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Werder-Trainer Alexander Nouri sah ein gutes Spiel seiner Mannschaft gegen Leverkusen.

Taktikanalyse

Paradoxes Unentschieden gegen Leverkusen: Alex im Wunderland

Leverkusen - Von Cedric Voigt. In einer kuriosen Partie zeigt Werder sich spielerisch und im Defensivverhalten zunächst deutlich verbessert, läuft dann aber lange einem Rückstand hinterher. Erst dank Grinsekatze Claudio Pizarro punktet Werder – auch für Alexander Nouris Idee einer Dreierkette. Die Taktikanalyse.

Werders Chefcoach ging kein geringes Risiko mit seiner Wahl der Startformation: Das 5-3-2/3-1-4-2 kam zuletzt bei der Niederlage gegen Augsburg von Beginn an zum Einsatz. Trotz ansehnlichem Fußball fehlte Werder in dieser auf ein dichtes Mittelfeld und einen ballsicheren Aufbau ausgelegten Ausrichtung bislang die Ergebnisse – diese kamen erst mit der Umstellung auf ein klassisches 4-4-2, trotz bisweilen deutlich verbesserungswürdiger Leistung.

Im Vergleich zur sehr wechselhaften Partie gegen Darmstadt nahm Alexander Nouri drei personelle Veränderungen vor: Die offensiven Flügelrollen wurden aufgrund des Spielsystems aufgelöst. Serge Gnabry konnte wegen Knieproblemen gar nicht mitwirken, Fin Bartels fand sich zunächst an der Seite von Max Kruse im Sturmzentrum wieder und verdrängte Claudio Pizarro auf die Bank, dem zuletzt Form und Laufstärke fehlten.

Im Mittelfeld wurden Florian Grillitsch und Maximilian Eggestein für ihre gute Leistung der Vorwoche belohnt. Gemeinsam mit Zlatko Junuzovic bildeten sie den zentralen Block, Eggestein etwas tiefer als abwartender Aufbauspieler, Grillitsch als rechter Achter. In der Innenverteidigung füllte Milos Veljkovic die Dreierkette auf.

