Der neue Wrestler Tim Wiese erwies sich bei WWE in München als Publikumsliebling.
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Der neue Wrestler Tim Wiese erwies sich bei WWE in München als Publikumsliebling.

Die Reizfigur erweist sich als Publikumsliebling

WWE - Wieses neue Champions League

München - Von Günter Klein. Nach dem sportlichen Abstieg erlebt Ex-Torwart Tim Wiese ein großes Comeback. Sein Wrestling-Debüt für WWE in München war für ihn wie Champions League.

Jedes Detail zählt. Zum Beispiel das mit dem Goldkettchen. So hat man Tim Wiese in seiner Zeit als Fußballtorwart wahrgenommen: immer eine Spur zu grell, zu prollig. Gegelt, geschmückt. Das Trikot lieber rosa als sachlich. Der ganze Kerl eine Provokation. Nun ist er in seiner neuen Bestimmung als Wrestler in den Ring gestiegen, zu seinem ersten Kampf, einem Drei gegen Drei.

Wieder ist er anders als all die anderen. Die tragen Phantasiekostüme oder sind halbnackt, Tim Wiese kommt als Normalo. Turnschuhe, Jeans, weißes Unterhemd, hinten drauf sein Kampfname „The Machine“. Und während sich seine beiden Mitstreiter mit Namen Sheamus und Cesaro sowie die drei Gegner bereit machen, muss Tim Wiese noch eben sein berühmtes Goldkettchen ablegen. Der Wrestler Wiese spielt auf den Fußballer Wiese an. Dann kann es losgehen.

Der Abend der World Wrestling Entertainment (WWE) war ganz auf den Debütanten Wiese ausgerichtet; sofort hat er den Rang „WWE Superstar“ zugewiesen bekommen. Und er liefert. Das Publikum will ihn ein bisschen leiden, aber vor allem austeilen sehen. Und Wiese siegt im Verbund mit Sheamus und Cesaro. Ihm bleibt es vorbehalten, den „finishing move“ zu setzen.

Fußballersätze in einer neuen Welt

Sieg oder Niederlage, das waren die Kategorien im bisherigen sportlichen Leben von Tim Wiese. Und vordergründig sind sie es geblieben. Als er am Donnerstag in die Münchner Olympiahalle kommt, sagt er: „Es geht darum, die Sache schnell zu beenden. Ich hoffe, dass wir als Team funktionieren.“ Als er nach getaner Arbeit geht, meint er: „Klarer Sieg von uns, von Niederlage war sowieso nicht die Rede. Kompliment an das Team, Sheamus hat sich super eingefügt.“

Letzte Fußballersätze in einer neuen Welt, in der sich der Ausgang eines Wettbewerbs nicht auf der Bühne entscheidet, sondern in einem Drehbuch, das professionelle Autoren verfassen – es ist kein Geheimnis, dass der Betrieb WWE so funktioniert. Mit klarer Rollenzuteilung: Sympathieträger, Schurken, auch weibliche, Clowns (im ersten Match des Abends spielte einer der Kämpfer nebenbei Posaune) und Helden.

Ein "Big Splash" zum Sieg: So lief das WWE-Debüt von Tim Wiese

Tim Wiese trat für die WWE in München auf.
Die "Wiese, Wiese"-Sprechchöre schallten schon durch die Halle, da stand Wiese noch lange nicht im Ring. Als er dann tatsächlich hinter dem Vorhang hervortrat, rastete das Publikum förmlich aus. © nordphoto
Tim Wiese trat für die WWE in München auf.
"The Machine" ließ sich bei seinem Einzug bejubeln - auch von Team-Partner Cesaro. Der Schweizer ist ein absoluter WWE-Star. © nordphoto
Tim Wiese trat für die WWE in München auf.
Wiese glaubte, er würde der Böse sein? Falsch gelegen! Er war absoluter Publikumsliebling. © nordphoto
Tim Wiese trat für die WWE in München auf.
Heiß auf den Matchbeginn: Team-Partner Cesaro und Sheamus hielten Wiese nach Provokationen ihrer Gegner noch zurück. © nordphoto
Tim Wiese trat für die WWE in München auf.
Wiese beschränkte sich in seinem ersten Match auf die "Basics" - wie einen "Headlock". © nordphoto
Tim Wiese trat für die WWE in München auf.
Auch mit "Clotheslines" streckte er seine Gegner nieder. © nordphoto
Tim Wiese trat für die WWE in München auf.
Ein anderer Standardmove, von Wiese gegen Primo solide ausgeführt: ein "Hip Toss". © nordphoto
Tim Wiese trat für die WWE in München auf.
Von diesen Aktionen zeigte Wiese gleich mehrere und baute richtig Schwung im Match auf. © nordphoto
Tim Wiese trat für die WWE in München auf.
Manche Bewegungen wirkten noch etwas hölzern. Für einen Neuling sah das aber gar nicht so übel aus. © nordphoto
Wrestling in München
Fliegen kann der Ex-Torwart: Er gewann das Match nach einem "Big Splash". Mit dem Move hatte früher schon der Ultimate Warrior, einer von Wieses Jugendhelden, seine Matches gewonnen. © dpa
Tim Wiese trat für die WWE in München auf.
Der Moment des (erwarteten) Sieges. "The Machine" fuhr den Pin ein. © nordphoto
Tim Wiese trat für die WWE in München auf.
Große Erleichterung und Riesenfreude bei Wiese nach einem gelungenen Einstand. © nordphoto
Tim Wiese trat für die WWE in München auf.
Nach dem Match ließ sich der Ex-Bremer in München noch einmal mit Cesaro und Sheamus feiern. © nordphoto
Tim Wiese trat für die WWE in München auf.
Tim Wiese gehört zu den wenigen Deutschen, die für WWE im Ring standen. Folgen noch weitere Auftritte? © nordphoto
Tim Wiese trat für die WWE in München auf.
Insgesamt war es ein vernünftiger Einstand von Wiese. Den Fans in der Halle hat es jedenfalls gefallen. © nordphoto

