DeichStube-Reporter Björn Knips (li.) im Gespräch mit Werder-Co-Trainer Tim Borowski.
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DeichStube-Reporter Björn Knips (li.) im Gespräch mit Werder-Co-Trainer Tim Borowski.

Co-Trainer erklärt Werder-Aufschwung

Borowski im Interview: „Das ist noch nicht die Endstufe“

Bremen - Werder rockt die Bundesliga – und dafür ist auch ein Ex-Profi mitverantwortlich: Tim Borowski. Als 16-Jähriger kam er nach Bremen, kämpfte sich von der Jugend bis in die Bundesliga, wurde 2004 Double-Sieger, ließ sich nach seiner Karriere bei Werder zum Manager ausbilden und ist nun als 38-Jähriger Co-Trainer von Florian Kohfeldt.

Fast genau vor einem Jahr hat das Trainerteam den Bundesligisten übernommen und aus einem Abstiegskandidaten eine Spitzenmannschaft gemacht. Wie das gelungen und was noch möglich ist, erklärt Borowski im Gespräch mit der DeichStube. Außerdem verrät der Ex-Nationalspieler, dass er im neuen Jahr seine nächsten Trainerscheine machen will.

Herr Borowski, die Spieler haben frei, Sie sind trotzdem im Weserstadion – und das sicher nicht nur wegen unseres Interviews. Was liegt an?

Tim Borowski: Wir bereiten das letzte Spiel noch nach und das nächste schon vor. Dann gibt es noch ein paar andere Dinge, die ich nicht verraten kann.

Warum so geheimnisvoll?

Borowski: Es gibt Termine, die sich mit unserer Strategie für die nächsten Wochen und Monate beschäftigen...

Haben Sie nie frei?

Borowski: Doch. Florian Kohfeldt ist es ganz wichtig, dass wir auch mal einen Tag durchatmen können. Ob das einmal pro Woche oder nur alle zwei Wochen ist, das variiert. Aber das kenne ich ja nicht anders, so bin ich groß geworden – und alle anderen im Fußball auch.

Darf man sich als Tabellendritter keinen Genießertag gönnen?

Borowski: Nein, dafür ist unser Ehrgeiz viel zu groß. Wir können nicht nachlassen und uns jeden Tag über die guten Ergebnisse freuen, wir müssen weiterarbeiten. Ansonsten würden wir auch nicht dort stehen, wo wir jetzt sind.

Vergleich mit 2004? „Nur eine Momentaufnahme“

Müssen Sie sich manchmal zwicken, um die gute Platzierung zu glauben?

Borowski: Der Tabellenplatz ist nur eine Momentaufnahme. Wir beschäftigen uns mehr damit, wo wir uns noch verbessern können. Es ist ganz wichtig, diesen Leistungsgedanken weiter zu forcieren.

Trotzdem die Frage: Kann Werder da oben bleiben, hat die Mannschaft das Zeug dazu?

Borowski: Wir haben eine gute Mixtur aus erfahrenen und jungen Spielern. Mein Wunsch vor der Saison war, dass wir eine gewisse Konstanz reinbekommen – und zwar auf hohem Niveau. Es scheint, dass wir das hinbekommen haben.

2004 ist Werder ziemlich überraschend Meister geworden, Sie waren dabei. Ist so eine Sensation heute überhaupt noch möglich?

Borowski: Schwer vorstellbar. Aber Leicester City hat es vor zwei Jahren geschafft – und das in der englischen Premier League, der besten Liga der Welt. Ganz unmöglich ist es also nicht. Aber mit uns hat das nichts zu tun. Es wäre absolut weltfremd, wenn wir über die Meisterschaft reden würden.

Der aktuelle Höhenflug erinnert allerdings schon ein bisschen an 2004 – vor allem auch fußballerisch. Lässt sich zumindest das vergleichen?

Borowski: Ich werde darauf tatsächlich oft im Bekanntenkreis angesprochen. Die Euphorie in Bremen ist schön, ich schaue gerne in diese freudestrahlenden Gesichter. Das freut uns. Aber dieser Vergleich ist nicht angemessen, er kommt auch viel zu früh.

Gilt das auch für den Spielstil?

