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Sag zum Abschied leise Fritz

Werder-Kapitän Clemens Fritz beendet Karriere, bleibt dem Verein aber erhalten / Bald Ehrenspielführer?

"Kein leichter Tag für mich"

Bremen - Es war gestern Nachmittag exakt 16.00 Uhr, als bei Werder irgendjemand auf den Knopf gedrückt haben muss. Im nächsten Augenblick war die Nachricht in der Welt: Er hört auf, macht tatsächlich Schluss, wird nie mehr ein Spiel für Grün und Weiß bestreiten.

Clemens Fritz hat sich dazu entschieden, seine Karriere als Fußballprofi im Alter von 36 Jahren nach der Saison zu beenden. Da Werders Kapitän aufgrund einer Verletzung in den verbleibenden zwei Spielen nicht mehr zum Einsatz kommen kann, ist für ihn faktisch schon jetzt Schluss. Aus und vorbei. Zugegeben: Eine große Überraschung ist Fritz’ Karriereende nicht, dafür hatte einfach zuviel dafür gesprochen. Aber dennoch: Das Aufhören des Anführers stellt eine Zäsur dar. Fritz war seit Jahren das Gesicht der Mannschaft, dabei ebenso Leistungs- wie Sympathieträger. Aus Clemens ist im Laufe der Jahre Bremens Fritz geworden.

Clemens Fritz gegen Ronaldinho im CL-Spiel 06 gegen FC Barcelona

Fast etwas schüchtern sieht er aus, auf dem Bild, das damals, im Sommer 2006, eines seiner ersten mit der Raute auf der Brust war. Er steht ganz links, direkt neben ihm Diego, daneben der Trainer, Thomas Schaaf, und dann kommt noch Pierre Wome. Bei der offiziellen Vorstellung der Neuzugänge hält er einen Fußball in den Händen, auf Bauchnabelhöhe, und das ist auch ganz gut so, denn sonst hätte dieser Clemens Fritz auch als Surfer durchgehen können. Blonde Strähnen, gebräunte Haut, die Haare wild in der Stirn. Elf Jahre ist die Aufnahme inzwischen alt. Dass sie einen künftigen Kapitän zeigt, einen Anführer, einen Spieler, der Werder in der Zukunft entscheidend prägen sollte – das konnte damals keiner wissen. Dafür weiß es heute jeder.

Rauschende Nächte mit Werder

Clemens Fritz hat insgesamt 368 Spiele für Werder bestritten. Er half in den fetten Jahren dabei mit, Top-Clubs wie Real Madrid und Inter Mailand in der Champions League zu besiegen. Er gewann den DFB-Pokal und kennt das: rauschende Nächte mit Werder. Zuletzt stemmte sich der gebürtige Erfurter, der die Bremer Kapitänsbinde in der Saison 2011/2012 übernommen hatte, mit seinem Verein gegen den Abstieg. Schon im vergangenen Jahr wollte er abtreten, tat es dann aber doch nicht. Aufhören nach gerade ganz knapp überstandenem Abstiegskampf? Den Verein in einer Schieflage allein lassen? Es wäre einfach gewesen, und übel genommen hätte es ihm vermutlich auch keiner. Für Fritz war es aber keine Option. Er hing noch eine Saison dran. Dafür ist nun Schluss. Endgültig.

