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Auch in Berlin spielt Werder-Coach Nouri nicht auf Risiko.

Taktikanalyse: Hertha BSC gegen Werder Bremen

Nouri punktet im Trainerduell mit Dardai

Werder war beim Spiel gegen Hertha BSC taktisch bestens vorbereitet – die Berliner aber auch. Heraus kam eine zähe Defensivschlacht auf taktisch hohem Niveau.

Der Volksmund weiß: Eine gute Vorbereitung ist die halbe Miete. Das gilt natürlich auch für die Bundesliga. Zig Scouts und Analysten arbeiten mittlerweile bei den Bundesliga-Klubs, um die Taktik des kommenden Gegners zu studieren. In Bremen haben die Analysten unter der Woche gute Arbeit geleistet – leider aber auch in Berlin. Dadurch dass beide Teams taktisch perfekt eingestellt waren auf den Gegner, entwickelte sich beim 1:1 eine eher zähe Partie.

Auf dem Papier schickten beide Trainer ihre Mannschaften im bewährten System auf das Feld. Pal Dardai stellte seine Berliner in einem 4-2-3-1 auf. Werders Coach Alexander Nouri hielt am 5-3-2-System fest, das auch gegen Bayern und Hoffenheim zum Einsatz kam. Einzig Florian Kainz rutschte neu in die Startelf.

Bremen neutralisiert Hertha...

Unter der Fassade hatten beide Trainer ihren Spielern aber einige Kniffe an die Hand gegeben, um den Gegner matt zu setzen. Werder agierte im Mittelfeld äußerst mannorientiert. Kainz, Thomas Delaney und Maximilian Eggestein verfolgten ihre Gegenspieler eng, selbst wenn diese sich fallen ließen. Das ist gegen Berlin sehr wichtig: Deren Mittelfeld-Trio fällt immer wieder abwechselnd zurück, um den Ball tief aufzunehmen. Bremen unterband diese Pässe ins Mittelfeld.

Wenn Herthas Mittelfeld-Trio doch einmal den Ball zurück in die Abwehr legen konnte, reagierten Werders Stürmer. Max Kruse und Fin Bartels liefen sofort die Verteidiger an. Bremen schaltete in diesen Momenten auf ein hohes Pressing um. Auch das ist wichtig, weil Herthas Verteidiger oftmals direkt nach diesen Ablagen den Pass in die Tiefe suchen. Werder verhinderte dies.

… und Hertha neutralisiert Bremen

Doch auch Dardai hatte seine Mannschaft gut eingestellt. Um gegen Bremens Dreierkette eine Gleichzahl herzustellen, beorderte er die beiden Außenstürmer nach vorne. Vladimir Darida deckte dahinter Maximilian Eggestein, Berlin presste im 4-2-1-3. Somit stellte auch Hertha auf dem ganzen Feld Mannorientierungen her.

Einzig auf den Flügeln bestand für Werder die theoretische Chance, Berlins Pressing zu umspielen. Doch Gebre Selassie und Ludwig Augustinsson standen entweder zu hoch oder zu tief, waren somit selten passend anspielbar. Herthas Außenverteidiger nahmen sie aus dem Spiel. Hier liegt im Aufbau noch eine Schwachstelle.

Zähes Spiel mit wenigen Chancen

Durch die zahllosen Mannorientierungen auf beiden Seiten entstanden überall auf dem Feld direkte Duelle. Es entstand ein kampfbetontes, taktisch geprägtes Spiel, bei dem beide Teams wenig Raumgewinn erzielen konnten. Die Innenverteidiger streuten auf beiden Seiten keine genialen Pässe ein, die Offensivspieler gewannen zu selten direkte Eins-gegen-Eins-Duelle.

Beide Teams deckten sich gegenseitig aus dem Spiel.

Am vielversprechendsten waren auf beiden Seiten Ballgewinne im Pressing. Beide Teams waren defensiv gut sortiert und übten mit ihren Mannorientierungen hohen Druck aus. Es waren die Herthaner, die den entscheidenden Ballgewinn erzielten und in der 38. Minute die Führung erzwangen.

Kleine Änderung, große Wirkungen

In der Halbzeit passte Nouri seine Mannschaft nur in Details an. Kainz und Delaney tauschten im Mittelfeld die Seiten, Augustinsson agierte etwas tiefer. Diese Details hatten jedoch eine große Wirkung: Bremen hatte nun eine klarere Aufteilung im Spielaufbau. Die meisten Angriffe erfolgten über die linke Seite, wo der ausweichende Kruse, Augustinsson und Kainz das Zusammenspiel suchten.

In Szene gesetzt wurden sie meistens von der halbrechten Seite. Hertha hatte mit diesen Seitenverlagerungen große Probleme, auch weil sie das defensive Tempo der ersten 45 Minuten nicht halten konnten. Nach einer Flanke von links erzielte Bremen den Ausgleich, Augustinsson leitete weitere gute Möglichkeiten ein. Bremen war nach der Pause offensiv deutlich schlagkräftiger als vor der Pause.

Fazit: Es geht vorwärts

In der Schlussphase wechselte Nouri eher konservativ. Philipp Bargfrede sicherte im zentralen Mittelfeld ab. Die weiteren Einwechslungen von Neuzugang Ishak Belfodil und Jerome Gondorf dienten eher dazu, Zeit von der Uhr zu nehmen. Nouri schien eher das Ergebnis halten als ausbauen zu wollen. Angesichts der guten zweiten Halbzeit hätte er sich durchaus mehr trauen können.

Insgesamt bestätigt Bremen aus taktischer Sicht die Eindrücke der ersten beiden Spieltage. Die Defensive ist aktuell die große Stärke des Teams. Bei Kontern konnte Bremen erneut die hohe Geschwindigkeit ausspielen. Im Spielaufbau hapert es noch immer. Dies lag nicht zuletzt an Dardais gutem Defensivplan. Doch Nouri bewies, dass er mit seinem Kollegen aus Berlin mehr als mithalten kann.

Tobias Escher

Zur Person: Tobias Escher ist ein freier Journalist, der sich als Taktikexperte bundesweit einen Namen gemacht hat. Er ist Autor der Website spielverlagerung.de sowie Experte bei Bohndesliga, einem ganz besonderen Fußball-Format im Internet. Der 29-Jährige schreibt für die „Welt“ und „11Freunde“ und war als Taktikexperte auch für TV-Sender wie Sky und ZDF tätig - mal im Vorder-, mal im Hintergrund. Absolut zu empfehlen sind seine Bücher „Vom Libero zur Doppelsechs“ und „Die Zeit der Strategen: Wie Guardiola, Löw, Mourinho und Co. den Fußball neu denken“ (erscheint im März 2018). Tobias Escher wird in dieser Saison alle Pflichtspiele des SV Werder Bremen exklusiv für die DeichStube analysieren.

Einzelkritik: Sane sicher, Kruse glücklos

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