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Bayern-Coach Carlo Ancelotti ändert im Spiel selten seine Taktik.

Taktikexperte rät Nouri zu einem „Plan B“

So sind die Bayern zu knacken

Bremen - Werder gegen Bayern – das ist inzwischen eine sehr einseitige Erfolsgeschichte. Seit 2008 haben die Bremer nicht mehr gewonnen.

Sind die Bayern für Werder unbesiegbar? Tobias Escher, der Taktikexperte der DeichStube, erklärt, wie die Bayern am Samstag vielleicht doch zu knacken sind:

Eigentlich begann die Saison des FC Bayern, wie es sich gebührt: Mit dem Supercup holten sie gleich den ersten Titel, den Bundesliga-Auftakt gewannen sie 3:1. Und doch ist ein deutliches Grummeln an der Säbener Straße zu vernehmen. Denn bislang stimmen nur die Ergebnisse, nicht aber die Leistungen.

Im Supercup retteten sich die Bayern erst spät ins Elfmeterschießen gegen starke Dortmunder. In der Liga hatte Leverkusen mehr Ballbesitz und eine höhere Passquote als jeder andere Bayern-Gegner in den vergangenen drei Jahren. Aufmerksamkeit erregt vor allem die hohe Anzahl der Leverkusener Chancen: 19mal schossen sie auf den Münchener Kasten. Mehr Schüsse ließen die Bayern seit 2013 nur in Partien zu, bei denen sie bereits als Meister feststanden. Der Ruf der unbesiegbaren Bayern bröckelt.

Neues System – neue Stärken?

Die Bayern befinden sich im Umbruch. Die Abgänge von Xabi Alonso und Philipp Lahm nutzt Trainer Carlo Ancelotti, um den Spielstil umzustellen: weniger Spielkontrolle, weniger Ballbesitz, dafür ein schnelleres und direkteres Spiel in die Spitze.

Die Bayern stören den Gegner nur noch phasenweise in dessen Hälfte. Sie ziehen sich häufiger zurück an den eigenen Strafraum. Gegen den BVB verteidigten sie in einem 4-5-1, gegen Leverkusen in einem 4-4-2. In beiden Spielen konnte der Gegner den Ball vor den Münchener Ketten laufen lassen.

Taktischer Kniff mit Tolisso

Besonders interessant ist die taktische Rolle von Neuzugang Corentin Tolisso. Nominell spielt er auf der Position des Rechtsaußen. Allerdings zieht der gelernte Sechser häufig ins Zentrum, mimt dort den dritten Sechser neben Sebastian Rudy und Arturo Vidal. Dies erlaubt wiederum Rechtsverteidiger Joshua Kimmich, weit nach vorne zu rücken. Er positioniert sich praktisch wie ein Rechtsaußen.

Gewinnt der Gegner den Ball und setzt zum Konter an, sichert Tolisso für Kimmich ab. Dieses Konstrukt stärkt Münchens Offensive, hat in der Defensive jedoch Schwachstellen. Vidal schießt im zentralen Mittelfeld – seinem Naturell entsprechend – im Pressing häufig nach vorne und sucht den Zweikampf. Wenn Tolisso zusätzlich nach rechts rückt, bleibt ein großer Raum im Zentrum, den Rudy alleine sichern muss.

Nicht immer gelingt ihm dies. Die ersten Saisonspiele beweisen, wie defensiv fragil das Gebilde der Bayern ist. Im Pressing können sie wenig Druck ausüben, die Mechanismen wirken nicht perfekt einstudiert. Gegner können sich über die Halbräume, die Räume zwischen Zentrum und Flügel, nach vorne kombinieren. Genau dies gelang Leverkusen.

Ziel für Werder: Sicher stehen und schnell kontern

Das Ballbesitzspiel der Bayern hat ebenfalls Schwächen. Tolisso fehlt durch seine tiefe Rolle als Anspielstation in der gegnerischen Hälfte. Linksaußen Franck Ribery ist in dieser Struktur häufig isoliert. Der Gegner kann ihn durch Doppeln oder Trippeln aus dem Spiel nehmen.

Dies sind die Punkte, an denen Werder ansetzen muss: Sie müssen defensiv kompakt verteidigen und bei Kontern schnell die Halbräume finden. Ihr 5-3-2-System eignet sich gut, diese Räume zu finden; die Achter müssten nur aggressiv nachstoßen und bei Kontern die beiden Stürmer unterstützen. Dazu braucht es etwas mehr Mut als gegen Hoffenheim, als oft nur Florian Kainz die Stürmer unterstützte.

Ein zweiter, etwas unorthodoxer Weg könnte Bayerns Schwächen in der Defensive offenlegen: Bremen könnte es mit Ballbesitzspiel probieren. Die Bayern ziehen sich weiter zurück als in der vergangenen Spielzeit, verschieben dabei aber nicht immer sauber. Die Bremer könnten Überzahlen auf dem Flügel herstellen; Kruses typisches Herausrücken nach links könnte hierbei forciert werden.

Vorsicht: Standards und individuelle Klasse

Aus taktischer Sicht sind die Bayern verwundbar. Doch Obacht: In Sachen individueller Klasse sind sie sämtlichen Bundesliga-Gegnern um Welten voraus. Rudy und Tolisso sind im Mittelfeld kaum vom Ball zu trennen, die Außenstürmer können jederzeit Eins-gegen-eins-Situationen gewinnen. Zudem haben die Bayern intensiv an ihren Standards gearbeitet. Gegen Leverkusen erzielten sie alle Tore nach ruhenden Bällen.

Doch selbst wenn die Bayern in Führung gehen, sollten die Bremer nicht den Kopf hängen lassen. Leverkusen beschäftigte die Bayern nach der Pause mit einem enorm aggressiven 3-4-3. Da Ancelotti in Spielen selten die Taktik wechselt, stellen solche Umstellungen die Bayern vor echte Probleme. Alexander Nouri muss sich einen Plan B zurechtlegen. Es könnte sich lohnen, denn: Die Bayern sind wieder verwundbar!

Tobias Escher

Zur Person: Tobias Escher ist ein freier Journalist, der sich als Taktikexperte bundesweit einen Namen gemacht hat. Er ist Autor der Website spielverlagerung.de sowie Experte bei Bohndesliga, einem ganz besonderen Fußball-Format im Internet. Der 29-Jährige schreibt für die „Welt“ und „11Freunde“ und war als Taktikexperte auch für TV-Sender wie Sky und ZDF tätig - mal im Vorder-, mal im Hintergrund. Absolut zu empfehlen sind seine Bücher „Vom Libero zur Doppelsechs“ und „Die Zeit der Strategen: Wie Guardiola, Löw, Mourinho und Co. den Fußball neu denken“ (erscheint im März 2018). Tobias Escher wird in dieser Saison alle Pflichtspiele des SV Werder Bremen exklusiv für die DeichStube analysieren.

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