Doch zur Rolle gehört auch, es weit von sich zu weisen, dass alles inszeniert sei. „Das denkst du“, schleudert Tim Wiese einem bei entsprechender Nachfrage entgegen. Er werde „volle Power in die Schläge legen“, dieser Sport sei „schon krass“. Und Show? Mein Gott, „gibt’s auch im Fußball, wenn einer sich auf dem Boden wälzt“. Andreas Gabalier, der Volks-Rock’n’Roller, Ehrengast in der Olympiahalle, kann als Wieses Kronzeuge herhalten. Er schaut Wrestling seit den 90er-Jahren, als er seine kurzen Lederhosen noch in Kindergrößen trug, und versichert: „Da geht’s richtig zur Sache.“

In gewisser Weise stimmt das auch. Die Schläge sind natürlich nur angedeutet, die körperliche Leistung der Wrestler definiert sich über die Akrobatik. Auf den Ringboden prallen (der aber stark federt), auch mal aus dem Ring fliegen, von den Seilen aus abspringen – alles, ohne dass man sich verletzt oder den Gegner. Die Kunst ist es, richtig zu fallen. Die Kämpfe sind choreographiert, die Abläufe muss man sich merken – und dahinter steckt Arbeit. Tim Wiese hat einiges von dem gezeigt, was die langjährigen Profis im Repertoire haben, und dafür hat ihm das Publikum Respekt bekundet.

Subkultur Wrestling: Das Darknet des Sports

Wrestling ist so etwas wie das Darknet des Sports, eine Art Subkultur, Zirkus für Eingeweihte, bei dem auch die Schiedsrichter Schauspieler sind, die wissen, was sie wann zu tun haben. Den Fans in der Halle ist bewusst, dass kein Match schnell zu Ende geht, sondern dass die Geschichte immer eine Wende bereit hält, eine Auferstehung desjenigen, der schon geschlagen scheint. Trotzdem spielen auch die Leute mit, sie bekunden Sym- und Antipathie, sie spielen Enttäuschung, auch wenn klar war, dass die fiese, feiste Charlotte gegen die nette, zierliche Sasha wieder gewinnen würde.

Für Wieses Auftritt gab es keine Verhaltensvorlage, denn es war ja der erste. Die Wrestling-Fans haben diese Geschichte selbst geschrieben: Sie nahmen ihn als Helden auf, die Sprechchöre in der Olympiahalle ähnelten denen im Fußballstadion: „Tim Wiese, oho, Tim Wiese, ohohoho“ oder ein gestampftes „Wie-se“, „Wie-se“. Diese Atmosphäre („Noch dichter als im Fußballstadion“) führte den Protagonisten zurück in seine gute Zeit, vor dem Wechsel von Bremen nach Hoffenheim, mit dem er zwar finanziell aussorgte, aber seine Identität als Sportler verlor. „Zu vergleichen mit den ganz großen Champions-League-Spielen im Ausland“, sagt er. Für Wiese ist, was er im Wrestling erlebt, ein Comeback mit 34. Noch ist offiziell nicht geregelt, wie es mit ihm weitergeht, doch in München hat er sich als Attraktion erwiesen, zumindest für den deutschen Markt, den die WWE im Februar wieder durchtouren wird.

Tim Wiese spricht über sich in der dritten Person, nur dass er jetzt ja auch einen Wrestlernamen hat: „Wenn ,The Machine’ gerufen wird, gibt’s Schläge. Ich bin heiß auf die nächsten Gegner. Aber bitte, bringt mir Männer, keine Kinder.“ Echt Wiese.

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