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Zlatko Junuzovic lässt das Weserstadion und den SV Werder hinter sich. Er sagt, dass sich „die Zeit in Bremen für mich sehr gelohnt hat.“

Kapitän über die Werder-Zeit und die Vorzüge von RB Salzburg

Junuzovic im Abschieds-Interview: „Ein Leben zwischen Genuss und Qual“

Zlatko Junuzovic spricht im großen Abschieds-Interview über sechseinhalb Jahre bei Werder Bremen, das Archiv seines Vaters und die Vorzüge von seinem neuen Club Red Bull Salzburg.

Nein, er gab es nicht her. Egal, wer wie oft fragte, das Trikot seines letzten Spiels für Werder Bremen rückte Zlatko Junuzovic nicht raus. Fest versprochen sei es, sagte er am Donnerstagabend in Ahlerstedt, wo er gegen einen Landesligisten seine Abschiedsvorstellung für Werder Bremen gegeben hatte. Letztes Spiel, letztes Tor, letztes Servus.

Junuzovic (30), der jetzt ehemalige Werder-Kapitän, spielt künftig für den österreichischen Serienmeister RB Salzburg. Vor seinem letzten Auftritt sprach der Mittelfeldspieler mit der DeichStube über das, was war, und das, was kommen wird.

Erst die Verabschiedung im Weserstadion vor dem Spiel gegen Bayer Leverkusen, dann das letzte Bundesliga-Spiel bei Mainz 05. Anschließend die Saisonabschlusstour mit der Mannschaft nach Mallorca. Jetzt auch noch die letzten Interviews, das letzte Freundschaftsspiel. Ganz schön viel Abschied.

Zlatko Junuzovic: Sie haben noch ein Essen mit allen Werder-Leuten, die mich durch die Jahre begleitet haben, vergessen. Ich hatte in der Woche vor dem Mainz-Spiel alle eingeladen – die Mannschaft, das Trainerteam, die Betreuer, aber auch den Zeugwart und die Putzfrauen. Es war ein schöner Abend, ganz gemütlich.

Und jetzt sind Sie schon im Salzburg-Modus?

Junuzovic: Ich denke manchmal: Wie wird es sein, was kommt auf mich zu? Aber ich gehe mit meiner Familie zurück nach Österreich, zurück nach Hause. Es beginnt ein komplett neuer Lebensabschnitt. Ich freue mich auf die neue Herausforderung – und das, was ich über die Lebensqualität in Salzburg gehört habe, klingt auch sehr positiv.

Werden Sie das Leben in Bremen vermissen?

Junuzovic: Was ich vermissen werde, ist der Alltag, den ich hier hatte, das geregelte Leben. Die Abläufe waren klar, das habe ich sehr genossen. Auch die Atmosphäre im und um den Club. Ich konnte gut mit den Leuten.

Als Sie 2012 aus Wien nach Bremen kamen, haben Sie ihr Heimatland verlassen. Ist das Gefühl jetzt ähnlich?

Junuzovic: Ja. Es ist wirklich nicht einfach zu gehen. Zum Glück habe ich meine Frau Katharina. Sie bekommt so etwas besser hin – auch organisatorisch. Sie kümmert sich um alles, verkauft gerade die Möbel, die wir nicht nach Salzburg mitnehmen wollen.

Nach seinem Last-Minute-Siegtor gegen Schalke 04 klopft Zlatko Junuzovic auf die Brust mit der Werder-Raute.

Eine Vitrine für Meisterschalen und Pokale wird nicht dabei sein. Sie haben mit Werder nie einen Titel gewonnen, sind auch kein Spieler aus der großen Bremer Zeit. Trotzdem genießen Sie ein hohes Ansehen bei den meisten Fans. Ist das mehr wert als eine Meisterschaft?

Junuzovic: Was ich auf jeden Fall habe, ist dieses unbeschreibliche Gefühl: Überall, auch auf Mallorca, sind die Leute zuletzt auf mich zugekommen und haben sich für die Zeit bedankt. Und ich spüre, dass sie es ehrlich mit mir meinen. Das ist großartig für mich. Ich weiß, dass andere Spieler hier viel mehr geholt haben als ich, aber mir geben diese positiven Reaktionen das Wissen, dass sich die Zeit in Bremen für mich sehr gelohnt hat.

Wie haben Sie Ihre Verabschiedung im Weserstadion erlebt?