„Heute ist kein leichter Tag für mich.“ Diesen Satz hat Clemens Fritz als ersten ausgewählt. Er beginnt damit einen Brief an Freunde, Fans und Weggefährten, in dem er ausführlich schildert, was ihn zum Aufhören bewogen hat. Auf seiner Internetseite hat er den Text veröffentlicht, unter der nüchternen Überschrift „In eigener Sache“. Der Riss des Syndesmosebandes im Sprunggelenk spielt eine zentrale Rolle. Fritz ist längst operiert, der Heilungsverlauf aber nicht so wie erhofft. „Die Verletzung macht mir nach wie vor zu schaffen“, berichtet der Kapitän. Und weiter: „Ich hatte immer den Anspruch an mich selbst, meine Aufgaben mit einer hundertprozentigen Fitness anzugehen, meine Ziele zu verfolgen und diese auch zu erreichen.“ Genau das werde er nun nicht mehr leisten können. „Und an diesem Punkt bin ich mir – und auch Euch – schuldig, das einzugestehen.“ Für ihn ende nun ein Lebensabschnitt, „und ich betrachte ihn mit einem lachenden und einem weinenden Auge.“ Auf fast ausnahmslos positive Erlebnisse könne er zurückblicken. „Ich habe unglaubliche Erfahrungen sammeln dürfen, die mich zu dem Menschen machen, der ich heute bin.“ Fritz bedankt sich in seinem Brief. Bei Familie, Freunden, Fans sowie bei allen, „die mich sportlich begleitet, unterstützt und vorangebracht haben“. Dann richtet er den Blick in die Zukunft. Er ist inzwischen verlobt, wird im Sommer Vater, will sich eine Auszeit nehmen und dann „mit neuem Elan und ganzem Herzen“ zurückkehren. Zu Werder. Das steht bereits fest.

Fritz war eine Identifikationsfigur 

Er wird eine Aufgabe im Management übernehmen. Darauf freuen sie sich im Verein schon. Momentan dominiert aber das Bedauern. „Clemens war in den vergangenen Jahren auf und neben dem Platz eine wichtige Säule der Mannschaft und eine große Identifikationsfigur für den SV Werder. Deshalb bedauern wir seine Entscheidung natürlich“, betont Sportchef Frank Baumann, übrigens Fritz’ Vor-Vor-Vorgänger als Kapitän und inzwischen Ehrenspielführer des Clubs. Gut möglich, dass Fritz diese Ehre auch noch zuteil wird. Er wäre jedenfalls der Typ dafür. Viel geleistet für den Verein, sympathisch, eloquent, ein angenehmer Gesprächspartner – kurz: Eine Identifikationsfigur, die man sich nicht besser malen kann.

