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Der Spaß am Fußball ist zurück: Dafür musste Levent Aycicek allerdings das Trikot der SpVgg Greuther Fürth ablegen und in die Türkei zu Adana Demirspor wechseln.

DeichStube blickt mit Ex-Werder-Profi zurück

„Wech vom Deich“: Aycicek und der besondere Wechsel

Bremen/Nienburg - Levent Aycicek, früher Profi bei Werder Bremen, spielt inzwischen in der Türkei, der Heimat seines Vaters - ohne die Sprache zu können. Aus unserer Serie „Wech vom Deich“.

Er trug mal die Nummer zehn beim SV Werder – und das sogar in der Bundesliga. „Och nö“, stöhnt Levent Aycicek: „Nicht wieder diese Geschichte.“ Er kann sie nicht mehr hören. Viel lieber spricht er mit der DeichStube über seine aktuelle sportliche Situation. Die klingt zwar nicht nach der großen Karriere, aber der 25-Jährige hat seinen Wechsel Anfang des Jahres zum türkischen Zweitligisten Adana Demirspor nicht bereut und will nun im Sommer noch mal richtig durchstarten.

„Ich habe mich dort bislang sehr wohl gefühlt, es hat gepasst“, sagt Aycicek, der seinen Sommerurlaub bei der Familie in Nienburg verbringt. Nur der knapp verpasste Aufstieg nagt noch an ihm: „Das war so ärgerlich.“ Im Halbfinale der Playoffs schaffte sein Team in der Nachspielzeit den Ausgleich, um dann doch noch zu verlieren und auszuscheiden. „Jetzt nehmen wir einen neuen Anlauf. Dieser Verein gehört einfach in die erste Liga“, meint Aycicek.

Levent Aycicek: Vom Abstellgleis in Fürth in die Türkei

Erst vor Ort ist ihm bewusst geworden, wie groß der Club ist – und vor allem auch die Stadt Adana, mit 1,8 Millionen Einwohnern immerhin die fünftgrößte der Türkei. „Unser Stadion ist mit 15.000 Zuschauern immer voll, jetzt bekommen wir ein neues mit 35.000 Plätzen, das wird noch besser“, schwärmt der 25-Jährige, der noch einen Vertrag für die nächsten beiden Spielzeiten besitzt. An einen Wechsel denkt er nach zwölf Spielen mit einem Tor und einem Assist nicht, wenngleich immer ein bisschen Heimweh mitschwingt: „Wenn ein Angebot aus Deutschland kommen würde, dann mache ich mir sicher meine Gedanken. Aber ich warte auch nicht darauf.“

Schließlich sind seine letzten Erinnerungen an Fußball-Deutschland nicht die besten. Beim Zweitligisten Greuther Fürth war der Mittelfeldspieler im zweiten Jahr auf dem Abstellgleis gelandet, durfte nur noch in der zweiten Mannschaft trainieren. Im Januar kam das Angebot aus der Türkei. Nicht wirklich überraschend, denn Ayciceks Vater stammt aus der Türkei. Da würde ein Wechsel ja passen – eigentlich. „Ich kann fast kein Türkisch sprechen“, gesteht Aycicek. Trotzdem wagte er den Sprung nach Adana im Süden der Türkei. „Sprachlich war es wirklich nicht so einfach, weil hier auch nur wenige Leute Englisch sprechen“, erzählt der Profi: „Aber wir haben drei Deutsch-Türken in der Mannschaft und zwei weitere Spieler, die auch Deutsch sprechen. Außerdem habe ich einen guten Übersetzer auf meinem Handy.“

Levent Aycicek, der kleine Dribbler, hat den ganz großen Durchbruch bei Werder Bremen nicht geschafft.

Levent Aycicek ahnte, dass Florian Kohfeldt ein Top-Trainer wird

Aycicek lacht. Ihm geht es gut. Er genießt die Zeit bei der Familie. „Es war aber einfach auch schön, mal wieder regelmäßig zu spielen“, blickt er auf die letzten Monate zurück. Das Niveau in der zweiten türkischen Liga sei besser als erwartet. „Individuell sind die Spieler alle sehr stark, aber taktisch ist das nicht so, wie ich das aus Deutschland kenne.“

Das kann auch an Florian Kohfeldt liegen, dem Chefcoach des SV Werder Bremen. „Er war vier Jahre lang mein Co-Trainer oder Trainer bei Werder, erst in der Jugend, dann bei den Profis und am Ende auch noch in der U23“, erinnert sich Aycicek: „Damals habe ich schon gesehen, dass er mal einer der besten Trainer in der Bundesliga wird. Florian weiß so viel, und kann es sehr gut vermitteln. Außerdem behandelt er alle Spieler gleich. Das schaffen nur die wenigsten Trainer.“

