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Der BVB mit Marc Bartra zwang Werder um Zlatko Junuzovic über weite Strecken den eigenen Spielrhythmus auf.

Taktik-Analyse

Werder verliert im Elfmeterschießen

Dortmund - Von Cedric Voigt. Auch im dritten Endspiel erzielt Werder Bremen nach couragierter Leistung drei Tore – doch wie schon gegen Köln und Hoffenheim reicht es in Dortmund nicht zu einem Punkt. Warum - das zeigt die Taktik-Analyse.

Durch die 3:4-Niederlage im letzten Saisonspiel am Samstag ist die Rückkehr in den internationalen Wettbewerb für Werder um mindestens ein Jahr aufgeschoben. Den Applaus der mitgereisten Fans hatte sich die Mannschaft dennoch verdient: Mit ein wenig Glück und großer Einsatzbereitschaft hielt Werder die Hoffnungen auf Europa bis zur Schlussphase am Leben.

Vom Start weg wirkte Werder griffiger als noch gegen Hoffenheim: Die ungewohnte Raute wurde wieder eingemottet, das 3-1-4-2 kehrte zurück auf die Tagesordnung. Niklas Moisander rückte nach abgesessener Sperre als linker Innenverteidiger zurück in die Dreierkette, Florian Grillitsch besetzte die rechte Achterposition. Maximilian Eggestein nahm zunächst auf der Bank Platz, für ihn übernahm Thomas Delaney die Planstelle zentral vor der Abwehr. Ulisses Garcia startete als linker Flügelverteidiger.

Dortmund gibt den Spielrhythmus vor

Vom Start weg gab der BVB den Spielrhythmus vor: Auch die Hausherren formierten sich in einem 3-1-4-2, besetzten es jedoch deutlich ballbesitzorientierter. Die Dreierkette fächerte im Aufbau zudem weit auf, um die ganze Spielfeldbreite nutzen zu können, größere Räume zu öffnen und die Bremer zu viel Laufarbeit zu zwingen. Die Innenverteidiger Matthias Ginter, Marc Bartra und Sokratis wurden durch das eher konservative, auf Raumsicherung bedachte Bremer Defensivverhalten erst spät unter Druck gesetzt: Viel eher versuchte Werder, Anspiele auf die spielstarken Achter Shinji Kagawa und Ousmane Dembele zu verhindern.

Max Kruse und Fin Bartels gingen zwar konsequent mit auf zweite Bälle und zogen im Gegenpressing auch den einen oder anderen Sprint an, den regulären Spielaufbau der Dortmunder hatten sie jedoch nicht vor, aggressiv anzulaufen. Vielmehr war das Ziel, durch kluge Positionierungen Bälle ins Mittelfeld zu erschweren. Gerade in der Anfangsphase arbeitete Werder gegen den Ball auch mit einigen Mannorientierungen: Delaney, eigentlich der zentrale Mann vor der Abwehr, war stark darauf bedacht, Dembele in seinen Kreisen einzuschränken, während Grillitsch sich um Kagawa kümmerte. Zlatko Junuzovic half nur gelegentlich gegen Dembele aus, oft agierte der laufstarke Kapitän halblinks auf ähnlicher Höhe wie Fin Bartels, sodass sich gegen den Ball ein 5-2-3 formierte.

Fotostrecke: Spannend bis zur letzten Minute

Der logische Weg der Dortmunder in der Anfangsphase führte so über die Außen: Gerade der spielstarke Raphael Guerreiro auf der linken Seite konnte relativ ungestört agieren, da Theodor Gebre Selassie als sein nomineller Gegenspieler eher auf die Tiefensicherung in der Fünferkette bedacht war, als schon im Mittelfeld Druck auszuüben. Der Portugiese wurde so zum heimlichen Spielmacher im mittleren und letzten Drittel: Mit 77 gespielten Pässen war er nach 90 Minuten der aktivste Dortmunder, vielfach konnte er den aufgerückten Kagawa in guter Position einbinden und dem BVB ermöglichen, auch aus dem Zentrum heraus kreativ zu werden. Sieben geschlagene Flanken belegen außerdem einen weiteren gern genommenen Dortmunder Angriffsweg: Gerade zu Beginn sorgten die Hausherren mit scharfen Hereingaben auf Pierre-Emerick Aubameyang mehrfach für Gefahr.

