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Willi Lemke, Ex-Boss des SV Werder Bremen, kritisiert in der Corona-Krise das Management der DFL.

Ex-Werder-Manager über den Umgang des Fußballs mit Corona

Willi Lemke im Interview: „Geisterspiele sind der falsche Weg“

Bremen – Das Coronavirus hat das gesamte gesellschaftliche Leben und damit auch den Fußball aus den Angeln gehoben – wann und wie es mit der unterbrochenen Saison - und damit für Werder Bremen - weitergehen kann, steht in den Sternen.

Im Interview mit der DeichStube erklärt der Ex-Manager des SV Werder Bremen, Willi Lemke, warum er mit dem Krisenmanagement der DFL nicht mehr einverstanden ist, weshalb auch Geisterspiele in seinen Augen keine Lösung sein können – und wie sich die Vereine wirtschaftlich trotzdem retten könnten.

Herr Lemke, sind Sie froh, in der augenblicklich wegen der Corona-Pandemie angespannten Lage im Fußballgeschäft kein Entscheider mehr zu sein?

Logischerweise bin ich erleichtert, nicht mehr im operativen Geschäft verantwortlich zu sein. Die Komplexität der Aufgaben macht es sehr schwer für die handelnden Personen. Zumal eine Analyse fast unmöglich ist, weil niemand in die Zukunft schauen kann.

In Ihrer Zeit als Manager bei Werder Bremen galten Sie als jemand, der für schwere Problemstellungen oftmals kreative Lösungen gefunden hat. Haben Sie heute eine Idee?

Da ich kein Hellseher bin, werde ich mich hüten, kluge Ratschläge zu erteilen. Allerdings halte ich die von der DFL verfolgten Planungen, die Saison bis Ende Juni zu Ende zu spielen, für nicht realisierbar. Es geht in den nächsten Tagen und Wochen vordringlich darum, dass sich die Kurve abflacht, die die Ausbreitung des Coronavirus angibt. Das geht nur, indem möglichst wenig soziale Kontakte stattfinden, um die Infektionsketten zu unterbrechen. Die nun getroffenen Maßnahmen brauchen Zeit.

„Keine Geisterspielen nur um der Kohle willen“

Ganz anders handelt die DFL, die aufs Tempo zu drücken scheint. Um den drohenden finanziellen Kollaps wegen der ausbleibenden TV-Einnahmen abzuwenden, soll die Spielzeit möglichst rasch beendet werden. Auf Kosten von Geisterspielen, die von der DFL als alleinige Möglichkeit angesehen werden.

Die Prioritäten sind völlig falsch gesetzt. An erster Stelle muss stehen, dass wegen der Pandemie die Zahl der Toten möglichst gering gehalten wird. Es ist nicht wichtig, wann die Fußballsaison beendet werden kann. Es geht um Menschenleben, da ist es letztlich irrelevant, wer am Ende Meister wird oder absteigt. Und auch Geisterspiele halte ich für den absolut falschen Weg, weil das Risiko der Ansteckungsgefahr auch dann noch besteht. Im Übrigen empfinde ich Partien ohne Zuschauer als fade, emotionslos und unattraktiv. Deshalb kommt von mir ein klares Nein zu Geisterspielen nur um der Kohle willen.

Also stehen Sie dem Krisenmanagement der DFL kritisch gegenüber?

Ich fand das Vorgehen lange in Ordnung. Vor allem unter der Prämisse, dass morgen schon alles anders sein kann als heute und übermorgen erst recht. Doch jetzt melde ich Zweifel an. Es darf nicht die Austragung der Bundesligaspiele in den Vordergrund rücken. Fußball ist die herrlichste Nebensache der Welt und muss es auch bleiben. Er darf in diesen Tagen, wo es um Leben oder Tod geht, aber nicht zur Maxime unseres Handelns werden. Es darf erst wieder gespielt werden, wenn die Politiker und die Virologen grünes Licht geben. Und vor dem Spätsommer ist an ein normales Leben nicht zu denken. So käme es auch einem Wunder gleich, wenn die Olympischen Spiele stattfinden könnten. Aus heutiger Sicht wäre es völlig ausgeschlossen, die Aktiven und die vielen Zuschauer aus aller Welt, den Gefahren der Pandemie auszusetzen.

Seit Jahren boomt das Geschäft - auch bei Werder Bremen

Protagonisten der Liga sprechen vom Überlebenskampf der Profi-Ligen. Wie bewerten Sie diese Einschätzung?

