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Sein taktischer Plan ging auf: Florian Kohfeldt gewann mit Werder 2:1 gegen Borussia Dortmund.

Nach dem Sieg gegen Dortmund

Taktik-Analyse: Kohfeldt bestraft Bosz' taktische Schwächen

Dortmund - Werder gewinnt im Dortmunder Signal Iduna Park 2:1. Florian Kohfeldt stellte sein Team taktisch perfekt auf den Gegner ein. Dortmunds Coach Peter Bosz machte es ihm aber auch nicht allzu schwer. Unser Taktikanalyst Tobias Escher lässt die Partie Revue passieren.

Die größte Überraschung des Bremer 2:1-Siegs über Borussia Dortmund war die Tatsache, dass es gar keine Überraschung war. Im Signal Iduna Park traf zwar der amtierende Pokalsieger auf den Tabellen-17. Doch in den vergangenen Wochen zeigte Dortmunds Formkurve nach unten, während Bremen unter Florian Kohfeldt wie neu geboren spielte. Nervöse Dortmunder, beflügelte Bremer: Diese Ausgangslage schlug sich bereits früh in der Partie wieder.

Dortmund ohne Aufbauspiel

Florian Kohfeldt kramte in der taktischen Trickkiste. Er schickte seine Mannschaft in einem 5-3-2-System auf das Feld, Philipp Bargfrede durfte in der Dreierkette ran. Der Clou: Bremen agierte im Mittelfeld und in der Abwehr äußerst mannorientiert. Dortmunds Doppelsechs wurde konsequent gedeckt, auch aus der Fünferkette rückten einzelne Verteidiger heraus, um Dortmunds Angreifer zu verfolgen. Kohfeldt baute damit auf der Arbeit seines Vorgängers auf: Bereits Alexander Nouri verwendete als Bremen-Coach eine ähnliche Taktik.

Bremens Kalkül war, Dortmunds Mittelfeld zu decken und damit die Verbindung zwischen Defensive und Offensive zu kappen. Diese Taktik ging vollkommen auf. Zu einem nicht unerheblichen Teil lag dies an Peter Bosz' unorthodoxer Formation: Die Doppelsechs im 3-4-3 bekleideten Shinji Kagawa und Mahmoud Dahoud, zwei offensive Spielertypen. Auch in der Abwehr fehlte ein Spielgestalter, sodass Dortmunds zentrale Achse im Spielaufbau keinerlei Impulse setzen konnte. Es genügte Bremen, die Anspielstationen zuzustellen.

Borussia Dortmund gegen Werder Bremen

Borussia Dortmund gegen Werder Bremen
Borussia Dortmund gegen Werder Bremen © nordphoto
Borussia Dortmund gegen Werder Bremen
Borussia Dortmund gegen Werder Bremen © nordphoto
Borussia Dortmund gegen Werder Bremen
Borussia Dortmund gegen Werder Bremen © nordphoto
Borussia Dortmund gegen Werder Bremen
Borussia Dortmund gegen Werder Bremen © nordphoto
Borussia Dortmund gegen Werder Bremen
Borussia Dortmund gegen Werder Bremen © nordphoto
Borussia Dortmund gegen Werder Bremen
Borussia Dortmund gegen Werder Bremen © nordphoto
Borussia Dortmund gegen Werder Bremen
Borussia Dortmund gegen Werder Bremen © nordphoto
Borussia Dortmund gegen Werder Bremen
Borussia Dortmund gegen Werder Bremen © nordphoto
Borussia Dortmund gegen Werder Bremen
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Borussia Dortmund gegen Werder Bremen
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Borussia Dortmund gegen Werder Bremen.
Borussia Dortmund gegen Werder Bremen. © nordphoto
Borussia Dortmund gegen Werder Bremen.
Borussia Dortmund gegen Werder Bremen. © nordphoto

Die Bremer entfachten in der ersten halben Stunde wesentlich mehr Gefahr vor dem Tor. Nach Ballgewinnen im Mittelfeld konterten sie schnell. Zwischen Max Kruse und Fin Bartels gab es eine klare Aufgabenteilung: Kruse band sich stärker in das Spiel ein, hielt Bälle und legte diese auf das nachrückende Mittelfeld ab. Bartels orientierte sich wiederum am langsamen Neven Subotic. Er wollte mit einem Pass hinter die Abwehr geschickt werden.

