. Und es wird erfahrungsgemäß enorm schwer, das erfolgreiche erste Jahr nach dem Aufstieg in die Bundesliga ansatzweise zu wiederholen. Es geht für uns nur darum, die Klasse zu erhalten. Dies muss sich jeder bewusst machen. Das ist ein Prozess, der dauern kann. Aber wir sind auf einem guten Weg.

Für VfL Bochums Trainer Thomas Reis ist Werder Bremen „definitiv“ kein normaler Aufsteiger

Ist Werder Bremen als Neuling ein normaler Aufsteiger?

Definitiv nicht, auch in der 2. Liga wurde Werder immer als Erstligist gehandelt. Bremen ist ein gefühlter Erstligist. Werder war nur ein Jahr weg, Bochum war elf Jahre weg. Die Bremer haben größtenteils die Aufstiegself beisammengehalten und haben für ihre Verhältnisse Spieler dazu geholt, die dank ihrer Erstliga-Erfahrung der Mannschaft gut zu Gesicht stehen, Niklas Stark und Amos Pieper beispielsweise. Man hat die Mannschaft punktuell verstärkt.

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Als Neuling war Bochum in der Vorsaison die Überraschung. Trauen Sie eine solche Rolle auch Bremen zu?

Ein normaler Aufsteiger ist Werder nicht, eher ein etablierter Bundesligist. Die Mannschaft ist offensivstark, ihr Spiel ist irgendwie wild, was ich nicht negativ meine. Sie haben viele Gegentore gefangen, andererseits schießen sie auch viele Tore. In der 2. Liga habe ich gegen meinen Kollegen Ole Werner schon viermal gespielt. Wenn die defensive Stabilität stimmt, kann Werder für Überraschungen sorgen.

Kommt der Werner-Ansatz mit dieser mutigen Spielidee Ihrer Philosophie gleich?

Es ähnelt sich. Als Aufsteiger lebst du von der Begeisterung, du willst alle Mauern einreißen. Dennoch darf die Absicherung nicht vernachlässigt werden, sonst fängst du dir böse Klatschen – wie wir auch im letzten Jahr in München. Es muss eine Struktur gefunden werden, ohne sich von der Philosophie des Offensivspiels zu verabschieden.

VfL-Coach Thomas Reis: „Für Bochum gab es bei Werder Bremen damals immer Haue“

Frankfurts Oliver Glasner hat nach dem Sieg in Bremen davon gesprochen, dass er die Werder-Taktik durchschaut und gewusst habe, wie erfolgreich zu agieren ist. Haben Sie das Werder-Spiel auch in dieser Form gelesen?

Werder hat für mich eine klare Spielidee, die sie recht erfolgreich angewandt haben. Natürlich haben wir Werder analysiert, wissen also, was auf uns zukommt. Sie traten bisher mit einer bestimmten Ordnung auf, inklusive der torgefährlichen Angreifer Ducksch und Füllkrug. Wir sind vorbereitet und haben einen Plan entwickelt. Mal sehen, ob er funktioniert.

Kennen Sie Ihre persönliche Bilanz in den Duellen mit Ole Werner?

Negativ bei den Auswärtsspielen in Kiel, positiv in Bochum.

Wissen Sie um Ihre Bilanz als Spieler beim VfL gegen Werder?

In Bremen haben wir keinen Punkt geholt damals, allerhöchstens ein Punktgewinn, als ich bei Eintracht Frankfurt auf der Bank gesessen habe.

Richtig, es waren acht Partien mit Bochum. Zwei Siege, allesamt zuhause, ein Remis, fünf Niederlagen.

Okay, bei den Bremern gab es immer Haue. Für Bochum war damals gegen Werder wie auch gegen die Kölner kaum was zu holen.

Werder Bremen: Thomas Reis über den Klassenerhalt mit dem VfL Bochum - „Das ist für mich eine gefühlte Meisterschaft“

Als Profi sind sie dreimal mit dem VfL aufgestiegen sowie zweimal abgestiegen. Dies möchten Sie als Trainer sicherlich nicht erleben.

Also einmal mehr auf als abgestiegen… Abstiege sind keine schönen Momente. Dennoch muss man damit rechnen. In Bochum können wir nicht erwarten, dass wir stets um Platz zehn wetteifern. Der Klassenverbleib ist für mich eine gefühlte Meisterschaft.