Clemens Fritz: Seine Karriere in Bildern

Clemens Fritz spielte über zehn Jahren für den SV Werder Bremen und kann auf eine lange Profi-Karriere bei den Hanseaten zurückblicken.
Clemens Fritz spielte über zehn Jahren für den SV Werder Bremen und kann auf eine lange Profi-Karriere bei den Hanseaten zurückblicken. © gumzmedia
Clemens Fritz
Angefangen hat seine Laufbahn als Fußballer in der Jugend von Rot-Weiß Erfurt. Dann spielte er für den VfB Leipzig und Karlsruher SC, ehe es ihn zu Bayer 04 Leverkusen zog. © imago
2006 wechselte der Defensivspieler ablösefrei von Leverkusen an die Weser. Seitdem spielte Fritz für keinen anderen Club mehr.
2006 wechselte der Defensivspieler ablösefrei von Leverkusen an die Weser. Seitdem spielte Fritz für keinen anderen Club mehr. © imago
Gegen den FC Chelsea spielte der gebürtige Erfurter erstmals im Werder-Dress in der Champions League.
Gegen den FC Chelsea spielte der gebürtige Erfurter erstmals im Werder-Dress in der Champions League. © imago
20 Mal spielte Fritz insgesamt für den SVW in der Königsklasse. Weiter bis ins Achtelfinale schafften es die Bremer aber nie. Hier kämpft Fritz gegen Fußballlegende Ronaldinho (l.) um den Ball.
20 Mal spielte Fritz insgesamt für den SVW in der Königsklasse. Weiter bis ins Achtelfinale schafften es die Bremer aber nie. Hier kämpft Fritz gegen Fußballlegende Ronaldinho (l.) um den Ball. © imago
07. Oktober 2006: Fritz feiert sein Debüt in der deutschen A-Nationalmannschaft. Gegen Georgien gewann das DFB-Team mit 2:0.
07. Oktober 2006: Fritz feiert sein Debüt in der deutschen A-Nationalmannschaft. Gegen Georgien gewann das DFB-Team mit 2:0. © imago
Bei der EM 2008 schaffte es Fritz mit der Nationalmannschaft bis ins Finale. Gegen Spanien mussten sich die Deutschen aber leider geschlagen geben.
Bei der EM 2008 schaffte es Fritz mit der Nationalmannschaft bis ins Finale. Gegen Spanien mussten sich die Deutschen aber leider geschlagen geben. © imago
30. Mai 2009: Clemens Fritz feiert den Gewinn des DFB-Pokals - sein erster und einziger Titel mit Werder.
30. Mai 2009: Clemens Fritz feiert den Gewinn des DFB-Pokals - sein erster und einziger Titel mit Werder. © imago
Nachdem Mertesacker im August 2011 zu Arsenal wechselte, übernahm Fritz von ihm die Kapitänsbinde.
Nachdem Mertesacker im August 2011 zu Arsenal wechselte, übernahm Fritz von ihm die Kapitänsbinde. © imago
Am Rande des Trainingslagers im türkischen Belek gibt Fritz sein Karriereende bekannt. Nach der Saison 2015/16 soll Schluss sein, teilte er am 14. Januar 2016 mit.
Am Rande des Trainingslagers im türkischen Belek gibt Fritz sein Karriereende bekannt. Nach der Saison 2015/16 soll Schluss sein, teilte er am 14. Januar 2016 mit. © gumzmedia
28. April 2016: Fritz gibt seinen Rücktritt vom Rücktritt bekannt und verlängert um ein weiteres Jahr.
28. April 2016: Fritz gibt seinen Rücktritt vom Rücktritt bekannt und verlängert um ein weiteres Jahr. © gumzmedia
8. Mai 2017: Der Kapitän geht von Bord und verkündet sein endgültiges Karriere-Ende.
8. Mai 2017: Der Kapitän geht von Bord und verkündet sein endgültiges Karriere-Ende. © gumzmedia
Vor dem Anpfiff des letzten Werder-Heimspiels der Saison 2016/17 wurde Clemens Fritz am 13. Mai verabschiedet und zum Ehrenspielführer gekürt.
Vor dem Anpfiff des letzten Werder-Heimspiels der Saison 2016/17 wurde Clemens Fritz am 13. Mai verabschiedet und zum Ehrenspielführer gekürt. © gumzmedia
Die Bremer Fans hatten sich für ihren Kapitän eine besondere Choreo einfallen lassen und bedankten sich bei Fritz für seine 368 Einsätze im Werder-Trikot.
Die Bremer Fans hatten sich für ihren Kapitän eine besondere Choreografie einfallen lassen und bedankten sich bei Fritz für seine 368 Einsätze im Werder-Trikot. © gumzmedia
So ganz verlassen hat Clemens Fritz die Werder-Familie aber noch nicht. Dank seines Anschlussvertrags absolviert er aktuell ein Trainee bei den Grün-Weißen.
So ganz verlassen hat Clemens Fritz die Werder-Familie aber noch nicht. Dank seines Anschlussvertrags absolviert er aktuell ein Trainee-Programm bei den Grün-Weißen. © gumzmedia

Alles in allem, so scheint es, hat es Clemens Fritz richtig gemacht. Er hat einen guten, wenn nicht den perfekten Zeitpunkt für das Karriereende gefunden. Eine Sache stört ihn aber doch. Und das gewaltig. „Dieses letzte Spiel, dieser letzte Einsatz im Werder-Trikot, ist mir leider nicht vergönnt und man kann nur schwer formulieren, wie sehr ich das bedauere“, schreibt er. Gar nicht lange her, am 4. März war es, da riss im Heimspiel gegen Darmstadt dieses verflixte Syndesmoseband – und der Kapitän musste humpelnd vom Platz. Keine Frage: Das ist ganz sicher nicht das Motiv, das man sich für seinen Abgang wünscht. Clemens Fritz darf sich aber sicher sein: Es werden andere Bilder von ihm in Erinnerung bleiben. Vielleicht sogar das des schüchternen Surfers aus dem Sommer 2006. 

Kommentar: Der richtige Zeitpunkt

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