Der erste Treffer gehörte jedoch Werder: Statt wie die Dortmunder auf eine geduldige Ballzirkulation zu setzen, hieß es im fremden Stadion natürlich, über die konterstarken Offensivkräfte Schnellangriffe zu fahren. Um Europa zu erreichen, musste auch Werder auf Sieg spielen – entsprechend riskant rückten auch die Außenverteidiger mit auf. Vor dem 1:0, das eindrucksvoll über Bartels‘ Tempo und Dribbelstärke sowie die passend improvisierte Positionsfindung von Grillitsch und Kruse vorbereitet werden konnte, rückte Ulisses Garcia beispielsweise mit in den Strafraum – letztlich war die Präsenz des jungen Schweizers mitentscheidend dafür, dass Junuzovic den Ball im zweiten Versuch knapp über die Linie drücken und Werder kurz von Europa träumen lassen konnte.

Bremer können Wege der flexiblen Dortmunder nicht mitgehen

In der Folge spielten die Dortmunder ihre Klasse jedoch aus: Gegen die mannorientierte Bremer Defensivstrategie spielten Kagawa, Dembele und auch Marco Reus halblinks im Sturm nun deutlich ausweichender und flexibler, sodass ihre grün-weißen Gegenspieler nicht mehr problemlos jeden ihrer Wege mitgehen konnten, ohne die Stabilität der Formation aufzugeben. Dortmund kam fast im Minutentakt zu Abschlüssen – häufig musste Wiedwald eingreifen und die nicht immer hundertprozentigen, aber doch häufig guten Dortmunder Chancen entschärfen.

Werder kam derweil kaum zu Entlastungsangriffen – zwar positionierten sich Kruse und Bartels immer wieder in den richtigen Lücken oder ließen sich auf die Außen fallen, weit kamen die Bremer Unterzahlangriffe in dieser Phase jedoch nicht. Folgerichtig erzielte Reus nach einer halben Stunde den Ausgleich: Der eingerückte Guerreiro konnte Grillitsch von Kagawa wegziehen, der sich zentral für ein flaches Anspiel von Sahin positioniert hatte. Delaney konnte sich nicht mehr rechtzeitig in Richtung des Japaners orientieren – ein starker Ball durch die Lücken der Bremer Fünferkette auf den diagonal einstartenden Reus genügte, um den Ausgleich vorzubereiten. Der ansonsten solide agierende Ulisses Garcia hob zudem mangels Eingespieltheit ein mögliches Abseits auf.

Die Bremer Nadelstiche saßen: Max Kruse schließt einen Konter sehenswert per Lupfer zum 3:2 ab.

Nach diesem Rückschlag bemühte sich Werder weiter und kam postwendend gegen unsortierte Dortmunder durch Junuzovic mal wieder zu einem Abschluss, konnte in der ersten Hälfte jedoch weiterhin oft nur zusehen: Kurz vor der Pause war es erneut Kagawa, der sich aus dem Pressing von Grillitsch und Junuzovic mit einer starken Drehung befreien und Dembele freispielen konnte. Erneut hatte Delaney sich eher in den Raum orientiert statt am Gegenspieler, sodass Niklas Moisander aus der Dreierkette herausrücken musste, um Druck auszuüben und gleichzeitig den Passweg in seinem Rücken zuzustellen.

Bei neun von zehn Kreativspielern in der Bundesliga funktioniert diese Idee – nicht bei Dembele: Der Franzose überlupfte schlicht den herausstürzenden Moisander und bediente den nun unbewachten, noch nicht von Lamine Sane übernommenen Aubameyang zum 2:1. Ein Tor, das Klassenunterschiede aufzeigte – die Bremer Moral allerdings nicht anknackste.

Die Bremer Kontermaschine schlägt wieder zu

Zur Pause modifizierten Alexander Nouri und Thomas Tuchel ihr Spielsystem auf ähnliche Weise. Die eher spielschwachen, aber zweikampfstarken Athleten Theodor Gebre Selassie und Erik Durm gingen vom Feld, mit Serge Gnabry und Christian Pulisic kamen neue Offensivspieler. Gnabry übernahm dabei Bartels‘ Platz im Sturm, der wiederum nun rechts verteidigte, der Dortmunder Wechsel blieb positionsbezogen, erhoffte sich jedoch mehr nachstoßende Sprints in den Strafraum als noch von Durm. Für Werder zahlte sich der Wechsel schnell aus: Kaum eine Minute nach Wiederanpfiff erzielte Bartels den Ausgleich in einer Szene, die perfekt die Stärken der Bremer Schlüsselspieler aufzeigte.