So kommen wir zu dem berühmten Spruch, der mit Bochum lange in Verbindung gebracht worden ist: „Unabsteigbar!“ Ist dies heute noch aktuell bei den kleinen Clubs?

Das Witzige ist: In der Saison, in der das Wort in Umlauf gebracht wurde, ist der VfL zum ersten Mal abgestiegen. Die Zeiten haben sich seit damals nochmals dramatisch geändert. Wir sind als Aufsteiger mit dem VfL in den UEFA-Cup eingezogen – heute unvorstellbar. Die finanziellen Voraussetzungen sind komplett anders. Werder hat ganz andere finanzielle Möglichkeiten als der VfL.

Werder-Vorstand Frank Baumann hat vor dem Start behauptet, dass Bremen ein geringeres Budget als Bochum habe und auf dem letzten Platz in der Bundesliga stehe.

Ich kenne die Aussage nicht. Was ich weiß: In der letzten Saison waren wir Vorletzter in der Rangordnung und diesmal sind wir Letzter. Unsere Zahlen sind bekannt, der Etat liegt bei 30 Millionen Euro.

Heikles Thema: VAR, über den Sie sich zuletzt in Freiburg beklagt haben.

Von der Regel her war der gegen uns verhängte Elfmeter korrekt, es gab ein kurzes Halten. In zig Zeitlupen kann man den Eindruck gewinnen, dass Manuel Riemann seinem Gegenspieler fast die Hose auszieht, in der Realgeschwindigkeit stellt es sich anders dar. Daher fand ich, es war keine klare Fehlentscheidung. Der Schiedsrichter hatte freie Sicht und auf Weiterspielen entschieden. Der Freiburger legt sich den Ball zu weit vor, unser Verteidiger ist da. Zumal der Freiburger den Ball an die Hand bekommt und sich so einen Vorteil verschafft. Was komischerweise in dem Fall nicht strafbar ist, nur zu ahnden, wenn ein Tor fällt. Hätten wir den Freiburger laufen lassen, wäre das Tor aberkannt worden. Das muss in die Bewertung mit einfließen. Leider wurde das Spiel durch den verhängten Elfmeter gegen uns entschieden, sehr ärgerlich.

So könnte die Startelf-Aufstellung des SV Werder Bremen gegen den VfL Bochum aussehen!

Vor Spiel gegen Werder Bremen: VfL Bochums Trainer Thomas Reis kritisiert den VAR - „Sehr ärgerlich“

Vermissen Sie bei dieser Thematik eine klare Linie bei den Schiedsrichtern?

Ja, es gibt unterschiedliche Verfahrensweisen. Vor wenigen Wochen wird ein Elfmeter in Berlin zurückgenommen, ein ähnlicher Fall wie bei uns, ein kurzer Kontakt, nicht ausreichend für einen Strafstoß, so die Begründung. Bei uns reicht der Kontakt trotz der geschilderten Umstände – Handspiel, Verteidiger zur Stelle, Tor wäre aberkannt worden – dafür aus. Das ist komisch. In der vergangenen Saison, in Leverkusen, bekommt der Gegner keine klare Rote Karte und uns wird ein Elfmeter verweigert. Damals gab es keine VAR-Intervention, die notwendig gewesen wäre, wie der DFB hinterher eingeräumt hat. Wir verlieren das Spiel mit 0:1, wie in Freiburg. Und so kann man sich als Trainer schon mal aufregen.

Es gibt unterschiedliche Auffassungen: Die einen sehen das Grundsatzproblem beim VAR darin, dass es keine nachvollziehbare Richtschnur bei den Eingriffen gibt, die anderen wünschen sich weniger Eingriffe, damit die Referees nicht verunsichert und in ihrer Autorität geschwächt werden. Wie sehen Sie es?

Eine Mischung aus beidem. Bei spielentscheidenden Szenen wie Tor oder auch Strafstoß muss geschaut werden. Vieles ist nicht mehr nachvollziehbar. Wie auch die Bestimmungen beim Handspiel. Es muss eine klare Regel her. In diesem Fall können die Schiedsrichter nichts dafür, sie brauchen dort klare Anweisungen, ohne Interpretationsspielraum.

Formulieren Sie bitte mal Ihre Wünsche! Was sollte der deutsche Fußball und speziell die Bundesliga in diesem Spieljahr vollbringen?

Die Teilnehmer am internationalen Wettbewerb mögen die Liga bestens vertreten. Einen spannenden Meisterschaftskampf. Klassenerhalt für den VfL Bochum. (hgk)

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