Einzelkritik: Starker Eggestein patzt ganz böse

Felix Wiedwald
Felix Wiedwald: Früh im Spiel geschlagen, ohne etwas dafür zu können – der Abend begann ziemlich bitter für den Torhüter und endete stark, als er gegen Toprak im Elfmeterduell einen Punkt festhielt. Rettete generell mehrfach stark wie zum Beispiel bei den Abschlüssen von Wendell (31.) und Karim Bellarabi (49.), die er jeweils spektakulär zur Ecke klärte. Werder hat endlich wieder eine richtig starke Nummer eins. Note 1 © nordphoto
Milos Veljkovic
Milos Veljkovic: Bekam es als rechter Part der Dreierkette häufig mit Julian Brandt zu tun, gegen den er nicht immer gut aussah. Reagierte vor dem 0:1 zudem etwas zu zögerlich gegen Kevin Volland, der schneller zur Stelle war und dadurch unbedrängt einköpfen konnte. Note 3 © imago
Lamine Sane
Lamine Sane: Im Zentrum der Dreierkette gab er der Abwehr Halt. Stand oft richtig und ordnete seine Mitspieler. Zudem gewohnt kopfballstark, und auch am Boden sehr souverän. Er hatte großen Anteil daran, dass Leverkusen kaum zu Chancen kam. Note 2,5 © nordphoto
Niklas Moisander
Niklas Moisander: Der Finne spielte so, wie es nun einmal seine Art ist: unaufgeregt und sehr auf Sicherheit bedacht. Leistete sich keine größeren Fehler, hätte in der ein oder anderen Szene seine Gegenspieler jedoch früher und vor allem entschlossener attackieren können. Note 3 © nordphoto
Theodor Gebre Selassie
Theodor Gebre Selassie (bis 76.): Schlimm sein grober Fehler kurz vor dem 0:1, als er den Ball zentral vor dem eigenen Tor leichtfertig an den gebürtigen Bremer Julian Brandt verlor (7.). Überhaupt lief der Tscheche dem Leverkusener häufig nur hinterher. Vertändelte vorne in aussichtsreicher Position (22.) und flankte unbedrängt ins Nichts (52.) Unglücklich war sein Einsatz gegen Bayer-Torhüter Bernd Leno, den er unabsichtlich mit dem Fuß am Kopf traf (66.). Note 5 © nordphoto
Robert Bauer
Robert Bauer: Traute sich in der 17. Minute einen mutigen Abschluss zu und war auch sonst sehr darum bemüht, Werders Spiel über die linke Seite mit anzukurbeln. Bereitete das 1:1 vor. Ihm unterliefen aber auch einige Fehler. Aus seinem Ballverlust in der 49. Minute wäre beinahe das 2:0 für die Hausherren entstanden. Note 3 © nordphoto
Florian Grillitsch
Florian Grillitsch (bis 67.): Übernahm in der Doppel-Sechs den offensiveren Part. Passte den Ball oft direkt und brachte dadurch Tempo ins Bremer Spiel. Sicherte auch hinten mit ab und half mit seinen Querpässen, das Spiel zu ordnen. Note 3 © nordphoto
Maximilian Eggestein
Maximilian Eggestein: Fiel durch seinen großen Einsatz auf und war sich als Abräumer vor der Abwehr für keinen Weg zu schade. Verursachte den späten Elfmeter, das darf ihm einfach nicht passieren. Immerhin blieb es ohne Folgen. Note 4 © imago
Zlatko Junuzovic
Zlatko Junuzovic (bis 90.+1): Zum Zungeschnalzen war sein Pass auf Grillitsch, als er den Ball hinter dem Standbein spielte (23.). Ließ sich bei gegnerischem Ballbesitz tief fallen und schloss damit Räume. In einigen seiner Aktionen wirkte der Vize-Kapitän allerdings etwas übereifrig. Hätte in der 57. Minute das 1:1 machen müssen, traf den Ball aber nicht richtig. Note 3 © dpa
Fin Bartels
Fin Bartels: Emsig mag ein ziemlich antiquiertes Wort sein – auf den 30-Jährigen traf es allerdings perfekt zu. Lief die gegnerischen Spieler früh an und half auch tief in der eigenen Hälfte mit aus. So zum Beispiel in der 24. Minute, als er zu einem beherzten Tackling ansetzte. Bereitete Junuzovic‘ Chance mit einem feinen Pass vor (57.). Note 2,5 © nordphoto
Max Kruse
Max Kruse: Der Angreifer hat die Haare ab – ansonsten fiel er im ersten Durchgang aber nicht weiter auf. Das Spiel lief auch danach weitestgehend an ihm vorbei. Seine Geistesblitze, die zuletzt so wichtig waren für Werder, zeigte er dieses Mal nicht, dafür aber großen läuferischen Einsatz. Note 4 © nordphoto
Thomas Delaney
Thomas Delaney (ab 67.): Erster Einsatz für den Dänen nach seiner Gesichtsfraktur. Spielte trotz Maske mit Übersicht. Note - © nordphoto
Claudio Pizarro
Claudio Pizarro (ab 76.): Traf im letzten Jahr dreimal in Leverkusen – und dieses Mal zum wichtigen 1:1. Im Stile eines Torjägers hielt er im richtigen Moment seinen Oberschenkel hin und vollstreckte damit. Es war sein erstes Saisontor. Note - © nordphoto
Florian Kainz
Florian Kainz (ab 90.+1): Hatte die große Chance auf das späte 2:1, scheiterte aber an Leno. Allerdings hatte der Schiedsrichter fälschlicherweise wegen Abseits abgepfiffen. Note - © dpa

Werder startete druckvoll in die Partie und zeigte ein deutlich aktiveres und effektiveres Mittelfeld-Pressing als zuletzt in der flachen Vier. Dabei profitierte man allerdings auch von relativ einfallslosen Leverkusenern: Unter Neu-Trainer Tayfun Korkut schienen die Gastgeber in der kurzen Zeit weder das extreme Pressing-System aus Zeiten Roger Schmidts repariert noch einen neuen Matchplan gefunden zu haben. Stattdessen spielte man ein herkömmliches, symmetrisches 4-2-3-1 ohne große Gegneranpassungen oder unkonventionelle Ideen.

Kevin Kampl und Julian Baumgartlinger teilten sich den Spielaufbau im Sechserraum, wobei Kampl der etwas aktivere, antreibendere Part war und bisweilen mit dem Ball am Fuß etwas höher aufrückte und gerade den linken Leverkusener Flügel unterstützte. Mit Kevin Volland als hängende Spitze besetzte Bayer zudem die zentrale Verbindungsposition zwischen Mittelfeld und Sturm eher mit einem dynamischen Abschlussstürmer als mit einem Kreativspieler. Volland agierte also als nachstoßende zweite Spitze, während Chicharito sich häufiger aus dem Sturmzentrum zurückzog, um die Angriffe über die Seiten zu unterstützen – auch das geschah jedoch sehr unkonstant und ohne gewinnbringende Anschlussaktion gegen die Bremer Fünferkette.

