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Rückschlag im Kampf um Europa: Werder verlor das Spiel in Köln vor allem wegen der ersten halben Stunde.

Taktik-Analyse

Kölns Pressing entscheidet das Sechs-Punkte-Spiel

Köln - Von Cedric Voigt. Irgendwann musste es ja passieren: Die großartige Werder-Serie von elf Spielen ohne Niederlage ist gerissen. Die Taktik-Analyse bringt Ordnung in ein wildes Spiel.

In Köln gab es aus Bremer Sicht ein ärgerliches, aber verdientes 3:4 - aus neutraler Sicht ein Fußballfest, das nicht nur von seinen Fehlern lebte, sondern zwei mutige und fähige Teams aufeinandertreffen sah. Peter Stögers Kölner überzeugten besonders in den ersten 30 Minuten mit klugen Anpassungen an die Bremer Spielweise.

Werder formierte sich erneut im 3-1-4-2, das in den letzten Wochen so viele Gegner vor Probleme stellen konnte. Dabei nahm Alexander Nouri zwei Veränderungen vor: Einerseits rutschte Maxi Eggestein aus der Startelf, um Platz für Thomas Delaney zu machen, der nach überstandener Verletzung sein Comeback von Beginn an geben durfte. Als starker Kopfballspieler sollte Delaney vermutlich eine Absicherung gegen die langen Bälle der Kölner in die Sturmspitze darstellen.

Gebre Selassie für mehr Räume auf der linken Seite

Die zweite Änderung fand sich auf den Flügelpositionen: Robert Bauer und Theodor Gebre Selassie tauschten gegen die Kölner Außenverteidiger die Seiten. Sowohl Bauer als auch Gebre Selassie haben als athletische, spielerisch nicht immer überzeugende gelernte Rechtsverteidiger grundsätzlich ähnliche Stärken – der Tscheche füllte in den letzten Wochen allerdings eine etwas offensivere Rolle aus. Vermutlich versprach sich Alexander Nouri gegen den jungen Lukas Klünter auf Kölns rechter Abwehrseite mehr Räume für Gebre Selassie als gegen Dominique Heintz, der als gelernter Innenverteidiger auf links eine eher absichernde Rolle einnehmen sollte. Dafür spricht, dass Werder im Angriff die linke Seite bevorzugte und 48 Prozent aller Angriffe eher über Gebre Selassies Flügel statt über rechts oder durch das Zentrum spielte.

Gerade zu Beginn waren Chancen für Werder jedoch rar. Das lag vor allem am enormen Druck der Kölner, die in einer 4-3-3-Variante aufliefen und diese zu einem hohen Mittelfeldpressing mit klaren Zuordnungen und anfangs brutaler Intensität nutzten. Mit mannorientiertem Anlaufen der Bremer Dreierkette durch die drei Stürmer und konsequentem Nachrücken der eigenen Mittelfeldspieler, wenn sich Delaney oder einer der Bremer Achter als zusätzliche Anspielstation fallen ließen, konnten die Gastgeber Werder zu enorm direktem und häufig ungenauem Spiel zwingen.

Einzelkritik: Wiedwald bärenstark, Delaney ungewohnt schwach

Auch das Bremer Angriffsduo konnte zu Beginn nicht wirklich glänzen: Max Kruse und Fin Bartels bekamen mit Frederik Sörensen und Neven Subotic zwei starke Bewacher zugeteilt, die sowohl bei den oftmals forcierten hohen Anspielen klare Vorteile hatten als auch im Herausrücken auf die ausweichenden Bremer Offensivkräfte konsequenter waren.

So konnte selbst der zuletzt überragende Kruse ein ums andere Mal schon bei der Ballannahme entscheidend gestört oder mithilfe der entsprechend verschiebenden Jonas Hector und Milos Jojic oder Aufbausechser Matthias Lehmann isoliert werden. Werder fehlte es an Gedankenschnelligkeit und oftmals an der letzten Präzision, um sich beispielsweise mit schnellen Kombinationen, Verlagerungen im Mittelfeld oder Ablagen auf nachrückende Spieler effektiv zu befreien. So blieb es zu Beginn lediglich bei offensivem Stückwerk, während Peter Stögers Kölner in hoher Frequenz Nadelstiche setzen konnten.