Auch aus dem Spielaufbau heraus konnte Bremen Chancen kreieren. Dortmund offenbarte eklatante Lücken im zentralen Mittelfeld, gerade nach Verlagerungen fand Bremen diese freien Räume. Aus einer solchen Szene entstand das 1:0, als Max Kruse völlig freistehend Maximilian Eggestein bedienen konnte, der ebenfalls nicht attackiert wurde (26.).

Dortmunder Umstellungen

Bosz reagierte nach dem Gegentor. Er stellte zunächst auf ein 4-2-3-1-System um, das seine Mannschaft zumindest defensiv stabilisierte. Bremen fehlte nach der verletzungsbedingten Auswechslung von Fin Bartels (33.) ein Zielspieler für die Konter, bis zur Halbzeitpause plätscherte die Partie vor sich hin.

Nach der Pause gab es ein ruckartiges Erwachen der Dortmunder. Bosz brachte Nuri Sahin und Andre Schürrle und stellte damit auf sein Lieblingssystem um, eine Mischung aus 4-3-3 und 4-2-3-1. Die Dortmunder übernahmen die Kontrolle über die Partie. Sie ließen den Ball länger in den eigenen Reihen zirkulieren.

Die Grafik zeigt die Formationen nach der Pause. Dortmund provozierte geschickt ein Loch auf Bremens halblinker Seite.

Dortmund trug das Spiel nun in die Bremer Hälfte. Dahoud und Kagawa rückten häufig nach vorne und drückten damit das mannorientierte Bremer Mittelfeld nach hinten. Sahin nutzte die Räume, die im Bremer Mittelfeld entstanden. Von dort spielte er den Ball auf die Flügel. Gerade Marcel Schmelzer stand auf der linken Seite immer wieder frei. Seine Flanken brachten einiges an Torgefahr und letztlich den Ausgleichstreffer (57.).

Bremen setzt Nadelstiche

Lange hielt der Ausgleich nicht. Dortmund hatte mit dem Systemwechsel zwar die eigene Offensive verbessert, das taten sie aber zulasten der Defensive. Auch nach der Pause arbeitete die Doppelsechs nicht schnell genug mit nach hinten. Bremen konterte teils mit vier Akteuren gegen zwei Dortmunder.

Die erneute Führung brachte ein Standard. Auch bei ruhenden Bällen hatte Bremen sich eine passende Taktik zurechtgelegt, die auf den Gegner zugeschnitten war: Gegen Dortmunds Manndeckung ballten sich Bremens Akteure auf einer Linie. Die gegnerischen Verteidiger konnten so nicht die Bremer Angreifer decken, wie es eigentlich vorgesehen war. Gebre Selassie kam in der 65. Minute völlig frei zum Kopfball nach einer Ecke.

Kohfeldt bringt Bauer

Dortmund konnte in der Folge keine Schlussoffensive starten, trotz Umstellung auf ein Zwei-Stürmer-System. Kohfeldt reagierte auf die Dortmunder Taktik-Änderung und stellte auf ein 5-4-1 um. Dieses deckte die gesamte Breite des Platzes besser ab, Dortmund konnte nicht mehr über die Flügel angreifen. Kurz vor Schluss brachte er noch Robert Bauer (84., für Kainz), der als Sonderbewacher den starken Schmelzer aus dem Spiel nahm.

Bremens Sieg bestätigt den Trend der vergangenen Wochen. Bremen ist variabler geworden, besonders offensiv hat sich die Mannschaft verbessert. Dortmund hingegen wirkte zunächst falsch eingestellt, nach der Pause liefen sie ins offene Messer. Dieses Taktik-Duell ging eindeutig an Kohfeldt.

Tobias Escher

Zur Person: Tobias Escher ist ein freier Journalist, der sich als Taktikexperte bundesweit einen Namen gemacht hat. Er ist Autor der Website spielverlagerung.de sowie Experte bei Bohndesliga, einem ganz besonderen Fußball-Format im Internet. Der 29-Jährige schreibt für die „Welt“ und „11Freunde“ und war als Taktikexperte auch für TV-Sender wie Sky und ZDF tätig - mal im Vorder-, mal im Hintergrund. Absolut zu empfehlen sind seine Bücher „Vom Libero zur Doppelsechs“ und „Die Zeit der Strategen: Wie Guardiola, Löw, Mourinho und Co. den Fußball neu denken“ (erscheint im März 2018). Tobias Escher wird in dieser Saison alle Pflichtspiele des SV Werder Bremen exklusiv für die DeichStube analysieren.