Borowski: Natürlich spielen wir einen schönen und aktuell auch erfolgreichen Offensivfußball, mit dem sich viele Gegner schwertun. Aber wir waren damals schon einen Schritt weiter in dem Gedanken, wirklich überall gewinnen zu können. Dieses Gefühl baut sich bei uns gerade auf.

Wie hat es das Trainerteam geschafft, innerhalb weniger Monate aus einem Abstiegskandidaten ein Spitzenteam zu formen?

Borowski: Wir haben von Anfang an gesagt, dass wir das über den Offensivfußball regeln wollen. Das ist uns gelungen – und davon profitieren wir jetzt. Wir verfeinern das, fordern es jeden Tag ein – und zwar vom ganzen Staff. Da sind wir nicht nachlässig.

So mutig spielt kaum ein Bundesligist.

Borowski: Das sehe ich anders. Dortmund spielt eine überragende Saison mit einer großen individuellen Qualität, das ist großartig anzuschauen. Auch Mönchengladbach ist gut drauf. Die Bayern werden sowieso wieder zu alter Stärke finden.

Aber Ex-Profi Jens Lehmann hat behauptet, Werder sei die einzige Mannschaft mit einem klaren Offensivplan.

Borowski: Vielleicht hat er einen grün-weißen Werder-Schal zu Hause liegen – danke, Jens!

Es gibt allerdings noch viel mehr Experten und Offizielle anderer Clubs, die sich positiv zu Werder äußern.

Borowski: Die Blumen nehmen wir gerne mit. Fatal wäre es, wenn wir nachlässig würden, aber das werden wir nicht.

Tim Borowski erklärt seine Fußball-Passion.

Wenn Sie diese attraktive Spielweise sehen, juckt es dann in den Füßen, selbst wieder zu kicken?

Borowski: Daran denke ich nicht. Ich finde diese Entwicklung viel schöner – von unserer ersten Woche vor dem Frankfurt-Spiel vor fast einem Jahr bis jetzt. Da sieht man unsere Interpretation von Fußball. Und das ist noch nicht die Endstufe, die Entwicklung geht weiter.

Florian Kohfeldt betont stets, dass Sie und Thomas Horsch auch für die Standards verantwortlich sind. Wie genau funktioniert das?

Borowski: Dazu kommt auch noch unser Chefanalyst Mario Baric. Wir machen in der Woche vor einem Spiel ein Brainstorming, um zu schauen, wo wir mit unseren Standards aktuell stehen und was zum nächsten Gegner passt. Da lassen wir uns dann etwas einfallen.

Ist das für jeden Gegner etwas Spezielles?

Borowski: Durchaus. Aber es muss nicht unbedingt neu sein, kann aus unserem Fundus, aber auch aus einer anderen Liga stammen. Dann wird es trainiert. Die WM hat gezeigt, dass Standards ein wichtiger Parameter sein können.

Sind Sie zufrieden?

Borowski: Das ist schwer zu sagen. Mal klappt es besser, mal schlechter. Das ist einfach von zu vielen Faktoren abhängig. Man muss auf jeden Fall bestmöglich vorbereitet sein.

Florian Kohfeldt hebt gerne Ihre Zeit als Ex-Profi hervor, weil Sie damit einen ganz anderen Erfahrungsschatz einbringen als er. Wie macht sich das im Alltag bemerkbar, sagen Sie dann schon mal, welche Idee des Cheftrainers nicht passt?

Borowski: Das Thema sollte man nicht zu hoch hängen.

Warum?

Borowski: Es ist mir ein Stück weit unangenehm. Denn ich laufe ganz gewiss nicht mit dem erhobenen Zeigefinger herum. Natürlich beschreibe ich in Gesprächen und Analysen, wie etwas bei den Spielern ankommen könnte, wie ich das selbst damals wahrgenommen habe. Aber Florian ist schon sehr lange Trainer und weiß, wie Spieler ticken.

Die Taktik nimmt in der Berichterstattung inzwischen einen viel größeren Raum ein, ist der Fußball wirklich taktischer geworden?

Borowski: Ja. Es gibt zum Beispiel schon mehrere Teams, die innerhalb von Sekunden ihr System umstellen können.

Werder auch?

Borowski: Wir gehören auch dazu. Und wir können die Abläufe dann auch durchspielen, das ist vielleicht der Unterschied.

Was bedeutet das?