Das Werder-Paradox: Je besser der Fußball, desto eher das Gegentor

So blieben viele Angriffe auf den Flügeln hängen, wo die recht gut verschiebenden Bremer Achter gemeinsam mit dem jeweiligen Außenverteidiger in der Lage waren, den ballführenden Leverkusener zu doppeln und unter Druck zu setzen. Dank der zumeist guten Mittelfeld-Staffelung und der zahlenmäßigen Überlegenheit in der letzten Linie öffnete Werder auch kaum leichtfertige Passwege, durch die die schnellen Leverkusener Angreifer hätten in Szene gesetzt werden können. Kam doch mal ein Ball ins Zentrum, kümmerte sich ein kurz aus der Kette herausrückender Innenverteidiger oder Maximilian Eggestein auf der Sechs um dieses Ärgernis und übte schon im Moment der Ballannahme entsprechend Druck aus.

Dennoch musste Werders Chefcoach sich schon nach gut fünf Minuten gefühlt haben wie Alex im Wunderland: Der frühe Rückstand verzerrte die stark verbesserte Leistung der Bremer gegen den Ball völlig. Einen eigentlich harmlosen gelupften Ball Kampls klärte Theodor Gebre Selassie überflüssigerweise direkt in die Füße von Julian Brandt, der mit einem starken Dribbling und einem wuchtigen Distanzschuss aus etwa 25 Metern per Lattenkracher den Weg zu Vollands Abstaubertor ebnete.

Seine Präsenz bescherte Werder den Ausgleich gegen Leverkusen: Claudio Pizarro.

In der Folge entwickelte sich eine ruhige, geduldige Partie: Werder bemühte sich nicht mehr ganz so energisch um frühe Ballgewinne wie in den Anfangsminuten, um nicht womöglich in einen Konter zu laufen, sondern führte die gute Defensivordnung mit etwas weniger Intensität fort. So geriet die Nouri-Elf nie wirklich in Gefahr, sich einen zweiten Gegentreffer zu fangen – die wenigen Gelegenheiten, die die Leverkusener hatten, entstanden aus Distanzschüssen und vereinzelten Momenten, in denen sie eine Umschaltsituation ausspielen konnten. Torwart Felix Wiedwald war in diesen Szenen zur Stelle.

Problematischer als der Gegner war für Werder allerdings wie auch schon zu Jahresbeginn, die gute Spielanlage in Chancen und Tore umzumünzen. Der Aufbau über die Dreierkette wirkte durchweg souverän – Leverkusen presste zumeist mit hohen Flügelstürmern auf die äußeren Innenverteidiger, sodass gegen den Ball teils 4-2-1-3-Staffelungen entstanden, in denen sich Volland tiefer an Eggestein orientierte. Dabei fehlte Bayer jedoch die Aggressivität und das kollektive Nachrücken (nur vereinzelt positionierte sich Kampl etwas höher), das sie in besseren Zeiten ausgezeichnet hatte – über geduldige Ballzirkulation zwischen den Innenverteidigern und passende Freilaufbewegungen aus dem Mittelfeld konnte man sich immer wieder spielerisch befreien und nach vorne kombinieren.

Werder fehlte ein Zielspieler in der Spitze - bis Pizarro kam 

Insgesamt fehlte jedoch die Durchschlagskraft – wirklich gefährliche Abschlüsse waren selten. Das hatte diverse Gründe: Einerseits besetzte Werder die Außenverteidiger-Positionen recht konservativ. Robert Bauer, als defensivstarker Rechtsfuß auf links von Haus aus zurückhaltend, trat offensiv kaum in Erscheinung, und auch Theodor Gebre Selassie wirkte in seinen Offensivbemühungen meist unglücklich. Als Fin Bartels spät in der zweiten Halbzeit auf die Rechtsverteidigerposition rückte, zog das Bremer Offensivspiel noch einmal an – auch wegen Bartels' Kombinationsdrang und Sprints in die Tiefe, die endlich auch Flügelangriffe in der Dreierkette ermöglichten.

Ein weiterer Grund war das erneute Fehlen eines echten Stürmers – weder Max Kruse, der verkappte Spielmacher, noch Fin Bartels, der verkappte Flügelstürmer, verkörpern die klassische Neun. So fehlte in der Mitte erneut ein Zielspieler und dementsprechend trotz gefälliger Kombinationen meist der finale Pass – wo nichts ist, kann auch nichts angespielt werden. Werder blieben Umschaltsituationen, denen ebenfalls die letzte Konsequenz (und in Abwesenheit Gnabrys vielleicht hier und da die Option, sich mit Dribblings Raum für einen Abschluss zu verschaffen) fehlte, und dazu ein paar Standards.

