Sportdirektor Marcel Schäfer trifft am Sonntag in der Bundesliga mit dem VfL Wolfsburg auf Werder Bremen.
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Sportdirektor Marcel Schäfer trifft am Sonntag in der Bundesliga mit dem VfL Wolfsburg auf Werder Bremen.

Ex-Profi schwärmt von Werders „Wonderwall“

Wolfsburgs Sportdirektor Schäfer im Interview: „Die Clubs müssen finanziell besser aufgestellt sein“

Wolfsburg – Von Hans-Günter Klemm. Er ist mit 35 Jahren der jüngste Sportdirektor in der Bundesliga, aber im Fußball-Geschäft ein alter Hase: Marcel Schäfer hat mit dem VfL Wolfsburg einiges erlebt, wurde 2009 mit den Niedersachsen sogar Deutscher Meister.

Vor dem Gastspiel beim SV Werder Bremen sprach die DeichStube mit Ex-Nationalspieler Marcel Schäfer über Abstiegskampf, die Bremer „Wonderwall“, seine Erfahrungen im US-Sport und die möglichen Lehren aus der Coronakrise.

Haben Sie Abstiegskampf in Ihrer Karriere mal hautnah erlebt, Marcel Schäfer?

Jein, so richtig eigentlich nicht. In meinem ersten Profijahr bei 1860 München zählte ich in der Hinrunde fest zum Kader, doch im Laufe der Saison hat sich das geändert. Es war das Jahr, in dem ich Abitur gemacht habe. Meine schulischen Leistungen ließen nach, als ich zu sehr im Fußball engagiert war. Meine Eltern sprachen zum Glück ein Machtwort, der Fokus rückte mehr auf die Schule. Dafür bin ich ihnen heute noch dankbar. In der Rückrunde zählte ich nicht mehr so häufig zum Aufgebot. 1860 ist in dieser Saison schließlich auch abgestiegen.

Und in Wolfsburg?

Die beiden Relegationen habe ich nur aus der Ferne mitbekommen. Da war ich in den USA, auch bei den Entscheidungsspielen 2018, obwohl ich kurze Zeit später als Sportdirektor beim VfL begonnen habe. In meiner aktiven Zeit in Wolfsburg hatten wir einmal eine schwere Phase unter Felix Magath, als wir uns schließlich sehr spät gerettet haben.

Wie hat man sich einen Existenzkampf in der Bundesliga vorzustellen?

Auch wenn es wie eine Floskel klingt, es stimmt schon, dass Abstiegskampf hauptsächlich im Kopf entschieden wird. In der Bundesliga besitzen alle Mannschaft durchweg gute Fußballer, die Unterschiede ergeben sich auf der mentalen und psychologischen Ebene. Es zählen andere Qualitäten. Viele Mannschaften haben dabei das Problem, den Abstiegskampf überhaupt anzunehmen. Sie sind mit ganz anderen Zielvorstellungen in die Saison gegangen und befinden sich nun in der riskanten Lage. Vereine, die solche Situationen kennen, können sich eher darauf einstellen und sind meist in einer besseren Situation.

Haben Sie soeben über Werder Bremen gesprochen?

Werder Bremen hatte in dieser Spielzeit ganz gewiss andere Ambitionen, hatte sich mehr ausgerechnet. Doch die Bremer, die sich in der jüngsten Vergangenheit auch schon in dieser Gefahr befanden, haben mir immer imponiert. Es war beeindruckend, wie sie früher und auch heute die Situation angenommen haben.

Die Fan-Aktion Green White Wonderwall, die Werder Bremen beim Klassenerhalt 2016 half, imponiert Marcel Schäfer, Sportdirektor des VfL Wolfsburg, immer noch.

Werder Bremen: Marcel Schäfer erwartet schweres Spiel für VfL Wolfsburg

Was meinen Sie konkret?

Ich erinnere nur an die Aktion mit der „Wonderwall“. Der Eindruck, der sich aufdrängte: Im Club agierten alle vorbildlich, es wurde nie hektisch oder unruhig, als es brenzlig wurde. Ganz Bremen stand hinter Werder, die Fans waren sprichwörtlich der 12. Mann und sorgten für eine fantastische Stimmung im Stadion, was der Truppe enorm geholfen hat.