Borowski: Es bringt nichts, das System zu verändern, wenn die Spieler gar nicht wissen, wo genau sie sich positionieren müssen, wann sie tief gehen sollen, wann nicht, um nur einige Dinge zu nennen. Da gehört noch viel mehr dazu. In der Vorbereitung haben wir sehr viel Wert darauf gelegt, die Abläufe in all unseren Systemen einzustudieren.

„Wäre fatal, wenn wir alles vom Trainer nur abnicken würden“

Das ist ein hoher Anspruch an die Spieler, geht das mit jeder Mannschaft?

Borowski: Du brauchst schon die richtigen Typen dafür, aber eben auch einen, der den Weg vorgibt und die Leute mitnimmt, so wie es Florian macht.

Was zeichnet ihn aus?

Borowski: Er ist trotz seines jungen Alters ein Trainer auf höchstem Niveau. Er bringt eine große Empathie mit, fängt die Spieler ein und nimmt sie mit. Das ist schon ein Talent, das außergewöhnlich ist.

Ist Kohfeldt mit seiner Liebe zum Detail auch mal anstrengend?

Borowski: Nein, da sind wir im Trainerteam alle ziemlich gleich.

Wird dann bis spät in die Nacht im Trainerbüro ´getüftelt?

Borowski: Durchaus. Oder wir treffen uns früh morgens. Wenn wir das Gefühl haben, noch mehr ins Detail gehen zu müssen, dann machen wir das.

Gibt es da auch Kontroversen?

Borowski: Natürlich. Es wäre doch fatal, wenn wir alles vom Trainer nur abnicken würden.

Gönnt sich das Trainerteam dann nach den Spielen auch mal ein Siegerbier?

Borowski: Na ja, natürlich freuen wir uns über erfolgreiche Spiele. Aber spätestens zwei Stunden nach dem Spiel bist du schon wieder in der Analyse und denkst an das nächste Spiel.

Klingt so, als wären Sie ständig aufgewühlt.

Borowski: Das nicht, aber du beschäftigst dich gefühlt schon 24 Stunden mit Fußball.

Was sagt Ihre Frau dazu?

Borowski: Die hat mich doch so kennengelernt.

Waren Sie als Spieler auch schon so?

Borowski: Ich habe auch damals schon gerne viel Fußball geschaut. Jetzt ist es noch etwas detaillierter, um zu schauen, wie andere Spitzenteams agieren.

Was gucken Sie genau?

Borowski: Die Premier League ist immer gut, die spanischen Clubs sind auch sehr interessant – vor allem, wenn die kleinen Vereine gegen die großen spielen und trotzdem an ihrer Philosophie festhalten. Das ist wirklich spannend. Am Wochenende hat zum Beispiel UD Levante gegen Real Madrid sein Konzept durchgezogen und 2:1 gewonnen.

Auf was könnten Sie als Co-Trainer gut verzichten?

Borowski: Nichts. Für mich ist der Job ein Genuss.

Sie haben die DFB-Elite-Jugend-Lizenz und wollten eigentlich auch die weiteren Trainerscheine erwerben, haben das aber wegen Ihres Jobs als Co-Trainer zurückgestellt. Wie geht es da weiter?

Borowski: Anfang des neuen Jahres werde ich das Schritt für Schritt in Angriff nehmen – erst die A-Lizenz, danach den Fußballlehrer.

Wollen Sie irgendwann auch mal Cheftrainer sein?

Borowski: Damit beschäftige ich mich aktuell nicht. Ich will einfach nur bestmöglich aufgestellt sein. Dafür habe ich davor das Trainee-Programm im Management gemacht. Jetzt bin ich im Trainerbereich, und das macht mir richtig viel Spaß. Fußball ist einfach meine Passion, deswegen genieße ich jede Minute.

Genossen haben Sie sicherlich auch das Abschiedsspiel von Per Mertesacker vor gut einer Woche. Wünschen Sie sich auch so ein Event?

Borowski: Nein, das ist kein Thema. Mein Abschied ist viel zu lange her. Ich sehe doch an meinen eigenen Kindern, welche Topspieler sie kennen und welche nicht. Da bin ich und da sind viele Kollegen von damals raus.

Sind wenigstens aktuelle Werder-Spieler bei Ihren Kindern „in“?