Junuzovic: Im Stadion ging vieles für mich viel zu schnell. Aber mit meinem Sohn Clemens einzulaufen, war toll, genau so hatte ich mir das vorgestellt. Clemens hat sich auch total gefreut, wollte gar nicht mehr weg von mir. Ich wollte ihn vor der Verabschiedung durch die Geschäftsführung eigentlich zu meiner Frau geben, aber er wollte gar nicht. Da habe ich schnell improvisieren müssen und mir gedacht: Okay, dann nimmst du ihn halt mit. Ihm hat es extrem gefallen. Auch für mich waren es viele überragende Momente. Aber vieles habe ich erst realisiert, als ich die Bilder und Videos gesehen habe. Ich habe mich ein paar Tage später hingesetzt und mir alles nochmal angeschaut, das war schon geil. Die Erinnerung daran bleibt für die Ewigkeit.

Speichern und sammeln Sie so etwas?

Junuzovic: Mein Papa macht das für mich. Er hat über die Jahre alles aufgenommen und auf Festplatten gespeichert. Tore, Spiele, besondere Momente – das liegt alles bei ihm. Ich habe mir das schon mehrfach angeguckt, das ist schon cool. Da erlebst du alles noch einmal.

Welcher Moment ist der stärkste in Ihrer Erinnerung?

Junuzovic: Das Spiel gegen Frankfurt vor zwei Jahren, die Rettung am letzten Spieltag. Die ganze Saison war schwierig, und wenn du es dann doch schaffst, ist das eine unglaubliche Erleichterung und Befreiung. Die Szenarien vor dem Spiel waren ja schon der Wahnsinn. Direkter Abstieg, Relegation oder Rettung – alles war möglich. Es war ein Spiel zwischen Himmel und Hölle. In der 88. Minute, als das Tor für uns fiel, ist dann alles in mir explodiert. Das war der Himmel.

Die Hölle mussten Sie nicht erleben, ein Abstieg ist Ihnen erspart geblieben. Trotzdem waren es schwierige Jahre mit Werder. Wie viel Qual war für Sie dabei?

Junuzovic: Es war ein Leben zwischen Qual und Genuss. Die Hinrunden waren die Qual, wenn wir plötzlich schon wieder acht, neun Punkte Rückstand hatten auf Teams, mit denen wir uns auf Augenhöhe wähnten. Die Rückrunden waren dann der Genuss, weil wir konstant gepunktet haben.

Bei RB Salzburg wird es ziemlich sicher ein Leben an der Spitze für Sie werden. Der Club ist fünfmal in Folge Meister geworden in Österreich, ein Ende der Serie ist nicht in Sicht. Hand aufs Herz: Wie sehr hat die Garantie auf Titel und internationale Spiele Sie in Ihrer Entscheidung beeinflusst?

Junuzovic: Natürlich will ich Titel gewinnen und international spielen, das ist ja eh klar. Aber das allein ist es auch nicht. Ich mag diesen Salzburger Weg, stehe voll hinter der Philosophie des Vereins. Bei RB Salzburg sollen gute junge Spieler ausgebildet und entwickelt werden. Ich soll dabei auf und neben dem Platz helfen. Ich sehe das als Motivation und Herausforderung für mich.

Haben Sie das Versprechen, auf Ihrer Lieblingsposition im zentralen Mittelfeld spielen zu dürfen? Bei Werder ging das nicht mehr.

Junuzovic: Wie meine Position auf dem Platz sein wird, ist offen. Alles ist möglich, ich kann ja viele Positionen spielen. Aber natürlich liegt mein Fokus auf dem Zentrum.

Es kursieren Zahlen, wonach Sie in Salzburg 2,5 Millionen Euro pro Saison verdienen sollen.

Junuzovic: Kompletter Blödsinn. Ich rede ja nie über Vertragsinhalte, weil das nur meine Sache ist. Aber mich stört es, wenn gewisse Sachen geschrieben werden, die unrealistisch sind und nicht mal annähernd stimmen.

Viele Fans haben ein Problem, mit den Red-Bull-Fußball-Projekten in Salzburg und in Leipzig. Wie stehen Sie dazu?

