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Ende Juni ist seine Zeit als Torwart von Werder Bremen vorbei: Tobias Duffner.

Die ungewöhnliche Karriere des Werder-Torwarts

Tobias Duffner: Wie aus dem Profi ein Doktor wird

Bremen – Der Traum tauchte immer mal wieder auf – und Tobias Duffner dann sofort ab, als Torwart im Weserstadion. Gekonnt fischte er einen Strafstoß aus der Ecke. „Ich war dabei immer der Held“, erinnert sich der 35-Jährige, lacht und erklärt: „Solche Träume hat doch jeder, der so nah dran ist.“

Duffner ist Profi, noch Profi muss es heißen. Sein Vertrag beim SV Werder läuft am 30. Juni aus, dann beginnt ein neues, ein spannendes Leben. Denn aus dem Torwart-Urgestein der U23, das oft mit der Bundesliga-Mannschaft trainieren durfte, wird bald ein Doktor. Kein Arzt, sondern ein Manager, der gerne im Fußball bleiben will. „Im Management oder Marketing“, sagt er: „Ich bin da ganz entspannt.“

Das kann er auch sein. Denn Duffner hat sich so gut auf die Karriere nach der Karriere vorbereitet wie kaum ein anderer Profi. Dafür hat er in England studiert. Oftmals hieß das: Freitagmorgens mit dem Flieger nach London, Vorlesungen hören, Vorträge halten, abends wieder zurück; samstags als Ersatztorwart auf der Bank bei Werders U23 sitzen; sonntags dann die Wiederholung des Freitags. „Ich bin Werder echt dankbar, dass ich das so machen durfte“, sagt Duffner. Die nicht unerheblichen Kosten hat er selbst getragen. „Billig war das nicht, aber es hat sich gelohnt“, betont der Keeper und meint damit nicht nur das Studium. Er habe speziell bei den längeren Aufenthalten in London gelernt, wie es sich als Fremder in einer Mannschaft anfühlt.

Tobias Duffner hatte zwei Träume: Profi werden und Abi machen

Damals durfte er bei den englischen Clubs Charlton Athletic und FC Brentford als Gast mittrainieren, um für Werder fit zu bleiben. „Das war super, aber auch nicht so einfach.“ Seitdem kümmerte er sich bei Werder mehr um die neuen Spieler, die aus dem Ausland kamen, und stellt nun fest: „Da kann man ruhig noch mehr machen. Gerade bei Spielern, die weder Deutsch noch Englisch sprechen.“

Duffner selbst kennt sich mit Wechseln gut aus. Er galt mal als Wandervogel. Auch das hat mit einem Traum zu tun. „Ich habe schon als Kind gesagt: Ich will Profi werden – und mein Abitur machen.“ Vor allem Letzteres fand seine Familie, mit der er in jungen Jahren von Bünde nach Schwanewede gezogen war, natürlich gut. Doch schnell stellte sich heraus, dass der damals noch kleine Duffner ein großer Keeper war. Er wechselte zum SV Werder, teilte sich bei Reisen mit den Jugendmannschaften oft ein Zimmer mit Christian Schulz, der 2004 mit Werder das Double gewann.

Tobias Duffner trainierte oft mit den Profis von Werder Bremen, fuhr auch mit ins Trainingslager. Mit einem Bundesliga-Einsatz hat es aber nie geklappt.

Tobias Duffner sollte sich bei Werder Bremen um Felix Wiedwald und Sebastian Mielitz kümmern

Duffner spielte zu diesem Zeitpunkt beim Oberligisten SC Weyhe, nicht weit weg von Bremen. Es folgten mehr oder weniger erfolgreiche Versuche bei Holstein Kiel, dem Brinkumer SV, dem VfR Neumünster und TuRu Düsseldorf. Bei Kickers Emden wurde sein Traum dann endlich wahr: Der Drittligist machte ihn 2008 zum Fußball-Profi – ging aber wenig später in die Insolvenz. „Das war nicht schön“, erinnert sich Duffner.

Der Keeper kehrte zum SV Werder zurück, zunächst nur als Trainingsgast mit Einsätzen beim Oberligisten SV Ahlerstedt/Ottendorf, dann aber mit einem klaren Auftrag: Der damals 26-Jährige sollte sich um die jungen Torwarttalente Felix Wiedwald und Sebastian Mielitz kümmern – und das als Profi in Vollzeit. „Natürlich musst du dich darauf auch einlassen können. Du weißt, dass du nicht spielst, weil die jüngeren Keeper spielen sollen“, erklärt Duffner und fügt noch grinsend an: „Ich habe in meinen zehn Jahren bei Werder nicht so viele Spiele gemacht, aber die entscheidenden.“

Tobias Duffner: Teufelskerl im Aufstiegskrimi 2015

Eine Partie sticht dabei heraus: der Aufstiegskrimi 2015 in Mönchengladbach. Nach dem 0:0 im Hinspiel ging es dort in die Verlängerung. Werder gewann das Duell der Bundesliga-Reserven mit 2:0 und stieg in die Dritte Liga auf. „Das war schon eines meiner besseren Spiele“, urteilt Duffner und strahlt wie ein Honigkuchenpferd. Bemerkenswert dabei: Einige Wochen zuvor war er zum damaligen Coach Alexander Nouri gegangen und hatte ihm nahegelegt, nun ihn ins Tor zu stellen und nicht mehr einen unerfahrenen Keeper. „Ich konnte auch sehr selbstbewusst sein“, sagt Duffner. Der Erfolg gab ihm recht, spätestens seitdem galt er als Teufelskerl.