Wiedwald erlöst Werder nach Partie voller guter Ansätze

Alexander Nouri reagierte darauf zum Spielende mit Thomas Delaney für Florian Grillitsch und Claudio Pizarro für Theodor Gebre Selassie – während der Däne mit einigen hervorragenden Spielverlagerungen dabei half, das Leverkusener Mittelfeld zu überbrücken, brachte Pizarros Präsenz bald darauf den Ausgleich: Robert Bauers Schuss fälschte der Peruaner unhaltbar ab. Der Szene war erneut ein Freistoß vorausgegangen. Zwar konnte Werder Leverkusen in der Schlussphase stärker in die eigene Hälfte drängen, allerdings fehlten die klaren Chancen aus dem Spiel heraus weiterhin.

Zumindest bis zur einer Nachspielzeit, die alles bot, was es im Fußball an Kuriositäten zu bestaunen gibt – begonnen mit der Gelb-Roten Karte für Leverkusens Wendell. Der frisch eingewechselte Kainz, der im 3-1-4-2 mit seiner kombinationssuchenden Spielweise womöglich eine Zukunft als Achter haben könnte, hatte wenig später das 2:1 auf dem Fuß – nach herrlicher Kombination mit Pizarro entschied das Schiedsrichtergespann jedoch ohnehin (zu Unrecht) auf Abseits.

Als sich jeder bei Werder schon mit dem leistungsgerechten 1:1 angefreundet hatte, schenkte Maximilian Eggestein den Gastgebern nach zuvor grundsolider Leistung einen späten Elfmeter – und Felix Wiedwald die Möglichkeit, wie schon in den Vorwochen zum Helden zu werden. Die sichere Parade gegen Ömer Toprak und der Schlusspfiff des Schiedsrichters erlösten Werder schließlich nach spätem Chaos und einer Partie voller guter Ansätze.

Dank Pizarro und Wiedwald: Ein Punkt für Werder

Trotz Verletzung vor dem Spiel mit guter Laune: Serge Gnabry.
Trotz Verletzung vor dem Spiel mit guter Laune: Serge Gnabry. © nordphoto
Felix Wiedwald streckt sich vergeblich. Kevin Volland staubt nach Julian Brandts Lattenkracher per Kopf ab...
Felix Wiedwald streckt sich vergeblich. Kevin Volland staubt nach Julian Brandts Lattenkracher per Kopf ab... © nordphoto
...und die Leverkusener feiern das 1:0.
...und die Leverkusener feiern das 1:0. © nordphoto
Zum Haare raufen, auch mit neuer Frisur. Max Kruse und Werder fehlte in der ersten Hälfte vorne die Durchschlagskraft.
Zum Haare raufen, auch mit neuer Frisur. Max Kruse und Werder fehlte in der ersten Hälfte vorne die Durchschlagskraft. © nordphoto
An den Fans lag es nicht. Sie unterstützten Werder auch auswärts vorbildlich.
An den Fans lag es nicht. Sie unterstützten Werder auch auswärts vorbildlich. © nordphoto
Theodor Gebre Selassie kümmert sich um Bernd Leno. Die beiden waren vorher unglücklich zusammengeprallt.
Theodor Gebre Selassie kümmert sich um Bernd Leno. Die beiden waren vorher unglücklich zusammengeprallt. © nordphoto
Fin Bartels im Duell mit Ömer Toprak.
Fin Bartels im Duell mit Ömer Toprak. © nordphoto
Pizarro wird eingewechselt und trifft prompt - mit seinem Oberschenkel.
Pizarro wird eingewechselt und trifft prompt - mit seinem Oberschenkel. © nordphoto
Der Blick zum Linienrichter, kein Abseits, das Tor zählt.
Der Blick zum Linienrichter, kein Abseits, das Tor zählt. © nordphoto
Jetzt feiern die Werderaner den späten Ausgleich.
Jetzt feiern die Werderaner den späten Ausgleich. © nordphoto
Und am Ende noch Elfmeterkiller Wiedwald.
Und am Ende noch Elfmeterkiller Wiedwald. © nordphoto
Den Leverkusenern ist ihre Enttäuschung dagegen anzusehen.
Den Leverkusenern ist ihre Enttäuschung dagegen anzusehen. © nordphoto

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