Ein direkt gespielter Volley von Junuzovic, eine perfekte Ballannahme von Kruse und ein perfekt in den unbesetzten Rückraum stoßender Laufweg von Bartels, der von Kruse überlegt und mit dem richtigen Timing eingesetzt werden konnte – es war so ein wenig das archetypische Werder-Tor dieser Rückrunde. Tatsächlich sollte die zweite Hälfte ein etwas offeneres Spiel werden – lange Befreiungsschläge aus der Abwehr fielen Gnabry oder Kruse mehrfach stark in den Fuß, sodass die Bremer verhältnismäßig kontrollierte Konter fuhren, wenngleich entlastende Ballbesitzphasen weiterhin eine Seltenheit waren.

Einzelkritik: Kruse genial, Garcia patzt doppelt

Dortmund setzte sich nach wie vor tief in der Bremer Hälfte fest, auch das Bremer Mittelfeld wurde nun zusehends an den eigenen Strafraumrand gedrückt. Die Bremer Überzahl rund um den Sechzehner hatte Vor- und Nachteile: Einerseits war man gegen Hereingaben noch besser abgesichert als in der ersten Hälfte. Andererseits konnte man noch weniger eigenen Druck gerade auf die linke Dortmunder Aufbauseite entwickeln, wo der etwas tiefer als sein Gegenüber Dembele agierenden Kagawa gemeinsam mit Guerreiro, Reus und mitunter Nuri Sahin wenig Probleme hatte, sich nach vorne zu kombinieren. Die letzten Aktionen vor dem Torabschluss gelangen den Dortmundern allerdings nicht mehr so konstant wie noch vor dem Seitenwechsel – dafür saßen die Bremer Nadelstiche: Einen von Kruse und Junuzovic eingeleiteten Konter schloss Ersterer mit einem sehenswerten Lupfer selbst zum 3:2 ab.

Alexander Nouri reagierte entsprechend, nahm Florian Grillitsch vom Feld und brachte den defensiv griffigeren Philipp Bargfrede. Tuchel antwortete mit dem offensiv präsenteren Gonzalo Castro für Aufbauspieler Sahin. Schließlich brachte Werder sich allerdings durch tollpatschiges Abwehrverhalten um die Früchte der eigenen Arbeit: Wenngleich der BVB aus dem Spiel heraus nur noch vereinzelt mit Halbchancen oder einem von Wiedwald stark parierten Pulisic-Kopfball gefährlich werden konnte, reichte die hohe Präsenz im und am Bremer Strafraum aus, zwei späte Elfmeter zu provozieren – einen durch ein Missgeschick Gnabrys gegen Reus, einen fragwürdigen zweiten, nachdem Pulisic gegen Bargfrede zu Boden ging.

Abwärtstrend am Ende? Nein, Werder hält mit Top-Clubs mit

Ein weiteres Mal konnte Werder dann kraft- und zeitbedingt nicht mehr zurückschlagen – unterm Strich bleibt also ein achter Tabellenplatz, der trotz dreier Niederlagen zum Saisonende als Erfolg gewertet werden darf. Mit Ausnahme der Partie gegen Hoffenheim zeigte Werder auch in diesen Spielen über weite Strecken, dass man mit den derzeitigen Top-Clubs der Liga wieder zumindest mithalten kann.

Anders als der scheinbare Aufwärtstrend unter Begleitung der grün-weißen „Wonderwall“ im Vorjahr verspricht selbst der scheinbare Abwärtstrend zum Ende der ersten fast vollständigen Nouri-Saison durchaus eine nachhaltige Entwicklung: Die Grundlagen sind konkurrenzfähig, über den Sommer kann der Kader nun sinnvoll verstärkt und das taktische Repertoire verfeinert und vertieft werden. Wenn Werder an die unterm Strich herausragende Rückrunde anknüpfen kann, dürfte die Mannschaft auch im nächsten Jahr durchaus ein Kandidat für die obere Tabellenhälfte, vielleicht sogar für die europäischen Plätze sein.

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