Doch Fußball allein reichte ihm nicht. Das war schon immer so gewesen. „Ich wollte auch etwas für den Kopf machen und abgesichert sein.“ Deshalb hatte er nach dem Abitur mit einem Studium begonnen: Mathematik und Sport auf Lehramt. Doch zum Profifußball gehören auch Vereinswechsel, da war dieser ortsgebundene Studiengang „eher unglücklich“. Duffner brach diese Geschichte ab, begann aber wenig später ein zweijähriges Fernstudium zum Diplom-Sportmanager, wie es so einige Fußball-Profis mittlerweile machen.

Tobias Duffner auf dem Zaun: Mit den Fans feiert der U23-Torwart von Werder Bremen nach einem Erfolg gegen Gladbach II 2015 den Aufstieg in die Dritte Liga.

Tobias Duffner schreibt seine Doktorarbeit über Fußball

Für ihn war es aber nur ein Testlauf, ob er sich bereit für weitere Aufgaben fühlte. Und wie bereit er sich fühlte! Es folgte erst der Sportfachwirt an der IHK Düsseldorf, dann der Sprung auf die Insel. „Ich wollte meinen Bachelor unbedingt in London machen.“ Warum? „Ich wollte diese Auslandserfahrung, ich wollte das in meinem Lebenslauf haben.“ Also studierte er am European College of Business and Management, das eine Kooperation mit der University of Wales praktizierte. Für den Master kam dann auch noch die University of Liverpool ins Spiel.

„Das war alles eine Riesenerfahrung“, sagt Duffner. Mit 30 Jahren hatte er seine Abschlüsse in der Tasche, aber immer noch Lust auf diese Doppel-Belastung aus Fußball und Lernen. „Da kam mir die Idee mit der Doktorarbeit.“ Ein Fußball-Thema lag natürlich nahe und wurde schnell gefunden: „Strategische Beteiligungsunternehmen/Partnerschaften im Fußball.“ Das Ergebnis darf er noch nicht vorwegnehmen, im Herbst muss er seine fast fünfjährige Arbeit noch an der Universität Leipzig verteidigen, wie es so schön heißt. Nur so viel verrät er: „Es ist nicht so, wie viele vielleicht denken: Der Fan lehnt Investoren gar nicht kategorisch ab, sondern schaut sich das alles sehr differenziert an, was Investoren, strategische Partner, Mäzene und Oligarchen betrifft.“

Tobias Duffner: „Tolle Zeit“ bei Werder Bremen - auch ohne Bundesliga-Einsatz

Ende des Jahres könnte es dann soweit sein und aus Tobias Duffner tatsächlich ein Dr. Tobias Duffner werden. Bis dahin will er die neu gewonnene Zeit als Nicht-Profi für Reisen mit seiner Freundin nutzen: in die USA und mit dem Rad in die Pyrenäen („So eine persönliche Tour de France“). Diese Auszeit sei nach fünf Jahren Doktor-Arbeit im durchgetimten Leben als Profi-Fußballer einfach nötig. „Das hat wirklich reingehauen. Ich bin oft um vier Uhr morgens aufgestanden, um vor dem Training noch etwas zu schaffen. Und abends habe ich mich auch noch ein paar Stunden an den Schreibtisch gesetzt.“

Doch Duffner ist keiner, der sich beklagt. Er hat es gerne gemacht, er musste es sogar machen. Der 35-Jährige hat diesen besonderen Antrieb, der ihn auch als Sportler ausgezeichnet hat. So soll es weitergehen im neuen Job. Vielleicht bei Werder, vielleicht aber auch woanders – Hauptsache Fußball. Der Traum soll weitergehen, denn wie sagt er nicht nur einmal: „Fußball ist mein Leben!“

Dass es nie zu einem Einsatz in der Bundesliga-Mannschaft gereicht hat, sei „schade“, sagt Duffner: „Immerhin habe ich oft mit den Profis trainiert, war im vergangenen Jahr sogar bei beiden Trainingslagern dabei. Es war einfach eine tolle Zeit bei Werder.“

Tobias Duffner: Fakten zur Karriere

Vereine: Werder Bremen, SV Ahlerstedt/Ottendorf, Kickers Emden, TuRa Düsseldorf, Brinkumer SV, VfR Neumünster, Holstein Kiel, SC Weyhe, TS Woltmershausen, VfB Oldenburg, TSV Meyenburg.

Einsätze: Dritte Liga (31), Aufstiegsrunde zur Dritten Liga (2), Regionalliga Nord (19), Oberliga/Bremen-Liga (127)

Statistik: 179 Spiele, 295 Gegentore, 47 Spiele ohne Gegentor.

Ach, und apropos Doktor: Werder Bremen bekommt einen neuen Teamarzt und baut die medizinische Abteilung um.

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