Junuzovic: Ich habe damit kein Problem. Ich sehe nur die Arbeit, die dahintersteckt: Wie wird investiert, wie wird etwas entwickelt, was tut der Club für den Fußball? Das steht für mich an erster Stelle. Über alles andere kann man viel reden, da gehen die Meinungen in alle Richtungen. Ich habe mich auch deswegen für Salzburg entschieden, weil ich die Philosophie des Vereins gut finde. Der Club ist mittlerweile auch international erfolgreich, ist im Europa-League-Halbfinale nur knapp gescheitert. Das ist alles ein Ergebnis harter Arbeit. Die Youth League, die Jugend-Champions-League, hat Salzburg zum Beispiel gewonnen. Da kommen immer wieder Spieler nach. Die werden gefördert, die bekommen ihre Chance, sich weiterzuentwickeln. Da ist ein Konzept dahinter. Ich mag das.

Gibt es eine Vereinbarung mit RB Salzburg, was eine mögliche Tätigkeit im Verein über Ihre aktive Karriere hinaus betrifft?

Junuzovic: Ich habe jetzt erstmal einen Vertrag als Spieler. Alles andere wird sich dann vielleicht später ergeben. Ich habe ja schon parallel zur aktiven Karriere eine Management-Ausbildung gemacht (Junuzovic schloss im April 2017 ein Studium an der ‚European Sportmanagement Academy’ ab, d. Red.). Ich schaue da also generell schon voraus.

Hatten Sie mit der Bekanntgabe Ihres neuen Vereins auch deshalb bis nach Saisonende gewartet, weil sie negative Reaktionen der Bremer Fans auf den Arbeitgeber Red Bull befürchtet hatten?

Junuzovic: Nein. Ich wollte einfach nicht, dass der neue Verein – egal, ob es Salzburg oder einer aus Amerika oder England gewesen wäre – in den Vordergrund tritt, solange ich noch bei Werder bin. Ich wollte für mich selber, dass meine Bremer Zeit im Fokus steht. Sonst nichts.

Und? Wie sind die Fan-Reaktionen letztlich ausgefallen?

Junuzovic: Wie das so üblich ist, waren die positiven und negativen gemischt. Aber das ist jetzt nicht mein Thema.

Zlatko Junuzovic stellt sich ein letztes Mal als Werder-Profi den Fragen der DeichStuben-Reporter Carsten Sander (l.) und Daniel Cottäus.

Sie eignen sich nicht nur als Spieler für den Salzburger Weg, sondern auch als authentische Werbefigur. Sie haben mal erzählt, dass Sie vor jedem Spiel eine Dose Red Bull trinken. Damit sind Sie für Werbekampagnen quasi prädestiniert.

Junuzovic (lacht): Ich mache das, seit ich 16 bin, und ich mache es immer noch. Es ist längst zum Ritual geworden. Aber ich glaube nicht, dass ich deshalb bald in Werbespots auftreten werde oder von Plakatwänden lächle.

Wäre für Sie auch ein Wechsel in die USA oder innerhalb der Bundesliga denkbar gewesen?

Junuzovic: Es gab viele Möglichkeiten. Mein Berater war mit einigen Clubs im Austausch. Aber RB Salzburg hat sich schnell als mein Favorit herauskristallisiert. Und innerhalb der Bundesliga hätte ich sowieso nichts machen wollen. Das hat nie Priorität gehabt.

Werder-Trainer Florian Kohfeldt hat Sie als seinen Freund bezeichnet. Ist diese Freundschaft belastet worden, weil er Sie zuletzt in Auswärtsspielen immer auf die Bank gesetzt hat?

Junuzovic: Nein, das gehört dazu. Für mich war das okay. Ich kann damit umgehen, nehme das professionell.

Hält die Freundschaft auch Ihren Wechsel aus?

Junuzovic: Ich denke schon. Wir werden schon noch in Kontakt bleiben.

Was kann Florian Kohfeldt mit Werder in Zukunft erreichen?

Junuzovic: Florian hat tolle Ideen, super Ansätze. Und er kann der Mannschaft vermitteln, was er sich vorstellt. Ich glaube, dass seine Arbeit in der kommenden Saison Früchte tragen wird. Struktur und Plan sind einfach gut. Ich hoffe, dass die Mannschaft vom Start weg weniger Probleme haben wird.

Vielleicht treffen Sie und Kohfeldt sich ja nochmal in der Europa League wieder.

Junuzovic: Ich würde es mir wünschen. Aber besser noch in der Champions League (lacht).

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Zlatko Junuzovic: Seine Karriere in Bildern

Fotostrecke: Junuzovic-Abschied und Remis gegen Leverkusen

Werder Bremen gegen Bayer Leverkusen.
Werder Bremen gegen Bayer Leverkusen. © gumzmedia
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