Mix aus Kölner Druck, guter Anpassung und Bremer Fehlern

Anders als gegen die Hertha, gegen die es sich aufgrund der defensiven Personalsituation aber auch anbot, verzichtete Werder weitestgehend auf aggressivere Pressingmomente. Stattdessen spielte man ein herkömmliches Mittelfeldpressing, in dem vor allem Kruse das Anlaufen übernahm, während Nebenmann Bartels leicht rechtsversetzt eher darauf lauerte, einen unglücklichen Querpass abzufangen. Auf hohe Ballgewinne konnte man so eher nicht hoffen, zumal die Kölner auch kein allzu hohes Risiko bei ihren Offensivbemühungen gingen: Anthony Modeste, die zentrale Figur der Kölner Offensive, wurde entweder direkt mit Zuspielen durch das Zentrum gesucht, um hohe Bälle auf die nachstoßenden Bittencourt und Zoller weiterzuleiten oder sich mit geschicktem Körpereinsatz in Abschlussposition zu bringen.

Alternativ versuchten es die Kölner mit scharfen Hereingaben von den Flügeln, die Modeste oder einer der eingerückten Außenstürmer aufs Tor bringen sollte – besonders aus diesen Situationen ergaben sich früh einige gute Gelegenheiten für die Gastgeber. Sowohl der Ecke zum 1:0 durch Modeste als auch dem 2:0 durch Bittencourt ging ein Kölner Flügelangriff voraus – wenngleich der zweite Treffer nicht zuletzt durch ein missglücktes Zuspiel Delaneys im Mittelfeld begünstigt wurde, das die linke Bremer Defensivseite öffnete und den Kölner Platz für ihr geradliniges Umschaltspiel ließ. Es war also eine Mischung von eigenem Druck, guter Anpassung an den Gegner und Bremer Fehlern, die Köln früh auf die Siegerstraße brachte.

Werder überfiel Köln nach eigenem Abstoß in Sekundenschnell - Fin Bartels (r.) traf zum 1:2.

Die Bremer Moral blieb jedoch intakt – statt nun völlig auseinanderzubrechen, bemühte sich die Elf von Alexander Nouri, gegen nun eher verwaltende als auf die endgültige Entscheidung drängende Kölner weiter nach vorne zu spielen. Der Anschlusstreffer durch Fin Bartels war allerdings eher eine glückliche Fügung als spielerischer Verdienst: Nur gut zehn Sekunden nach einem Kölner Abstoß konnte sich der formstarke Bremer Angreifer nach gewonnenem Kopfballduell von Delaney und Junuzovics Weiterleitung mit einem starken Sprint von den Kölner Innenverteidigern absetzen und zwischenzeitlich verkürzen.

Auch der wenige Minuten später folgende Ausgleich durch den vom linken Flügel in den Strafraum eingerückten Gebre Selassie kam nur Sekunden nach einem ruhenden Ball: Diesmal genügte ein entsprechend verlängerter Einwurf von der rechten Seite, um dank herausragender Chancenverwertung ein in dieser Phase kurioses Spiel wieder auf Kurs Punkteteilung zu stellen. Fast hätte der erneut für eine Hereingabe in den Kölner Sechzehner eingerückte Bremer Linksverteidiger das Spiel sogar gedreht – der auf die vergebene Großchance folgende Abstoß der Kölner leitete kurz vor der Pause jedoch die erneute Führung der Gastgeber ein.

Bremer Mannschaft schob immer riskanter nach vorne

Zwei Kopfballverlängerungen und nur acht Sekunden später konnte Simon Zoller der schlecht sortierten Bremer Dreierkette enteilen und über Wiedwald hinweg zum 3:2 abschließen. Erst nach dem 4:2 direkt nach der Pause wurde dann wieder Fußball gespielt, statt von Torjubel zu Torjubel zu eilen – diesmal war eine schlecht platzierte Kopfballabwehr von Lamine Sane Modeste vor die Füße gefallen, der aus spitzem Winkel ins kurze Eck abschloss.