Eine Unterstützung, die nun in Zeiten der Geisterspiele beim Wolfsburger Gastspiel nicht vorhanden sein wird.

Richtig, dieses Phänomen fällt weg. Doch es wird auch so ein schweres Spiel für uns, weil für beide Seiten viel auf dem Spiel steht. Die Heimniederlage gegen Frankfurt hat uns sehr weh getan, wir sind gefordert, wollen unseren sechsten Rang festigen. Werder hat eine kleine Serie gestartet, wittert am Tabellenende nun wieder die Chance, auch wenn die Niederlage am Mittwoch gegen Frankfurt sie ein wenig zurückgeworfen hat. Klar ist aber: Wir wollen die drei Punkte mitnehmen.

Wie sind Sie mit dem Saisonverlauf beim VfL zufrieden?

Fünf Spieltage vor dem Ende kann die Zwischenbilanz so lauten: Höhen und Tiefen, aktuell eine gute Position, um unsere Ziele zu erreichen.

Wie lautetet das Saisonziel konkret? Qualifikation für die Europa League?

Als wir vor zwei Jahren begonnen haben und ich an der Seite von Jörg Schmadtke einsteigen durfte, haben wir nach den beiden enttäuschenden Spielzeiten mit den erfolgreich bestrittenen Relegationen als Ziel für die nächsten beiden Jahre ausgegeben, uns zu stabilisieren. Wider Erwarten haben wir es schon im ersten Jahr ins internationale Geschäft geschafft. Ein Sportler gibt sich nicht mit weniger zufrieden, von daher wäre die erneute Qualifikation für Europa schon toll. Doch es bleibt dabei, dass sich Club und Mannschaft noch in einem Prozess befinden.

Dies vor allem auch, weil mit Oliver Glasner ein neuer Trainer gekommen ist. Ist ihm die Umstellung von Österreich auf die deutsche Liga geglückt?

Natürlich bringt ein solcher Wechsel einige Dinge mit sich. Uns war schon bewusst, dass wir auch in dieser Hinsicht Geduld haben müssen. Insgesamt sehe ich es positiv, was die Arbeit von Oliver Glasner betrifft. Der Tabellenstand bestätigt unsere positive Entwicklung seit 2018.

Marcel Schäfer: „Blitzschnell“ vom Fußballer in den USA zum Sportdirektor beim VfL Wolfsburg

Sie sind der jüngste Sportdirektor der Liga. Wie ist Ihnen der Einstieg ins Management geglückt?

Zunächst: Ich war von ganzem Herzen Fußballer, habe es immer als Privileg empfunden, zehn Jahre in Wolfsburg und der höchsten Spielklasse erleben zu dürfen. Dabei habe ich alle Facetten des Berufs erlebt. Die ganze Bandbreite: Meister und Nationalspieler, schließlich Tribünenhocker. Zu meiner neuen Funktion gehört auch, dass ich in ständigem Austausch mit den Spielern stehe. Dabei profitiere ich von diesen reichhaltigen Erfahrungen. Aber natürlich lerne auch ich jeden Tag dazu.

Ist Geschäftsführer Jörg Schmadtke, der schon lange im Geschäft ist, ein guter Lehrmeister?

Es ist eine sehr gute Konstellation aus meiner Sicht. Ich kann Jörg Schmadtke immer über die Schulter schauen, ich war schon immer sehr wissbegierig, möchte auch in meinem neuen Job viel lernen. In Wolfsburg wird die Teamarbeit groß geschrieben. Einen besseren Einstieg ins das neue Berufsleben hätte ich mir nicht wünschen können. Dabei bin ich mir bewusst, dass es ein Vorteil ist, mir vieles abschauen zu können, ich aber dennoch meinen eigenen Weg finden muss.

Über Nacht sind Sie im Juli 2018 bei den Wölfen eingestiegen. Hals über Kopf?

