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Günter Hermann gewann mit Deutschland 1990 die Weltmeisterschaft.

Vierter Teil: Werder-Momente bei der WM

Günter Hermann - kein Weltmeister zweiter Klasse

Bremen - Von Hans-Günter Klemm. Reserve-Weltmeister. Ein vergiftetes Kompliment, ein Lob, das wie eine Beleidigung klingt. Günter Hermann hat diese Geringschätzung schon häufig vernommen. Er hat sich daran gewöhnt, er kann damit leben.

 „Es stört mich nicht“, sagt der 57-Jährige, der 1990 beim WM-Sieg in Italien zum Kader zählte, jedoch keine Minute in Italien gespielt hat. „Es hat mich noch nie gestört.“ Hermann fühlt sich als Weltmeister. Teil der erfolgreichen Mannschaft sei er gewesen, argumentiert er. „Wir waren 23 Spieler, wir sind alle Weltmeister.“ Der Siegeszug zum dritten Stern auf dem Adler-Trikot nach 1954 und 1974 sei auch ein Produkt des Teamgeistes gewesen.

Auch diejenigen, die nicht gespielt hätten, hätten ihren Beitrag geleistet. Inwiefern? Hermann, der als Spielerberater und Trainer nach seiner aktiven Laufbahn dem Fußball verbunden geblieben ist, nun als Sportlicher Leiter des Bremen-Ligisten FC Oberneuland fungiert, erklärt, wie sie die Tage unter der italienischen Sonne verbracht und wie sie sich im Trainingscamp am Comer See eingebracht haben: „Im Training haben wir Vollgas gegeben, um fit zu sein, wenn wir gebraucht werden. Und wir haben Spaß gemacht, für gute Stimmung gesorgt.“

Hermann winkte Berufung in die Startelf

Dabei hatte Franz Beckenbauer für eine recht clevere Maßnahme gesorgt. Der Teamchef, wie er offiziell hieß, wandte diesen Trick an: Alle Werbeeinahmen kamen in einen Topf. Am Ende wurden sie unter allen aus dem Kader aufgeteilt, unabhängig von der Zahl der Einsätze. Hermann über diese Idee, das Mannschaftsgefühl zu stärken: „So entstand kein Neid, niemand machte sein Extra-Ding.“

Überhaupt war schon recht früh vor dem Turnier vieles, wenn nicht alles geklärt. Die Stammelf stand. „Schon zwei Jahre vorher“, erinnert sich Hermann. „Die erste Elf – oder zumindest die ersten 13 Spieler – war fix.“ Wenn nichts Gravierendes geschehen sollte, lief Beckenbauers Wunschformation auf. Es gab nur leichte Veränderungen, von denen Kalle Riedle, der zweite Werder-Weltmeister von damals, profitierte. Hinter Rudi Völler und Jürgen Klinsmann war Riedle der Stürmer Nummer drei, er brachte es auf einige Einsätze.

Anders Hermann, der zur Ersatzreserve zählte. Neben ihm traf diese Rolle auch auf andere zu. Insgesamt waren es fünf Weltmeister ohne Spiel: Andreas Köpcke und Raimond Aumann, die beiden Ersatztorhüter, sowie Paul Steiner und Frank Mill. Doch auch Andreas Möller und Uwe Bein, Mittelfeldspieler wie der Bremer, war nur eine Nebenrolle zugedacht. Das Duo kam nur als Einwechselspieler zum Zuge.

Hermann dagegen winkte sogar eine Berufung in die Startelf. Andi Brehme war gesperrt für das Spiel gegen Kolumbien, zwei Gelbe Karten. Für Hermann sprang daher die Ampel auf Grün. Sein Einsatz war geplant, Franz Beckenbauer hatte sich für ihn entschieden. Alles war bereitet, der Werder-Profi nominiert und informiert. Doch plötzlich das Kommando zurück. Der Spielerrat, selbst in den „Kaiserzeiten“ des deutschen Fußballs, ein mächtiges Gremium, sprach sich für Hansi Pfügler aus. So erfuhr es Günter Hermann später von Rudi Völler, dem ehemaligen Bremer Kollegen. Völler war Mitglied dieses Gremiums, „das von den Bayern dominiert wurde. Die drei anderen Räte waren aus München und votierten für den Mannschaftskollegen Pflügler.“

Meisterschafft 1988: „Der schönste Moment in meiner Karriere“

Pech gehabt, doch Hermann grämt sich nicht. Für ihn ist die WM-Teilnahme „das Größte überhaupt“. Er sei froh gewesen, überhaupt nominiert worden zu sein. „Ich musste lange bangen, weil ich mich im Vorfeld schwer verletzt hatte. Ein Muskelabriss, der alles infrage stellte.“ Hermann wurde rechtzeitig fit und profitierte vom Pech eines anderen, wie der zweifache Nationalspieler zugibt: „Holger Fach fiel kurz vor dem Turnier aus, so rutschte ich rein.“

Den Ehrentitel Weltmeister hat Hermann nicht auf seine Visitenkarte drucken lassen. „Eine schöne Sache“ sei dieser Sommer ‘90 gewesen, wertet der Inhaber eines Sportartikelgeschäftes heute. „Doch keineswegs mein größter Titel.“ Der Bremer klärt auf: Dies sei die Deutsche Meisterschaft mit Werder 1988 gewesen. Nach vielen Anläufen und nach einer Saison, in der die Norddeutschen nicht gerade als Favorit galten. „Antreten zum Abtakeln“, hatten die Spötter das Ende der Hochzeit in Bremen mit Otto Rehhagel vermutet. „Der Titel kam somit sehr unverhofft. Daher ist es für mich der schönste Moment in meiner Karriere.“

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