Borowski: Absolut. Da hat sich wirklich etwas verändert, zumindest nehme ich das so wahr. Auf den Bolzplätzen und auf den Schulhöfen in Bremen sind wieder mehr Werder-Trikots zu sehen. Das ist wirklich schön.

Zum Schluss noch das Thema Freimarkt: Als Spieler sind Sie dort früher durchaus auch mal zu später Stunde gesichtet worden, geht das als Co-Trainer noch?

Borowski: War ich das wirklich? (lacht) Wir hatten es früher schon leichter, weil nicht alles sofort fünf Minuten später über die sozialen Medien in der ganzen Welt bekannt war. Deswegen sind die Profis dort heute vielleicht nicht mehr ganz so oft. Ich gehe gerne mit meiner Familie über den Freimarkt, wir lieben das!

Tim Borowski: Seine Karriere in Bildern

Tim Borowski
Tim Borowski (l.) kam als 16-Jähriger zum SV Werder Bremen. 1999 gewann er die einzige Deutsche A-Jugend-Meisterschaft der Vereinsgeschichte. © imago
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Bei den Profis wurde der Blondschopf zur Saison 2000/2001 als Neuzugang von Trainer Thomas Schaaf vorgestellt. Wie jeder junge Spieler musste sich Borowski Stück für Stück in die erste Mannschaft vorkämpfen. © imago
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Seinen Durchbruch schaffte der gebürtige Neubrandenburger in der legendären Double-Saison 2003/2004. © imago
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Bei der Meisterfeier war der 24-Jährige mittendrin statt nur dabei. © imago
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Am Ende der Saison stand nicht nur die Meisterschaft, sondern auch der Sieg im DFB-Pokal. Im Finale lieferte Borowski sein bis dahin bestes Spiel im Werder-Trikot. © imago
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Der Mittelfeldspieler traf beim 3:2 gegen Alemannia Aachen im Berliner Olympiastadion doppelt. © imago
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Borowskis gute Leistungen bei Werder entgingen auch nicht den Bundestrainern. 2002 gab er sein Länderspiel-Debüt, 2006 war bei der Weltmeisterschaft im eigenen Land dabei. © imago
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Borowski spielte in sechs der sieben deutschen WM-Spiele, traf im Elfmeter-Krimi gegen Argentinien im Viertelfinale. Am Ende stand für Deutschland der dritte Platz. © imago
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Auch 2008 wurde er von Bundestrainer Joachim Löw für die Europameisterschaft nominiert. Er kam in zwei Spielen zum Einsatz und wurde am Ende Vize-Europameister. © imago 
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Bei Werder erlebte der Nationalspieler die Glanz-Jahre Mitte/Ende der 2000er, spielte regelmäßig Champions League (hier gegen Ronaldinho vom FC Barcelona). © imago
Tim Borowski
Das rief Interessenten auf den Plan, Werder konnte Borowski nicht mehr halten. Er ging ausgerechnet zum großen Rivalen der damaligen Zeit... © imago 
Tim Borowski
... dem FC Bayern München. Die Saison 2008/2009 verlief bei Borowski aber nicht gerade nach Wunsch. Er konnte nicht überzeugen... © imago
Tim Borowski
... und kehrte nach nur einem Jahr zum SV Werder zurück. Nach drei weiteren Saisons in Grün-Weiß und insgesamt 236 Bundesliga-Spielen (32 Tore) beendete Borowski 2012 seine aktive Karriere. © imago
Danach blieb er Werder treu, absolvierte erst eine Management-Ausbildung im Verein und wurde im Sommer 2015 Sportlicher Leiter der U23. In der Position blieb er aber nur wenige Monate.
Danach blieb er Werder treu, absolvierte erst eine Management-Ausbildung im Verein und wurde im Sommer 2015 Sportlicher Leiter der U23. In der Position blieb er aber nur wenige Monate. © gumzmedia
Tim Borowski
Etwa zwei Jahre nach seinem Abschied war Tim Borowski wieder bei seinem Club: Der 37-Jährige wurde Co-Trainer von Sven Hübscher in der Werder-U17. © Gumz
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Nach der Entlassung von Werder-Cheftrainer Alexander Nouri Ende Oktober 2017 rückte U23-Coach Florian Kohfeldt als Cheftrainer auf. Borowski wurde sein Co-Trainer. © Gumz

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