Die Krise trifft viele, und nicht nur die kleinen Clubs. Seit Jahren boomt das Geschäft, steigen die Einnahmen. Bei fast allen sind auch die Ausgaben in die Höhe geschnellt, sodass nun Liquiditätsprobleme auftauchen, wenn der eingeplante Geldfluss abbricht. Die DFL muss nun mit den TV-Anstalten nach Lösungen suchen. Es wird sicher möglich sein, einen erheblichen Teil der fälligen Rate ausgezahlt zu bekommen, wenn die DFL den Sendern garantiert, die Saison nach der Pandemie sportlich zu beenden. Denn schließlich haben Millionen von Fußballfans ihre Gebühren an Sky und Co. bezahlt. Insofern ist es im Interesse aller, die Vereine nicht in die Pleite zu schicken. Weitere Liquidität sollte durch Verhandlungen mit der DFL und den Banken erzielt werden. Und schließlich muss jeder Verein Sparpotenziale umsetzen.

Dortmunds Boss Hans-Joachim Watzke hat die Forderung nach einem Solidaritätsfond in der DFL zurückgewiesen. Wie realistisch ist so ein Modell?

Das wird sich zeigen. Es ist die alte Geschichte, die ich in meiner Zeit von 1981 bis 1999 stets angesprochen habe. Von den erhöhten TV-Geldern profitieren die Topclubs immer mehr überproportional, die Schere ist immer extremer geworden.

Sie traten als Gegenspieler von Bayerns Uli Hoeneß auf, Heribert Bruchhagen galt lange Zeit als Verfechter der Interessen der ärmeren Clubs. Fehlt heute ein solches Gegengewicht zu den Branchengrößen?

Das will ich nicht beurteilen. Tatsache ist, dass die Problematik weiter auf dem Tisch liegt und gelöst werden muss. Es ist Aufgabe der Clubs sowie der Verbandsspitze um Christian Seifert, ein gerechteres Modell zu entwickeln.

DFL-Geschäftsführer Christian Seifert

Wolfgang Holzhäuser, ein Mitstreiter aus früheren Zeiten, hat in einem Interview mit dem „kicker“ die durch Zahlungsunfähigkeit der Kirch-Gruppe ausgelöste Krise kurz nach der Jahrtausendwende als dramatischer eingestuft als den nun drohenden finanziellen Kollaps. Stimmen Sie dem zu?

Ich schätze den Kollegen Holzhäuser sehr, doch er argumentiert ausschließlich aus der Sicht des Fußballs. Aktuell ist es weitaus dramatischer und existenzieller, weil es die Gesamtgesellschaft betrifft. Und noch dazu ist es eine weltweite Bedrohung. Es droht eine unkalkulierbare Sterberate bei der Weltbevölkerung, so lange kein Impfstoff entwickelt worden ist. Was war dagegen der Konkurs des Medienunternehmers Kirch?

Werder Bremen: Willi Lemke fordert von Profis Gehaltsverzicht

Ist es legitim, den Gehaltsverzicht der Profis als ein Mittel zur Abmilderung der Finanzkrise zu diskutieren, wie es Ministerpräsident Markus Söder angeregt hat? Oder stimmen Sie Kölns Sportvorstand Horst Heldt zu, der dies als Populismus gebrandmarkt hat?

Es ist eine berechtigte Forderung, es besteht geradezu die Notwendigkeit, dies zum Thema zu machen. Spieler, die Topgehälter in Millionenhöhe beziehen, bemerken gar nicht, wenn auf ihrem Konto zehn bis 20 Prozent der Vergütung abgezogen werden und einige zehntausend Euro fehlen. So begrüße ich außerordentlich die Ankündigung der Gladbacher Spieler, die so einen solidarischen Beitrag leisten möchten. Ich glaube, viele Clubverantwortliche werden eine ähnliche Lösung anstreben und auch erreichen.

Wie bewerten Sie das Vorgehen Ihres ehemaligen Vereins Werder?

Absolut angemessen und auch aus sportlicher Hinsicht korrekt, die Spieler eigenverantwortlich zu Hause trainieren zu lassen. Meine Hoffnung ist, dass die Karten völlig neu gemischt werden, wenn es den Neustart gibt. Nach der langen Pause sehe ich die klitzekleine Chance, sportlich den Klassenerhalt zu schaffen. Ich gebe zu: Da ist der Wunsch der Vater des Gedankens.

Was ist bedrohlicher für Werder? Die sportliche oder die wirtschaftliche Situation?

Das sind zwei verschiedene Welten, ein Vergleich fällt schwer. Die wirtschaftliche Lage ist angespannt. Doch ich habe keine Sorge, dass wir es in Bremen schaffen, mit Unterstützung der Sponsoren und der Stadt. Bei Werder ist immer anständig gewirtschaftet worden, nun sind wir unverschuldet in eine Schieflage geraten. Die Finanzen sind das kleinere Übel. (Das Interview führte Hans-Günther Klemm)

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