Alexander Nouri reagierte entsprechend mit einem frühen Wechsel: Der gelb-rot-gefährdete Delaney, der bis dato ein von Unkonzentriertheiten geprägtes Spiel gezeigt hatte, ging für Serge Gnabry vom Platz. Wenig später ersetzte Florian Kainz Robert Bauer. Für Werders 3-1-4-2 bedeutete das nun einerseits einen deutlich spielstärkeren und ballsichereren rechten Flügel, andererseits einen tiefer agierenderen Florian Grillitsch, der in der nun immer riskanter nach vorne schiebenden Bremer Mannschaft Delaneys Aufgaben im Aufbau übernahm und eine starke zweite Hälfte als intelligenter Ballverteiler spielte.

Enttäuschte Bremer nach verrücktem Torfestival

Gnabry sortierte sich derweil als offensiver Freigeist in die variable Bremer Offensive ein – nominell ein Achter neben Junuzovic, in der Praxis aufgrund vieler Rochaden der Bremer Offensivleute kaum auf eine konkrete Position festzulegen. Werder zeigte nun deutlich mehr Präsenz in der Kölner Hälfte als noch in Durchgang eins, als man oftmals eher zögerlich nachrückte. Köln zog sich zum Verwalten der Führung weiter zurück, die aggressiv pressende Dreierreihe des 4-3-3 löste sich phasenweise zu einem abwartenderen 4-1-4-1/4-5-1 mit tieferen Außenstürmern auf, während Modeste in vorderster Front weiter fleißig zu stören versuchte. Mit Marco Höger für Jojic und Konstantin Rausch für Bittencourt wechselte Peter Stöger positionsbezogen die defensiveren Varianten seines Kaders ein.

Wie die erste halbe Stunde dem Kölner Pressingstil und den starken Flügelangriffen gehört hatte, stand die letzte halbe Stunde der Partie im Zeichen eines geduldigen Bremer Ballbesitzfußballs, der die gesamte Spielfeldbreite ausnutzte, durch viele ausweichende Bewegungen Unruhe in die Kölner Mannorientierungen bringen wollte und durch einzelne Dribblings von Serge Gnabry sowie vereinzelte Hereingaben immer wieder kleinere Torchancen erspielen konnte. Direkt zu Beginn der Bremer Druckphase konnte Gnabry sogar ein starkes Zuspiel von Bartels in den Rücken der Kölner Abwehr zum erneuten Anschluss verwandeln – weitere Chancen blieben jedoch ungenutzt, während Felix Wiedwald die einzige größere Konterchance der Gastgeber stark parierte.

So könnte Werder von Köln für das Hoffenheim-Spiel lernen

Letzten Endes wäre der Ausgleich möglich, aber vielleicht nicht zwingend verdient gewesen – so dominant wie die Kölner in den ersten 30 Spielminuten war dieses Jahr noch keine Mannschaft gegen Werder aufgetreten, vielleicht mit Ausnahme der unglücklichen Wolfsburger. Im Kampf um die Qualifikation zur Europa League erleidet Werder so gleich zwei Rückschläge – einerseits die Niederlage gegen einen direkten Konkurrenten, andererseits die Gelbsperre gegen Niklas Moisander nach einem taktischen Foulspiel. Gegen Julian Nagelsmanns Hoffenheimer könnte sich Alexander Nouri dementsprechend vielleicht ein bisschen was von den Kölnern abgucken.

Ähnlich wie Werder agieren die Kraichgauer in einem 3-1-4-2. Ein 4-3-3-Pressing nach Vorbild der Stöger-Truppe könnte den Ausfall des dritten Innenverteidigers kaschieren und Platz für Serge Gnabry schaffen, der sich erneut für eine Startelf-Rückkehr empfehlen konnte, allerdings mit formstarker Konkurrenz zu kämpfen hat. Den Kopf in den Sand stecken dürfte Werder nach diesem Rückschlag allerdings in keinem Fall – denn mit dem Start einer neuen „Serie“ gegen Hoffenheim könnte man sich am letzten Spieltag in Dortmund wohl zumindest ein Endspiel im Fernduell um Platz 7 sichern.

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