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Einzelkritik: Theo, der Dampfmacher - Philipp, der Libero

Jiri Pavlenka
Jiri Pavlenka: Wirkte ein bisschen beeindruckt von der Mega-Kulisse in Dortmund. Leistete sich vor der Pause wie schon gegen Stuttgart einen schlimmen Fehlpass. Seine Unsicherheiten blieben aber folgenlos. Wehrte ab, was er musste, am Gegentor schuldlos. Note 3 © nordphoto
Milos Veljkovic
Milos Veljkovic: Es ist bemerkenswert, wie cool der Schweizer inzwischen geworden ist. Traut sich im Spielaufbau immer mehr zu, sagenhafte 94 Prozent seiner Pässe kamen an. Auch in den Zweikämpfen ordentlich. Note 2,5 © nordphoto
Philipp Bargfrede
Philipp Bargfrede: Philipp, der Libero. Es sah ein bisschen so aus wie zu Beckenbauers Zeiten, so souverän löste er seine Aufgabe als Abwehrchef. Nur beim Ausgleich sah er etwas unglücklich aus, ansonsten bärenstark. Note 2 © Gumz
Niklas Moisander
Niklas Moisander: Der Finne lässt sich auch von einem Aubameyang nicht beeindrucken. Er gewann wahrlich nicht alle Zweikämpfe (nur 40 Prozent), aber die wichtigen. 2,5 © Gumz
Theodor Gebre Selassie
Theodor Gebre Selassie: Was für ein Dampfmacher auf der rechten Seite! Schonte sich und seine Gegner nicht, traute sich viel mehr als sonst nach vorne. Beim Gegentor mit einer etwas unglücklichen Kopfball-Abwehr, aber den Schaden behob er sofort selbst mit dem Siegtreffer. Note 1,5 © Gumz
Ludwig Augustinsson
Ludwig Augustinsson: Der Schwede und die Dreierkette, das passt noch nicht so gut. Dann muss er nämlich eine Position vorrücken, da tat er sich auch in Dortmund schwer. Kam auf seiner linken Seite nicht so richtig in Tritt, gewann auch nur jeden vierten Zweikampf. Note 3,5 © nordphoto
Thomas Delaney
Thomas Delaney: Er lief als Sechser alle Lücken zu, machte es den Dortmundern damit extrem schwer, durch das Zentrum zu kommen. Dazu mit klugen Pässen im Aufbauspiel, allerdings nicht mit den ganz großen Szenen. Note 2,5 © Gumz
Maximilian Eggestein
Maximilian Eggestein: Bald knackt er die 14-Kilometer-Marke, diesmal waren es 13,7. Dazu auch noch Torschütze zum 1:0. Manchmal fehlte ihm noch ein bisschen die Robustheit. Note 1,5 © nordphoto
Zlatko Junuzovic
Zlatko Junuzovic (bis 53.): Ackerte vorbildlich, bis die Wade zumachte. Brachte mit seinem Direktspiel immer wieder Tempo in das Bremer Spiel, wenngleich ihm nicht alle Pässe in die Tiefe glückten. Note 2,5 © nordphoto
Fin Bartels
Fin Bartels (bis 33.): Wie immer sehr wendig mit dem Ball am Fuß, aber nicht ganz so zielstrebig nach vorne. Dann stoppte ihn ein unglücklicher Zweikampf mit Sokratis. Musste mit Verdacht auf Achillessehnenriss schon sehr früh runter. Note 3 © nordphoto
Max Kruse
Max Kruse: Werder kann auch ohne seine Tore gewinnen, aber nicht ohne seine Vorlagen. Beide Treffer bereitete Kruse vor, wie so viele gute Angriffe. Note 2 © nordphoto
Florian Kainz
Florian Kainz (ab 33./bis 84.): Erst rein, dann wieder raus – der Österreicher durfte nur 50 Minuten spielen. Aus taktischen Gründen, betonte Coach Kohfeldt. Aber Kainz versemmelte bei allem Engagement einfach zu viele Konter und war nach hinten nicht zweikampfstark genug. Note 3,5 © dpa
Jerome Gondorf
Jerome Gondorf (ab 53.): Vergab die Riesenchance zum 2:1 (63.). Ein ordentlicher Arbeiter im Mittelfeld. Note 3,5 © Gumz
Robert Bauer
Robert Bauer (ab 84.): Erstmals unter Kohfeldt auf dem Platz, verteidigte den Vorsprung mit vier Ballkontakten und einem gewonnenen Zweikampf. Note - © nordphoto
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