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Für Horst-Dieter Höttges (Mitte) war das WM-Finale 1966 gegen England „ein wahrer Alptraum“.

Sechster Teil: Werder-Momente bei der WM

Höttges’ Trauma heißt auch heute noch Hurst

Achim - Von Hans-Günter Klemm. Wenn er einen Namen hört, gerät er ins Grübeln: Geoff Hurst. Der dreifache Torschütze bei Englands WM-Sieg 1966 in Wembley spielt in seiner Lebensgeschichte eine tragende Rolle, die ihn immer wieder zum Nachdenken treibt.

„Es war fast schon mein Trauma“, gesteht Horst-Dieter Höttges, der als einziger aus der Werder-Familie bislang an drei Weltturnieren teilnehmen durfte. Seine persönliche WM-Geschichte hat einen tragischen Beginn – doch am Schluss steht ein Happy End, in jeder Hinsicht.

Es begann 1966. Weltmeisterschaft im Mutterland des Fußballs. Höttges, ein rustikaler Vertreter seiner Zunft, stand im Aufgebot, war unumstrittener Stammspieler der deutschen Nationalelf, die es ins Finale schaffte: Endspiel gegen den Gastgeber. In Wembley, auf dem heiligen Rasen, wie das grüne Viereck in der britischen Hauptstadt London noch heute geadelt wird.

Der Bremer, der von sich sagt, dass er „kein überragender Fußballer“ gewesen sei, gehörte zur Anfangsformation. Sein Gegenspieler: Geoff Hurst. Dieser wirbelte, dieser zauberte und dieser traf. Gleich drei Mal, sodass Hurst zum Matchwinner avancierte. Für ihn eine Partie wie aus dem Bilderbuch, für Höttges das genaue Gegenteil. Heutiges Geständnis: „Ein wahrer Alptraum.“

Wembley-Tor? Höttges: „Es war kein Tor! Schluss, aus, Punkt!“

Ein Spiel, das die in Achim lebende Werder-Legende, die seit geraumer Zeit an gesundheitlichen Problemen leidet, nie vergessen hat. Aber auch ein Spiel, das er eigentlich nicht hätte bestreiten sollen, wie er berichtet. Höttges war angeschlagen. Das Sprunggelenk schmerzte. Sein Einsatz war in Gefahr. Helmut Schön, der mitunter wankelmütige Bundestrainer, überlegte und zögerte.

Sein Assistent Dettmar Cramer, einflussreich und bestimmend, mehr als ein Helfer im Hintergrund, übernahm das Kommando, nicht nur in dieser Hinsicht. „Dettmar Cramer hat mich gedrängt, doch aufzulaufen“, sagt Höttges über die Überredungskünste des Strategen und Theoretikers, der als „Napoleon“ in die deutsche Fußballgeschichte eingegangen ist. Heute weiß Höttges: „Ich hätte besser nicht spielen sollen.“ Das Ende ist bekannt: England triumphiert, dank Hurst, auch Schütze des sogenannten „Wembley-Tores“. Wenn er diesen Begriff hört, wird Höttges beinahe zornig. „Welches Tor!? Es war kein Tor! Schluss, aus, Punkt!“

Bittere Stunde: Im WM-Finale 1966 verliert Deutschland um den Bremer Horst-Dieter Höttges (links) mit 2:4 nach Verlängerung gegen Gastgeber England.

Doch seine Geschichte ist noch nicht zu Ende. Höttges erhielt Genugtuung, sechs Jahre später. Europameisterschaft 1972. Deutschland holt den Titel. Franz Beckenbauer in seiner Blütezeit. Ramba-Zamba mit Overath und Netzer, Gerd Müllers Tore. Die deutsche Elf spielt schönen, spektakulären Fußball. Alle sprechen von der „Jahrhundert-Elf“. Höttges, Mitglied dieser Traum-Formation, huldigt: „Das war der beste Fußball aller Zeiten.“

Alles Könner, alles Virtuosen, die meisten Offensivstars – und mittendrin der „Eisenfuß“ von der Weser. An der Seite eines gewissen „Katsche“ Schwarzenbeck bildete Höttges die Abteilung Zerstörer. „Wir waren die Kämpfer und Abräumer, die einschreiten mussten, wenn unsere Zauberer den Ball mal vertändelt hatten.“ Höttges verstand sein Handwerk, machte es vorzüglich, wie meistens.

Die Revanche: Höttges beherrscht Hurst bei der EM 1972

Vor allem im Viertelfinale, in einem EM-Turnier, das bis zu diesem Zeitpunkt im K.o.-Modus ausgetragen wurde: Revanche für 1966, 3:1-Sieg gegen England in Wembley – der erste deutsche Erfolg auf englischen Boden. Auch dank Höttges, der Geoff Hurst, die Legende, beherrschte. „Ich habe ihn bekämpft“, so der Werder-Star, „das Duell habe ich klar gewonnen. Sir Alf Ramsey nahm ihn nach einer Stunde vom Platz. Eine Demütigung für den Weltmeister.“

Höttges hatte seinen Seelenfrieden gefunden. Und er wurde vom Fußballgott weiter beschenkt. Europameister 1972, der erste Titel mit der Nationalmannschaft nach WM-Platz zwei 1966 und drei 1970 in Mexiko. Doch das Beste sollte noch folgen. Bei der WM 1974 stand Höttges im Kader der Siegerelf. Berti Vogts, ein Terrier wie er selbst, hatte ihn aus der Stammelf verdrängt. Nur einmal lief der Reservist auf den Platz, ausgerechnet bei der historischen 0:1-Pleite gegen die DDR. Also, fühlen Sie sich als Weltmeister, Herr Höttges? „Sicher, ich bin Weltmeister. Warum nicht? Ich gehörte dazu, ich stand im Aufgebot.“

Die Werder-WM-Serie

Teil 1: Karl-Heinz Riedle und die kuriose Premiere vom Punkt

Teil 2: Marco Bode - Kamerun, Karriereende, verpasste Krönung

Teil 3: Ivan Klasnics einzige Beute: ein abgequatschtes Ronaldinho-Trikot

Teil 4: Günter Hermann - kein Weltmeister zweiter Klasse

Teil 5:  Uwe Reinders‘ verhängnisvolle Rutschpartie in Badelatschen

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