Es ging blitzschnell. Meine Rückkehr nach Wolfsburg war eigentlich für 2019 anvisiert, doch dann kam es anders. Freitags habe ich noch in Tampa gespielt, montags saß ich am Schreibtisch in Wolfsburg. Keine Auszeit, kein Durchschnaufen, viel Trubel, zumal der Umzug mit der Familie samt drei Kindern geregelt werden musste.

Ein abruptes Ende der „Bildungsreise“, wie Sie mal gesagt haben.

Es war mein Ansinnen, diese Auslandserfahrung zu machen. Es hat sich ausgezahlt. Ich konnte einige Einblicke, auch in andere Sportarten wie Baseball, Basketball oder Football gewinnen.

Fin Bartels von Werder Bremen und Marcel Schäfer vom VfL Wolfsburg sehen sich am Sonntag wieder: Dann allerdings nicht direkt als Gegner auf dem Feld (wie hier 2015) - Schäfer ist inzwischen VfL-Sportdirektor.

Marcel Schäfer vom VfL Wolfsburg: US-Sport kaum auf Bundesliga übertragbar

In der Corona-Krise wird nun viel über den US-Sport diskutiert. Was ist übertragbar auf deutsche Verhältnisse und die Bundesliga?

Diese Krise muss die Bundesliga zum Anlass nehmen, um sich mehr Gedanken über die Wirtschaftlichkeit zu machen. Die Clubs müssen finanziell besser aufgestellt sein, besser vorbereitet sein, um für ein solches Szenario gewappnet zu sein, wie wir es nun erleben.

Drei Stichworte: Salary Cap, Draft-Philosophie bei der Rekrutierung der Spieler, geschlossenes System ohne Auf- und Abstieg. Was könnte sinnvoll sein für den heimischen Profifußball?

Eins zu eins etwas zu kopieren, dies geht meiner Ansicht nach nicht. Bei allen bestehenden juristischen Fragen ist ein Salary Cap schön und gut, doch er kann geschickt umgangen werden. In Amerika machen es die New York Yankees im Baseball seit Jahren mit der Methode der Luxussteuer. Zudem haben die US-Vereine keine Akademien, die neuen Spieler werden über das System der Schulen und Universitäten rekrutiert. Und eine Spielklasse ohne Abstieg halte ich hier für nicht machbar und empfehlenswert, weil unser Sport von den Emotionen lebt. Wir haben eine ganz andere Fankultur als in Amerika, wo es eher in Richtung Unterhaltungsbranche geht.

Also eine klare Absage an die von manchen Seiten geforderten Änderungen?

Ich meine, wir sollten nicht alles hinterfragen. Wir haben etwas vorzuweisen. Viele Dinge laufen gut, da könnten sogar die Amerikaner von uns lernen. Die DFL ist professionell aufgestellt. Nicht von ungefähr konnte die Bundesliga den Spielbetrieb wieder aufnehmen, ist in dieser Hinsicht ein Vorbild und Vorreiter.

Waren Sie beim VfL Wolfsburg so etwas wie der „Corona-Beauftragte“?

Zwischenzeitlich gefühlt schon, obwohl wir natürlich auch einen Arzt als Hygienebeauftragten haben, wie es im Konzept vorgesehen ist. Wir haben auch dies als Team gelöst. Mit viel Disziplin, großer Verantwortung und einer immensen Rücksichtnahme gerade für Risikogruppen. Es lief alles vorbildlich ab. Und ich hoffe, dass wir diese Werte in der Gesellschaft auch behalten und weiterleben, wenn Corona vorbei ist.

Letzte Frage, aktuell durch die Gewaltaktionen in den Staaten: Sie haben mal von ihrem Traum des Lebens in den USA gesprochen und angefügt, alles sei dort nicht so traumhaft. Zielten Sie damit auf den nun wieder sichtbaren Rassismus ab?

Nein, ich habe nichts davon in meiner Zeit mitbekommen. Wir haben in einer Kleinstadt gewohnt und keine rassistisch begründeten Vorfälle erlebt.

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