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Bei der WM 1982 bestritt Uwe Reinders drei Spiele, dann verletzte er sich beim Tischtennisspielen schwer.

Fünfter Teil: Werder-Momente bei der WM

Reinders‘ verhängnisvolle Rutschpartie in Badelatschen

Von Hans-Günter Klemm. Zwiespältige Gefühle überkommen ihn, wenn er an seine Zeit in der Nationalelf zurückdenkt. So zwiespältig, wie die allgemeine Wertung des Ereignisses ausfällt, das mit seiner Epoche in der Elite-Elf zusammenfällt.

Die Weltmeisterschaft 1982 ist in die DFB-Geschichte eingegangen als ein erfolgreiches Turnier mit vielen negativen Begleitumständen. So fällt auch die persönliche Nachbetrachtung von Uwe Reinders aus, der im Kader des Vize-Weltmeisters in Spanien stand. „Ich bin spät auf den WM-Zug aufgesprungen. Insofern darf ich meine Berufung als ein Geschenk betrachten. Doch dann habe ich mir eine dösige Verletzung zugezogen, die vieles relativiert. Und einige Dinge sind nicht gerade positiv gelaufen mit der Mannschaft.“

Aber der Reihe nach. Kurios ist die tragische Geschichte des Bremer Torjägers. Reinders spielte in der Vorrunde gegen Chile, dann in der zweiten Runde gegen England und Spanien, drei seiner insgesamt nur vier Länderspiele. Reinders, entweder ein- oder ausgewechselt, überzeugte, jedenfalls den Nationaltrainer. Jupp Derwall stellte ihm, der im Duell mit dem Wirbelwind Pierre Littbarski die Nase vorn zu haben schien, eine Nominierung für die Startelf im Halbfinale gegen Frankreich in Aussicht. Dann passierte es.

Reinders will den Tischtennis-Ball holen - und verletzt sich schwer

Reinders vertrieb sich die Langeweile im Quartier beim Tischtennis, gemeinsam mit Lothar Matthäus und Winfried Hannes. Lockerer Freizeitspaß in Badelatschen. Die Platte stand geschützt unter einem Dach. Es regnete. Der Ball flog ins Freie. Reinders hinterher. Ein unglücklicher Moment. Reinders rutschte weg: Innenband im Knie verletzt. Dramatisches WM-Aus für den Überflieger von der Weser. „So eine blöde Aktion. Mein Traum war geplatzt“, ärgert sich der gebürtige Essener noch heute über die Rutschpartie, die ihn möglicherweise eine Fortsetzung seiner Länderspiel-Karriere gekostet hat.

Sechs Monate fiel er aus, die komplette Vorrunde der nächsten Spielzeit. „Ich lag allein zehn Wochen im Krankenhaus, heute werfen sie dich nach einer solchen Operation schon nach drei Tagen raus.“ Reinders blieb trotz der schweren Verletzung beim Team. „Ich hatte nie den Gedanken, nach Hause zu fahren. So etwas tut man nicht, erst recht nicht bei einer Weltmeisterschaft“, sagt der Mann, der als Stimmungskanone gilt und auch mit angeknackstem Bein im Camp für gutes Klima sorgte.

Uwe Reinders bejubelt sein einziges Länderspiel-Tor: bei der WM 1982 gegen Chile.

Sein Rückblick auf den viel kritisierten Auftritt der deutschen Mannschaft, die einige Angriffsflächen bot: „Es lief nicht alles rund. Das Trainingslager, die Geschichte mit Battiston und das Österreich-Spiel. Wir bekamen einiges um die Ohren.“

Reinders über die Vorbereitung in Schluchsee im Schwarzwald, unter dem Stichwort „Schlucksee“ abgespeichert, weil es mitunter feucht-fröhlich hergegangen ist: „Ein lockeres Trainingslager, weil der Trainer es so wollte. Jupp Derwall agierte mit langer Leine. Und wenn gut 30 Männer über eine Woche zusammenhocken, dann wird schon mal ein Bier getrunken und dann will jeder schon mal raus.“

Reinders über den Zusammenprall von Toni Schumacher mit dem Franzosen Patrick Battiston im Halbfinale von Sevilla: „Unglücklich gelaufen. Es wurde thematisiert. Ein weiterer Vorfall nach dem Spiel gegen Österreich, der angesprochen und verurteilt wurde in den Medien und der Öffentlichkeit.“

„Gott sei dank“ verpasst Reinders die „Schande von Gijon“

Doch negativer Höhepunkt, der eigentliche Skandal, war das letzte Gruppenspiel in Gijon gegen Österreich, als „Nichtangriffspakt“ in die Geschichte eingegangen. „Gott sei dank“, so Reinders, „habe ich nicht auf dem Platz gestanden.“ Er saß auf der Tribüne im Estadion Municipale El Molinon am besagten 25. Juni, der als „Schwarzer Freitag“ in die WM-Historie eingegangen ist, ein rabenschwarzes Kapitel auch in der Erfolgsgeschichte des DFB. Algerien, der Rivale, hatte zuvor Chile geschlagen.

Die Konstellation: Deutschland musste siegen, Österreich konnte sich eine knappe Niederlage erlauben. So wären beide für die nächste Runde qualifiziert. Und so kam es zur „Schande von Gijon“, dem knappen 1:0-Erfolg der Deutschen, gekennzeichnet durch lustloses Ballgeschiebe. „Wir haben gewonnen, aber viele Fans denken heute noch, die Partie sei torlos zu Ende gegangen.“

Reinders‘ sanfte Belehrung für Martina Rummenigge

Horst Hrubesch gelang früh das Goldene Tor. Danach stellten beide Seiten das Spielen ein. Reinders schwört, dass es nicht, wie überall vermutet, eine handfeste Absprache gegeben habe. Alles habe zwar „sehr komisch“ gewirkt, „doch es war nichts geplant. Beide Mannschaften haben sich vor Angst in die Hose geschissen. Keine wollte ein Tor kassieren.“ Auf der Ehrentribüne verfolgte der in Achim lebende Ex-Stürmer, der sich nach zwei Herzoperationen im letzten November einem Eingriff an der Hüfte unterziehen musste, dieses gar nicht so muntere Treiben.

An seiner Seite Martina Rummenigge, die Ehefrau des Bayern-Stars. Als die spanischen Fans weiße Taschentücher schwenkten, kommentierte Fußball-Fachfrau Rummenigge: „Du Uwe, so gut ist das Spiel nun doch nicht.“ Reinders lacht sich noch heute ins Fäustchen, weil er die unbedarfte Spielerfrau sanft belehren musste: „Du Martina, das ist ein Zeichen dafür, dass die Zuschauer sich beschweren und einen Betrug wittern.“

Die Werder-WM-Serie

Teil 1: Karl-Heinz Riedle und die kuriose Premiere vom Punkt

Teil 2: Marco Bode - Kamerun, Karriereende, verpasste Krönung

Teil 3: Ivan Klasnics einzige Beute: ein abgequatschtes Ronaldinho-Trikot

Teil 4: Günter Hermann - kein Weltmeister zweiter Klasse

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