Levent Aycicek: Nummer zehn bei Werder Bremen war ein Fehler

Aycicek spricht gerne über seine Werder-Zeit. Von 2008 bis 2017 trug er Grün-Weiß – mit eineinhalb Jahren Unterbrechung für eine Ausleihe an den damaligen Zweitligisten 1860 München. Am 8. Februar 2014 feierte das große Talent sein Bundesliga-Debüt und erzielte gleich den Ehrentreffer bei der 1:5-Heimniederlage gegen Borussia Dortmund. In der Saison darauf kam er immerhin zu elf Bundesliga-Einsätzen und traf auch wieder: diesmal beim 4:0 gegen Paderborn. Der damalige Sportchef Thomas Eichin wollte den Vertrag des kleinen Dribblers unbedingt verlängern. Aycicek sagte zu und bat um die Rückennummer zehn für die neue Saison – und das als erst 21-Jähriger.

„Heute weiß ich, dass es ein Fehler war. Aber ich war jung und hatte diese Nummer doch immer in der Jugend. Die Zehn kam zu früh für mich.“ Aber warum hat ihn niemand gewarnt? „Ich bin da keinem böse, dafür bin ich selbst verantwortlich“, antwortet Aycicek. Als Zehner absolvierte er unter Coach Viktor Skripnik und Co-Trainer Kohfeldt kein einziges Pflichtspiel. Der nur 1,69 Meter große Mittelfeldspieler war mit der großen Erwartungshaltung nicht zurechtgekommen.

Bei Werder Bremen sind sie Profis geworden. Doch die Karrieren von Levent Aycicek und Maximilian Eggestein haben sich völlig unterschiedlich entwickelt.

Levent Aycicek freut sich für Maximilian Eggestein

Letztlich hat er also doch noch über die Nummer zehn gesprochen. Die Geschichte gehört eben zu seiner Karriere dazu. Bei Adana Demirspor trägt er die Nummer 42 – nicht ohne Grund. Das ist quasi die Postleitzahl von Konya, der Heimatstadt seines Vaters. „Der freut sich natürlich, dass ich in der Türkei spiele“, sagt Aycicek. Am 28. Juni geht es für ihn in Adana wieder los – am gleichen Tag startet auch Werder in die Vorbereitung. Aycicek wird das aus der Ferne verfolgen. „Ich gucke eigentlich jedes Werder-Spiel. Die Entwicklung der letzten beiden Jahre ist der Wahnsinn“, sagt Aycicek und denkt dabei auch an Maximilian Eggestein: „Als Maxi 2014 sein Bundesliga-Debüt gefeiert hat, ist er für mich eingewechselt worden.“

Maximilian Eggestein ist nun Stammspieler und bereits für die A-Nationalmannschaft eingeladen worden. Aycicek spielt in der Zweiten Liga in der Türkei. „Ich freue mich für Maxi, er hat es sich verdient“, betont Aycicek und lässt keine Spur von Neid erkennen: „Natürlich vermisse ich Werder. Bremen ist meine Heimat geworden. Aber ich bin nicht unglücklich. So ist das nun einmal im Fußball.“

Levent Aycicek: Seine Stationen, seine Statistiken

Vereine: Adana Demirspor, Greuther Fürth, Werder Bremen, 1860 München, Werder Bremen, Hannover 96 (Jugend), RSV Rehburg.

Statistik: Bundesliga (13 Spiele/2 Tore), Zweite Liga (58 Spiele/6 Tore/5 Assists), Dritte Liga (19 Spiele/3 Tore), Regionalliga (35 Spiele/14 Tore/16 Assists), Zweite Türkische Liga (12 Spiele/1 Tor/1 Assist).

Werder Bremen: Serie „Wech vom Deich“

Teil 1 - Die unglaubliche Odyssee des Kevin Schindler

Teil 2 - Francis Banecki: Wenn ein Baum fällt

Teil 3 - Auf die harte Tour: Kevin Artmanns schmerzhafte Reise

Teil 4 - Özkan Yildirims Traum ist noch nicht vorbei

Teil 5 - Florian Trinks: Wech vom Deich - und wieder zurück?

Teil 6 - Marco Stier: Einst Deutschlands größtes Talent, heute Sportinvalide

Teil 7 - Jerome Polenz‘ Weltreise als Fußballprofi

Teil 9 - Gegen alle Widerstände: Tom Trybull - von der Regionalliga in die Premier League

Teil 10 - Nelson Valdez, der Weltenbummler

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