+
Florian Kohfeldt ging in der zweiten Hälfte mit Werder volles Risiko und wurde belohnt.

Nachbericht zum 2:2 in Mönchengladbach

Ein Punkt und ein Präsent von Vestergaard - Kohfeldt fand es gut

Mönchengladbach – Es ging schon auf Mitternacht zu, als Jannik Vestergaard und Florian Kohfeldt immer noch plaudernd im Kabinengang des Gäste-Bereichs des Borussia-Parks standen. Der ehemalige Verteidiger des SV Werder im Gespräch mit seinem ehemaligen Co-Trainer, der mittlerweile der Chef ist in Bremen.

Vestergaard – auch mehr als zwei Stunden nach Abpfiff der Partie immer noch im Gladbach-Trikot – hatte extra auf Kohfeldt gewartet. Nicht, weil sie streiten wollten über das 2:2 zwischen der Borussia und den Bremern, sondern weil sie sich mögen. Freundschaftlich unterhielten sich Kohfeldt und Vestergaard (Werder Profi von Januar 2015 bis Juni 2016) über einen Abend im Schnee, an dessen Ende Werder die zufriedenere Mannschaft sein durfte.

Die Bremer hatten aus einem 0:2-Rückstand nach einem Treffer von Denis Zakaria und einem Eigentor von Niklas Moisander (34.) noch ein 2:2 gemacht und waren damit so etwas wie der heimliche Sieger. Doch von heimlich hat keiner 'was, meinte Werders Max Kruse, der überhaupt keine Lust hatte, es sich mit dem durch Tore von Thomas Delaney (59.) und Aron Johannsson (78.) erzwungenen Remis gemütlich zu machen. „Mich ärgert das Unentschieden“, sagte der Ersatz-Kapitän und arbeitete das Spiel im Schnelldurchgang kritisch auf: „In der ersten Halbzeit waren wir im Tiefschlaf und hauen uns die Dinger selber rein. Mit der zweiten Halbzeit bin ich zufrieden.“ Einschränkung: Nach dem 2:2 lag sogar der Sieg in der Luft, Werder ließ die Chancen aber liegen. In der Tabelle hatte das jedoch keine Auswirkung. Weil sich der Hamburger SV und Mainz 05 im Kellerduell 0:0 trennten, bleibt alles so, wie es ist – außer dass Werder dem Ziel Klassenerhalt wieder einen Spieltag näher gekommen ist.

Doch weil im Schneetreiben von Gladbach mehr drin gewesen war, gab es tatsächlich Gründe, die Punkteteilung murrend zu kommentieren. Kruse tat es, bei Florian Kohfeldt war die Motivation dahingehend allerdings schwach ausgeprägt. „Für mich war selbst das 0:2 zur Pause kein Rückstand, bei dem man sagt: Okay, wir legen uns jetzt auf den Rücken, und das war's. Wir hatten bis dahin doch auch unsere Chancen“, analysierte er. Allerdings wirkte Werder nicht wie die Mannschaft, die das Spiel im Griff hatte. Die Bremer Abwehr, als Dreier-, beziehungsweise Fünferkette konzipiert, funktionierte nicht so wie gewünscht, machte Fehler – und das nicht nur bei den beiden Gegentoren. Zudem bekam das Mittelfeld kaum Zugriff auf die Gladbacher. Es deutete sich an, dass Taktik-Tüftler Kohfeldt diesmal das falsche Rezept gewählt hatte. 

Taktik hat zunächst „nicht funktioniert“

Eine tiefe Staffelung, um dann den Raum zu nutzen und Konter zu fahren – „das hat nicht funktioniert“, räumte der 35-Jährige selbst ein. Doch in der Halbzeitpause machte der Coach dann alles richtig. Kohfeldt stellte auf Viererkette um, brachte das System in Bewegung sowie in Johannsson einen zusätzlichen, zentralen Stürmer. Zudem fand er auch die richtigen Worte. „Wir haben nach der Halbzeit gesagt, dass wir alles nach vorne raushauen wollen“, berichtete Philipp Bargfrede von der Botschaft des Trainers. Der selbst sagte, dass er „volles Risiko“ von seiner Mannschaft gefordert hatte: „Wir wollten schließlich kein 0:2 verwalten.“

So zeigte der Tabellen-14. aus Bremen, dass er über die spielerischen Fähigkeiten und die Willenskraft verfügt, einen Europapokal-Anwärter in dessen Stadion zu beherrschen. „Es spricht für unsere Mentalität, dass wir nicht aufgegeben haben. Im Moment haben wir schon ein gesundes Selbstvertrauen“, sagte Bargfrede. Allerdings kam es den Gästen auch sehr gelegen, dass den Gladbachern nach und nach die Doppelsechs abhanden kam. Der starke Denis Zakaria blieb gelb-rot-gefährdet in der Kabine, Weltmeister Christoph Kramer musste mit einem eingeklemmten Nerv vom Platz. Borussia-Manager Max Eberl klagte deshalb: „Da fehlte uns das Herzstück, die Stabilität war nicht mehr da.“

Halbvoll vs. halbleer

Werder wusste das zu nutzen. „Wir haben in der zweiten Halbzeit sehr gut gespielt. Wir hatten viele Chancen, und ich hatte gehofft, dass wir drei Punkte mit nach Bremen nehmen. Aber nach einem 0:2-Rückstand müssen wir uns wohl über den einen Punkt freuen“, urteilte Johannsson. Für ihn war das Glas jedoch eher halbleer als halbvoll. Sportdirektor Frank Baumann tendierte dagegen zur Halbvoll-Variante: „Natürlich muss man Rückstand und Aufholjagd gegeneinander aufwiegen. Für mich bleibt dabei aber schon mehr hängen, dass wir eine gute Moral gezeigt haben und bei einem starken Gegner auf Sieg gespielt haben. Wir waren nach dem 2:2 auch nahe dran.“

Trikot für Kohfeldt

Die von Jannik Vestergaard organisierte Gladbacher Abwehr hatte gut zu tun, wenigstens den einen Punkt ins Ziel zu retten. Ob der Däne auch darüber mit Florian Kohfeldt diskutierte, ist nicht überliefert. Kurz vor Mitternacht schüttelten sich beide dann die Hände, und Vestergaard kam endlich raus aus dem Trikot. Er schenkte es seinem ehemaligen Co-Trainer, und Kohfeldt trug das schwarze Shirt gut gelaunt in den Bus. Ein Punkt und ein Präsent aus Gladbach – er fand es gut.

Schon gelesen?

Werder in Noten: Die Einzelkritik zum Spiel in Gladbach

Taktik-Analyse: Erst verzockt, dann passend reagiert

Auch interessant

Neu und nur in der DeichStube!

DIE DEICHSTUBE ALS KOSTENLOSE APP

Die DeichStube gibt es jetzt auch als kostenlose App. Einfach downloaden!

Was denkst Du über den Artikel?

Nichts mehr verpassen

Kommentare